01.04.2001

Wie man Hühnern den Hals rumdreht

Analyse von Mick Hume

Mick Hume erinnert sich an einen Ferienjob als Hühner-Henker. Eine Geschichte aus einer Zeit, in der Tiere noch keine Rechte hatten.

Der Aufseher wies uns drei Ferienjobber an, einen Schuppen leer zu räumen. “Und was machen wir mit den Hühnern in dem Schuppen?” wollten wir wissen. “Abmurksen”, sagte er. “Alle 200?” “Jau.” “Und wie?” “Per Hand.” “Na gut,” meinten wir, “mal ein bisschen Abwechslung vom Schafemelken und Kuhscheißeschippen.”

Wir wurden in seltsame grüne Regenmäntel und dazu passende, breitkrempige Plastikhüte gesteckt und von einem der Landarbeiter zu dem Schuppen gefahren. Drinnen zeigte er uns mit einigem Vergnügen, wie man Hühnern den Hals umdreht. Dann überließ er uns den Schuppen und die Hühner.

Die Schnellvorführung hatte getrogen. Ohne Übung ließen sich die Hühner nicht im Halsumdrehen terminieren. Wrang man den Hühnerhals zu lasch, sprang das Huhn vom Haufen toter Hühner wieder auf und rannte mit verdrehtem Hals schielend durch den Schuppen davon. Kurbelte man zu heftig am Hühnernacken, wurde schnell klar, warum man uns in Regenmäntel gesteckt hatte. Dann nämlich ploppte der Kopf ab, und in der Hand hielt man eine Art Hühnerpistole, die stoßweise Blut spuckte.

Im Handumdrehen war der Schuppen ein Wirbel aus Federn, Fäkalien, Staub und Blut. Wir wurden ziemlich übermütig, gackerten, hüpften umher und beschossen uns aus unseren Hühnerpistolen. Die noch lebenden Hühner nahmen unterdessen Anteil an ihren dahingegangenen Artgenossen, indem sie ihnen eine Henkersmahlzeit aus den Rippen pickten.

“Für die Landarbeiter waren die Tiere allesamt niedrige, dumme Kreaturen, Kroppzeug mit den gleichen Rechten wie der Zaunpfahl, an dem es sich schabte.”

Das war vor 20 Jahren, als noch niemand von BSE oder von Tierrechten gehört hatte. Auch von artgerechter Nutztierhaltung war seinerzeit nicht die Rede, und ein Hühnerstall war ein Hühnerstall – und nicht etwa ein Hühner-KZ. 1980 interessierte uns das alles nicht. Wir wollten schnell ein wenig Geld verdienen und dann ab in den Urlaub nach Griechenland.

Wie sehr sich die Welt seitdem geändert hat, fiel mir auf, als ich kürzlich in den Nachrichten einen Beitrag über die Lage der britischen Hühner sah. Tierschützer wiesen darauf hin, dass “die Leiden britischer Hühner zu wenig wahr- und zu wenig ernst genommen” würden. Besorgt zeigte man sich auch über ein Syndrom, den “plötzlichen Hühnertod” – einen Sachverhalt, den man vordem im Hühnergeschäft für völlig normal gehalten hatte.

Solche Nachrichten zeigen, dass das Wohl von Nutztieren heute ernst genommen wird. Die EU hat kürzlich in einer Richtlinie “verbesserte Käfige” und andere Maßnahmen zum Wohle der Hühner vorgeschrieben. Die britische Regierung sorgt sich zudem um das Wohlergehen von Nutztieren bei der Schlachtung. Gerade unter jungen Menschen findet die Forderung nach mehr “Rechten für Tiere” auffallend viel Sympathie.

Vor langer, langer Zeit, im Jahre 1980, sah die Welt sehr anders aus. Sicher, Tierzucht und Bauernhöfe sind nie das bevorzugte Habitat der Zartbesaiteten gewesen. Mir ging es wie den anderen Ferienjobbern. Anfangs sahen wir in den Tieren noch niedliche Wesen. Aber das ging sehr schnell vorbei. Die dreckigen Hühner waren am schlimmsten, aber der Rest war auch nicht viel besser. Auf denjenigen, der ihren Dreck wegputzen muss, wirken auch Zicklein nicht niedlich.

“Die hohe Wertschätzung, die Tiere heute genießen, ist die Kehrseite einer weitverbreiteten, geringen Meinung vom Menschen.”

Für die Landarbeiter waren die Tiere allesamt niedrige, dumme Kreaturen, Kroppzeug mit den gleichen Rechten wie der Zaunpfahl, an dem es sich schabte. Diese Haltung beruhte nicht etwa auf Dummheit, Dünkel oder menschlicher Überheblichkeit, sondern war das nahe liegende Ergebnis praktischer Erfahrung. Die mit Abstand mächtigsten Tiere auf dem Bauernhof waren die Bullen – Eindruck gebietende Riesen, aber dabei so dumm, dass man sie, ging es darum, künstliche Befruchtungen vorzubereiten, allein dadurch erregen konnte, dass man ein rostiges Wasserfass in ihre Nähe rollte.

Vielleicht ist meine Einstellung zu Tieren durch diesen Ferienjob vor 20 Jahren auf immer verdorben worden. Möglich wäre es, dass mich der Massenmord im Hühnerstall Tieren gegenüber gefühllos gemacht hat – wer weiß? Die wirklich entscheidende Veränderung aber hat allmählich im Laufe der letzten 20 Jahre stattgefunden; sie hat unser Verhältnis zu Tieren sehr verändert.

Die hohe Wertschätzung, die Tiere heute genießen, ist die Kehrseite einer weitverbreiteten, geringen Meinung vom Menschen – und das gilt speziell dann, wenn es um menschliche Eingriffe in das alt-neue Heiligtum “Natur” geht. In die Natur einzugreifen ist aber nun einmal die Hauptbeschäftigung jedes Bauern. In dem Maße, wie sich die Stellung von Mensch und Tier in unserer Wahrnehmung aneinander angenähert hat, sind wir auch dazu übergegangen, Tieren Rechte zu verleihen.Menschen werden umgekehrt immer häufiger als unmündige, unverständige Kreaturen behandelt und in einer Vielzahl auch alltäglicher Situationen immer häufiger – zu ihrem eigenen Besten natürlich – bevormundet.

Heute, zwanzig Jahre danach und da mir häufig immer noch das Geld für Reisen fehlt, frage ich mich, ob seinerzeit, als mir befohlen wurde, einen Regenmantel anzuziehen und Hühner zu töten, nicht meine Menschenrechte verletzt wurden? Weiter frage ich mich, ob meine hierauf zu gründenden Schadenersatzforderungen womöglich schon verjährt sind? Immerhin glaube ich beinahe, dass ich bis auf den heutigen Tag, seelisch versehrt durch die damaligen Ereignisse, an einem post-traumatischen Schocksyndrom leide. – Wie sich das äußert, wollen Sie wissen? Jedes Mal, wenn ich Hühnerfrikassee esse, scheint mir, zuckt mein Hals.