01.01.2000

Wie ein Furz alles durcheinander brachte

Von Sinasi Dikmen

Die Menschen haben am ersten Tag schon gemerkt, dass er ein Genie ist, ein anderer Mensch also. Sie wußten bloß nicht, was er Anderes hatte als die Anderen. Die Einheimischen waren auch nicht neugierig, sie fragten nicht nach, sie wollten nichts weiter wissen, nichts weiter erfahren, denn alles, was sie brauchten, wußten sie schon. Zwar gab es unter ihnen Floskeln wie: Na, wie geht’s? Wie wird das Wetter morgen? Wohin willst du im Urlaub fahren? Doch erwarteten sie keine Antwort, denn die Antwort kannten die Fragenden schon, bevor sie die Frage gestellt hatten. Wieso er diese Fragen stellen mußte, war ihm nicht klar. Es wurde so verlangt, also fragte er, ohne darüber nachzudenken, warum.


Den Menschen ging es prächtig. Alle schienen sehr gesund zu sein. Wunderschöne Augen hatten sie, in drei Farben: Schwarz, Rot und Gold. Das sind früher die heiligen deutschen Farben gewesen, und vor zehn Jahren war es einem Wissenschaftler namens Johannes Hasan Türkülü gelungen, diese Farben in die Augen der Einheimischen einzupflanzen. Alle Farben leuchteten so freundlich, so warm, so gewinnend. Die erwachsenen Männer hatten eine Körpergröße von 1,85 Meter, die Frauen von 1,83 Meter und es gab keine fettleibigen, keine übergewichtigen Menschen. Alle sportlich, alle athletisch, alle freundlich. Die Menschen lebten gemeinsam, ohne Polizei, ohne Richter, ohne Politiker, ohne Künstler. Jeder war sein eigener Polizist, sein Richter, sein Ministerpräsident, sein Künstler. Unterwegs begannen sie manchmal plötzlich zu lachen oder zu heulen, der eine hielt eine Rede über die Notwendigkeit von Benimmdich-Kursen, der andere sprach über die Geschichte der Menschheit, die nicht in Vergessenheit geraten dürfe, denn wo kämen wir denn hin, wenn wir nicht wüßten, was unsere Urahnen gemacht haben ... Doch genauso plötzlich, wie sie begonnen hatten, hörten sie auch wieder auf zu lachen, zu weinen, zu reden.

Alle Sorgen waren sie los: Geld, Verkehr, Partner. Älter wurden die Menschen nicht, sondern ihr Alter wurde ernannt von der Zentrale der Weisen der Gesellschaft. Natürlich kam es ab und zu vor, dass ein Mensch 20 Weihnachten lang 110 Jahre alt blieb und plötzlich zum 120-Jährigen ernannt wurde. Wie es ging, wußte keiner. Aber es interessierte auch niemanden. Hauptsache, jeder Haushalt hatte seinen Opa, seine Kinder, seinen Hund, seine Weihnachten. Die Kinder konnten jederzeit zum Opa erklärt werden, der Opa zum Kind. Nur mit dem Hund hatten sie diesbezüglich noch Probleme: Sie konnten ihn weder zum Kind machen noch das Kind zum Hund. ”Wenn uns auch das noch gelingt”, so stand es in den Tagesnachrichten auf jeder Armbanduhr, ”dann sind wir absolut demokratisch”.
Mehmet, der aus einem kleinen Dorf in den Bergen aus der Türkei nach Deutschland kam, um seine Verwandten zu suchen, im Jahre 2034, und sie nicht fand, weil kein Mensch wie ein Deutscher oder ein Türke aussah und keiner sich zu irgendeiner Nationalität bekannte, wurde also als eine Besonderheit empfangen. Er war, als er auf den beheizten rollenden Bahnen der Straße lief und furzen mußte, weil er Bohnensuppe gegessen hatte, die er aus seinem Dorf mitgebracht hatte, in einer Dose, die mit einer Codenummer zu öffnen war, von einem jungen Herrn entdeckt worden. Dieser junge Herr hatte eine Supernase und war zuständig für den Geruch des Stadtviertels. Er konnte das, was Mehmet aus seinem Endorgan mit großem Geräusch fahren ließ, nicht einordnen. So etwas habe er nie gerochen, und es sei sehr intensiv ...


Mehmet wurde zur zentralen Geruchsstelle gebracht. Dort erfuhr man, daß er Tomaten, Paprika, Brot, Aubergine aß: Nahrungsmittel, die jedem Einheimischen bekannt waren, aber nicht in der Form, wie Mehmet sie beschrieb. Eine Aubergine reichte hier einem Einwohner zwei Jahre lang, der Baum war lang, aromatisch, ging nie kaputt, jeder konnte sich seine Aubergine aussuchen, ob mit Vanille, mit Schoko, mit Eis; gebraten, gekocht, gegrillt, und das alles frisch vom Baum. Seine waren mickrige, stinkende, winzige Auberginen.
Seine Organe wurden untersucht, doch kein Gerät konnte etwas identifizieren. Sein Körper bestand aus Fleisch, aus Blut, aus Haut. So etwas hatten die Einheimischen auch, aber sie hatten ein zweites Herz, ein zweites Gehirn, eine dritte und vierte Niere. Alle Organe waren reparabel, durch die Gentechnik. Doch bei Mehmet ... Die gesamte Apparatur kam durcheinander, alle Werte wurden neu eingelesen, auseinandergenommen, sämtliche Chips ausgewechselt – doch es konnte kein Grund gefunden werden, warum ein Mensch ohne Programmierung an seinem Endorgan, welches sonst nicht zu gebrauchen ist, so ein Geräusch, verbunden mit diesem Geruch, fahren lassen konnte. Mehmet wurde heilig gesprochen – nur 34 Jahre nach Entschlüsselung des menschlichen Genoms.