01.01.1999

Wie Ed Vulliamy alte Erinnerungen auffrischt

Von Mick Hume

Ed Vulliamy, Reporter der britischen Tageszeitung Guardian, war dabei, als Penny Marshall und Ian Williams von ITN am 5. August 1992 als erste westliche Journalisten das Lager Trnopolje betraten. Er ist bisher der einzige, der persönlich auf den Text von Thomas Deichmann antwortete. Eines seiner Hauptargumente lautet, er kenne die Wahrheit, weil er im Gegensatz zu Deichmann damals in Trnopolje war.

Für jemanden, der so viel Wert auf die Betonung legt, Augenzeuge zu sein, scheint Vulliamy allerdings beträchtliche Probleme mit seinem Erinnerungsvermögen zu haben. Mehr als einmal haben sich in den letzten viereinhalb Jahren seine Erinnerungen an das, was er in Trnopolje tatsächlich gesehen haben will, verändert.

Nehmen wir den umstrittenen Stacheldrahtzaun auf dem Lagergelände in Trnopolje: Vulliamys erster Augenzeugenbericht über den Lagerbesuch wurde am 7. August 1992 im Guardian veröffentlicht. Er hatte seinen Text höchstwahrscheinlich fertig gestellt, noch bevor er den ITN-Bericht über Trnopolje im Fernsehen sah. Der ITN-Bericht wurde erstmals am späten Abend des 6. August ausgestrahlt. In seinem Artikel stellte Vulliamy fest, man könne Trnopolje nicht als "Konzentrationslager" bezeichnen, und er erwähnte den Stacheldrahtzaun mit keinem Wort.

Einige Monate später erinnerte sich Vulliamy jedoch daran, wie er den ausgemergelten Fikret Alic zum ersten Mal "hinter dem Stacheldraht des Konzentrationslagers in Trnopolje" erblickte (Guardian Weekend, 10.4.1993).

Im darauf folgenden Jahr, 1994, veröffentlichte Vulliamy sein Buch über den Krieg in Bosnien Seasons in Hell. In der Zwischenzeit schien er von der immensen Bedeutung des Stacheldrahtzauns überzeugter zu sein. Seinen ersten Eindruck des Lagers in Trnopolje beschrieb er im Buch wie folgt: "Noch mehr schmutzige Wege, noch mehr abgebrannte Dörfer und letztlich etwas, was früher eine Schule war und ein weiterer erschreckender Unglücksort: ein überfülltes Lagergelände, umgeben mit Stacheldrahtzaun" (S.104).

Anfang dieses Jahres änderten sich die Erinnerungen von Ed Vulliamy erneut. Im Januar 1997 sprach er im Interview mit dem BBC World Service von seinem Trnopolje-Besuch 1992. Er beschrieb Trnopolje als einen "Ort, den die ITN-Berichterstattung berühmt machte". Vulliamy erinnerte sich nun daran, dass es nicht nur einen Stacheldrahtzaun gab, von dem das Lager umgeben gewesen war: "Wir stiegen aus dem Bus und fanden diese Männer vor, die hinter den Stacheldrahtzäunen zusammengepfercht standen; manche von ihnen waren bis auf die Knochen abgemagert und in einer entsetzlichen Verfassung" (Newsday programme, 26.1.1997).

Dieses Interview fand wohl statt, bevor Vulliamy den Artikel von Deichmann über die Platzierung des Stacheldrahtzauns und der Journalisten gelesen hatte. Eine Woche später, am 2.2.1997, verschmähte Vulliamy den Artikel Deichmanns dann in einem Beitrag im Observer.

Er begann seinen Text mit der Erinnerung an den "unvergesslichen Anblick", der sich demjenigen bot, der in Trnopolje "die Gruppe von Männern sah, die hinter dem Stacheldrahtzaun gedrängt standen und von denen einige bis auf die Knochen abgemagert waren und von Massenmorden in anderen Lagern berichteten". Andere Passagen im besagten Artikel erweckten jedoch den Eindruck, als habe sich Vulliamys Erinnerung an diesen "unvergesslichen Anblick" in den letzten Wochen irgendwie noch einmal verändert.

Denn er stellte fest, dass die Männer, die auf dem berühmten ITN-Bild zu sehen sind, auf "einem kleinen, eingezäunten Gelände" festgehalten wurden. Vulliamy erklärte weiter, dass "an einem der vier Seiten dieses Geländes ein Stacheldrahtzaun errichtet war. Es war ein alter Zaun, der mit neuem Stacheldrahtzaun und Maschendrahtzaun verstärkt worden war, entlang einer Seite eines Garagengeländes".

Ed Vulliamy erinnerte sich also im Laufe der Zeit an einen Stacheldrahtzaun, der es zuerst nicht Wert war, erwähnt zu werden, dessen Anblick später aber "unvergesslich" wurde. Er erinnerte sich an einen Stacheldrahtzaun, von dem das "überfüllte Lagergelände umgeben" war, der sich später in Stacheldrahtzäune verwandelte und von dem schließlich nur noch eine mit Maschendrahtzaun ausgebesserte Seite einer Umzäunung übrig geblieben ist. Er muss es ja wissen, denn er war dort.

 

aus: Novo, Nr.27, März/April 1997, S.21