20.01.2014

Moralische Helmpflicht

Kommentar von Hasso Spode

Der Nutzen des Fahrradhelms ist zweifelhaft, aber für die Mittelschichten, die letztlich auch das Personal der verhaltensregulierenden Institutionen des Nanny-Staats stellen, gehört er zum selbstkontrolliert-asketischen Habitus der Abgrenzung nach unten, meint Hasso Spode

Sportlich soll er wirken und sieht doch irgendwie dämlich aus: der Fahrradhelm. Je nach Fahrstil, Altersgruppe oder Verkehrslage gibt es gute Gründe ihn anzulegen, aber eben auch dafür, das nicht zu tun. So weit, so gut. Nun aber ist dieser unschuldige Zubehörartikel in den Fokus der Regulierer geraten. Vergleichbar mit der Glühbirne hat er das Zeug, zum Objekt und Symbol jenes überregulierten Nanny-Staats zu werden, wie er Freigeistern seit Langem auf die Nerven geht. Es fehlte bloß noch eine EU-Verordnung. Indes grassiert die Regulierungswut ebenso beim Mann und mehr noch bei der Frau auf der Straße.

Schon 2011 hatte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) eine Helmpflicht für Radfahrer angedroht, wenn die freiwillige „Helmtragequote“ nicht deutlich steigen sollte. Der Vorstoß verlief zunächst im Sande. Doch am 17. Juni 2013 trat dann Dr. Christine von Milczewski, Richterin am Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht, vor die Presse, um kundzutun, man habe entschieden, einer Radfahrerin, die von einer Autofahrerin durch das Aufreißen der Tür „grob fahrlässig“ zu Fall gebracht wurde und sich dabei eine Kopfverletzung zuzog, gleichwohl eine Mitschuld zuzusprechen, weil sie ohne Helm fuhr. Denn: Ein „verständiger Mensch (wird) zur Vermeidung eigenen Schadens beim Radfahren einen Helm tragen“ (OLG. 7 U 11/12).

Das Urteil – der Casus dürfte vor dem BGH landen – löste eine heftige Debatte aus. Ein Vertreter der mit der Versicherungsbranche verbandelten Verkehrswacht nennt es „mutig und begrüßenswert“, wohingegen sich die Radfahrverbände entsetzt zeigen und auf das Radlerparadies Holland verweisen, wo die „Helmtragequote“ nahe null liegt. Auch in den Medien und Internet-Foren überwiegt die Urteilsschelte. Hierbei zeigen sich zwei durchaus widersprüchliche Argumentationsgänge. Zum einen wird legalistisch eingewandt: Da es keinen Helmzwang gäbe, könne einen unschuldig Verunglückten auch keine Mitschuld treffen – was natürlich, gewollt oder ungewollt, Wasser auf die Mühlen der Helmpflichtbefürworter ist. So hatte auch die Vorinstanz entschieden. Gewichtiger ist die zweite Argumentationsschiene: Es wird in Abrede gestellt, dass ein „verständiger Mensch“ einen Fahrradhelm tragen solle.

„So schrecklich ein tödlicher Unfall ist, so abwegig ist die Idee hundertprozentiger Sicherheit.“

Erstens: Die Studien zur Schutzwirkung eines Helms fallen höchst widersprüchlich aus, und zwar sowohl was die physikalische Seite betrifft, als auch den Anteil der Kopfverletzungen bei Unfällen. Der helmpflichtaffine Deutsche Verkehrssicherheitsrat, auch so etwas gibt es, behauptet zwar reißerisch: „Bei jedem zweiten der getöteten Radfahrer im Jahr 2010 waren Kopfverletzungen die Todesursache“, doch nach derzeitigem Wissenstand sei es unklar, wie viele der rund vierhundert getöteten Radfahrer – also etwa ein Zehntel aller Verkehrstoten – durch einen Helm hätten überleben können; wahrscheinlich nur wenige. Vielleicht zehn, vielleicht hundert? In jedem Fall müsse deren Zahl weit unterhalb der Mortalität durch anderweitig verursachte Kopfverletzungen liegen, sodass doch eher ein Helm für Autoinsassen, Fußgänger, Hausfrauen oder Postboten angeraten sei.

Ein Blick in die Todesursachenstatistik zeigt, wie berechtigt dieser ironische Ratschlag ist. So schrecklich ein tödlicher Unfall ist, so abwegig ist die Idee hundertprozentiger Sicherheit. Alljährlich sterben in Deutschland über achthundertfünfzigtausend Menschen, darunter mehr als fünfhundert, weil sie sich beim Essen verschluckt haben. Über siebentausend tödliche Kopfverletzungen werden gezählt; exakt 1.117 Menschen starben 2011 beim Sturz auf Treppen oder Stufen, 3.465 bei einem Sturz zu Hause. Essen, Treppensteigen und Wohnen sind absolut gefährlicher als Radfahren.

Eine Helmpflicht hingegen mache – zweitens – das recht sichere Radeln nicht noch sicherer, sondern im Gegenteil ein wenig unsicherer. Dazu wird auf Länder verwiesen, in denen sie bereits ganz oder teilweise gilt. Darunter Spanien, Malta oder Südafrika (wo wenig geradelt wird, aber viel gemordet: 19.000 Mal im Jahr) und selbstredend die üblichen Verdächtigen, wenn es um staatliche Verhaltensregulierung geht: Neuseeland, Teile der USA, Kanadas und Australiens und drei skandinavische Länder. Sorgfältige empirische Studien in Nordamerika und Australien, so lautet der zweite Einwand, hätten keinen signifikanten Rückgang der unfallbedingten Mortalität und Morbidität bei Radfahrern ergeben; vielmehr sei ein Rückgang der Fahrradnutzung bei etwa gleicher absoluter Unfallhäufigkeit eingetreten, sodass für die „verbliebenen“ Radler das Risiko gestiegen sei. Aus dem Rückgang der gesundheitsfördernden Nutzung des Fahrrads wurde von Statistikexperten sogar eine Erhöhung der Gesamtmortalität errechnet. Letzteres scheint weit hergeholt und wird selbstredend von anderen Statistikexperten bestritten.

Es bahnt sich mithin ein medienwirksamer Expertenstreit an, wie er einst die Einführung der Alkoholprohibition begleitet hatte und wie er heute mit großem Erfolg um den Tabak geführt wird. Hinter solchen Debatten steht stets ein Streit um fundamentale Werte; es geht exemplarisch ums große Ganze. Oft entwickeln sie ein bizarres Eigenleben, wobei paradoxerweise auch kritische Einwände durch das bloße Ansprechen des jeweiligen Themas dazu beitragen können, die Debatte noch weiter anzuheizen.

„Wer künftig ohne Helm unterwegs ist, legt eine asoziale Sorglosigkeit an den Tag, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt: totale Sicherheit, keine Kompromisse.“

Schlechte Aussichten für Helmmuffel. Die Thematisierungskonjunktur des Fahrradhelms dürfte in einer Helmpflicht münden. Sei es in verkehrsrechtlicher Form, in haftungsrechtlicher oder in Gestalt einer moralischen Helmpflicht. Gut vorstellbar, dass das Schleswiger OLG-Urteil keinen Bestand haben wird. Die „Helmtragequote“ wird dennoch deutlich zunehmen. Der moralische Konformitätsdruck ist allemal das effektivste Zwangsmittel. Wer künftig ohne Helm unterwegs ist, legt eine asoziale Sorglosigkeit an den Tag, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt: totale Sicherheit, keine Kompromisse. Damit ist auch gesagt, dass jene Kritik an der „freiheitsfeindlichen Regulierungswut“ zu kurz greift, die sich allein gegen „die da oben“, gegen den „Nanny-Staat“, gegen „Brüssel“ und die „WHO-Bürokratie“ richtet. Die Sache ist viel komplizierter und viel trauriger. Zahlreiche, teils miteinander verkoppelte Faktoren sind hier am Werk – und der wichtigste sind wir selbst.

Auf den ersten Blick sieht es beim Fahrradhelm anders aus: Nach dem OLG-Urteil eilig eingerichtete Internet-Voten erbrachten meist deutliche Mehrheiten gegen eine Helmpflicht. Doch solche Abstimmungen täuschen. Eine repräsentative, im Auftrag des Stern durchgeführte Forsa-Umfrage ergab vielmehr ein Fifty-Fifty-Verhältnis. Damit wären wir beim ersten Faktor der Regulierung des Alltagslebens: dem demographischen Wandel. Denn Internetnutzer sind jünger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Mit dem Alter aber wachsen die Ängste und sinkt die Risikotoleranz. Bereits 2011 hatte die Apotheken Umschau vermeldet, 72 Prozent der Deutschen würden sich eine Fahrradhelmpflicht wünschen. Nun ist dieses Werbeblatt nicht gerade eine Jugendzeitschrift. In dessen zweifelhafter Helm-Umfrage waren offenbar ältere Semester stark überrepräsentiert. Je älter unsere Gesellschaft wird, desto mehr Sorgen macht sie sich, desto mehr Schutzmaßnahmen fordert und ergreift sie.

Ferner scheinen mehr Frauen als Männer die Apotheken Umschau zu lesen; umgekehrt verhält es sich bei der Internetnutzung. Die repräsentative Forsa-Umfrage ergab denn auch, dass nur eine Minderheit der Männer eine Helmpflicht befürwortet, aber eine Mehrheit der Frauen. Der „kleine Unterschied“ beträgt in diesem Fall satte 14 Prozent. Damit wären wir beim zweiten Faktor der Regulierung des Alltagslebens: dem Machtzuwachs der Frauen. „Weibliche Werte“ stehen hoch im Kurs, männliche Risikobereitschaft wird tendenziell pathologisiert: „Testosterongesteuert“ sei der Mann, ein dumpfer Draufgänger, wohingegen die Frau klug und achtsam mit sich und anderen umgehe. Ein gleichermaßen abwertendes „östrogengesteuert“ ist hierfür nicht zu hören, doch der Genderforschung zum Trotz zeigen sich in der Tat kulturübergreifende, mithin offenbar biologisch grundierte Differenzen im Umgang mit Risiken: Frauen sind risikobewusster beziehungsweise risikoscheuer als Männer. Verschiebt sich die geschlechtliche Machtbalance, muss dies Folgen für den gesellschaftlichen Umgang mit Risiken haben.

„Im flexibilisierten Turbokapitalismus ist die soziale Geborgenheit der Mittelschichten dahin; ein asketisch-selbstkontrollierter Habitus hilft da, den prekären Status zu legitimieren und sich ‚nach unten‘ abzugrenzen.“

Das „Ewig-Weibliche“, das die Menschheit laut Goethe „hinanziehen“ soll, ist freilich – da ist der Genderforschung einmal zuzustimmen – hochgradig soziokulturell moduliert. Beobachtet man in städtischen Parkanlagen, wie Mütter ihren Dreikäsehoch nicht mehr ohne Schutzhelm aufs Laufrad lassen, wäre es allzu simpel, darin nur ein hormonelles Problem sehen. Damit sind wir beim dritten und wohl wichtigsten Faktor, dem statuspolitischen. Die unfalltechnisch sinnlose Einschalung der Kinderköpfe verdankt sich den mächtigen Mechanismen sozialer Distinktion. Es gilt, sich als der bessere Mensch, in diesem Fall: die bessere Menschin, zu beweisen. Im flexibilisierten Turbokapitalismus ist die soziale Geborgenheit der Mittelschichten dahin; ein asketisch-selbstkontrollierter Habitus hilft da, den prekären Status zu legitimieren und sich „nach unten“ abzugrenzen. Dieser Mechanismus arbeitet weitgehend unbewusst. Ein Resultat unter vielen: die moralische Helmpflicht für Kleinkinder. Wer sich weigert, dem Steppke das alberne Plastikteil auf den Kopf zu setzen, fällt der Verachtung der Müttergemeinde anheim.

„Kleinkinderhelme“ kosten Geld. Der vierte Faktor ist ökonomischer Natur. Ängste, sei es um den Körper oder um den Status, sind hoch profitabel. „Ja, Sicherheit ist teuer!“ sang schon der Barde Ulrich Roski. Die Stiftung Warentest mahnt: „Kleinkinderhelme: Von Anfang an.“ Unklar bleibt bei all den Testtabellen, wozu so ein Ding – außer für den Hersteller – nütze sein soll (und wie viele der im doppelten Sinne behüteten Knirpse später den Fahrradhelm als Kinderkram verschmähen werden). Klar ist hingegen: Mütter, kauft Kleinkinderhelme – natürlich CS-geprüft und bitte jedes Jahr einen neuen! Dem schließt sich selbstredend die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an: „Gewöhnen Sie Ihr Kind auch beim Dreirad- oder Laufradfahren von Anfang an daran, einen Schutzhelm zu tragen.“

Damit sind wir beim fünften Faktor der Einschränkung von Alltagsfreiheiten, der Obrigkeit als Erzieher. Hier setzt die Kritik am Nanny-Staat ein. Staat und Verbände haben systematisch diffuse Ängste geschürt, allerdings die moralische Helmpflicht für Kleinkinder nicht verursacht. Zweifellos aber verstärkt, und Gleiches steht für die generelle Helmpflicht zu erwarten. Schon seit 2005 ist hier die Hannelore-Kohl-Stiftung aktiv. Ihr Plakat zeigt einen Menschen mit Kopfverband im Rollstuhl, der ohne Helm unterwegs war – ergo: „Ein Helm hilft“. Ein schockierendes, gleichwohl rätselhaftes Bild, werden doch fast alle unfallbedingten Lähmungen des Gehapparats durch ein Rückenmarkstrauma verursacht. Bereitet die Stiftung etwa eine Kampagne für Rückenprotektoren vor? In den zahllosen staatlichen und parastaatlichen Institutionen, die mit gesundheitlicher Verhaltensprävention befasst sind, finden sich bevorzugt Menschen aus eben jenen Bildungsmilieus, die – um ihren Körper und Status ausnehmend besorgt – dem Ideal asketischer Selbstoptimierung verpflichtet sind. Aus der „Mitte der Gesellschaft“ kommend besetzen sie die einschlägigen Multiplikatoren- und Steuerungsposten, von der Gesundheitsstadträtin bis zum Verbandschef. Auch hierbei entfaltet die Dynamik sozialer Distinktion ihre ganze Wirkungsmacht. Wir haben es also weniger mit obrigkeitlicher Gängelung tun als vielmehr mit einem sich selbst verstärkenden Regelkreis, einer Rückkopplung der Risikokommunikation zwischen den Volkspädagogen und dem Volk. Das gilt sinngemäß auch für jene Richter und Richterinnen, die sich anmaßen, wie im angloamerikanischem Rechtssystem nach ihrem Gusto auf das Alltagsverhalten der Mitmenschen einzuwirken, wenn sie flächendeckende Rauchverbote gutheißen oder die Helmpflicht durch die Hintertür einführen.

„In dem Maß wie die Politik ‚alternativlos‘ wird, sprich: an Handlungskompetenz einbüßt, sucht sie ihre Daseinsberechtigung darin, die kleinen Dinge des Alltags zu verregeln.“

Ebenfalls in diesen Rückkopplungsmechanismus eingebunden ist der sechste und letzte Faktor, der Staat als Gesetzgeber – also der kritisierte Nanny-Staat schlechthin. Allerdings ist der Staat alles andere als ein Monolith. Auch das politische Personal ist meist bildungsbürgerlich geprägt, doch in seinen Werthaltungen ist es pluralistischer zusammengesetzt als das volkspädagogische. Hier werden handfeste ökonomische Interessenkonflikte ausgetragen, die oft in komplexer Weise mit moralischen interagieren. Da mögen sich die einen als Bannerträger der Selbstbestimmung positionieren, die anderen als Garant umfassender Schadensabwehr. Doch die internen Bündnisse und Machtbalancen sind instabil; die jeweilig ausgehandelten Kompromisse sind entsprechend schwer vorhersagbar. Ein Trend aber ist eindeutig: In dem Maß wie die Politik „alternativlos“ wird, sprich: an Handlungskompetenz einbüßt, sucht sie ihre Daseinsberechtigung darin, die kleinen Dinge des Alltags zu verregeln. Wenn man schon die Märkte nicht in den Griff kriegt, dann wenigstens die Radfahrer. Insofern erscheint die derzeitige „Regulierungswut“ als ein Abfallprodukt der Globalisierung und Europäisierung.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Die Macht der Obrigkeit zur Steuerung des Alltagsverhaltens ist geringer als ihre Kritiker glauben. Selbst totalitäre Regime stoßen da an ihre Grenzen. Die Alkohol- und Tabakfeinde Hitler und Ulbricht wussten dies und hielten sich in diesem Punkt einigermaßen zurück; Gorbatschow musste es erst schmerzlich lernen, als er den Russen den Wodka entziehen wollte. Nur wenn – und solange – große, diskursrelevante Bevölkerungsteile Repressivmaßnahmen zur Verhaltenssteuerung gutheißen und unterstützen, werden sie Bestand haben. Der Nanny-Staat braucht Millionen Nannies. Aufstieg und Fall der Prohibition in den USA sind hierfür ein schönes Beispiel.

Moralhistorisch befinden wir uns derzeit in einer Phase, die mit dem langen Vorlauf der Prohibition vergleichbar ist. Keineswegs sind wir nur Opfer staatlicher Überregulierung, wir sind auch Täter. Wir rufen nach dem Staat, der Sicherheit produzieren soll. Und wir minimieren unaufgefordert selbst Risiken, tatsächliche und vermeintliche, verhalten uns ostentativ „rational“ und schnallen uns und unseren Sprösslingen Plastikhelme auf den Kopf: „Diese Ausrüstung schränkt doch kaum ein und kann vielleicht Schlimmes verhüten.“ Auf den ersten Blick ein unwiderstehliches Argument. Die Freiheit stirbt bekanntlich zentimeterweise. Gegen den Zeitgeist können kritische Analysen wenig ausrichten. Immerhin bewahren sie das Andenken an andere, prallere Lebensentwürfe und halten so die Option auf einen Umschwung im Wertekosmos offen. Dieser Umschwung – das zeigt die Geschichte – wird zweifellos kommen. Die Frage ist nur wann. Das Ende der Fahnenstange dürfte noch lange nicht erreicht sein.