04.05.2011

„Wider die Angstkultur“ (Teil 1: Safe Cuddling)

Von Helge Fischer

ATELIER: Mit den Werken der Serie "Wider die Angstkultur" untersucht und kritisiert der Berliner Designer Helge Fischer Ängste und kulturelle Unsicherheiten in den gegenwärtigen westlichen Gesellschaften. "Safe Cuddling" ist ein Statement zum immer paranoider werdenden Umgang mit Kindern

Wir leben scheinbar in sehr unsicheren Zeiten. Wir fühlen uns bedroht durch den weltweiten Terror, japanische Atomkraftwerke, Antibiotika-resistente Bakterien oder muslimische Zuwanderer. Landauf, landab warnen Experten, Moralprediger oder Umweltaktivisten vor den vielfältigen Gefahren der modernen „Risikogesellschaft“. Wir sollen Angst haben, lautet die immer gleiche Botschaft: Angst vorm Klimawandel, vor kriminellen Jugendlichen, vor Flüchtlingswellen, vor neue Technologien, vor beruflicher Unsicherheit oder vor zwischenmenschlichen Beziehungen. Unsere kulturelle Umgebung befeuert Angstgefühle und beeinflusst, wie wir Angst erleben und mit ihr umgehen.

Der Berliner Designer Helge Fischer (www.hfischer.info) untersucht mit seinen Arbeiten diese „Angstkultur“ (1) und zeigt auf, wie sie unser Verhalten beeinflusst und sämtliche menschliche Beziehungen fundamental verändert. Welchen Preis zahlen wir dafür, dass wir nicht unseren Ängsten ins Auge sehen, sondern vielmehr versuchen, jedes mögliche Risiko zu vermeiden? Wie sollten wir auf individuellem und gesellschaftlichem Level mit unseren Ängsten umgehen? NovoArgumente stellt in den nächsten Wochen Helge Fischers Arbeiten vor.

Teil 1:Safe Cuddling.


Safe Cuddling (dt. „Sicheres Kuscheln“) ist ein Ganzkörperanzug für Kleinkinder, der unverdächtiges und unschuldiges Liebkosen und Hätscheln gewährleistet. Wenn ein Kind zu lange oder an ungebührlichen Stellen berührt wird, löst der Anzug automatisch einen Alarm aus – zunächst leise, um den Erwachsenen auf mögliche Zweideutigkeiten bei der Berührung hinzuweisen, bei weiterer Berührung allerdings sehr laut und ausdrücklich (Blitzlicht! Alarmglocken!). Hierdurch werden Erziehungsberechtigten und Augenzeugen an ihre Verantwortung im Umgang mit Kleinkindern erinnert. So hilft Safe Cuddling die Unbescholtenheit und Integrität von Erwachsenen im Umgang mit Kindern sicherzustellen.


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Das Konzept wurde Eltern, Kindergärtnern und einem Kinderschutzbeauftragten in London vorgestellt. Ursprünglich als ironischer Kommentar gedacht, entwickelt sich daraus eine eigene Dynamik. Der Anzug diente als Anstoß für Diskussionen über rationale und irrationale Ängste, Risikobewertungen, Technologien und Medien im Zusammenhang mit dem Schutz von Kindern.
 

Safe Cuddling? von Helge Fischer auf Vimeo.


Kann eine solche Reaktion auch in Deutschland hervorgerufen werden?