24.08.2017

Werden Roboter unsere Jobs wegnehmen?

Essay von Ronald Bailey

Titelbild

Foto: Land Rover MENA via Flickr / CC BY 2.0

IT-Unternehmer wie Bill Gates warnen vor Massenarbeitslosigkeit durch Automatisierung. Dabei kommen Ökonomen zu ganz anderen Schlussfolgerungen.

„Tatsache ist, dass wir einer joblosen Zukunft entgegensehen: Eine Zukunft, in der menschliche Arbeit durch Maschinen übernommen wird. Roboter werden unsere Autos fahren, unsere Güter herstellen und unsere täglichen Aufgaben erledigen, aber es wird nicht genug Arbeit für die Menschen geben“, so die düstere Warnung des Softwareunternehmers Vivek Wadhwa.

Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Microsoft, Bill Gates, ist derselben Meinung: Technologie „wird die Jobnachfrage reduzieren, insbesondere bei Jobs, die keine hohen Qualifikationen erfordern“. Gates schlug kürzlich vor, Roboter zu besteuern, um die Opfer technologischer Arbeitslosigkeit finanziell zu unterstützen. Auch der Softwareunternehmer Martin Ford warnte letztes Jahr vor tiefgreifenden Veränderungen: „Maschinen waren schon immer Werkzeuge, die vom Menschen genutzt wurden.“ Doch jetzt könnten sie „zu einem Ersatz für immer mehr Arbeiter werden.“ Eine viel zitierte Studie der Universität Oxford schlug 2013 noch düstere Töne an: 47 Prozent der amerikanischen Jobs drohten in den nächsten zwei Jahrzehnten automatisiert zu werden.

Unter Technologieexperten ist es fast eine Binsenweisheit: Roboter werden unsere Jobs wegnehmen. Aber Ökonomen neigen zu einer anderen Sichtweise. Sie betonen, dass die Automatisierung uns in den letzten zwei Jahrhunderten mehr Arbeit gebracht hat – und auch einen höheren Lebensstandard. „Ist es diesmal anders?“, fragte der Ökonom David Autor vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) letztes Jahr in einer Vorlesung. „Natürlich! Jedes Mal ist anders. In den letzten 200 Jahren haben Gelehrte und Aktivisten immer wieder Alarm geschlagen, dass wir keine Arbeit mehr haben werden und uns selbst obsolet machen… Diese Vorhersagen erscheinen mir arrogant.“

„Unter Technologieexperten ist es fast eine Binsenweisheit: Roboter werden unsere Jobs wegnehmen.“

„Wir steuern weder auf eine Welt der Maschinen zu, noch auf eine Utopie, in der niemand mehr arbeitet“, so der Wirtschaftswissenschaftler Michael Jones von der Universität Cincinnati. „Menschen werden für die Wirtschaft der Zukunft weiterhin notwendig sein, selbst wenn wir nicht vorhersagen können, was genau ihre Aufgaben sein werden.“ Als der Wirtschaftswissenschaftler James Bessen von der Universität Boston den Einfluss der Computerisierung auf die Beschäftigungsverhältnisse seit 1980 untersuchte, kam er zu der Schlussfolgerung, dass „die Benutzung von Computern durchschnittlich mit einem geringfügigen Anstieg der Beschäftigungsrate verbunden ist – nicht mit erheblichen Jobverlusten.“

Wer hat also Recht – die verängstigten IT-Unternehmer oder die total gelassenen Wirtschaftswissenschaftler?

Dieses Mal ist immer anders

Königin Elizabeth I weigerte sich 1589, William Lees ein Patent auszustellen. Der Engländer hatte den Handkulierstuhl erfunden, der die Herstellung von Wollsocken beschleunigte. „Sie verfolgen hohe Ziele“, sagte die Monarchin. „Bedenken Sie aber, was die Erfindung meinen armen Untertanen antun könnte. Sie wird ihnen gewiss Ruin bringen, indem sie ihren Anstellungen entzogen und folglich zu Bettlern gemacht werden.“ Im frühen 19. Jahrhundert versuchten englische Textilarbeiter, die sich selbst Ludditen nannten, ihren Lebensunterhalt zu verteidigen, indem sie industrielle Webmaschinen zerstörten.

Der Ökonom John Maynard Keynes warnte 1930, dass „die Möglichkeiten, Arbeitskräfte einzusparen, schneller wachsen, als sich neue Einsatzmöglichkeiten für Arbeitskräfte finden lassen.“ Dies führe zur „neuen Krankheit“ der „technologischen Arbeitslosigkeit“. 1961 mahnte die Zeitschrift Time: „Die heute neu entstehenden Wirtschaftszweige bieten vergleichsweise wenig Jobs für Ungelernte oder nur mittelmäßig Qualifizierte, genau die Angestellten, deren Arbeitsplätze durch die Automatisierung eliminiert werden.“ Eine Studie des Internationalen Metallgewerkschaftsbunds sagte 1989 voraus, dass 2019 nur noch zwei Prozent der damaligen globalen Arbeitskräfte gebraucht würden, „um all die Güter herzustellen, die für die Gesamtnachfrage notwendig sind.“ Diese Vorhersage hat noch genau zwei Jahre, um wahr zu werden.

„Wer hat also Recht – die verängstigten IT-Unternehmer oder die total gelassenen Wirtschaftswissenschaftler?“

Dieses Jahr untersuchte die Unternehmensberatung McKinsey Global Institute die potentiellen Auswirkungen der Automatisierung. Das neue an der Studie war, dass sie anstelle von ganzen Berufen individuelle Arbeitsaktivitäten betrachtete. Die Forscher kamen zu der Schlussfolgerung, dass mit den aktuell zur Verfügung stehenden Technologien nur fünf Prozent der Berufe voll automatisierbar wären. Andererseits schätzt der Bericht, dass „circa die Hälfte aller Aktivitäten, für die Menschen weltweit bezahlt werden, mittels der heute bekannten Technologien automatisiert werden könnten“. Automatisierbar sind vor allem physische Tätigkeiten, die im hochstrukturierten, vorhersehbaren Rahmen durchgeführt werden, sowie die routinemäßige Erfassung und Verarbeitung von Daten.

Im März dieses Jahres kam das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers zu dem Schluss, dass langfristig 38 Prozent der US-amerikanischen Jobs von Automatisierung bedroht seien. Bis in die frühen 2030er-Jahre würden vor allem Jobs im Transportwesen, der Lagerlogistik, dem Einzel- und Großhandel, dem Gastronomie- und Beherbergungswesen, der Verwaltung und Kundenbetreuung, der Finanz- und Versicherungsbranche sowie der Fertigung verschwinden.

Und was ist mit der bereits erwähnten Oxford-Studie aus dem Jahr 2013? Der Wirtschaftswissenschaftler Bessen weist darauf hin, dass keiner der 37 Berufe, die laut der Studie „voll automatisierbar“ sind, seit der Veröffentlichung auch tatsächlich komplett automatisiert wurde. Bessen führt außerdem eine Erhebung aus dem Jahr 1950 an. Von den dort aufgelisteten 271 Jobs ist lediglich einer aufgrund der Automatisierung weitestgehend verschwunden: der Fahrstuhlführer. Im Jahr 1900 waren 50 Prozent der Bevölkerung über dem Alter von zehn Jahren erwerbstätig (Kinderarbeit war damals in den meisten Ländern legal und viele Familien benötigten das zusätzliche Einkommen). 1950 waren es 59 Prozent derer über 16-Jährigen. Heute liegt die zivile Erwerbsquote bei 63 Prozent.

„Automatisierbar sind vor allem physische Tätigkeiten, die im hochstrukturierten, vorhersehbaren Rahmen durchgeführt werden, sowie die routinemäßige Erfassung und Verarbeitung von Daten.“

Natürlich sind heutige Jobs grundlegend anders als die Tätigkeiten, die Menschen im Jahr 1900 ausübten. Verantwortlich ist vor allem der technologische Fortschritt, der höhere Produktivität ermöglichte.

Arbeiten wir weniger?

In dem Essay „Warum gibt es noch immer so viele Jobs?“ führt der MIT-Ökonom Autor an, dass die meisten neuen Technologien Arbeit einzusparen sollen. „Ob die Technologien nun Traktoren, Fließbänder oder Tabellen sind, das oberste Ziel ist es, die mechanische Kraft der menschlichen Muskulatur zu ersetzen. Maschinelle Konsistenz statt menschlicher Handarbeit. Digitale Berechnung statt langsamer und fehlerbehafteter menschlicher Gehirne.“ Physische und geistige Routinearbeiten – Punktschweißungen am Fließband oder die Prüfung von Versicherungsansprüchen im Büro – sind die ersten, die automatisiert werden.

Falls die düsteren Visionen von Tech-Giganten wie Bill Gates wahr werden, würde man erwarten, dass die Arbeitsstunden bei durchschnittlich bezahlten Jobs, die durchschnittliche Qualifikationen erfordern, abnehmen. Tatsächlich fanden Autor und David Dorn vom spanischen Center for Monetary and Financial Studies (CEMFI), dass die Arbeitsstunden in den Bereichen Bau, Bergbau und Landwirtschaft zwischen 1980 und 2005 signifikant zurückgegangen sind. Die Wissenschaftler machen dafür immer günstigere und leistungsstärkere Maschinen und Computer verantwortlich, die immer mehr kognitive und manuelle Tätigkeiten übernommen hätten. Parallel dazu nahmen die Arbeitsstunden in helfenden Berufen wie Hauspflege und Kosmetik, die nur eine sehr niedrige Qualifikation erfordern, um 30 Prozent zu.

Diese Darstellung wurde jedoch kürzlich von zwei weiteren Wirtschaftswissenschaftlern – Jennifer Hunt von der Rutgers Universität und Ryan Nunn vom Thinktank Brookings Institution – angefochten. Statt sich auf die Durchschnittsgehälter in den unterschiedlichen Berufen zu konzentrieren, sortierten Hunt und Nunn die Arbeiter je nach Stundenlohn in verschiedene Gehaltskategorien.

 „Der Prozentsatz von Männern und Frauen in der Niedriglohn-Kategorie sank im Laufe der 1990er Jahre, während der Anteil in der Hochlohn-Kategorie zunahm.“

Die Ökonomen fanden heraus, dass Männer in den 1980ern einen Rückgang beim Gehalt erfuhren, was weitestgehend auf den abnehmenden Einfluss von Gewerkschaften und den Rückgang der Fertigungsbranche zurückzuführen ist. Der Prozentsatz von Männern und Frauen in der Niedriglohn-Kategorie sank jedoch im Laufe der 1990er-Jahre, während der Anteil in der Hochlohn-Kategorie zunahm.

Nach Bereinigung von Schwankungen des Konjunkturzyklus stellten Hunt und Nunn fest, dass der Anteil der Arbeiter in der höchsten Gehaltskategorie (Menschen mit einem Verdienst von über 25,18 US-Dollar pro Stunde) zwischen 1979 und 2015 leicht zugenommen hatte. In den anderen Gehaltsgruppen änderte sich fast gar nichts. Die Ergebnisse sprechen also keinesfalls für die extreme Polarisierung, die Autor und andere fürchten.

Noch reißen die Roboter die Jobs der Menschen nicht an sich. Betrachten wir zum Beispiel einen vielzitierten Befund der Ökonomen Daron Acemoglu und Pascual Restrepo. Seit 1990, sagen sie, hätte jeder zusätzliche Industrieroboter in den USA 5,6 Amerikanern den Job gekostet. Außerdem führe jeder zusätzliche Roboter pro 1000 Angestellten zu einer Verminderung des Durchschnittsgehalts um 0,5 Prozent.

Seit 1990 haben laut Acemoglu und Restrepo insgesamt 360.000 bis 670.000 Amerikaner ihren Job an Roboter verloren. Zum Vergleich: Letztes Jahr wurden 62,5 Millionen Amerikaner neu eingestellt; 60,1 Millionen kündigten oder wurden entlassen. Der Einfluss der Roboter ist also verhältnismäßig gering. Außerdem fanden die Wissenschaftler heraus, dass die zunehmende Computernutzung einen positiven Effekt auf die Arbeitsnachfrage hatte.

„Die Ergebnisse sprechen keinesfalls für die extreme Polarisierung, die Autor und andere fürchten.“

Georg Graetz von der Uppsala Universität und Guy Michaels von der London School of Economics analysierten 2015 die Auswirkungen von Industrierobotern auf Beschäftigungsverhältnisse in 17 verschiedenen Ländern zwischen 1992 und 2007. Die Autoren fanden zwar einen kleinen negativen Effekt bei Geringqualifizierten. Im Gegensatz zu Acemoglu und Restrepo ließ sich jedoch kein signifikanter Einfluss auf die Gesamtbeschäftigung feststellen. Die Studie kam außerdem zu dem Schluss, dass die zunehmende Zahl von Robotern das jährliche Wirtschaftswachstum um 0,37 Prozent erhöht hatte.

Wo sind die Jobs hin? Schaut euch um!

2011 sorgte sich der US-Präsident Barack Obama, dass „viele Unternehmen gelernt haben mit immer weniger Arbeitern immer effizienter zu arbeiten.“ Man könne dies sehen, wenn man eine Bank aufsucht und einen Bankautomaten benutzt, anstatt zum Schalter zu gehen. Doch die Zahl der Bankkassierer in den USA ist nicht zurückgegangen. Seit 1990 hat sie zugenommen, von 400.000 auf 500.000, obwohl in derselben Zeit die Zahl der Bankautomaten von 100.000 auf 425.000 anwuchs. Der Ökonom James Bessen erklärt: „Bankautomaten erlauben es Banken, Zweigstellen kostengünstiger zu betreiben. Das führt zur Eröffnung vieler zusätzlicher Filialen, was den Jobverlust durch die Automatisierung kompensiert.“

Aus ähnlichen Gründen hat die elektronische Datenarchivierung und Auswertung nicht dazu geführt, dass Rechtsanwaltsgehilfen überflüssig geworden sind. Ihre Zahl ist von 85.000 im Jahre 1990 auf heute 280.000 angestiegen. Das Scannen von Strichcodes im Einzelhandel ist heute allgegenwärtig. Dennoch gibt es heute 3,2 Millionen Kassierer – 1990 waren es noch 2 Millionen.

„Neue Produkte und Dienstleistungen befördern neue Märkte und neue Bedürfnisse. Das Ergebnis sind neue und mehr Arbeitsstellen.“

All das verdeutlicht, warum die Horrorvision technologisch bedingter Massenarbeitslosigkeit den meisten Wirtschaftswissenschaftlern keine schlaflosen Nächte bereitet. Wenn Unternehmen automatisieren, um die Produktivität anzukurbeln, können sie die Preise herunterschrauben und mithin die Nachfrage für ihre Produkte steigern, wodurch im Gegenzug wiederum mehr Arbeiter erforderlich werden. Des Weiteren bedeuten die niedrigeren Preise, dass die Verbraucher das eingesparte Geld für andere Güter und Dienstleistungen ausgeben. Diese wachsende Nachfrage führt dann zu mehr Jobs in anderen Branchen. Neue Produkte und Dienstleistungen befördern neue Märkte und neue Bedürfnisse. Das Ergebnis sind neue und mehr Arbeitsstellen.

Man kann es auch so sehen: Der durchschnittliche amerikanische Arbeiter müsste heute nur 17 Wochen im Jahr arbeiten, um das Einkommen seines Gegenparts von vor 100 Jahren zu erreichen – das entspricht nach Autors Berechnungen etwa 10 Arbeitsstunden pro Woche. Die meisten Menschen ziehen es natürlich vor, mehr zu arbeiten, um sich den Luxus neuer Produkte und Dienstleistungen leisten zu können, etwa Kühlschränke, Klimaanlagen, Premiumversand, Smartphones, Flugreisen, Videospiele, Restaurantbesuche, Antibiotika oder Internet.

Wenn aber technologisch-bedingte Verbesserungen der Produktivität das Jobwachstum antreiben, warum geht die Zahl der Jobs in der amerikanischen Fertigungsbranche dann zurück? In einer kürzlich veröffentlichten Studie gelangte Bessen zu der Schlussfolgerung, dass vergleichsweise kleine Änderungen bei den Produktpreisen in ausgereiften Märkten keinen kompensierenden Anstieg bei der Verbrauchernachfrage hervorrufen. Dementsprechend führt die erhöhte Produktivität in relativ etablierten Branchen wie der Textil-, Stahl- und Automobilindustrie zu einer Reduzierung der Arbeitsstellen. In den letzten 20 Jahren erhöhte sich das Produktionsvolumen in den USA um 40 Prozent, während die Zahl der in dieser Branche arbeitenden Amerikaner von 17,3 Millionen im Jahr 1997 auf heute 12,3 Millionen fiel. Andererseits wird die fortschreitende Automatisierung und Computerisierung laut Bessen in anderen Branchen einen Bedarf an neuen Dienstleistungen schaffen. Der Ökonom sagt voraus, dass ein schnellerer technologischer Wandel in der Dienstleistungsbranche zu einer Beschleunigung des Jobwachstums führen wird.

„In den zehn Jahren, seit es Smartphones gibt, hat sich eine ‚App-Wirtschaft‘ entwickelt.“

In den zehn Jahren, seit es Smartphones gibt, hat sich etwa eine „App-Wirtschaft“ entwickelt. Diese beschäftigt heute 1,66 Millionen Amerikaner. In der Computer- und Videospielindustrie arbeiten laut dem amerikanischen Branchenverband 220.000 Menschen. Das Beratungsunternehmen IBISWorld schätzt, dass etwa 270.000 Amerikaner im Bereich des Web-Designs arbeiten. Die Biotechnology Innovation Organization berichtet, dass amerikanische Biowissenschaftsfirmen rund 1,66 Millionen Personen beschäftigen. Robert Cohen vom Thinktank Economic Strategy Institute, sagt voraus, dass Cloud-Speicherdienste bis zum Jahr 2025 drei Billionen US-Dollar erwirtschaften und acht Millionen neue Stellen schaffen werden.

2014 schätzte der Vorsitzende von Siemens USA, Eric Spiegel, dass es 50 Prozent der heutigen Berufe vor 25 Jahren noch nicht gab. Laut Spiegel gibt es 80 Prozent der Berufe, die Uni-Absolventen in Zukunft ausüben werden, heute noch nicht. Das scheint plausibel, wenn man bedenkt, was für neuartige Tätigkeiten entstehen werden, wenn sich das sogenannte Internet der Dinge und die Technologien der virtuellen und erweiterten Realität so entwickeln wie erwartet.

Ein Bericht des Amerikanischen Rates der Technologie CEOs schlägt ähnliche Töne an: Die „Produktionsdürre“ sei fast überwunden. In den letzten 15 Jahren, so die Autoren, habe das Produktivitätswachstum in der digitalen Industrie durchschnittlich 2,7 Prozent pro Jahr betragen, wohingegen die Produktivität der physischen Branchen jährlich nur um 0,7 Prozent zunahm. Die digitale Industrie beschäftige derzeit 25 Prozent der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft. „Die letzten 15 Jahre zeigen, dass mehr Technologie mehr Jobs und bessere Jobs hervorbringt“, so ein Co-Autor des Berichts.

„Die Elektrizität mag vielleicht etliche Arbeitsstellen vernichtet haben, aber unterm Strich schuf sie viel mehr.“

Der Bericht legt dar, dass das Informationszeitalter gerade erst begonnen hat. Mobile Technologien, Cloud-Speicherdienste, künstliche Intelligenz, Big Data, günstige und allgegenwärtige Sensoren, „Computer Vision“, virtuelle Realität, Roboter, 3D-basierte generative Fertigung und die neue Generation des kabellosen 5G-Netzwerks würden die traditionellen, technischen Branchen grundlegend verändern. Die Autoren sagen voraus, dass die Anwendung solcher Wissenstechnologien in den physischen Industrien das Wirtschaftswachstum der USA in den nächsten 15 Jahren von derzeit jährlich 2 Prozent auf 2,7 Prozent anheben wird. Das bedeute, dass die Jahreswirtschaftsleistung bis 2031 um 2,7 Billionen US-Dollar gesteigert würde und amerikanische Löhne zusammengenommen um 8,6 Billionen US-Dollar anwachsen würden. Das wiederum heißt, dass das Pro-Kopf-BIP von derzeit 52.000 auf 72.000 US-Dollar steigen würde.

Die unbekannte Zukunft

„Die Elektrifizierung hat Unternehmen, die Gesamtwirtschaft, gesellschaftliche Institutionen und individuelle Leben in einem erstaunlichen Maße verwandelt – und das auf eine Art und Weise, die überwiegend positiv war“, schreibt Martin Ford in seinem Buch „Rise of the Robots“ (Aufstieg der Roboter). Aber warum betrauert Ford nicht all die Jobs, die aufgrund der Elektrifizierung verloren gegangen sind? Die Haushaltshilfe, die durch Staubsauger und Geschirrspüler ersetzt wurde? Die Feuerholzhändler? Die Kerzenmacher? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Elektrizität mag vielleicht etliche Arbeitsstellen vernichtet haben, aber unterm Strich schuf sie viel mehr. Bei Entwicklungen in der Informationstechnologie wird es ähnlich sein.

Man stelle sich eine zeitreisende Wirtschaftswissenschaftlerin vor, die ins Jahr 1900 zurückgeht und auf Thomas Edison, Henry Ford und John D. Rockefeller trifft. Sie informiert diese Titanen, dass im Jahr 2017 nur noch 14 Prozent der amerikanischen Arbeiter in Landwirtschaft, Bergbau, Bauwesen und Fertigung angestellt sein werden (1900 waren es noch ca. 70 Prozent). Dann fragt sie das Trio: „Was, glauben Sie, werden die übrigen 56 Prozent der Arbeiter machen?“

Sie würden keine Antwort wissen. Genau wie wir nicht sagen können, welche Tätigkeiten die Arbeiter gegen Ende des 21. Jahrhunderts verrichten werden. Aber das ist kein Grund zu der Annahme, dass es diese Tätigkeiten nicht geben wird.

„Ich kann nicht sagen, wie Menschen in 100 Jahren ihren Lebensunterhalt verdienen werden“, sagte David Autor letztes Jahr. „Aber die Zukunft hängt nicht von meinem Vorstellungsvermögen ab.“ Panikmacher wie Martin Ford sehen die Jobs, die womöglich durch neue Technologien verloren gehen werden. Sie erkennen nicht, dass Menschen diese Technologien nutzen werden, um Millionen von Tätigkeiten zu schaffen, von denen wir heute noch nicht einmal träumen.