01.04.2001

Wer liest was warum?

Rezensionen von Georg Batz

Bernulf Kanitscheider ist neben Gerhard Vollmer einer der wenigen deutschen Philosophen, die auf Grund ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften nicht wie die meisten ihrer Kollegen ignorieren, sondern sie auf philosophische Probleme anwenden. Mit seiner Lebensgefährtin hat er ein hervorragendes Plädoyer für eine zeitgenössische epikureisch-hedonistische Weltauffassung verfasst. Nach einem historischen Überblick, der von Aristipp über Epikur und die Wiederentdeckung des Epikureismus in Renaissance und Aufklärung bis ins 20. Jahrhundert (Russell etc.) führt, erläutert er ausführlich die naturalistischen Fundamente einer von Lust und Freude geprägten Weltsicht, die psychologische Basis des Lustempfindens, den physiologischen Unterbau des Erlebens, die Chemie der Gefühle, die evolutionären Determinanten des Luststrebens, die Stolpersteine für den Eros (Bi- und Homoerotik, Liebe, Besitz und Eifersucht), aber auch die Möglichkeit bewusstseinserweiternder Drogen (für deren Freigabe er plädiert), psychoaktiver Pflanzen und liebessteigernder Mittel, und er wagt sogar einen Ausblick auf ein hedonistisches Leben mit virtueller Realität. Das abschließende Kapitel widmet sich dem Verhalten des als puren Egoisten verschrieenen Hedonisten zu seinen Mitmenschen, ohne die er kaum Lustgefühle durchleben kann. Dass die Freiheit uns nicht geschenkt wird, sondern man sie sich erkämpfen muss, darauf weist er in seinem Ausblick hin. Und so schließt er denn mit seinem Geistesverwandten Heinrich Heine: ”Schlage die Trommel und fürchte Dich nicht und küsse die Marketenderin”.


Bettina Dessau / Bernulf Kanitscheider: Von Lust und Freude. Gedanken zu einer hedonistischen Lebensorientierung, Insel-Verlag, Frankfurt a.M. und Leipzig 2000, ISBN 3458342583, 295S. (TB), DM 19,90


Dawkins Bücher sind immer ein Genuss. Sein letztes Buch Der Gipfel des Unwahrscheinlichen wies nach, dass die Entstehung des Lebens und natürlich auch die des Menschen keineswegs ein so unwahrscheinlicher Glücks- und Zufall war oder gar auf eine göttliche Fügung zurückgeführt werden müsste. Dawkins ist die moderne ”Bulldogge Darwins” und lässt in keinem seiner Bücher einen Zweifel daran, dass Charles Darwin Recht hatte, dass die Evolution ein natürlicher Vorgang ist, durch Milliarden Fakten untermauert und keinesfalls eine bloße ”Theorie”. So auch in dem neuen Buch, wo er sich gegen eine Reihe sehr unterschiedlicher Gegner zur Wehr setzt: religiöse Fundamentalisten, Esoteriker, die Aberglauben als Wissenschaft ausgeben, rechte wie linke Kritiker der Evolutionstheorie, die die Ergebnisse dieser Wissenschaft, die nicht in ihr Weltbild passen, auch nicht akzeptieren und anerkennen wollen, sondern ständig in Frage stellen. Besonders das Kapitel ”Märchen, Geister, Sterndeuter” zeigt an Dutzenden von Beispielen, was in den modernen Medien alles möglich ist, welchen Unsinn Menschen bereit sind zu glauben. Das Buch ist ein Aufruf zur Skepsis, aber auch durch seine vielfältigen Einstreuungen englischsprachiger Dichterzitate (von John Keats bis Emily Dickinson) ein Nachweis, dass der Zauber des Regenbogens durch die moderne Naturwissenschaft keineswegs zerstört worden ist. Das Wunderbare ist laut Dawkins nicht weniger wunderbar, wenn man es erklären kann.


Richard Dawkins: Der entzauberte Regenbogen. Wissenschaft, Aberglaube und die Kraft der Phantasie, Rowohlt-Verlag, Reinbek 2000, ISBN 3498013122, 416S. (geb.), DM 48


”The Libertarian Manifesto” liegt jetzt endlich in Deutsch vor. Von Murray Rothbard gab es bislang so gut wie nichts in deutscher Übersetzung, obwohl er bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren einer der wichtigsten freiheitlichen, eben libertären Denker der USA war. Das Buch geht zwar von amerikanischen Verhältnissen aus, lässt sich aber guten Gewissens auch auf jeden anderen Staat übertragen. Rothbard, anerkannter Ökonom der österreichischen Schule der Nationalökonomie, der sich vor allem auf den jüdischen Emigranten Ludwig von Mises bezieht, ist zudem ausgewiesener Finanzwissenschaftler. Er richtet sich gegen jede Form staatlicher Zwangsdienste (Wehr- und Zivildienst), auch gegen Zwangsbildung (Abschaffung der Schulpflicht), gegen einen verlogenen Wohlfahrtsstaat, der, wie Rothbard an vielen Beispielen nachweist, vornehmlich den Reichen dient und nicht den Armen, die durch ihre direkten und indirekten Steuern die Reichen subventionieren, aber auch gegen staatliche Einmischung in die Wirtschaft überhaupt. Anarcho-Kapitalismus nennt man diese Richtung der Anarchie im Gegensatz zum kollektivistischen Anarchismus. Rothbard entwickelt in dem Buch auch Lösungsvorschläge, wie man innere und äußere Sicherheit, aber auch das gesamte Justizwesen ohne Staat von der Gesellschaft aus organisieren kann. Es sind gerade die drei Bereiche, in denen erfahrungsgemäß die meisten Einwände gegen den Anarchismus erhoben werden. Viele seiner Vorschläge klingen sicher abenteuerlich und utopisch, aber das war die Forderung nach Abschaffung der Sklaverei vor 1866 in den USA für die meisten Schwarzen auch.


Murray Rothbard: Eine neue Freiheit. Das libertäre Manifest, S.P. Kopp-Verlag, ISBN 3933631084, Berlin 1999, DM 24,80


Ein Kalendarium über Märtyrer, die von den Kirchen umgebracht worden sind, hat Rainer Schepper, bekannt durch eine Reihe kirchenkritischer historischer Schriften, in jahrelanger Fleißarbeit zusammengestellt. Schepper setzt mit seinem umfangreichen Werk den Opfern christlich-kirchlicher Mordlust eine Gedenk- und Ehrentafel. Er verdeutlicht anhand von Fotos grässlicher Folter- und Mordinstrumente, mit welcher Niedertracht die von christlicher Liebe getragenen Ketzerjäger ihre hilflosen und unschuldigen Opfer quälten und folterten. Ein solches Werk war längst überfällig.


Rainer Schepper: Das ist Christentum. Informationen aus zweitausend Jahren Geschichte, Angelika-Lenz-Verlag, Neustadt a.R. 1999, ISBN 3933037115, 614S.
(TB), DM 69,80