01.09.2000

Wer liest was warum?

Kommentar von Ingo Schramm

Ingo Schramm liest,empfiehlt und rät ab.

Zizeks Vorstoß
Coke Light, Hitchcock, James Bond, die Stalinschen Schauprozesse, der Kosovo-Krieg, Medea, die moralische Integrität des Papstes und der Y2K-Bug, das sind nur einige Eckpunkte des Denkens von Slavoj Zizek. Wie niemand derzeit analysiert und kritisiert der slowenische Philosoph die Paranoia der postmodernen Vernunft. Dabei scheut er sich nicht, dem Konsens der publizierten Meinung offen ins Gesicht zu lachen. Die große Bedeutung seines Werks liegt in der Betonung des Politischen.
Die Ideologie der Globalisierung behauptet die Machtlosigkeit der Politik und unterstützt damit die Entpolitisierung der Gesellschaft. Das Ergebnis ist Stagnation im Status Quo, die Festschreibung des Anachronismus durch verzweifelte Scheinreformen. Politik heißt vor allem, Alternativen schaffen, nicht nur, zwischen vorgefundenen Alternativen entscheiden. Genau in diesem Sinn ist die gesamte politische Klasse des Westens entpolitisiert. Der sklavischen Ergebenheit in den Ist-Zustand eines Kapitalismus, der alle Lebensbereiche der Totalität des ökonomischen Kalküls unterwerfen will, setzt Slavoj Zizek die Wiederentdeckung der Politik entgegen.
Politik ist nicht moralisch, wenn sie Moral durchsetzen will – dann verkommt sie zum Fundamentalismus –, Politik ist moralisch, wenn sie konsequent politisch ist. Politisch und moralisch sind Handlungen, die echte Alternativen entscheiden. Das meint nicht, sich in virtuellen Wahlen wie der zwischen Hugo Boss und Armani oder der zwischen CDU und SPD zu erschöpfen. Wenn Zizek am Ende seines neuen Buchs Das fragile Absolute provokant die Lenin-Frage “Was tun?” aufwirft, dann spricht er von einem Tun, das nicht auf eine Alternative im, sondern auf die Alternative zum Zustand, wie er ist, zielt, und das erst dadurch zum wirklich politischen wird. Zizek geht es nicht nur um Freiheit, sondern um Befreiung.


Slavoj Zizek: Die Nacht der Welt. Psychoanalyse und Deutscher Idealismus, ISBN 3596142598, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1998, 224 S., DM 24,90
Liebe deinen Nächsten? Nein, Danke! Die Sackgasse des Sozialen in der Postmoderne, ISBN 3353011560,Verlag Volk&Welt, Berlin 1999, 286 S. (geb.), DM 42
Das fragile Absolute. Warum es sich lohnt, das christliche Erbe zu verteidigen, ISBN 3353011811, Verlag Volk&Welt, Berlin 2000, 224 S. (geb.), DM 38
 

Die Shell-Welt

Die Gesellschaft, der Slavoj Zizek seine scharfsinnigen Analysen unterzieht, ist vor allem durch materiellen Fetischismus gekennzeichnet. Metaphysische Kategorien haben vollkommen ausgedient, nur das unmittelbar dem Warenstrom Integrierbare hat Bedeutung. Der Mensch reduziert sich zum Objekt auf dem Stellenmarkt, zum Repräsentanten einer Produktlinie oder auch nur zum Aushängeschild für Markennamen.
Das moderne Subjekt ist für die Erringung möglichst vieler materieller Ressourcen zu jeder Selbsterniedrigung bereit. Es definiert sich zuerst über seine Stellung in der ökonomischen Hierarchie, die alle anderen Hierarchien wie etwa die von Stand, Klasse, Nation oder Religion relativiert.
Davon zeugen nicht nur Zlatko und Stuckrad-Barre, sondern auch die jüngste Shell Jugendstudie. Sie zeigt, wie sehr die allerorten angemahnte “Flexibilität” des Einzelnen bereits Realität geworden ist. Das Bemerkenswerteste an dieser Studie ist die durch Vergleich mit dem eigenen Verhalten leicht zu gewinnende Erkenntnis, dass wir Erwachsenen gar nicht so viel anders sind als die Jugendlichen. Offenbar sind es vor allem Bedingungen jenseits des Lebensalters, die uns bestimmen.



Deutsche Shell (Hg.): Jugend 2000. 13. Shell Jugendstudie, ISBN 3810025798, Verlag Leske + Budrich, Opladen 2000, zwei Bde., 891 S., DM 29,80

 

Staffels Suche nach der Utopie

Heimat ist, worin noch niemand war, und was allen in die Kindheit scheint. An diesem Gedanken von Ernst Bloch entlang schrieb Tim Staffel seine Road-Novel Heimweh. Marvin, Tizian und Cem sind unterwegs auf der Suche nach dem irdischen Paradies, das für jeden von ihnen anders aussehen soll; für Tizian zum Beispiel ist nur Ayla, die verschwundene Frau, eine gültige Heimat. Die verbindliche Utopie gibt es nicht. Was die drei Glückssucher eint, ist ihre existenzielle Heimatlosigkeit in der Welt. Hier sind sie Aliens, die von vornherein Ausgeschlossenen.
Bemerkenswert ist, dass Staffel von Blochs Sentenz den Halbsatz mit der Kindheit weggelassen hat. Der Autor entstammt einer Generationen, der nichts in die Kindheit scheint. Das gelobte Land hat es nie gegeben und auch die Zukunft scheint gültig verbaut zu sein. Die Reise führt von Deutschland über den kriegsverheerten Balkan und findet in Istanbul ihr Ende, ohne ans Ziel gekommen zu sein. Zum Schluss des Romans wird Cem, der Engel, bei lebendigem Leib verbrannt.



Tim Staffel: Heimweh, ISBN 3353011625, Verlag Volk&Welt, Berlin 2000, 253 S. (geb.), DM 32