01.03.2000

Wer liest was warum

Max Goldt: Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine. Von Burkhard Müller-Ullrich

Da ich fürs Schreiben bezahlt werde und nicht fürs Lesen, vermeide ich es, meine Zeit mit Lektüre zu verplempern. Deswegen bin ich für Buchempfehlungen eigentlich der Falsche. Ich wusste lange Zeit nicht mal, dass es einen Schriftsteller gibt, der mir sehr gut gefällt. Das ist freilich sehr unglücklich und dumm ausgedrückt, denn ich habe mitnichten Gefallen an dem Schriftsteller (ich kenne ihn nicht mal und weiß nicht, wie er aussieht), sondern an seinen Schriften, und zweitens vergaß ich zu erwähnen, dass es um lebende Schriftsteller geht. Tote Schriftsteller liebe ich ‘ne Menge: zum Beispiel Tucholsky, der so lustig zu erzählen weiß, dass man die Pointen gar nicht kommen sieht.


Bei Max Goldt ist das ganz anders: Da kullern die Pointen schockweise* aus dem Buch Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine heraus, weil der Autor so viele davon eingestreut und weil er sie nur ganz leicht festgemacht hat. Darin besteht nämlich, um einmal etwas Vollmundiges zu sagen, der große Unterschied zwischen dem schriftstellerischen und jedem anderen Handwerk: Beim Schreiben kommt es darauf an, die Sachen nur ganz leicht festzumachen. Das tut Goldt. Und statt ihn wegen Pfusches zu verklagen und mit Schadenersatzforderungen wegen loser Pointen zu belangen, empfehle ich, sich daran zu erfreuen. Freude zu bereiten gehört zu Goldts (4 Konsonanten, wow!) offenkundigen Absichten. Deswegen schrieb er seine Kolumnen, wie die generische Bezeichnung dieser 63 Aufsätze lautet, ursprünglich für eine der Spaßerzeugung dienende Zeitschrift namens Titanic. Er fand seine Texte dann aber immerhin so okay, dass er sich nicht völlig dagegen sträubte, sie nochmal in Buchform gedruckt zu sehen. Und nochmal und nochmal. Die hier vorgestellte Mutter-Ausgabe ist bereits ein Sammelband aus früher erschienenen Sammelbänden, die so ergonomische und stratosphärische Titel tragen wie: Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau oder Die Kugeln in unseren Köpfen oder Ä.


Nun, das reicht bereits als Test. Denn es gibt sicherlich Mitmenschen (um das nach Zigarren und Zigaretten riechende Wort ”Zeitgenossen” zu vermeiden), die weder Tucholsky noch Goldt noch die ”Streiflichter” der Süddeutschen Zeitung auch nur im Geringsten zum Lachen finden. Sie werden schon bei solchen Titeln wie ”Die Mitgeschleppten im Badezimmer” oder ”Eine Wolke, auf der man keinen Husten bekommt” finster blicken und durch ihre zusammengekniffenen Nasenlöcher zischend Luft entweichen lassen. Andere aber wittern außerordentlich zarte Disgressionsdichtungen voller sprachlicher Grillen und ekstatischer Erkenntnisse und rollen sich bei sowas vor Lachen auf dem Laminat – um eine Goldtsche (6 Konsonanten, ey!) Formulierung zu zitieren.
Wie stets, wenn es um Komik geht, kommt jetzt der Soundso daher und findet diese Erzählungen ”eigentlich unsäglich traurig”. Im Grunde genommen, sagt der Soundso, spiegelt Goldt mit seinen anekdotenhaften Schnurrpfeifereien doch die erbärmliche Mickrigkeit unseres Daseins. Im Grunde genommen stimmt das total, aber ich bin nicht dieser Meinung, weil: 1. Was heißt hier ”unser” Dasein?, und 2. kommt es mir auf den Inhalt gar nicht so sehr an, solange einer bloß toll schreibt. Wie die Welt und die Menschen sind, das weiß ich, das haut mich nicht um. Aber wenn einer solche Wörter, Bilder, Einfälle hat wie Max Goldt, dann höre ich Glocken und kenne meine Mutter nicht mehr. (Ja, geschenkt, das ist von Brecht. Schlagt’s ruhig nach!)


Das Frohmachende an diesen Texten kommt aber nicht bloß von der blitzbizarren Intelligenzartistik mitsamt der dazugehörenden Wahrnehmungsvirtuosität, sondern auch von einer fast seelsorgerischen Freundlichkeit des Ausdrucks, einer an Robert Walser erinnernden Demut gegenüber den kruden Alltagsausprägungen der Existenz. Hmm. Und was ist mit dem jäh-irren, dem sprunghaft-assoziativen, genial-labyrinthischen Gedankenduktus dieses Schriftstellers? Wollen wir den nicht auch erwähnen? Doch, ist hiermit geschehen.
Max Goldt ist ein Ein-Mann-Orchester. Er erzeugt mit wenigen Zeilen ein ziemliches Stimmengewirr, das er dann souverän moderiert. Und mit neiderregender Regelmäßigkeit und in neiderregender Dichte schreibt er Sätze von so neiderregender Klugheit und neiderregender Schönheit, dass man schon ein sehr großes Herz haben muss, um nicht von Eifersucht zerfressen zu werden. Letzteres betrifft aber nur die ebenso kleine wie furchtbare Schar der Selberschreibenden, der ich alter Hase nur dringend empfehlen kann, es beim Schreiben zu belassen und nicht auch noch zu lesen. Wer diesen Hasen-Rat missachtet, ist verloren und dazu verdammt, sein klägliches Restleben lang Pasticcios im Goldt-Sound zu verfassen.

* Schock: Früheres norddeutsches Zählmaß, entspricht 60 Stück; begrifflich nicht verwandt mit ”Schokolade”.