01.01.2000

Wer liest was warum

Dirk Maxeiner und Michael Miersch lesen, empfehlen und raten ab.

Das amerikanische Multitalent Stewart Brand will – zusammen mit einer interdisziplinären Schar von Wissenschaftlern und Künstlern – eine ganz besondere Uhr erschaffen, The Clock of the Long Now, und hat dazu ein gleichnamiges Buch geschrieben. Diese Uhr für das ”lange Jetzt” soll einmal zum Jahreswechsel ticken, zu einem neuen Jahrhundert läuten, zu einem neuen Jahrtausend ”Kuckuck” rufen. Und sie soll zehntausend Jahre funktionieren. Wobei sich sofort Fragen aufdrängen: Welche Institution könnte beispielsweise 10.000 Jahre auf die Uhr aufpassen? Schließlich hat kein großes Reich und keine Macht jemals eine solche Zeit überdauert. Womit wir zum Kern des Buches kommen: Um die verrückte Uhr entspinnt sich eine faszinierende Diskussion über unsere Zukunft. Eine Erbauung für jene, die von den handelsüblichen Mahnern und Warnern nur noch genervt sind.


Stewart Brand: The Clock of The Long Now. Time and Responsibility, Basic Books, New York 1999, 176 S., DM 41,64


Arbeiten wie bei Honecker, leben wie bei Kohl ist ein gutes Beispiel dafür, dass man Bücher nicht nach dem Titel kaufen sollte. Er hört sich an wie tumbes Ossi-Bashing, steht aber auf einem höchst lesenswerten Buch. Autor Thomas Roethe beschreibt das psychosoziale Fundament der DDR als heimlichen Gesellschaftsvertrag zwischen Parteibonzen und Volk: Ihr laßt uns in Ruhe, dafür lassen wir euch in Ruhe. Wer schön linientreu und brav war, konnte sich ein behagliches Leben machen, in dem Leistung nur eine periphere Rolle spielte. Das Land verfiel, aber man hatte es gemütlich. Daher, so der Autor, reagieren DDR-sozialisierte Menschen mit Angst oder Aggression auf ein neues Gesellschaftssystem, das (zumindest idealtypisch) von Leistung, Selbstverantwortung und Eigeninitiative lebt. Der so entstehende Frust spült die PDS und rechte Dumpfbacken nach oben. Derweil versickern die über eintausend Milliarden Steuermittel, die der Aubau-Ost inzwischen gekostet hat. Die Wirkung ist mickrig: 52 Prozent davon werden konsumtiv verbraucht.


Thomas Roethe: Arbeiten wie bei Honecker, leben wie bei Kohl. Ein Plädoyer für das Ende der Schonfrist, Eichborn Verlag, Frankfurt 1999, 189 S., DM 29,80


Ein Milliardengrab, das den neuen Bundesländern kaum nachsteht, ist bekanntermaßen die Europäische Union. In ihrem Verordnungswahn haben sich die Eurokraten den Verbraucherinteressen längst völlig entfremdet. Die Konsequenz daraus sind nicht nur gigantische Fehlinvestitionen, sondern auch eine völlig verfehlte Landwirtschaftspolitik. Bananen für Brüssel ist ein aufklärerisches Buch über aberwitzige Subventionitis und Ineffizienz. Der Leser kommt aus dem Kopfschütteln gar nicht heraus.


Volker Angres / Claus-Peter Hutter / Lutz Ribbe: Bananen für Brüssel. Von Lobbyisten, Geldvernichtern und Subventionsbetrügern, Verlag Droemer, München 1999, 318 S., DM 39,90


Vielleicht sollte man einen Teil der verschwendeten Milliarden dazu verwenden, um unter den Beamten das neueste Werk des radikalliberalen Roland Baader zu verbreiten. Er hat ein empfehlenswertes Lexikon der Öko-Irrtümer geschrieben, es geht jedoch nicht um ökologische, sondern um ökonomische Fehlurteile. Das Buch trägt den etwas pathetischen Titel Die belogene Generation. Wobei wir auch gleich bei Baaders Schwachstelle wären. Ein bißchen Humor und ein Funken Ironie hätten dem Buch gut getan. Doch Baader fällt in einen Predigerduktus, den man ansonsten eher von links gewöhnt ist. Dennoch: Der beste Schnellkurs in Sachen Kapitalismus, den wir kennen. Den ganzen Quatsch von der bösen Globalisierung, vom Ende der Arbeit, vom bösen Neoliberalismus und was an sozialromatischer Gesinnungsprosa sonst noch durch die Gazetten geistert, nimmt Baader überzeugend auseinander.


Roland Baader: Die belogene Generation. Politisch manipuliert statt zukunftsfähig informiert, Resch Verlag, Innsbruck 1999, 220 S., DM 28


Mit dem Thema Quatsch beschäftigt sich auch das Buch Eleganter Unsinn von Alan Sokal und Jean Bricmont, allerdings geht es hierbei um Quatsch auf höchster geistiger Ebene. Die Autoren haben sich die Meisterdenker der Postmoderne vorgeknöpft. Etwas trocken, aber auch für Laien verständlich weisen sie nach, dass Jean Baudrillard, Paul Virilio und Co. zwar ständig mit einschüchternden, naturwissenschaftlichen Fachbegriffen wie ”Quantenfeldtheorie” oder ”Differentialgeometrie” um sich werfen, aber offenbar nie im Lexikon nachschlagen, was diese schlauen Wörter eigentlich bedeuten. Unter dem Seziermesser von Sokal und Bricmont bleibt von den schwerintellektuellen Wortkaskaden der flotten Franzosen wenig übrig. Besonders schön ist übrigens die Entstehungsgeschichte dieses Buches: Sie begann mit einem scherzhaften Experiment Sokals. Er bot der kulturwissenschaftlichen US-Zeitschrift Social Text einen völlig sinnfreien Aufsatz an, der sich postmoderner Schlagworte und Metaphern bediente. Titel: ”Die Grenzen überschreiten: auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation”. Die Redaktion von Social Text war schwer beeindruckt und der fußnotenreiche Fake kam ins Blatt.


Alan Sokal, Jean Bricmont: Eleganter Unsinn. Wie Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen, C.H. Beck Verlag, München 1999, 330 S., DM 39,80


Ebenso allwissend wie mancher postmoderne Schwurbel kommt ein Buch von Mark Hertsgaard daher: Expedition ans Ende der Welt. Es steht in einer Reihe mit der alarmistischen Erbauungsliteratur von Paul Ehrlich bis Al Gore. Hertsgaard besuchte viele Länder, um das nötige Lokalkolorit für die düsteren Einleitungen seiner abgestandenen Thesen zu sammeln. Munter bedient er sich aus dem Gruselfundus wackeliger Hypothesen wie ”Rückgang der menschlichen Fruchtbarkeit” oder ”Klimakatastrophe” und verleiht ihnen mit dem Stilmittel der Reportage vermeintliche Authentizität. Doch in Wirklichkeit hat er einfach nur die üblichen Untergangspropheten befragt und das so gewonnene Weltbild seinen Reiseerlebnissen übergestülpt. Zwar gelangt Hertsgaard zur richtigen Diagnose: Das größte Umweltproblem ist die Armut. Doch sein Therapievorschlag erschöpft sich in dem alten wachstums- und fortschrittsfeindlichen Lied vom Verzicht. Wir schlagen vor, in diesem Sinne auf Hertsgaards Buch zu verzichten.


Mark Hertsgaard: Expedition ans Ende der Welt. Auf der Suche nach unserer Zukunft, S.Fischer Verlag, Frankfurt 1999, 520 S., DM 49,80