01.03.2005

Weniger schwere Fehlbildungen durch Gentech-Mais

Analyse von Drew Kershen und Bruce Chassy

Zulassungsbehörden sollten überall den Anbau von Bt-Mais empfehlen.

Zu Beginn der 90er-Jahre litten 33 von 10.000 Neugeborene hispanischer Mütter in der Region Rio Grande in Texas unter Neuralrohrdefekten (NTD), die somit sechsmal so häufig auftraten wie im Durchschnitt der Vereinigten Staaten. Zu den Neuralrohrdefekten zählen der Offene Rücken (Spina bifida), der Wasserkopf (Hydrocephalus) und die Anenzephalie, ein schwerer Defekt, der sich durch das weitgehende Fehlen des Gehirns auszeichnet. Die meisten von NTD betroffenen Kinder sterben bereits vor der Geburt, die Überlebenden sind in der Regel schwer behindert. Während der frühen 90er-Jahre waren insgesamt 184 Frauen und ihre Babys von diesem Schicksal betroffen.

Die genauen Ursachen für diese hohe Rate von NTD blieben ein Rätsel, bis vor kurzem Forschungsarbeiten einen überraschenden Zusammenhang ans Licht brachten: Studien aus China, Guatemala, Südafrika und den USA zeigten eine klare Verbindung zwischen dem Verzehr von unverarbeitetem Mais und NTD. Unverarbeiteter Mais findet sich unter anderem in Tortillas und anderen Vollkorn-Maisprodukten. Die Studie in Guatemala (Acevedo, 2004) zeigte, dass die Rate von NTD-Fällen in vier ländlichen Gebieten, wo von den Frauen viel unverarbeiteter Mais gegessen wird, sechsmal so hoch lag wie der weltweite Durchschnitt (34,29 auf 10.000 Lebendgeburten).

Was könnte die Ursache für diesen Zusammenhang sein? Laut einer Studie, die im Journal of Nutrition veröffentlicht wurde (Marasas, April 2004), ist das Schimmelpilzgift Fumonisin wahrscheinlich der Übeltäter.[1] In der Zeit, als NTD im Rio-Grande-Tal besonders häufig auftrat, war die Fumonisinbelastung im Mais zwei- bis dreimal so hoch wie im Normalfall. Die Frauen gaben außerdem an, sehr viel mehr selbstgemachte Tortillas zu essen als der Durchschnitt. Schimmelpilzgifte wie Fumonisin sind hochtoxische Verbindungen. Wenn Mais durch Insektenfraß beschädigt wird, kann der Pilz der Gattung Fusarium an den betroffenen Stellen wachsen und das Gift produzieren. Zudem können schlechte Lagerbedingungen dafür sorgen, dass auch nach der Ernte Schimmelpilze gedeihen können.

„Gentechnisch veränderter Mais, der gegen den Maiszünsler und andere Schadinsekten resistent ist, weist eine sehr viel geringere Fumonisinbelastung auf.“

Blockade von Folsäure

Die Studie vom April 2004 zeigte noch einen weiteren wichtigen Zusammenhang: Die Forscher stellten fest, dass Fumonisin die Aufnahme von Folsäure in die Zellen hemmt. Durch die Nahrung oder als Nahrungsergänzung aufgenommene Folsäure ist in der Schwangerschaft jedoch besonders wichtig, da sie das Risiko für NTD verringert. Wird die Aufnahme von Folsäure durch das Fumonisin gehemmt, steigt bei Frauen, die viel unverarbeiteten kontaminierten Mais essen, das Risiko entsprechend an, selbst wenn sie ausreichend Folsäure zu sich nehmen.

Doch der Pilzbefall lässt sich deutlich reduzieren. Untersuchungen in Argentinien, Frankreich, Italien, Spanien, der Türkei und den USA haben ergeben, dass gentechnisch veränderter Mais, der gegen den Maiszünsler und andere Schadinsekten resistent ist, eine sehr viel geringere Fumonisinbelastung aufweist. Diese gegen Insekten geschützten Sorten enthalten ein Protein aus dem verbreiteten Bodenbakterium Bacillus thuringiensis (Bt). In der Natur tötet dieses Bakterium bestimmte Insektenlarven, ist jedoch für andere Insekten und Tiere sowie Menschen harmlos. Bt-Präparate werden seit vielen Jahren in der Landwirtschaft verwendet und zählen zu den wenigen Insektiziden, die auch im ökologischen Landbau zugelassen sind. Dieses Wissen haben sich Pflanzenzüchter zunutze gemacht und das Gen für das entsprechende Protein direkt in die Pflanzen eingebaut, damit diese sich selbst gegen Insektenbefall schützen können. Die so entstandenen Sorten werden als Bt-Mais bezeichnet und weisen bei der Ernte sehr geringe Fumonisinbelastungen auf, die oft nur bei einem Zehntel oder Zwanzigstel dessen von Pflanzen aus herkömmlichem oder ökologischem Anbau liegen.[2]
Die US-Zulassungsbehörde (FDA) und die Europäische Kommission haben Richtlinien für maximale Fumonisinbelastung in Nahrungs- und Futtermitteln aus Mais festgelegt. Auch als der Zusammenhang mit NTD noch nicht bekannt war, wurde Fumonisin wegen seiner krebserregenden Wirkung bereits als hochtoxisch eingestuft. Während stark verarbeitete Produkte wie Maisstärke oder Maisöl kaum mit Fumonisin kontaminiert sind, können bei gar nicht oder nur geringfügig verarbeitetem Mais die empfohlenen Grenzwerte überschritten werden.

„Frauen im gebärfähigen Alter sollten nicht von Gentechnikgegnern dazu verleiten lassen, ein höheres Risiko für NTD einzugehen.“

Getestete Maisprodukte

Die britische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat im September 2003 sechs ökologische und 20 konventionelle Maisprodukte in Hinblick auf ihre Fumonisinbelastung getestet. Dabei lagen die Werte der Produkte aus ökologischem Anbau beim Neun- bis Vierzigfachen der empfohlenen Grenzwerte. Alle sechs wurden freiwillig aus dem Handel gezogen.
Die Maiskörner gentechnisch verbesserter Bt-Sorten werden seltener von Insekten beschädigt, die Wahrscheinlichkeit des Pilzbefalls damit deutlich reduziert. Dieser gesundheitliche Vorteil kommt zu den bereits bekannten Vorteilen für Bauern und Verbraucher hinzu. Landwirte erreichen mit Bt-Mais höhere Erträge und haben geringe Arbeitskosten. Auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln konnte reduziert werden. Durch diese höhere Effizienz bleiben die Kosten für die Verbraucher niedrig.

Offizielle Empfehlung?

Angesichts dieser Ergebnisse sollten vielleicht die Zulassungsbehörden überall den Anbau von Bt-Mais empfehlen. Leider schrecken Bauern oft vor dem Anbau zurück. Denn bekanntlich haben Gegner der landwirtschaftlichen Biotechnologie Bt-Mais effektiv in Verruf gebracht. Dabei haben die Sorten umfassende Sicherheitstests durch die Zulassungsbehörden vieler Länder bestanden, und es herrscht unter Wissenschaftlern Einigkeit, dass von ihnen keine Gefahren ausgehen. Diese Fakten werden von den Gegnern mutwillig ignoriert, stattdessen werden haltlose Schauergeschichten verbreitet.
Verständlicherweise lassen sich auch einige Verbraucher verunsichern und kaufen lieber keine Lebensmittel aus gentechnisch verbesserten Pflanzen. Auch einige Politiker versuchen, den Anbau dieser Sorten in unangemessener Weise zu behindern. So wird auf nicht existente Risiken reagiert, während tatsächliche wie Schimmelpilzgifte keine Beachtung finden, was insgesamt Schaden und Leid verursacht, was verhindert werden könnte und sollte. Junge Frauen essen in der Hoffnung, das Beste für sich und eventuellen Nachwuchs zu tun, Ökoprodukte, während Bt-Mais für sie gesünder und auch noch preiswerter wäre – wenn ihnen überhaupt die Wahl bleibt. Frauen im gebärfähigen Alter sollten nicht von Gentechnikgegnern dazu verleiten lassen, ein höheres Risiko für NTD einzugehen. Izelle Theunissen vom Medical Research Council in Südafrika sagte hierzu: „Trotz der aktuellen Debatten um ‚Genfood’ scheint es, dass Bt-Mais beträchtlich dazu beitragen kann, die Fumonisinbelastung von Mais zu senken, was schließlich, vor allem auch in Afrika, die Qualität und Sicherheit entsprechender Nahrungs- und Futtermittel deutlich erhöhen würde.“

Missachtung wesentlicher Risiken

Während sich unter dem Druck der Gegner der grünen Gentechnik unsere Aufmerksamkeit und die Forschungsgelder auf die Überregulierung des Anbaus transgener Getreidepflanzen konzentrieren, scheint es, als ob die wesentlichen Risiken ignoriert werden. Wir wissen, dass im Hinblick auf die Ernährung in den USA Fettleibigkeit, geringer Nährwert von Lebensmitteln, die mögliche Kontamination mit Krankheitserregern und die unbemerkte Belastung mit natürlichen Giftstoffen wie Fumonisin die größten Probleme darstellen. Viele glauben, ökologische Produkte seien gesünder, doch das ist nicht der Fall. Wie das Beispiel der zurückgerufenen Öko-Maisprodukte zeigte, können sie durchaus auch manchmal weniger gesund sein. Ökoprodukte sind nicht die Antwort auf die uns bekannten Ernährungsprobleme. Vielleicht wird eine Schadensersatzklage gegen Hersteller von mit Fumonisin belasteten Produkten etwas gegen die unverantwortliche Opposition gegen die Pflanzenbiotechnologie bewirken. Werden am Ende die Gerichte der Ort sein, an dem über Fakten und Märchen im Hinblick auf die Gentechnik entschieden wird?
 

Transgene Pflanzen erobern den Weltmarkt
Seit den ersten kommerziellen Anbauten transgener Pflanzen im Jahr 1996 steigt ihr Anteil kontinuierlich. Die Zuwachsraten 2004 lagen nach Angaben der Agentur ISAAA erneut auf Rekordniveau. Insgesamt vergrößerte sich die Anbaufläche gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent auf 81 Mio. Hektar. 8,25 Millionen Landwirte in 17 Ländern bauten transgene Pflanzen an – das sind 1,25 Millionen Landwirte mehr als noch 2003. Auffällig ist vor allem der steile Anstieg in Entwicklungsländern, die um 7,2 Millionen Hektar zulegten und nun mehr als ein Drittel der weltweiten Anbaufläche stellen; auch 90 Prozent der Landwirte, die neu in den GV-Anbau eingestiegen sind, stammen aus diesen Ländern. Die dominierenden Pflanzen sind Mais, Soja, Raps und Baumwolle. In China entfallen mittlerweile 66 Prozent der Baumwollproduktion auf genetisch verbesserte Pflanzen. Brasilien erhöhte seine Anbaufläche für GV-Mais auf 5 Millionen Hektar. Das entspricht fast dem 100-fachen der Fläche, die in den Ländern der Europäischen Union für GV-Sorten genutzt werden. Unangefochtener Spitzenreiter sind nach wie vor die USA, wo fast die Hälfte des weltweiten GV-Anbaus zu verzeichnen ist. Nachdem die Europäische Kommission im Jahre 2004 den Anbau von 17 insektenresistenten Maissorten in allen Ländern der EU zugelassen hat, wird voraussichtlich bald auch in Deutschland ein verstärkter kommerzieller GVO-Anbau stattfinden. Ein Hindernis ist zwar das deutsche Gentechnikgesetz, das mit einseitigen Haftungsregeln Landwirte vom GVO-Anbau abhalten soll. Da aber auch im Rahmen des hiesigen Erprobungsanbaus gezeigt werden konnte, dass die Koexistenz von konventionellen und GV-Mais-Sorten problemlos organisiert werden kann, wird sich der Biotechmarkt wohl mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Deutschland öffnen. Das wahrscheinlich wichtigste Zeichen für die globale Entwicklung der Grünen Gentechnik wird voraussichtlich noch in diesem Jahr die Zulassung von transgenen Reissorten in China setzen. Damit kommt die bedeutendste Nahrungspflanze der Welt in genetisch verbesserten Varianten auf den Markt, was erheblichen Einfluss auf die gesamte asiatische Landwirtschaft haben wird. So ist insgesamt davon auszugehen, dass das Wachstum weiter steil verläuft und sich die globalen Anbauflächen bis 2010 nochmals fast verdoppeln werden. (sp)