01.09.1999

Wen hat Karasek mit sich geschwängert?

Von Klaus Bittermann

Da ist ein Hellmuth Karasek, der von sich selbst behauptet, den Spiegel, der ihn mobbte, auf Vordermann gebracht zu haben. Ein Karasek, der sich im Literarischen Quartett blamiert, es auch mal in der Werbung ausprobiert und für des Tagesspiegels Glosse dilettiert. Eine Polemik von Klaus Bittermann.

Da ist ein Hellmuth Karasek, der von sich selbst behauptet, den Spiegel, der ihn mobbte, auf Vordermann gebracht zu haben. Ein Karasek, der sich im Literarischen Quartett blamiert, es auch mal in der Werbung ausprobiert und für des Tagesspiegels Glosse dilettiert. Eine Polemik von Klaus Bittermann.


Seit der Mann mit der Konsistenz eines Wackelpuddings im Literarischen Quartett die Erfahrung machen durfte, daß es im Fernsehen unmöglich ist, sich zu blamieren, ist er kaum noch wegzukriegen aus dem Scheinwerferlicht der Kamera. Nur durch sie kann er sich seiner selbst versichern, sie ist seine Existenzform, welche in leichter Abwandlung zu Descartes lautet: Die Kamera ist auf mich gerichtet, also bin ich. Aber Karasek ist nicht wirklich, er tut nur so. Das Aggregat seines Schwabbelzustands wird in diesem Jahr noch zerfallen, und dann wird Karasek als Maikäfer wiedergeboren. Das ist zwar nicht vollständig verbürgt, aber immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer. Unmöglich jedenfalls ist es, daß das neue Jahrtausend mit dem gleichen Kulturflummi weitermacht, mit dem es aufhört, denn warum hätte es dann überhaupt anfangen sollen? Und wozu braucht man ein neues Jahrtausend, wenn Karasek wieder mitmachen darf? Gute Gründe, daß das nächste Millennium gut ohne ihn auskommen könnte, gibt es reichlich. Ein paar wurden hier aus dem Zusammenhang gerissen und mit der Methode der reinen Willkür zusammengestellt.

“Auch wenn er vor Eifer sprüht und der Kopf glüht, ist in dem, was da wie Nieselregen auf einen niedergeht, nur wenig, das an Witz und Geist erinnert”

Karasek hat nicht nur in so ziemlich allen Talkshows mitrhabarbert, er hat auch schon selber mal eine als Talkmaster in den Sand gesetzt, und dann wurde ihm auch noch von Sabine Christiansen die Moderation von Christiansen, der öden ”Politiker-schwadronieren-über-Politik-und-wie-Klasse-sie-selber-sind”-Sendung, vor der Schnapsnase weggeschnappt, die sonst Karasek geheißen hätte. Das wäre dann ja wohl die Katastrophe gewesen. Irgendein verschnarchter Verantwortlicher meinte wohl, daß das Knuddelmonster bereits einen festen Sendeplatz in der Sesamstraße und daher im Abendprogramm nichts zu suchen hätte – Pech. Vielleicht liegt’s ja auch daran, daß der meist etwas derangierte Karasek leichte, aber besorgniserregende Anzeichen von Dekomposition aufweist. Auch wenn er vor Eifer sprüht und der Kopf glüht, ist in dem, was da wie Nieselregen auf einen niedergeht, nur wenig, das an Witz und Geist erinnert. Das hat bekanntlich noch niemandem in der Fernsehbranche geschadet, denn was wiegen schon Witz und Geist in einer Gesellschaft, in der pausenlos Glaubwürdigkeit eingefordert wird. Aber selbst damit kann der Schnoddermann nicht dienen, und das gereicht ihm ja auch zur Ehre, denn es ist nichts daran auszusetzen, daß der gutsituierte Bürger ihm weder ein gebrauchtes Auto noch einen Kugelschreiber und auch sonst kein Kulturgut abkaufen würde, wie z.B. ein Handy, für das er einen 160 Seiten langen Werbetext gedichtet und diesen anschließend als Buch mit Titel Hand in Handy getarnt hat.

Da schien man in der Werbebranche hellhörig geworden zu sein, und beeindruckt von diesem seichten Erguß ”des drahtlosen Oral-Verkehrs” schmeichelte man ihm damit, daß er entgegen anderslautenden Gerüchten eine geradezu exquisite graumelierte Glaubwürdigkeit verströme und daß es großartig wäre, wenn er seine vertrauenerweckende Erscheinung für einen guten Zweck einsetzen würde, für die Förderung der Lesekultur gar, d.h. – Tatammtatamm – für die Anschaffung des 34bändigen Dictionary of Art.
Da saß er nun mittendrin im Studienratsgattinnen-Magazin der Zeit, der arme Tropf, frisch gefönt und gekämmt, mit leicht geröteten Bäckchen und leicht geöffneten Lippen, die ein Versprechen signalisierten: die Bereitschaft, sofort ”Oral-Verkehr” mit dem Handy zu treiben. Ein Hauch von Debilität huscht über sein Gesicht und irgendwo bellt ein Hund, während er auf Mutters unbequemem graugrünen Sofa sitzt. Vor ihm türmen sich die Folianten, ein Bleistift liegt bereit und ein jungfräuliches weißes Blatt Papier, über das sich die deutsche Ausgabe von Rodins Denker gleich hermachen wird, falls ihm nicht jemand gnädigerweise ein Handy reicht.

“Kräftig schüttelt Karasek den Phrasen- und Metaphernstreuer und großzügig würzt er ihn mit Superlativen”

Damit hätte er es gut sein lassen können, wie Hans-Hubert Vogts beispielsweise in einem Werbespot, als er stumm, schicksalsergeben und gequält grinsend Quark löffelt, während um ihn herum merkwürdige Dinge passieren, die niemand versteht. Ein bißchen deutlicher sollte es aber sein, weshalb Karasek eine Botschaft ersann: ”In diesem einmalig großartigen Werk kann und möchte man sich verlaufen wie in einem unermeßlichen Labyrinth – einem Labyrinth voller Wegweiser auf die Schätze der Kultur. Man reist durch Städte, Museen, Bilder, Biographien, man reist in die Vergangenheit, man nimmt an einer Expedition teil – einer Expedition zum wertvollsten Schatz der Menschheit, dem der Kultur.”
Kräftig schüttelt Karasek den Phrasen- und Metaphernstreuer, und großzügig würzt er ihn mit Superlativen. Aber es will nicht schmecken. Was nicht allzuviel macht, denn leisten können sich die olivgrüne Leinenausgabe mit geschmackloser Goldprägung sowieso nur die allergrößten Deppen, die eine derart häßliche Ausgabe für Kultur halten, von der sie allerdings nur der Rücken interessiert, und die es ansonsten sowieso vorziehen, es mit dem Handy zu machen.
Eigentlich hätte es Karasek besser wissen müssen, aber wer eben immerzu in Kultur macht, kommt darin um und fängt an, bar jeder Vernunft und Einsicht auf Knopfdruck und ins Handy vom ”wertvollsten Schatz der Menschheit” zu schwafeln, weshalb ich an dieser Stelle eine Lanze für André Breton brechen möchte, demzufolge Kulturflummis wie Karasek ihren Wanst immer in Schußhöhe einer Wasserspritzpistole zu halten haben. Oder so ähnlich.
Weit blutrünstiger als in Bretons surrealistischem Manifest geht es hingegen in der großen weiten Medienwelt zu, zumindest in der Phantasie des Vollblutjournalisten, wie Karasek natürlich einer ist, denn obwohl er seit Einführung des Computers nicht einmal mehr die Möglichkeit hat, sich selber an der spitzen Feder zu verletzen, die er als Freund der zu Tode gerittenen Metapher immer gerne führt, tut er so, als ob er wahnsinnig riskant lebe, umzingelt von Feinden und ”Bißwütigen”, die nur darauf warten zuzuschlagen, sobald sich die ”Edelfeder” Karasek mit seiner selbstverständlich gefährlichen Kritik hervorwagt. In einem Magazin namens Max enthüllt der Enthüllungsjournalist Karasek die neuesten, fiesen und blutigen Anschläge auf sich selber. ”Sie wollten mich noch im Vorfeld vernichten, sie wollten mich, pränatal, abtreiben”, schreibt er. Man stutzt. Wer macht denn so was? Karasek vernichten und dann auch noch abtreiben? Und wen hat er eigentlich mit sich geschwängert?

Alles Quatsch. In Wirklichkeit geht es nur um seinen Roman Das Magazin, der von den Kollegen in seltener und recht überzeugender Einmütigkeit als ”Schülerprosa”, als ”abgrundtief schlecht” und als ”verschwiemelt” kritisiert wurde.
Das ist für den Betroffenen um so bitterer, als sich für diese Kritik auch eine Menge Belege finden lassen und Karasek jeden Montag aufs Neue in seiner Kolumne im Tagesspiegel, dessen Mitherausgeber er ist, den Beweis antritt, wie man eine Glosse zielsicher vergurkt, indem er sinnfrei und planlos ins Blaue hineinschwafelt, beispielsweise über ”das Bild vom Glossisten als Lockenwickler”.
Doch während er seine Gedanken während des Schreibens verfertigt, bzw. abfertigt, fällt ihm ”die eiserne Glossen-Regel” ein: ”Nie übers Wetter! Nie! Denn das ändert sich. Schreibst du, daß du frierst, fegt am Montag eine Hitzewelle durch die Stadt. Oder umgekehrt.” Haben die Redaktionsräume des Tagesspiegel keine Heizung? Aber bevor man auch nur eine vernünftige Frage stellen kann, hat Karasek bei einem anderen Thema schon den nächsten tiefen Schluck aus der Pulle genommen und fährt mit Glosse, Roman oder Egalwas deliridelira sozusagen Schlitten. Dagegen ist zwar nichts einzuwenden, aber eine Garantie, daß mit dieser Methode etwas herauskommt, das man gerne lesen möchte oder wenigstens mäßig amüsant findet, ist es nicht.

“Als Wackelpudding der Kulturszene heißt sein Lebensprinzip ”Dabeisein ist alles””

In seiner Abrechnung mit den Kritikern des Magazins verstößt Karasek gleich noch gegen eine andere Regel, die besagt, daß man auf einen Verriß nicht direkt antworten sollte, schon gar nicht, wenn man nicht mehr zu sagen hat als: Selber blöd! Denn das macht keinen guten Eindruck. Da hilft es auch nicht, daß Karasek unter seinem Pseudonym Daniel Doppler auftritt, denn mitnichten soll hier die Urheberschaft des Artikels verheimlicht werden. Doppler nämlich ist der Protagonist seines Romans, sein Alter ego. Vielmehr erlaubt ihm der stilistische Mißgriff, sich selbst, Hellmuth Karasek, in den höchsten Tönen zu loben. Das tun sonst nur Leute, denen eine Pistole unter die Nase gehalten wird. Karasek war, so umschmeichelt Daniel Doppler seinen Schöpfer, ”der schlichten Überzeugung, er sei der bessere, weil kompetentere Filmkritiker.”
Über diejenigen, die ”zähnefletschend und mit wütendem Geifer über Karaseks Buch” hergefallen sind, über die packt Karasek dann mal so richtig aus. Lauter Neider und Zukurzgekommene, die ihm seine 100.000 Startauflage mißgönnten.
Werner Fuld, der bei Karasek Fuldt heißt, betreut z.B. im Gegensatz zu Mr. ”Ich-schreib-sie-alle-an-die-Wand”-Karasek nur ”eine wenig beachtete Literatursendung” und sei außerdem ”von der FAZ als Rezensent gefeuert worden”. Claudius Seidl von der Süddeutschen Zeitung wiederum wollte Karasek beim Spiegel als Filmkritiker ersetzen, was mißlungen sei, während er, Karasek – selbstverständlich, ohne eitel sein zu wollen –, in Übereinstimmung mit Augstein am Sturz des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Kilz mitgedreht habe, weil der das Blatt ”in Agonie fallen ließ” und Karasek es wahrscheinlich an den Haaren wieder aus dem Sumpf zog – oder so ähnlich.
Und nachdem er knietief in allen Intrigen herumgewatet ist, erwischt es ihn dann doch. Ausgerechnet von Roger Willemsen, der beim ”deutschen Nachrichten-Magazin” keine Freunde hat, wird er ratzfatz aus dem Spiegel gemobbt, ausgerechnet Karasek, der mit dem Chef doch ganz dicke war und überhaupt der bessere Filmkritiker.

Nein, peinlicher geht’s wirklich nimmer. Interessant ist nur: Es schadet ihm nicht, denn einen Ruf, den man im bürgerlich-antiquierten Sinne einmal verlieren konnte, hat er nicht. Als Wackelpudding der Kulturszene heißt sein Lebensprinzip ”Dabeisein ist alles”. Im nächsten Jahrtausend, in dem ja bekanntlich alles besser werden soll, könnte dieses Prinzip nicht mehr ausreichen. Dann könnte endlich Schluß sein mit Hellmuth Karasek, es könnte ein klein wenig angenehmer werden im Literaturbetrieb, wenn man ihm nicht mehr dabei zusehen muß, wie er in jeder Talkrunde jeder im Umkreis von mehreren Metern sich bewegenden Frau in den Ausschnitt klitscht und sie dabei gnadenlos vollsülzt. Da Wackelpudding nur eine begrenzte Haltbarkeitsdauer hat und irgendwann mal zu schimmeln anfängt, entschließt sich vielleicht endlich mal einer, ihn auf den Biomüll zu werfen. Dort könnte er sich dann der Umwelt zuliebe einmal in seinem Leben nützlich machen. Aber Stopp! Wirft man Wackelpudding überhaupt auf dem Biomüll? Ist das nicht vielmehr ein Frevel an der Natur? Und was sollte auf Wackelpudding schon wachsen? Wieder Wackelpudding? Man sieht, Karasek bereitet echte Entsorgungsprobleme, aber seien Sie sicher: Wir arbeiten dran.