22.04.2014

Welt ohne Stecker

Essay von Philipp Tingler

Das Internetzeitalter kennzeichnet die Spannung zwischen Privatsphäre und Informationsfreiheit. Deshalb müssen wir gerade jetzt unsere Privatheit verteidigen. Eine Kritik am modernen Transparenzfundamentalismus.

Können Sie sich noch an Anthony Weiner erinnern? Dunkel? Genau: Anthony Weiner war dieser demokratische U.S.-Kongressabgeordnete (für die Stadt New York), den ein sogenannter Sexting-Skandal zum Rücktritt zwang. Besagter Skandal, treffend auch „Weinergate“genannt (sein Nachname wurde Herrn Weiner im Laufe der gesamten Affäre immer mehr zum Verhängnis), ward dadurch ausgelöst, dass Anthony Weiner das Online-Netzwerk Twitter benutzte, um ein indezentes Bild von sich einer 21-jährigen College-Studentin aus Seattle zugänglich zu machen. Irgendwie wurde besagtes Bild dabei allerdings unbeabsichtigterweise der ganzen Welt zugänglich gemacht und gelangte über einen Blog an die Öffentlichkeit (und zwar über den Blog des bekannten, inzwischen verstorbenen US-amerikanischen Publizisten Andrew Breitbart), und nach einigen Tagen des Leugnens und der Dementis räumte Weiner ein, dass das Bild von ihm stammte und dass er darüber hinaus auch andere sexuell mehr oder weniger explizite Bilder und Nachrichten elektronisch versandt habe, auch an weitere Damen, sowohl vor wie nach seiner Eheschließung im Mai 2009. Nach wie vor dementierte Weiner jeglichen realen Kontakt mit seinen Sexting-Bekanntschaften. Weitere Enthüllungen und zunehmender Druck auch aus dem eigenen politischen Lager führten dann dazu, dass der Kongressabgeordnete Anthony Weiner am 16. Juni 2011 seinen Rücktritt erklärte.

Das war die Geschichte – und falls Sie sich nicht mehr erinnern konnten, so ist das auch nicht weiter besorgniserregend, sondern entspricht nur der verkürzten Aufmerksamkeits- und Gedächtnisspanne unserer informationsüberlasteten Zeit. Was aber zeigt der Fall Weiner mit Blick auf unser Thema, die Freiheit? Nun, er zeigt zunächst ein Spannungsverhältnis auf, das seinem Wesen nach nicht neu ist, nämlich das Spannungsverhältnis zwischen individueller Freiheit und Öffentlichkeit. In diesem Falle steht auf der einen Seite das individuelle Recht auf informationelle Selbstbestimmung, also das Recht des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen und persönlichsten Daten zu verfügen, oder, mit anderen Worten: das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen auf Privat- und Intimsphäre. Und auf der anderen Seite steht das Informationsinteresse der Öffentlichkeit, also die Informationsfreiheit. Die Spannung zwischen diesen beiden Polen ist wie gesagt nicht neu, doch sie hat eine ungekannte Intensität und Drastik bekommen, und zwar durch eine neue gesellschaftliche Institution, deren Verhältnis zur Freiheit hochgradig ambivalent und problematisch ist: das Internet.

Privatsphäre vs. Informationsfreiheit

Nach Ansicht einiger Sachverständiger ist es ein Glück, dass wir das Internet noch nicht allzu lange haben. Wäre das World Wide Web mit seinen Techniken und Tendenzen der Bloßstellung und Destruktion von Persönlichkeiten und Biografien nämlich auch nur ein halbes Jahrhundert früher über uns gekommen, hätten es wahrscheinlich beispielsweise John F. Kennedy und Martin Luther King nicht weit gebracht. So lautete, auf dem Höhepunkt von Weinergate, der Kommentar des bereits erwähnten amerikanischen Kultur- und Medienkritikers Lee Siegel auf der Internetplattform The Daily Beast. Weiners Verhalten sei zwar „creepy“ gewesen, schrieb Siegel, also auffällig und krass und unpassend, aber nicht illegal, ja, noch nicht mal wirklicher Sex, und das Ausmaß der bornierten philiströsen Empörung als Reaktion darauf mittelalterlich und lächerlich. Siegel hat recht, und die Liste von politischen Helden mit, wenn man so will, angreifbarem Privatleben ließe sich beliebig erweitern: der deutsche Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt war kein Kind von Traurigkeit, ebensowenig die französischen Präsidenten Mitterrand oder Chirac – oder jeder französische Präsident. Wir sehen hier, dass die sogenannte Digitale Revolution, also die Erfassung nahezu sämtlicher Gesellschaftsbereiche durch den elektronischen Informationsaustausch und die damit einhergehende Möglichkeit totaler Transparenz, Auswirkungen zeitigt, die einer kritischen Betrachtung und Behandlung bedürfen. Die traditionelle Politik reagiert hier oft zögerlich und überfordert, und viele sogenannte Netzaktivisten werden ihrer gewachsenen Verantwortung nicht gerecht. „Netzaktivist“ ist übrigens im Grunde ein Oxymoron, handelt es sich hier doch zumeist um Charaktere, die zuviel sitzen, zuwenig Leben mitkriegen und zuviel Tiefkühlpizza konsumieren und deren Realität in der Regel einen Stecker am Ende hat.

Das Internet ist ein schnelllebiges und unstetes Medium; das Eigentümliche und zugleich Bedenkliche an ihm jedoch ist die Gleichzeitigkeit von technischem Fortschritt und antiquierter Moral: Wie Lee Siegel anhand des Falls Weiner demonstriert hat, mag zwar die aktuelle Technologie des Anprangerns brandneu sein – die gesellschaftliche Reaktion auf diese Bloßstellung privatesten Verhaltens ist dagegen nicht selten ein paar Hundert Jahre alt: Puritanische Schelte. Pietistische Empörung. Der drohende Zeigefinger des Schuldirektors. Indignation wie im Damenverein der Mäßigungsbewegung. Man könnte diese sich verschärfende Ungleichzeitigkeit von Technik und Moral, die im Grunde ein alter Topos der Modernisierungskritik ist, als „Rasenden Stillstand“ bezeichnen. So jedenfalls beschreibt der Soziologe Hartmut Rosa in Anlehnung an den französischen Philosophen Paul Virilio das Paradox einer Gesellschaft, in der sich die technologische Entwicklung im exponentiellen Galopp beschleunigt und gleichzeitig die kulturelle Bewegung zunehmend erstarrt. Rosa spricht vom Geschwindigkeitsrauch der „Beschleunigungsgesellschaft““, der Welt- und Wertbeziehungen annulliert und eine adäquate Normorientierung unmöglich macht.

Hier nun gilt es, sich eine fundamentale, wenn auch vielleicht schwer anzunehmende Weisheit in Erinnerung zu rufen: Kein Held ist ohne schwache Seite. Die Schattenseite gehört immer dazu, jedenfalls bei komplexeren Menschen; sie ist sogar ein notwendiger Teil der Ganzheit des Menschseins, also dessen, was man condicio humana nennt, sie macht den Helden nicht schwächer, sondern erst komplett. Und das grundsätzliche strukturelle Problem des Internets besteht meines Erachtens eben darin, dass es vor allem aufgrund seiner Anonymität nicht zuletzt einen bestimmten Charaktertypus anspricht und zur Äußerung auffordert und damit zur Geltung bringt, und zwar einen Typus, der in diese umfassende Menschlichkeit nicht allzuviel Einblick hat und deshalb zum Beispiel die totale Transparenz für ein Ideal hält: den verkrachten Sozialphobiker nämlich, der sich zu kurz gekommen glaubt, den selbstgerechten Verleumder und ebenso neidvollen wie humorlosen Angsthasen, den ewigen Querulanten, der früher höchstens Leserbriefe schrieb oder sonst in seiner Vorortwohnung saß und grollte, kurz: einen wesensmäßig unsicheren und unfreien Menschen, der historisch gesehen immer am besten so platziert war, dass er kein Forum und Plenum hatte – insofern aktualisiert das Internet eine ganz neue Version der uralten Dialektik der Aufklärung. Und andererseits: taugen die Skandale nichts mehr. Anthony Weiner trat zurück wegen eines Sex-Skandals ohne wirklichen Sex. Das war nur Online-Sex im Ansatz. Wie traurig. Wie überhaupt viele ansonsten faszinierende Phänomene durch den Vorsatz „Online“ gleich viel erbärmlicher klingen, denken Sie bloß an „Online-Dating“““. Oder „Online-Kriminalität““. Wie traurig. Richtige zwischenmenschliche Aktivität findet analog statt, im richtigen Leben, nicht in den Frames seines digitalen Abklatsches – und das wird immer so sein.

Transparenzfundamentalisten

Der virtuelle Raum als Kulturraum und die sogenannte Digitale Revolution haben also zur Freiheit ein ambivalentes Verhältnis: einerseits, gerade bei fehlenden äußeren und infrastrukturellen Voraussetzungen in restriktiven Gesellschaften, müssen sie als wichtiges Vehikel der Informationsfreiheit gesehen werden; andererseits sehen wir auch, beispielsweise am Versanden des sogenannten Arabischen Frühlings, dass soziale Netzwerke als Freiheitsträger offenbar nicht ausreichen, das Internet also in dieser Hinsicht überschätzt wird. Und darüber hinaus erleben wir, dass die virtuellen Strukturen des elektronischen Informationsaustausches gerade in hochentwickelten Mediendemokratien eben nicht automatisch jenen Wert fördern, der die institutionelle Ordnung der postmodernen Gesellschaft bisher nachhaltig geprägt hat, und das ist die Freiheit im Sinn der Autonomie des Einzelnen.

Stattdessen ist zweierlei festzustellen. Erstens: Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung richtet sich im Rechtsalltag gar nicht mehr nur notwendig gegen den Staat oder gegen Unternehmen, sondern immer öfter gegen Dritte, gegen andere Privatpersonen, die sich eine Enthüller- und Transparenzritterrolle anmaßen. Hier ist es übrigens aufschlussreich, dass etwa die Piratenpartei nur einer Datenspeicherung durch den Staat Restriktionen auferlegen will, aber nichts oder wenig zu haben scheint gegen die Datensammlungen von privater Seite. Damit befindet sie sich in Übereinstimmung mit dem Verhalten eines Publikums, das beim Online Shopping oder bei Google, Twitter, Facebook und Youtube seine Daten und Intimitäten mit großer Bereitwilligkeit streut und sich gleichzeitig trotz einer solcherart längst digital durchgepausten Lebensführung die Illusion geschützter Privatheit erhalten will, indem nämlich das Recht auf informationelle Selbstbestimmung paradoxerweise nur als ein Anspruch gegen den Staat verstanden wird. Dieses Recht aber richtet sich, wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit, grundsätzlich gegen alle Welt.

Und, zweitens: die Verabsolutierung des Transparenzgedankens entspricht genau dem, was der Sozialphilosoph Axel Honneth in seinem Buch Das Recht der Freiheit als „soziale Pathologie“ bezeichnet. Mit dem Begriff der „Pathologie“ betitelt Honneth den Umstand, dass versprochene Freiheiten, die in Institutionen als Ansprüche enthalten sind, sich quasi verselbständigen, falsch praktiziert, verabsolutiert werden, was vor allem ein gruppendynamischer Prozess ist und dazu führt, dass die betreffende Gruppe von Akteuren in ihrer Wahrnehmung eingeengt und letztlich unfrei wird. Genau das aber passiert in der digitalen Sphäre, wo eine vermeintliche Diskursivität oft einer kulturellen Kalibrierung auf unterstem Niveau gleichkommt, also der Desinformation und Daueremotionalisierung. Das ist freiheitsfeindlich, aber offenbar für viele Leute unterhaltsam, und deshalb ließe sich hier durchaus eine Lust am Verlust der Freiheit konstatieren. Freilich ist ebenfalls nicht selten schlicht Unwissenheit im Spiel, und diese Unwissenheit im Umgang mit dem Medium verschärft seine Ambivalenz ebenso wie die häufig übergangene Tatsache der sogenannten digitalen Kluft, ein Phänomen, auf das der seinerzeitige US-Präsident Bill Clinton bereits 1996 aufmerksam machte: die ungleiche Verteilung von Möglichkeiten des Zugangs und der Nutzung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien, auch in entwickelten Mediendemokratien. Wenn die Universität Zürich Ende 2011 in einer Studie feststellt, dass drei Viertel der Schweizer Bevölkerung das Internet nutzen, heißt das umgekehrt, dass man immer schon 25 Prozent der Bevölkerung von vornherein ausschließt, wenn man von einer elektronischen Öffentlichkeit redet. Diejenigen, die das World Wide Web ohnehin schon nutzen, brauchen es indes immer häufiger. So dass sich die Kluft zu denjenigen, die nur sporadisch oder gar nicht im Internet aktiv sind, eher verstärkt. Die deutsche Tageszeitung zitierte im Februar 2012 eine Studie, der zufolge nach wie vor gut 60 Prozent der deutschen Bevölkerung zu diesen „digital wenig Erreichten“ gehören.

Liberalismus statt Pranger

Totale Transparenz ist nicht Freiheit, sondern ihr Gegenteil: Terror. Und das zeigt sich auf allen Feldern: Politik, Wirtschaft, Privatsphäre. Ein essenzieller Teil des Konzepts von Politik sowohl im klassischen Liberalismus wie im säkularen Konservativismus ist die klare Trennung von privater und öffentlicher Sphäre – und genau dagegen richtet sich das verabsolutierte Transparenzideal. Auch in fundamentalistischer Sichtweise gibt es diese klare Trennung nicht; und für die neuen Fundamentalisten der Transparenz (aber nicht nur für diese) hat der Staat anscheinend eine klare Rolle: die Tugendhaftigkeit voranzubringen. Es geht nicht mehr um Freiheit, es geht um Tugend. Damit treffen sich in ihren faktischen Zielsetzungen die linken Fundamentalisten der Transparenz mit jenen ideologischen Neo-Konservativen, von denen sie sich doch so weit entfernt glauben. Das Gegensatzpaar zwischen Freiheit und Tugend (als moralisch aufgeladener Wert) geht auf den Journalisten Andrew Sullivan zurück, der es auch zur Abgrenzung der Zielsetzungen von klassischen Konservativen und Neo-Konservativen benutzt: Konservative wie Thatcher und Reagan waren durchaus keine Fundamentalisten; sie hatten zwar gesellschaftskonservative Werte, aber diese beeinflussten nie im Sinne von Organisationsprinzipien oder ideologischen Mandaten ihr politisches Handeln (und schon gar nicht ihr Regierungshandeln). Thatcher und Reagan sprachen sehr viel öfter von Freiheit als von Tugend oder Tugendhaftigkeit. Beide sahen die Aufgabe des Staates vor allem darin, seine Bürger soweit wie nur möglich in Ruhe zu lassen. Sullivan grenzt diese klassischen angelsächsischen Konservativen ab gegen jenen Typus, den er als „new big-government conservative“ bezeichnet, also jene Sorte, die in der Tat davon überzeugt ist, dass der Staat ein Recht habe, als regulierende, moralisierende, paternalistische Instanz aufzutreten, um das Leben seiner Bürgerschaft nach überlegenem Wissen zu gestalten. Die Vertreter eines derartigen neuen Konservativismus weisen nach Sullivan alle wesentlichen Züge der fundamentalistischen Psyche auf: eine absolute Bindung an bestimmte Idealvorstellungen, ein Fokussieren auf Ziele statt auf Mittel oder Verfahren, eine Übergewichtung der Vision im Verhältnis zur Kompetenz und Konsequenz, und kein Gespür für die Grenzen von Regierung, die Paradoxe der Macht oder die Schwierigkeit einfacher Lösungen. Moral übertrumpft hier Autonomie. Was aber brauchen wir für die Rückkehr zum Pragmatismus, zur Wirklichkeit? Nun, vielleicht brauchen wir zu all der neuen Technik doch noch ein paar alte Ideen, aber nicht die oben erwähnte Idee des Prangers, sondern die heutzutage leider in Verruf gekommene klassische Idee des Liberalismus.