01.03.2005

Was uns die Tsunami-Tragödie lehrt

Analyse von Thomas DeGregori

Der beste Schutz gegen Tod und Naturkatastrophen ist wirtschaftliche Entwicklung.

Tragödien sind große Lehrmeister. Doch leider ziehen zu viele Menschen die falschen Lehren. Vor nicht allzu langer Zeit wurden große Naturkatastrophen als göttliche Strafe für unsere Sünden interpretiert. Heute geben Geologie (Plattentektonik und Vulkanologie), Meteorologie und andere Wissenschaften Hoffnung auf Verhinderung bzw. Milderung der Katastrophenfolgen.
Eine Tragödie vom Ausmaß der Flutkatastrophe im Indischen Ozean bringt an einem Tag in Fernsehen, Zeitungen und Internet das Beste und Schlimmste zum Vorschein. Sie schafft Platz für Interviews mit Experten für jeden einzelnen Aspekt des Geschehens: für dessen Ursachen, die zu erwartenden kurz- und langfristigen Folgen und die effektivsten Maßnahmen zur Hilfeleistung. Unvermeidlich kommen auch jene zu Wort, die in der Art der Weltuntergangspropheten früherer Zeiten den Menschen und den modernen Lebensstil im Allgemeinen für die Katastrophe und ihre Folgen verantwortlich machen. Hätten wir nur die Warnungen der Umweltideologen und anderen Untergangsspezialisten gehört, so hätten wir Katastrophen dieses Ausmaßes vermeiden können, sagen sie. Ein Treugläubiger ging sogar so weit zu behaupten, der Tsunami sei keine Naturkatastrophe, sondern von der Künstlichkeit „eines Plastikweihnachtsbaumes“.


Leben unter Low-Tech-Bedingungen
Es ist wahr, dass ökologische Fehlplanungen Katastrophen verschlimmern können, etwa wenn durch ungezügelte Entwaldung in Niederschlagsgebieten Überflutungen verschlimmert werden, wie dies in China geschehen ist. (Jeder, der chinesisches Fernsehen sieht, weiß, dass man sich dieses Problems dort heute sehr bewusst ist und es eine Vielzahl von Wiederaufforstungsprogrammen gibt.) Aber noch so viel „Leben in Einklang mit der Natur“ hätte den Opfern keinen Schutz gegen den Tsunami geboten. Im Gegensatz zur landläufigen Auffassung bieten Wissenschaft, Technologie und ein modernes Leben im Allgemeinen einen enormen Schutz gegen die schlimmsten Bedrohungen durch die Natur – einen Schutz, den wir meist als gegeben voraussetzen. Während des größten Teils des letzten Jahrhunderts kamen Menschen in armen Ländern mit etwa zehnmal größerer Wahrscheinlichkeit durch eine Naturkatastrophe ums Leben als Menschen in entwickelten Ländern wie etwa den USA. In extremen Fällen war das Verhältnis sogar hundert zu eins, etwa in Bangladesch im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, als einer von zehntausend Menschen einer Naturkatastrophe zum Opfer fiel, während es in den USA nur einen von einer Million traf. Und diese Unterschiede kommen nur zu vielen anderen Vorteilen des modernen Lebens dazu, die zu dem dramatischen Anstieg der Lebenserwartung geführt haben: etwa dem täglichen Schutz gegen Infektionskrankheiten, gegen Hitze und Kälte sowie der besseren Ernährung.
Es ist ohne Zweifel richtig, dass ein Tsunami der gleichen Stärke vor 30 oder 40 Jahren weit weniger Todesopfer gefordert hätte. Dafür gibt es einfache Gründe: es lebten damals nur halb so viele Menschen auf der Erde, und die betroffenen Gebiete waren touristisch noch kaum erschlossen. Meine Arbeit als Entwicklungsökonom hat mich in viele der nun am härtesten getroffenen Gebiete im Süden und Südosten Asiens geführt, nach Sri Lanka, Tamil Nadu in Indien, Bangladesch, Burma, Sumatra in Indonesien, Thailand und Malaysia sowie Ostafrika. Ich habe regelmäßig Treffen auf einer Insel südlich von Phuket. Dies sind unglaublich schöne Regionen, und es ist sehr verständlich, dass Touristen in Scharen diese Traumziele ansteuern.


Wiederaufbau und Entwicklung
Es gab schlicht keinen Grund, sie nicht zu Urlaubsregionen zu entwickeln. Und es gibt keinen Grund, sie nach der Katastrophe nicht wieder in der gleichen Weise aufzubauen, wobei die Vorsicht natürlich die Installierung eines Tsunami-Warnsystems gebietet. Man bedenke, dass dies ein durchaus einzigartiges Ereignis in der Region war, in der es zuletzt vor 170 Jahren zu einem großen Tsunami gekommen war. Dennoch wird jetzt ein seismisches und satellitengestütztes Überwachungssystem installiert, wie es im Pazifik bereits existiert. Eine Vielzahl von Technologien kombiniert auf Grundlage der wissenschaftlichen Kenntnisse über die Energieflüsse am Meeresboden und der Dynamik der Wellen an der Oberfläche wird vor der nächsten großen Welle warnen.
Was das Wachstum der Bevölkerung betrifft, so verdankt sich dieses ausschließlich dem Rückgang der Sterblichkeit, also nicht der Tatsache, dass die Menschen mehr Kinder bekommen, sondern dass mehr von diesen lange genug leben, um das Erwachsenenalter zu erreichen. Nur äußerst engstirnige Überbevölkerungsdemagogen dürften die Menschen dafür verurteilen, dass es ihnen gelungen ist, die Sterblichkeit insgesamt und insbesondere die von Neugeborenen und Kindern, zu verringern.
Dennoch finden sich noch immer einige Misanthropen, die das Leben und Urlauben in den betreffenden Regionen als Hybris verurteilen. Gewiss würde niemand von uns sich am Fuße eines aktiven Vulkans niederlassen, doch es leben dort Menschen, denen keine große Wahl bleibt. Irgendwo müssen wir leben, und von Zeit zu Zeit müssen wir auch an andere Orte reisen. Und jeder Ort der Welt birgt gewisse Gefahren.
In der New York Times „Week in Review“ (2.1.05) standen nebeneinander zwei Artikel. Der eine verzeichnete („The Future of Calamity“) für Regionen, in denen Menschen leben, ein Anstieg an Naturkatastrophen. Im anderen („How Nature Changes History”) ging es um die vielen historischen Beispiele dafür, wie Zivilisationen durch Naturkatastrophen verwüstet oder zerstört wurden. Zwischen den beiden Texten fanden sich eine Reihe von Landkarten, auf denen Gefahrenzonen verschiedener Art markiert waren, wodurch zum Ausdruck kam, dass der größte Teil der Erdbevölkerung in irgendeiner Weise bedroht ist.
 

„Wir müssen unterscheiden zwischen den Nichtregierungs-Organisationen (NGOs), die vor Ort aktiv Hilfe leisten, und denen, die absolut nichts für die Menschen dort tun, aber behaupten, in deren Namen zu sprechen.“



Wissenschaft als Lebensretter
Moderner Katastrophenschutz kann am besten im Kontext des generellen Nutzens von Wissenschaft, Technologie und wirtschaftlicher Entwicklung verstanden werden. Im Jahr 1950 lebten etwa 2,5 Milliarden Menschen auf dem Planeten, und rund 50 Millionen starben jedes Jahr. Bemerkenswerterweise blieb diese Sterbezahl während der nächsten 35 Jahre fast gleich, während sich die Weltbevölkerung verdoppelte. Heute sterben jährlich zwischen 57 und 58 Millionen Menschen, und viele, deren Leben irgendwann einmal gerettet wurde, werden ziemlich alt. Die Weltbevölkerung beträgt nun 6,4 Milliarden, wir sind also mehr als 2,5 Mal so viele wie 1950. Das bedeutet, dass während der letzten 50 Jahre in jedem Jahr rund eine Million Menschen mehr am Leben geblieben sind als im Jahr zuvor. Hätten wir heute noch die Sterberate von früher, wären jährlich rund 125 Millionen Tote zu beklagen – 65 bis 68 Millionen mehr, als es tatsächlich sind –, und von diesen wären 20 bis 25 Millionen Babys und Kinder.
Der beste Schutz gegen Tod und Naturkatastrophen ist wirtschaftliche Entwicklung. Nach jeder großen Tragödie leiten die Gesellschaften, die es sich leisten können, größere Maßnahmen ein, die von der Finanzierung von präventionsorientierten Forschungsprogrammen bis zur Verbesserung des baulichen Brand- oder Erdbebenschutzes reichen. Da die Menschen in den USA Häuser an Hängen und in Wäldern bauen, kommt es durch Erdrutsche und Waldbrände zu wachsenden Sachschäden – jedoch kaum zu Personenschäden. Es gibt – vielleicht berechtigte – Besorgnis, dass die Evakuierung bei schweren Hurrikans in einigen Küstenregionen der USA selbst bei frühzeitiger Warnung durch verstopfte Straßen behindert werden könnte. Nichtsdestotrotz liegt die Zahl der Todesopfer bei schweren Erdbeben oder Hurrikans in den USA in der Regel deutlich unter 100, während sie bei Beben oder Stürmen gleicher Stärke, die die Nachbarn im Süden der USA oder andere Entwicklungsländer treffen, oft in die Tausende oder Zehntausende geht.
Wir sollten weiter die Möglichkeiten zur Minimierung der Folgen gefährlicher Naturphänomene erforschen und diskutieren. Doch wir sollten uns durch Tragödien wie die durch den Tsunami verursachte nicht dazu verleiten lassen, nach einem Leben „in Einklang“ mit der Natur zu rufen. Und Schutzmaßnahmen sollten nicht auf Kosten der wirtschaftlichen Entwicklung gehen.
 

„Eines der größten Probleme, denen wir heute begegnen, ist nicht die zerstörerische Gewalt der Natur, sondern der ideologische Widerstand gegen die effektive Nutzung moderner Technologie.“



Fehlschlüsse nach Katastrophen
Während der letzten dreißig Jahre haben wir eine Menge darüber gelernt, was bei Hilfsmaßnahmen nach Katastrophen getan und was nicht getan werden sollte (siehe hierzu auch die beiden Infoboxen). Es gab Fälle, in denen Hilfe die Situation eher verschlechterte als verbesserte. Zwei Erdbeben Mitte der 70er-Jahre in Lateinamerika, jeweils im Sommer, haben kaum Schäden in der Landwirtschaft verursacht. Dennoch wurde in großem Umfang Lebensmittelhilfe geleistet. Dies führte dazu, dass viele Bauern die Ernte nicht einholten, teilweise weil der Preis so niedrig war, teilweise weil Geräteschuppen und Maschinen durch das Erdbeben beschädigt worden waren. Im folgenden Frühjahr bestellten viele Bauern aus denselben Gründen ihre Felder nicht. Eine anschließende Analyse zeigte, dass es hilfreicher gewesen wäre, landwirtschaftliches Gerät und Baumaterial zu schicken.
Die Reaktion der Medien auf Katastrophen bestand jahrzehntelang vor allem darin, zu Spenden für Lebensmittel und Kleidung sowie Decken aufzurufen, die gesammelt und die betroffene Region gebracht wurden. Vor gut zehn Jahren schrieb ich einen Kommentar für den Houston Chronicle (14.8.94), in dem ich verlangte, auf das Einsammeln von Sachspenden zu verzichten und stattdessen nur mit Geld zu helfen. Obwohl ich mich nur auf die Erfahrungen berief, die Hilfsorganisationen in den vergangenen zwei Jahrzehnten gemacht hatten, war die Idee, einfach nur Geld zu spenden, noch immer neu, für viele fast radikal und schwer zu akzeptieren. 1994 rief ich die Bürger von Houston auf, den Menschen in Ruanda und Haiti zu helfen, indem sie ihre Portemonnaies öffnen und nicht ihre Vorratskammern, wenn sie wirklich etwas Gutes tun wollten. Obwohl es manchen als gefühllos erschien, war es damals – und ist es noch heute – die beste Art, etwas Positives zu erreichen, Geld an etablierte Hilfsorganisationen zu geben und nicht über irgendwelche Kanäle Lebensmittel, Kleider oder Medikamente direkt ins Krisengebiet zu befördern. Es ermutigt mich, dass bei der aktuellen Katastrophe in Südasien die Medien und viele, die von ihnen interviewt werden, genau diesen Punkt betonen. Es ist ohnehin sehr viel leichter, sich über seriöse Hilfsorganisationen zu informieren, sich dann mit der Kreditkarte an seinen Computer zu begeben und eine Spende zu tätigen, als im Haus nach brauchbaren Gütern zu suchen und sie dann zu einer Sammelstelle zu transportieren, wo sie wahrscheinlich verstauben werden und wenig oder keinen Nutzen bringen. Geld zu spenden ist sowohl einfacher als auch effektiver.
Weil man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat, ist es heute gängige Praxis, dass zunächst die US-Botschafter eine gewisse Geldsumme aus einem hierfür vorgesehen Fonds geben, während Organisationen wie USAID Teams aussenden, die den konkreten Hilfsbedarf ermitteln, bevor weitere Hilfsgüter geschickt werden. Jede Katastrophe hat ihre spezifischen Ausprägungen und erfordert entsprechend spezifische Hilfsleistungen. Und im Falle des Tsunamis war auch der Bedarf in den unterschiedlichen betroffenen Gebieten verschieden. Natürlich gibt es auch viele Gemeinsamkeiten, so dass ein Explorationsteam genau weiß, welche Fragen es den örtlichen Behörden stellen muss und worauf es beim Besuch des Katastrophengebiets achten muss. Als einer der angesehensten Fernsehjournalisten vor etwa fünf Jahren einige Vertreter von Hilfsorganisationen interviewte, fragte er sehr direkt, ob das Vorgehen nicht ein bisschen zu bürokratisch sei. Bei der Tsunami-Katastrophe wurden ähnliche Fragen gestellt, doch schon etwas respektvoller, so dass die Experten die Möglichkeit hatten, die Gründe für Teams zur Ermittlung des Bedarfs zu erläutern.
 

Verbesserungen der Katastrophenhilfe Lehren aus der Vergangenheit, die die Katastrophenhilfe verbessern:

 

  1. Mittel an die lokalen Behörden geben und schnell Explorationsteams ins Krisengebiet bringen. Je schneller die Hilfe, desto besser, solange es die richtige Hilfe ist.
  2. Wer helfen will, soll Geld geben, und zwar so schnell wie möglich. Viele Hilfsorganisationen haben oft schon laufende Projekte in der Region, lokale Mitarbeiter, Orts- und Sprachkenntnisse, so dass sie schnell reagieren können.
  3. Sachspenden nur dann, wenn von den Hilfsorganisationen ausdrücklich dazu aufgerufen wird und der sinnvolle Einsatz gesichert ist. Die einzige Ausnahme von der Am-besten-Geld-Regel sollte gemacht werden, wenn sehr spezielle Dinge wie Blut benötigt werden. Dies kommt am ehesten bei Katastrophen im eigenen Land vor.
  4. Wenn möglich, sollten Hilfsgüter direkt in der Krisenregion beschafft werden, so dass dort Einnahmen entstehen, die für den Wiederaufbau genutzt werden können.
  5. Es ist bekannt, dass meist mehr Menschen durch Krankheiten in Folge eines Unglücks sterben als direkt durch eine Naturkatastrophe. Besonders Kinder sind durch Durchfallerkrankungen und damit verbundener Dehydration gefährdet. Daher ist insbesondere die Versorgung mit sauberem Wasser und Antibiotika wichtig. Außerdem wird heute sehr effektiv die orale Rehydrierungstherapie (ORT) eingesetzt, wofür die entsprechenden Mineralien, die in in der Landessprache bedruckten Päckchen verpackt sind, zur Verfügung stehen. Das ist eine simple Methode. Aber sie wurde erst durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse in den 70er-Jahren möglich. Auch die Versorgung mit Antibiotika wird durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt ständig verbessert – beispielsweise durch geringere Temperaturempfindlichkeit und Hightech-Verpackungen. Auch beim Impfen gibt es große Fortschritte. Die meisten der vom Tsunami betroffenen Kinder wurden gegen sechs oder sieben wichtige Krankheiten geimpft, während das vor 30 Jahren nur für ganz wenige möglich war.
  6. Es gibt eine Vielzahl von Erkenntnissen über Fluten, Hungersnöte, Erdbeben, Hurrikans, Taifune sowie Tsunamis, die oft in direktem Widerspruch zu konventionellen Vorstellungen stehen. Und es steht eine Menge Technik zur Verfügung. Hubschrauber spielen eine große Rolle, aber auch Suchhunde, Roboter und vielerlei spezielles Bergungsgerät. Die Globalisierung der Katastrophenhilfe, die durch Kommunikations- und Transporttechnik möglich wurde, hat einiges dazu beigetragen, dass auch in Entwicklungsländern immer mehr Menschen gerettet werden können.

 

„Es gibt NGOs, die lieber zusehen, wie Afrikaner verhungern, als ihnen zuzugestehen, ausgezeichnetes gentechnisch verbessertes gespendetes Getreide zu essen.“

 

Probleme bei Hilfseinsätzen Transportprobleme: Die heutige Situation ähnelt zum Großteil der, die ich im Jahre 1994 beschrieben hatte. Damals litten in Ruanda Menschen an Hunger wie heute in Darfur und entlegenen Teilen Sumatras. Weder 1994 noch heute gelang es, Lebensmittel rechtzeitig an ihren Zielort zu schaffen. 1994 waren die Flughäfen in Goma, Kigali und Entebbe so überlastet, dass Lieferungen nur durchkamen, wenn die Verantwortlichen überzeugt werden konnten, dass sie Güter mit höchster Priorität beinhalteten und es Mechanismen zur Verteilung an die Bedürftigen gab. Auch dieses Mal war nicht der Mangel an Hilfsgütern das Problem, sondern die unzureichende Transportinfrastruktur, aus der sich häufiger Engpässe ergeben, als dies gemeinhin wahrgenommen wird.
Zusammenstellung der richtigen Lebensmittel: Hilfseinsätze haben sich in den letzten 30 Jahren zu einer Art Wissenschaft entwickelt. Bei Hungersnöten sind die Nahrungsmittel sorgsam auf den Nährstoffbedarf der betroffenen Menschen abgestimmt. Wichtig ist auch, die kulturellen Besonderheiten zu beachten. Es macht keinen Sinn, Schweinefleisch in muslimische Länder zu schicken.
Verfügbarkeit der richtigen Werkzeuge: Es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, muss aber dennoch erwähnt werden: Lebensmittel in Dosen in Länder wie Ruanda zu schicken, hilft niemandem, wenn es dort kaum Dosenöffner gibt. In den meisten der vom Tsunami betroffenen Gebiete dürften die Menschen zwar vor der Flut Dosenöffner gehabt haben, jedoch nicht mehr nach der Welle.
Nützliche Medikamente zu den Opfern bringen: 1994 wurden in Houston viele Medikamente gesammelt. Doch kamen die nie zum Einsatz, da kein verantwortungsvoller Arzt Medikamente unklarer Herkunft anwenden wird. Medikamentenhilfe ist ein Bereich, der den Profis überlassen werden muss. Viele dringend benötigte Impfstoffe und Antibiotika sind zudem temperaturempfindlich. Eine der größten Herausforderungen bei Hilfseinsätzen ist es insofern oft, die „Kühlkette“ bis zum Einsatzort zu etablieren.
Korrekte Identifikation von Erkrankungen: Anfang der 90er-Jahre war plötzlich die Rede davon, dass es in einem Krisengebiet einen Ausbruch von Meningitis gegeben habe. Erst nachdem die entsprechenden Medikamente dort eingetroffen waren, stellte sich heraus, dass es sich in Wahrheit um Cholera handelte. Dass zwei so verschiedene Krankheiten verwechselt werden konnten, zeigt, dass es erhebliche Kommunikationsprobleme gegeben haben musste.
Schneller Wechsel des spezifischen Bedarfs: In Ruanda war die Cholera das ursprüngliche Problem. Doch plötzlich kamen in hohem Maße Shigellen-Erkrankungen auf, und die entsprechenden Medikamente mussten höchste Priorität bekommen.
Krankheitserreger in Kleidunsstückeng: Die meisten Länder sind besorgt, dass Krankheiten eingeschleppt werden könnten. Daher werden Lieferungen von Kleidung und Decken nur ins Land gelassen, wenn sie zuvor desinfiziert wurden. Dies erfolgt meist in riesigen Blocks, die in Container verladen und dann verschifft werden.



Ideologischer Widerstand gegen Hightech
Leider gibt es einiges, was vor 30 Jahren besser funktionierte als heute. In vielen vom Tsunami betroffenen Gebieten sind Malaria und Dengue-Fieber endemisch. Die Flut hat zwar einen großen Teil der Mückenlarven weggeschwemmt. Doch es konnten sich bald neue bilden. Die örtlichen Schutzmaßnahmen gegen die Mücken dürften durch die Flut weitgehend zerstört sein. Nötig wäre es, das effektivste Mittel zur Bekämpfung zur Verfügung zu stellen, und das ist DDT. Tragischerweise geschieht dies bisher nicht, da DDT nach den bekannten Kampagnen vor drei Jahrzehnten verboten wurde. Dass das Wasser gechlort wird, um Krankheitserreger abzutöten, ist ebenfalls wichtig. Dies geschieht, obwohl es auch hier Gruppen gibt, die das gerne verhindern würden, weil sie den Einsatz von Chlor ablehnen.
Wir müssen unterscheiden zwischen den NGOs, die vor Ort aktiv Hilfe leisten, und denen, die absolut nichts für die Menschen dort tun, aber behaupten, in deren Namen zu sprechen. Zu ihnen gehören die, die lieber zusehen, wie Afrikaner verhungern, als ihnen zuzugestehen, ausgezeichnetes gentechnisch verbessertes gespendetes Getreide zu essen. Sie behaupteten, es sei genug konventionelles Getreide im südlichen Afrika verfügbar, um den Hungernden zu helfen, aber keine von ihnen hat je Geld aus ihrem jährlichem Budget von über 100 Millionen Dollar eingesetzt, um ihnen etwas von dem angeblich vorhandenen zu kaufen. Viele NGOs lehnen darüber hinaus grundsätzliche die Errichtung großer Staudämme ab, die Wasser für die Landwirtschaft und Elektrizität liefern könnten. Sie setzen sich gegen die wirtschaftliche Entwicklung ein, die den Menschen Schutz bieten würde und geben der Technologie die Schuld an allen Übeln dieser Welt, den Tsunami eingeschlossen. Aber sie selbst leben in den reichen Ländern und nutzen all die Technologien, die sie verdammen.
Eines der größten Probleme, denen wir heute begegnen, ist nicht die zerstörerische Gewalt der Natur, sondern der ideologische Widerstand gegen die effektive Nutzung moderner Technologie. Zu den wichtigsten Dingen, die wir tun können, nachdem wir Geld gespendet haben, gehört es, Druck auf die Geberorganisationen, einschließlich unserer Regierungen, auszuüben, damit diese die effektivsten Mittel einsetzen, um das durch Malaria, Dengue-Fieber und andere durch Insekten übertragene Krankheiten bedrohte Leben von Kindern und Erwachsene zu schützen. DDT sollte unbedingt zum Einsatz kommen.
Im Rahmen meiner Arbeit habe ich viel mehr Armut und Unheil gesehen, als ich zu sehen bereit war. Ich habe darunter gelitten, während der letzten zwei Jahrzehnte beobachten zu müssen, wie wohlmeinende Menschen anderen zu helfen versucht haben, aber ungeeignete und zum Teil kontraproduktive Mittel gewählt haben – entweder aus Unkenntnis oder wegen ihres Widerstands gegen den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, der Menschen dazu befähigen kann, sich selbst zu helfen. Zum Glück ist heute ein viel besseres Verständnis darüber verbreitet, wie man wirklich helfen kann. Wie in allen Dingen haben wir es hier mit einem kontinuierlichen Lernprozess und einem Kampf gegen die zu tun, die in die Gegenrichtung steuern wollen.
 

Unüberlegte Hilfe Die Hilfsorganisation „Pharmazeuten ohne Grenzen“ forderte Ende Januar, die „unüberlegt“ in die asiatischen Krisenregionen gelieferten Medikamente zu vernichten. „In den Lagern und selbst in Wohnhäusern häufen sich tonnenweise Medikamente aller Marken aus allen Ländern, mit Notizen in Sprachen, die dem medizinischen Personal völlig fremd sind, und mit zu kurzen Ablaufdaten“, erklärte die Organisation in Paris. Diese Hilfe gehe am Bedarf vorbei. Zudem kritisierte die Organisation die Lieferung von Markenmedikamenten, da die betroffenen Staaten einen Großteil der benötigten Medikamente selbst produzierten. „Man darf niemals vergessen, dass jede Warenhilfe Konkurrenz für die örtliche Wirtschaft bedeuten und das Überleben der örtlichen Industrie gefährden kann“, erklärte die Hilfsorganisation.