01.09.2000

Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht

Analyse von Klaus Bittermann

Jedes Jahr erneut unterwirft sich der Berliner Verleger Klaus Bittermann der undankbaren Aufgabe, die Klebrigen, Seifigen und Schleimigen in deutscher Politik und Gesellschaft zu würdigen, die sich eines unverzeihlichen Schwurbels schuldig gemacht haben und sich dabei von der unerbittlichen Jury der letzten Gerechten ertappen ließen, der u.a. Wiglaf Droste, Gerhard Henschel, Fritz Eckenga und Fritz Tietz angehören. Die Ergebnisse der streng wissenschaftlichen Untersuchung werden im Jahrbuch Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht. Das Who’s who peinlicher Personen (Edition Tiamat, Berlin) veröffentlicht. Im folgenden wurden exklusiv für Novo-Leser fünf Dödels ausgewählt, die, wie Flann O’Brien sagen würde, so blöd sind, dass sich sogar die Hunde auf der Straße weigern, sie anzubellen.

Merkel, Angela – Bei ihren zahlreichen Auftritten während des CDU-Spendenskandals baumelte ihre Prinz-Eisenherz-Frisur noch trauriger an ihr herunter als sonst, und die Triefäugelein signalisierten großes Weh und Leid. Wie eine Gebetsmühle auf zwei Beinen raspelte sie herunter, dass es keine neuen Erkenntnisse gäbe, und wenn dann welche herauskamen, dass sie vorbehaltlos aufgeklärt werden würden. Dabei guckte sie gequält, devot und unschuldig in die Kamera. Ein Kind der Zone. Leicht geduckte Haltung, als würde es gleich noch eins übergebraten kriegen, scheuer Blick, eine ehrliche Haut mit altbackenen bzw. aufgebackenen Prinzipien: sogar unaufdringlich wirkte sie, obwohl sie keine Kamera an sich vorüberziehen ließ, ohne das zutiefst verletzte und enttäuschte Burgfräulein zu spielen.

Mit dieser Nummer machte sie Sympathiepunkte beim Wählervolk, das sich ja immer jemanden wünscht, der als ideeller Gesamtdödel durchgeht, d.h. genauso beschränkt ist wie die meisten Wähler eben auch, dessen grauenhaften Geschmack teilt und gewisse Merkmale aufweist, die ihn als gemeines Hausschwein ohne Talent und Befähigung kenntlich machen. Angela Merkel ist nicht dumm, aber sie kommt an, weil sie die Tugenden der Schlichtheit, Bodenständigkeit und der Anständigkeit verkörpert, die als Attribute in der öffentlichen Meinung zwar etwas verstaubt wirken und über die sich leicht lustig machen lässt, die aber immer noch in der noch jeden Volksmusikabend mit Caroline Reiber durchstehenden und dabei zäh gewordenen grauen gerontokratischen Mehrheit hohes Ansehen genießen.

In einem Gespräch unter vier Frauenaugen verriet Angela Merkel einer BamS-Reporterin, dass sie genau auf jene berühmten Sekundärtugenden fixiert ist, mit denen sich bekanntlich auch ein KZ leiten lässt. Mit diesen Tugenden steht sie nun der CDU vor, in die ja auch keiner rein will, wenn er noch alle Schweine im Rennen hat. ”Ich bin mehr für bodenständige Küche”, sagt Angela Merkel, und: ”Ich brauche bodenständige Schuhe.” ”Bodenständigkeit” heißt für Angela Merkel auch: Eine deutsche Frau schminkt sich nicht gern. Was auch? In der Rubrik schlechter Geschmack ist Angela Merkel ebenfalls top of the pop. Für Fußball interessiert sie sich. Aber wem hält sie wohl die Daumen? Hansa Rostock natürlich, dem Verein mit der widerlichsten und unappetitlichsten Anhängerschaft. ”Karat” findet sie gut. ”Über sieben Brücken musst du gehn”, beichtet sie, ”höre ich heute noch gern”. Ihr Lebensmotto ist ”Steter Tropfen höhlt den Stein.” Kein besseres Sinnbild dürfte es wohl für die Ödnis und die deprimierende Langeweile geben, die die Trauerweide der deutschen Politik denn auch ausstrahlt.


Müller, Herta

Auf einem dieser vielen überflüssigen Kongresse, die in Berlin abgehalten werden und die ”Freiheit in die Offensive” heißen und 50 Jahre ”kulturelle Freiheit” belabern und auf denen es vor ”Denkanstößen” nur so wimmelt, weshalb sich dort gerne die ”europäische Intelligenz” oder das, was sich dafür hält, tummelt, wie z.B. Leute vom Kaliber des Dick-und-Dödel-Quasslers Cohn-Bendit, auf einer dieser Veranstaltungen also durfte auch die Rumänien-Vertriebene und Scharping-Bewunderin Herta Müller ihre Kosovo-Kriegsgesänge anstimmen. Es gab Krieg und eine Intervention, meinte sie. Den Krieg führte Milosevic gegen den Kosovo, die Intervention wurde von der Nato durchgeführt, und das ist auch richtig so, denn wozu würde es schließlich eine ausgerüstete Armee geben, wenn man sie nicht bei solchen Gelegenheiten ausprobieren könnte. So schlicht und ergreifend kann ein Weltbild sein. Jeden Tag, so greinte die Dame, die sich als Vertriebenen-Vorsitzende empfiehlt, sitze sie da und halte es nicht aus.

“Das ist das zarte Gemüt eines brutalen Schlägers.”

Und weil Frau Müller es nicht mehr aushält, weil sie sich selber als das wahre Opfer imaginiert und weil es ihr gaaanz fürchterlich schlecht geht, ist es richtig, dass die Nato halb Jugoslawien in Schutt und Asche gelegt hat, wie es vorher nur die Nazis geschafft haben. Das ist das zarte Gemüt eines brutalen Schlägers, nur dass der wenigstens niemanden mit seiner eigenen Befindlichkeit belästigt, weshalb man solche Kotzbrocken wie Herta Müller in ihr Herkunftsland abschieben sollte. Für diese Aktion könnte Schily schlagartig ganz viele Pluspunkte sammeln, aber wahrscheinlich hat sie sich rechtzeitig einbürgern lassen. Wahlweise könnte Frau Müller in eines der Krisengebiete gesteckt werden, deren Bombardierung sie so vehement fordert. Damals im März schon hätte man Herta Müller als Pestbombe über Belgrad abwerfen sollen. Davon hätte sich Milosevic bestimmt nicht erholt.


Özdemir, Cem

Kaum hatte die Selbstgefälligkeitsleberwurst Otto Schily seinen früheren grünen Kollegen Cem Özdemir im Spiegel ”ein Musterbeispiel gelungener Integration” genannt, schnippte der Vorzeigetürke heftigst mit den Fingern, um jaulend kundzutun, wie gut es ihm tut, wenn der für die Einschränkung des Asylrechts verantwortliche Innenminister ihm höchstpersönlich den Kopf tätschelt. Cem Özdemir wacht nämlich noch besser als die Deutschen über Anstand und Sitte. Als Prinz Ernst August von Hannover von einem Bild-Paparazzi überführt wurde, sich am türkischen Pavillon der Expo erleichtert zu haben, bellte ihn Wauwau Özdemir an, ”sich beim türkischen Volk zu entschuldigen”. Wie soll das gehen? ”Hey, türkisches Volk, tut mir echt leid”, während zumindest die türkischen Männer, die sich gerne, ausführlich und öffentlich den Sack kraulen und kratzen, antworten: ”Ey, willste was auf Fresse?” Hätte Cem Özdemir dem ”Prügelprinzen” nicht vielmehr dankbar sein müssen, dass aufgrund der hoheitlichen Aufwartung überhaupt jemand vom türkischen Pavillon Notiz nahm? Und hätte Özdemir, was übersetzt wahrscheinlich heißt: der sich beim Volk einschleimt, nicht besser Anstoß daran nehmen sollen, dass Bild Menschen bei einer intimen Verrichtung auflauert?


Scharping, Rudolf

Niemand scheint es verwunderlich zu finden, dass mit Scharping eine Wiedergeburt von Dr. Seltsam Verteidigungsminister wurde. Alle halten es für normal, dass ein vermutlich noch unter Honecker zur Unterminierung des freien Westens zusammengeschraubter Roboter darüber klagt, dass er seine ”Emotionen nicht mehr sichtbar machen dürfe” bzw. damit droht, dass er genau das tun werde. Bitte nicht, bettelte erschöpft die arg in Mitleidenschaft gezogene gesellschaftliche Restvernunft, aber da wurde man schon via Bild am Sonntag in Rudis Resterampe gezerrt. Dort konnte man ein Dokument einsehen, vor dem jede Kritik, die sich nicht blamieren will, andächtig schweigt, denn niemand könnte besser den Nachweis erbringen, dass er nicht mehr ganz dicht ist, als Scharping selbst.

“Mit Hitler muss es ähnlich angefangen haben, als er Vegetarier wurde”

”Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping hat seit genau zwei Wochen keinen einzigen Happen mehr gegessen. Der Minister zu BamS: ‘Ich lebe seit Karnevalssonntag nur noch von Gemüsebrühe und Wasser.’ Geradezu euphorisch beschreibt Scharping seinen Fasten-Erfolg: ‚Es entschlackt den Körper, entschlackt den Geist, es steigert das Wohlbefinden und erhöht die Leistungsfähigkeit.’ Auf die Frage, ob die Rosskur ihn nicht schlapp macht, die prompte Antwort: ‚Überhaupt nicht. Als Zusatz nehme ich ein Soja-Proteinpulver. Angerührt mit Milch und Honig, sorgt es für die Energiezufuhr zum Körper, ohne den Abnehmprozess zu stören.’ Im Reichstagsrestaurant versucht Scharping beim Gespräch mit BamS, eine klare Gemüsebrühe zu bestellen. Da es nur Rinderbrühe gibt, verzichtet der Minister lieber: ‚Nein danke, dann eben nur ein stilles Wasser!’”
Mit Hitler muss es ähnlich angefangen haben, als er Vegetarier wurde. Erste Anzeichen, dass Scharping in seiner unmittelbaren Umgebung als unangenehm und zudringlich empfunden wird, gab es Mitte Juni, als der ”dirty old man”, wie er auch genannt wird, von der eigenen Luftwaffe am Flughafen Köln-Wahn vergessen wurde, die ihn zum EU-Gipfel in Portugal bringen sollte. Aber dann fiel es doch jemandem auf. Wahrscheinlich weil Scharping mal gerade nicht die Luft verpestete.


Schily, Otto

”Die Belastbarkeit Deutschlands durch Zuwanderung ist überschritten”, hat Schily, kaum war er Innenminister, Kanther nachgeäfft. Schily gilt als Feingeist. Gern liest er zusammen mit seiner Tochter öffentlich aus der pädagogischen Schmonzette Was ist Auschwitz, Mama? dem Publikum zur Erbauung und Belehrung vor. Zum 70. Geburtstag von Theo Sommer, dem Mann mit der größten Stilblütensammlung in Deutschland, die im Schatzkästchen Zeit regelmäßig zu bewundern ist, hat der gelernte Anthroposoph Schily eine Ansprache über Regierungskunst gehalten und sich bei dieser Gelegenheit selber bebauchpinselt: ”Wer gute Politik machen will, muss also im Glauben stark sein und liebesfähig, darf die Hoffnung nicht aufgeben.” Wer derart schwiemelige Begriffsblasen aufpumpt und sein Politikverständnis mit religiösem Weihrauch einnebelt, dem ist zuallerletzt zu trauen. Und tatsächlich: Als Politiker ist Schily ganz profan.

“Er hört nur auf vox populi und macht den Pitbull, den er auf Anweisung von Bild verbieten ließ.”

Da hört er nur auf vox populi und macht den Pitbull, den er auf Anweisung von Bild verbieten ließ. Sich selber leider nicht. Dass Schily auch auf die Wünsche der Industrie sehr sensibel zu reagieren bereit ist, zeigte die Initiative Schröders, Green Cards für ausländische Computerfachkräfte auszugeben. Der Mann, von dem auch die bürgerliche Öffentlichkeit vermutet, dass er möglichst viele Ausländer raus haben will, ist flexibel wie ein Pudding, denn für gute Ausländer mit Beruf und Manieren ist immer ein Plätzchen frei, wenn man dafür ein paar mehr Asylbewerber abschieben kann. In der militärischen Terminologie Schilys, in der heutzutage moderne Rassisten reden, wird die vom Spiegel als ”Trendwende” bezeichnete Ausländerpolitik folgendermaßen angepriesen: ”Die Steuerungsfähigkeit zurückgewinnen, die Zielgenauigkeit der Entscheidungen erhöhen und die Trennschärfe unter den verschiedenen Gruppen von Zuwanderern verbessern.” Wer nach dieser Sonderbehandlung noch lebt, wird aus Gründen der Staatsräson dennoch abgeschoben: ”Wir müssen in der Lage sein, Zuwanderung dort zu unterbinden, wo sie nicht unseren Interessen und Grundsätzen entspricht.” Und weil Schily schon mal gerade dabei ist: Solche Fußballspiele wie Deutschland gegen Portugals B-Elf während der Europameisterschaft, welches mit einer 3:0-Niederlage endete und das Ausscheiden in der Vorrunde nach sich zog, würde Schily gesetzlich verbieten – wenn er könnte. Wenn schon die Spieler unfähig sind, muss Deutschland eben auf andere Weise ins Finale gebracht werden.