01.09.2005

Wahres Wissen: uralt oder brandneu?

Kommentar von Peter Kunzmann

Über die zweifelhafte Renaissance jahrhundertealten Wissens.

Woher wissen wir, dass Kranke besser keinen Karpfen essen sollten? Und woher wissen wir, wie mit speziell „nach alten Methoden informierten Holzstäben“ Erdakupunktur angewendet wird? Wir wissen es, weil gerade wahre Schätze an „uraltem Wissen“ geborgen werden: das gesammelte Wissen von Indianern und Germanen, aus Hawaii und aus Sibirien, bevorzugt das von Chinesen und Kelten wird gerade auf das Heftigste wiederentdeckt. Diese gigantische Bibliothek der Menschheit wird neu vor uns aufgeblättert, die alles weiß über Mensch und Natur, wie man Wasser energetisiert und Teiche mit Schwingungen reinigt, welche Kräfte unseren Organismus durchwalten und welche die Welt retten („von den Chinesen ‚CHI’ genannt, von den Hindus ‚PRANA’, von den Russen ‚BIOPLASMA’“), wohin man Betten stellt und wann man Blumen pflanzt. Es gibt „uraltes alpines Wissen für neue Wohlfühlangebote“ in Österreich, und auf den Malediven wird „das geheime Wissen der Weisen ... von einem 75-jährigen einheimischen Heilkundigen authentisch weitergegeben“. Täglich kommen neue Quellen ans Licht. Sie haben nur einen einzigen Garanten der Wahrheit: Ihr vorgebliches Alter. „Das uralte Wissen der …“ ist zu einem Etikett geworden, das für jedweden Inhalt wirbt wie ein Gütesiegel.
Dabei wird gerne auf einen Beleg für das Alter verzichtet. Es gibt keinerlei Nachweis für die Herkunft dieser wichtigen Botschaften vom Urgrund der Zivilisationen. Als Faustregel und Richtwert scheint sich einzubürgern, dass „5000 Jahre“ ganz passabel funktionieren, veredelt durch den Zusatz „mindestens“. Man muss sie einfach für sich reklamieren. „Mindestens 5000 Jahre altes Wissen“ ist immer wahres Wissen. Das Alter allein scheint schon die Wahrheit zu verbürgen. Manches stammt gar noch „aus atlantischen Zeiten“, manches wird auch nur von der Oma überliefert.
Was für ein Wahrheitskriterium! Einfach „uralt“ heißt schon, dass Irrtum ausgeschlossen ist. Hier wird mit dem Alter für ein Wissen geworben, das (angeblich) aus einer Zeit stammt, als so manche Zivilisationen noch am Geheimnis des Rades knobelten und ziemlich viele von ihnen die Erde für eine Scheibe hielten. So gesehen müsste es eher skeptisch stimmen, wenn das verlässlichste „Wissen“ ausgerechnet aus Zeiten stammt, als Frauen noch aus Männerrippen hergestellt wurden.

"Eigentlich müsste es skeptisch stimmen, wenn das scheinbar verlässlichste „Wissen“ ausgerechnet aus Zeiten stammt, als Frauen noch aus Männerrippen hergestellt wurden."

Es ist kurios, dass mit dem Alter jeder Aberglaube hoffähig gemacht wird. Noch kurioser: wir haben hier nämlich die Kehrseite einer anderen Wissenskultur, die nun genau andersherum verfährt und als Wissen nur noch gelten lässt, was in der neuesten, der allerneuesten Publikation steht. Der Zugewinn von Informationen und ihre Verbreitung gehen beschleunigt vonstatten. Angeblich hat sich die „Halbwertszeit“ von „Wissen“ drastisch verkürzt. Wissenschaftliche Publikationen „veralten“ immer rascher – unabhängig von ihrem Gehalt an Wissen, möchte man anmerken, denn auch Aktualität schützt vor Irrtum nicht. Die Wissenschaft selbst erklärt Alter zum Signum des Irrtums, nicht der Wahrheit. Die Bublaths dieser Welt zelebrieren es im Gestus: Früher glaubten die Menschen, heute wissen wir.
Häufig prallen die Geltungsansprüche in unserer Kultur aufeinander, das „uralte Wissen“ stellt sich gegen die moderne Rationalität der Wissenschaften. Was aber verleiht dieser mehr oder minder fingierten Rekonstruktion uralten Glaubens (oder Aberglaubens) so hohe Plausibilität, dass sich unsere Zeitgenossen anscheinend eher darauf verlassen mögen als auf den Rat und die Auskunft eines Experten, der gerade an der Spitze wissenschaftlicher Erkenntnis steht?
Weil sich diese Form des „Wissens“ darstellt als ein Gegenentwurf, ein Gegenmodell, so möchte man mutmaßen. Amüsanterweise benutzt der Okkultismus häufig den Jargon von Wissenschaft und buchstabiert die (angeblich) klassische Überlieferung verschütterter Kulturen in pseudophysikalischer Terminologie von „Schwingung“, „Energie“ und „Feld“. Zur Verpackung gehört außerdem der Reiz der Entdeckung, als gelte es, einen alten, vergessenen Schatz zu heben. Deshalb geht das „Uralte“ publizistisch gerne Hand in Hand mit dem „Geheimen“. Damit imitiert jeder Unfug den Anspruch, „Expertenwissen“ zu sein, scheinbar nur Ausgewählten zugänglich. Das Blöde ist nur, dass das geheime Wissen der Frauen (der Ägypter, der Mönche, der Schamanen, der Pinguine – das gibt es alles!) dann nicht mehr richtig geheim bleibt, wenn es schon tausendfach gedruckt wurde.
Wichtig ist der rousseauistische Zug in der ganzen Angelegenheit: wieder einmal steht der bon sauvage, der edle Wilde, gegen die Unübersichtlichkeit einer hypertrophen Dekadenzkultur. Bei ihm liegt die Einfachheit, Natürlichkeit, Festigkeit und Wichtigkeit des Ursprünglichen. Wer das anfanghaft Klare beherrscht, ist vom eitlen Streit der Gelehrten befreit; sein Wissen hat die Zeiten überdauert und muss sich nicht erst bewähren. Es kann nicht durch den nächstbesten Befund wieder außer Kraft gesetzt werden. Überhaupt ist es allen garstigen Spielen wissenschaftlicher Ratio enthoben, es braucht keine „scientific community“ und keine „Rechtfertigungsdiskurse“. Danach zu fragen ist Frevel, der sich gegen die Ahnen versündigt. Wer über „uraltes Wissen“ verfügt, hat der verwirrenden Vielfalt komplexer Wissensgesellschaften etwas entgegenzusetzen, was möglichst exklusiv ihm gehört, was ihm keiner streitig macht, mehr noch: was ihn zugleich über die Niederungen des profanen Wissens und seiner Grenzen erhebt.
Manchmal gehen beide Wissenswelten zusammen, wenn z.B. der Versuch unternommen wird, traditionelles Wissen, etwa um die medizinische Wirkung von Pflanzen, zu bergen und es mittels moderner Methoden nutzbar zu machen. Garant der Wahrheit ist dabei allerdings weder das Alter „indigener“ Vorstellungen noch die Neuheit der Entdeckung, sondern allein die Richtigkeit und Brauchbarkeit von Inhalten. Diese Kriterien sollten eigentlich für alle Formen von Wissen gelten, jenseits von Alter und Publikationsform.