01.07.2001

Von der Unmöglichkeit, über die Herkunft des Essens zu reden

Analyse von Gerd Spelsberg

Gerd Spielsberg über die Schwierigkeiten von Lebensmittelherstellern für Akzeptanz von Grüner Gentechnik bei Verbrauchern zu werben.

Nach BSE nun auch noch der „Gen-Mais“. Gerade hat sich der Rindfleischverkauf erholt und der Appetit auf ein saftiges Steak wird nicht mehr durch Bilder von gekeulten Herden und durchlöcherten Hirnen verdorben, da droht die nächste Krise. Sie scheint gefährlich genug, das frische, noch nicht allzu gefestigte Vertrauen der Konsumenten erneut zu verspielen. Dabei ist der Auslöser vergleichsweise harmlos und unbedeutend: Eine neue herbizidresistente Maissorte, gezüchtet aus einer gentechnisch veränderten Linie (T25), die in der EU bereits vor mehr als drei Jahren nach den gentechnikrechtlichen Bestimmungen genehmigt worden ist. Nun hat die Maissorte, Artuis getauft, die mehrjährigen Anbauprüfungen bestanden und die Sortenzulassung ist nur noch Routine. Doch Artuis wäre die erste kommerziell zugelassene gentechnisch veränderte Nutzpflanze in Deutschland – und diese Aussicht genügt, die Öffentlichkeit in Aufregung und die Verbraucherschutzministerin unter Handlungszwang zu setzen.

Zwar hatte das betroffene Züchtungsunternehmen zuvor erklärt, die nächsten Jahre kein Artuis-Saatgut verkaufen und es nur im Rahmen weiterer Anbauversuche nutzen zu wollen – es änderte nichts: Auf Drängen von Renate Künast verschob der unabhängige, an keine Weisung gebundene Bundessortenausschuss die für Anfang Juni erwartete Zulassung. Sie dürfe „im Sinne eines vorbeugenden Verbraucherschutzes nicht übereilt erfolgen“, hieß es in einer dürren Erklärung des Ministeriums. Das Echo folgte prompt: Medien, Umwelt- und Verbraucherverbände lobten die resolute Intervention, die Industrie beklagte resignierend, dass die Ergebnisse rechtsverbindlicher Verfahren erneut politisch entwertet wurden.

Hinter solchen Äußerungen stecken mehr als die üblichen Reflexe und Interessenkonflikte. Sie offenbaren, dass bei der seit Jahren geführten gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Grüne Gentechnik zwei verschiedene Sphären aufeinander prallen. Die Akteure reden zwar vordergründig über Lebensmittel, Qualität, Sicherheit, Vorsorge und Verbraucherschutz, jedoch ohne offen zu legen, dass sich die gemeinsam verwendeten Begriffe aus völlig unterschiedlichen Einstellungs- und Kategoriensystemen speisen. Kein Wunder, dass man trotz vielfältigster Bemühungen von einem produktiven Diskurs weiter entfernt ist denn je. Bei einer EU-Umfrage (1999) hielten erstaunliche 50% der Deutschen die gentechnische Modifikation von Pflanzen mit dem Ziel einer Resistenz gegen Schädlinge für sinnvoll; wenn daraus aber Lebensmittel geworden waren, wollten sie nur noch 27% kaufen. Irgendwo auf dem Weg vom Acker auf den Teller verändert sich die Perspektive.

Ein Drittel der Verbraucher fühlt sich durch die heutigen Nahrungsmittel „schleichend vergiftet“.

Hören sie Gentechnik, denken die Konsumenten in erster Linie daran, dass sie die daraus hergestellten Lebensmitteln essen werden – und sie erschaudern. Denn Gentechnik ist das aktuelle Symbol für genau das, was sie nicht wollen. Natürlichkeit, Unverfälschtheit und Authentizität sind die vorherrschenden Wunsch- und Leitbilder, aus denen sich heute die Erwartungen an Lebensmittel ableiten. Sie sind illusionär, weil der gestresste, berufstätige und zudem noch preisbewusste Durchschnittskonsument überwiegend vorverarbeitete, industriell produzierte Lebensmittel verzehrt, und sie sind romantisch, weil eine wissenschaftlich-technische Produktionsweise längst selbstverständlich ist – sogar beim Bäcker um die Ecke und zunehmend auch im Biobetrieb.

Trotz aller Widersprüche zwischen Wunsch und Verhalten: aus dem naturromantischen Leitbild speisen sich die derzeit gängigen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen. Gut ist, was sich der Kraft der Natur verdankt, nicht den Fertigkeiten der Lebensmitteltechnologen. Hinsichtlich Sicherheit und Gesundheit kann „die Natur“ (oder was als solche wahrgenommen wird) auf einen unerschütterlichen Vertrauensbonus rechnen. Hingegen treffen industriell verarbeitete Produkte auf ein diffuses, latentes Misstrauen: ein Drittel der Verbraucher fühlt sich durch die heutigen Nahrungsmittel „schleichend vergiftet“. Die Gefahren lauern in Zusatzstoffen, Rückständen, Gentechnik und Bestrahlung. Ihren Ursprung vermutet man dort, wo geschäftstüchtige Konzernherren und kühle Wissenschaftler darüber bestimmen, was auf den Tisch kommt.

Ganz anders die Experten aus Wissenschaft und Industrie: Für sie resultiert die Sicherheit aus technischer Kontrolle und Naturbeherrschung. Konträr zur Wahrnehmung durch die Konsumenten sind aus dieser Perspektive die modernen Lebensmittel immer sicherer geworden. Wenn es ernährungsbedingte Risiken gibt, dann liegen sie im Verhalten der Verbraucher, die sich zu viel, zu fett, zu eiweißreich und nicht ausgewogen genug ernähren. Die gefährlichsten, zudem in ihrem Auftreten nur bedingt beherrschbaren Giftstoffe stammen wie die Aflatoxine und andere Schimmelpilzgifte aus der Natur. Zwar können sie durch wissenschaftlich gestützte Analytik und Qualitätskontrollen gezügelt werden, nicht aber durch Vertrauen in unverfälschte Naturprodukte, auf das sich beim Einkauf viele Konsumenten nahezu blind verlassen.

Wenn es ums Essen geht, reden Experten und breite Öffentlichkeit aneinander vorbei. Das Objekt, das sie meinen, ist zwar das Gleiche, doch hier sind Lebensmittel Träger postmoderner Werte, dort ein technisch-wissenschaftlich optimiertes Erzeugnis. Für die einen ist Essen ein sozialer, kulturell und individuell geprägter Vorgang, für die anderen eine notwendige, berechenbare Nährstoffzufuhr. Das Fatale: Beide, das kulturelle wie das wissenschaftlich-technische Deutungs- und Wahrnehmungsmuster liefern aus unterschiedlichen Perspektiven ein schlüssiges Bild von Essen und Ernährung. Wie das Licht in der klassischen Physik mal als Teilchen, mal als Welle gedeutet wird, treffen auch für Lebensmittel beide „Theorien“ zu, ohne dass jedoch eine allein potent genug wäre, alle Facetten zu erfassen. In der öffentlichen Debatte werden die kulturelle und die wissenschaftlich-technische Sichtweise nicht als zwar unterschiedliche, aber dennoch legitime und sich ergänzende Perspektiven wahrgenommen, sondern als Gegensätze. Beide beanspruchen die alleinige Deutungshoheit – ein Nährboden für zugespitzte, unversöhnliche Konflikte.

Der Konflikt um die Grüne Gentechnik offenbart die tiefe Sprachlosigkeit zwischen Experten und Konsumenten.

Und so wird verbal aufeinander eingeprügelt. Für Experten sind die Verbraucher irrational, gefühlsgeleitet oder von sensationslüsternen Medien aufgepuscht; umgekehrt wischen viele Verbraucher jede Studie und jede Stellungnahme von Expertengremien, die nicht in die eigene Wunsch- und Wertewelt passen, mit einem lapidaren „Das glaube ich nicht“ vom Tisch. In dieser Falle steckt auch der Artuis-Mais: Weder neue Fütterungsversuche, noch weitere Gutachten, auch nicht der Hinweis, dass er in den USA seit Jahren großflächig angebaut wird, können etwas daran ändern, dass Artuis die „Vertrauenskrise auf dem Acker“ heraufbeschwört.

Der Konflikt um die Grüne Gentechnik – wie auch viele Lebensmittel-„Skandale“ der letzten Jahre – offenbaren die tiefe Sprachlosigkeit zwischen Experten und Konsumenten. Längst hat sich die Lebensmittelindustrie darauf eingestellt, nicht nur Produkte herzustellen, sondern die Wünsche und Illusionen ihrer Kunden zu bedienen: Sie präsentiert sich als handwerkliche, vorindustrielle Branche inmitten einer romantisch verklärten Natur. Da gibt es keine Melkroboter und keine Schlachthöfe, weder Extruder, noch Massenware, keine Aromen und immer weniger Zusatzstoffe. In der Werbung sind die Erdbeeren im Yoghurt handverlesen, die Kühe glücklich und der romantische Traum von gesundem Leben auf dem Land noch ungebrochen.

Die Tabuisierung der technisch-wissenschaftlichen Rationalität löst zwar den Dualismus von kulturellem und wissenschaftlich-technischem Deutungsmuster oberflächlich auf. Doch diese Strategie macht die Lebensmittelindustrie zur Geisel der öffentlichen Empörung: Wo immer die raue Wirklichkeit der Produktion und der Kostendruck sichtbar werden, erwächst aus den zerplatzen Illusionen der „Skandal“: Wer meint, eine erfahrene Küchenmeisterin würde für den Nudelteig die Eier einzeln aufschlagen, ist schockiert, wenn er erfährt, dass Flüssigei aus dem Tank hineingepumpt wird. Wer glauben gemacht wird, das deutsche Lebensmittelsortiment sei „gentechnikfrei“, der fühlt sich in seiner Furcht vor Gesundheitsrisiken bestätigt, wenn in Tortillas gentechnisch veränderter Mais gefunden wird.

Anders als bei der Lebensmittelindustrie kommt es für die Agrounternehmen, die gentechnisch veränderte Pflanzen entwickelt haben, ohnehin nicht in Frage, die romantisch-illusionären Verbraucherwünsche zu bedienen. Bisher hat sich von den Käufern – weder im Bioladen noch im Supermarkt – kaum jemand für die Züchter und ihr Saatgut interessiert. Das änderte sich, als gentechnisch veränderte Pflanzen auf die Felder sollten. Nun bleibt den Unternehmen kaum anderes übrig, als über die Grüne Gentechnik zu reden: offen, verständlich, illusionslos und ohne falsche Versprechungen. Lange haben sie jedoch die elementare Erkenntnis übersehen, dass die Konsumenten selbst entscheiden wollen, was sie essen. Sie mögen es nicht, wenn ihnen ungefragt etwas aufgetischt wird – vor allem, wenn es ihnen nicht behagt. Gegessen wird, was schmeckt und was kulturell akzeptiert ist. Die Gentechnik gehört nicht dazu.

Die Agrounternehmen haben zu lange die kulturelle Dimension des Essens ignoriert. Sie haben lernen müssen, dass für die Verbraucher Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen keineswegs gewöhnliche und damit vertraute Produkte sind. Sogar wenn sie im jeweiligen Lebensmittel stofflich nicht messbar ist, löst die Anwendung der Gentechnik eine kollektive Konsumverweigerung aus. Rational in einem wissenschaftlichen Sinn ist das nicht, doch erklärlich aus einem verbreiteten romantisch-idealistischen Wunschbild, in dem für eine harte, als gegen die Natur gerichtet empfundene Wissenschaft wie die Gentechnik kein Platz ist. Genau diese Konstellation macht es den gentechnik-kritischen Gruppen leicht, die Verbraucher und Öffentlichkeit hinter sich zu scharen.

Solange jedoch die wissenschaftlich-technische Dimension aus der Kultur des Essens ausgegrenzt bleibt, wird sich daran wenig ändern.