01.03.2005

Vom Elend der Wertedebatte

Kommentar von Sabine Reul

Solange sich die Menschen nicht als „historische Subjekte“ verstehen und auch so behandelt werden, können keine gesellschaftlichen Wertvorstellungen entstehen.

Seit einigen Monaten steht die Suche nach Werten, die als Basis für soziales Einvernehmen und folglich für eine größere Anerkennung von Staat und Politik dienen könnten, im Zentrum fast jeder Debatte in Deutschland. Frappierend ist, welche unterschiedlichen Themen und Foren diesem Streben nach Werteorientierung inzwischen als Anlass dienen.
Werte waren das beherrschende Thema der Parteitage von CDU und CSU. Während Angela Merkel versuchte, der Union durch das Bekenntnis zum Patriotismus „Unverwechselbarkeit durch erkennbare Grundwerte“ zu vermitteln, stellte die Schwesterpartei CSU ihre Veranstaltung unter das Motto „Klare Werte, klarer Kurs“. Neuerdings gibt es kaum noch ein Ereignis, dessen Erörterung nicht durch eine mitunter gequält anmutende Suche nach Werten geprägt ist.
Das reicht von den Auseinandersetzungen über das Verhältnis zwischen europäischer und islamischer Wertewelt anlässlich des möglichen EU-Beitritts der Türkei bis zum Tsunami in Südostasien. Angesichts der großen Spendenbereitschaft der Bevölkerung standen in diesem Fall Mitgefühl und Opferbereitschaft in einer überaus selbstgefälligen Katastrophenberichterstattung plötzlich ganz oben auf der Rangliste möglicher konsensfähiger nationaler Werte. Dann geriet kurzzeitig die Familie als zentrales soziales Leitbild ins Rampenlicht. Doch als Bundespräsident Horst Köhler in seiner Rede vor dem israelischen Parlament Anfang Februar die Shoa einen „Teil der deutschen Identität“ nannte, stand auf einmal das Bewusstsein der historischen Schuld als moralischer Eckpunkt des deutschen Selbstverständnisses als nationaler Wert im Raum.
Wenn dieser Trend kommentiert wird, geschieht dies durchweg in Form von Parteinahmen für die eine oder andere Seite: das eher verstaubt daherkommende Wertekonzept der Unionsparteien steht der so genannten „postkonventionellen“ Wertewelt der rot-grünen Koalition gegenüber. Dass die Vorschläge beider Seiten möglicherweise gleichermaßen kritikwürdig sind, bleibt dabei ebenso außer Betracht wie die noch wichtigere Frage, ob sich Werte überhaupt in der vorgestellten Weise deklarieren lassen.


Das Problem, dem durch die Verankerung neuer Leitwerte begegnet werden soll, ist bekannt. Der Vertrauensverlust der Parteien und anderer gesellschaftlicher Institutionen – darunter nicht zuletzt auch Unternehmen und Geschäftswelt – sowie die geschwundene Bindungskraft ehemals großer Organisationen wie Kirchen und Gewerkschaften haben dort, wo früher Werte waren, ein großes Loch entstehen lassen. In langer Zeit gewachsenes Vertrauen der Menschen in kollektive Organisationen, mit denen sie sich durch soziale Interessen, Ideale, Glauben oder gemeinsame Arbeit verbunden fühlten, ist verschwunden. Da neue Bindungen nicht entstanden sind, beherrschen Vereinzelung, Unsicherheit und eine wachsende Distanz zwischen privater und öffentlicher Sphäre das soziale Geschehen.
Es fehlen gesellschaftliche Institutionen, die es Individuen gestatten würden, sich als Teile eines kollektiven Lebensprojekts zu empfinden, das Leidenschaft und Überzeugung weckt. Folglich besteht eine gewaltige Kluft zwischen dem Einzelnen, der inzwischen im kollektiven Leben fast nur noch als Konsument in Erscheinung tritt, und einem als fremd und undurchschaubar erlebten politischen Apparat.
 

„Gerade die Beliebigkeit, mit der zurzeit Wertvorstellungen in den Raum gestellt werden, ist ein Indiz dafür, dass wirkliche kollektive Wertüberzeugungen fehlen.“



Der Versuch der Politik, dieser Distanz durch einen Schönheitswettbewerb um Werte beizukommen, ist in mehrfacher Hinsicht ein Irrweg: Erstens hat unsere Gesellschaft nicht wirklich ein Werteproblem im engeren Sinn des Wortes. Die geschilderte Problemlage verhindert nicht, dass Menschen als Individuen hohe moralische Anforderungen an sich stellen und bei sich wie bei anderen die Tugenden einfordern, die ein gedeihliches und würdiges Menschenleben erst möglich machen. Was hingegen tatsächlich verhindert wird, ist, dass Menschen sich als aktive Gestalter der sozialen Welt empfinden oder, wie man es in hoffnungsvolleren Zeiten noch nannte, sich als „historische Subjekte“ verstehen. Dies ist ein bedeutsames Hindernis für die Entstehung gesellschaftlicher Wertvorstellungen.
Was fehlt, sind, wie der britische Philosoph Zygmunt Bauman es einmal treffend formuliert hat, „starke und dauerhafte Brücken“ zwischen dem privaten und dem kollektiven oder politischen Bereich. Und nicht umsonst fügte er hinzu: „In Ermangelung von Brücken wird die sporadische Kommunikation zwischen dem privaten und dem öffentlichen Ufer mit Hilfe von Ballons aufrechterhalten, die die beunruhigende Eigenschaft haben, im Augenblick der Landung zusammenzusacken oder zu explodieren - und das meist, ohne ihre Adressaten zu erreichen.“[1] Das dürfte dem Versuch, per ordre de Mufti gesellschaftliche Werte zu verabschieden, nicht anders ergehen.


Gesellschaftliche Werte entstehen dort, wo Menschen die soziale Welt als gestaltbar erleben und mit innerer Anteilnahme um verschiedene Visionen der „guten Gesellschaft“ ringen. Natürlich lassen sich ansprechende Wertvorstellungen nach Belieben in den Raum stellen: ein bisschen Antifaschismus hier, etwas Familiensinn da, vielleicht auch etwas Ehrlichkeit im Sport. Doch gerade die Beliebigkeit, in der das zurzeit geschieht, ist ein Indiz dafür, dass wirkliche kollektive Wertüberzeugungen fehlen. Und die lassen sich nicht herbeizaubern. Sie entstehen, wenn sie gelebt werden oder, anders gesagt, wenn das soziale Leben in Formen verläuft, die uns innerlich berühren und bestimmte Werte überhaupt erst als wichtig, verteidigenswert oder sogar unveräußerlich erscheinen lassen.
Von einem solchen sozialen Umfeld sind wir heute meilenweit entfernt. Und gerade weil das so ist, ist unsere Gesellschaft zurzeit ein für die Entstehung eines Wertebewusstseins unwirtlicher Ort. Wenn eines an der Entwicklung der letzten Jahre ins Auge sticht, dann der Umstand, dass wir immer weniger imstande zu sein scheinen, gesellschaftliche Werte mit starken Überzeugungen oder Empfindungen zu verbinden. Je häufiger von Werten gesprochen wird, desto mehr verblasst die reale Bedeutung des Begriffs. Das sind Paradoxe, denen in der Wertedebatte einmal auf den Grund zu gehen wäre.