17.05.2011

Volk/Nation/Staat/Identität: Wie den Separatisten in Quebec die Worte ausgehen

Von Vasile V. Poenaru

Nationalistische und separatistische Rhetorik gehören in Kanada zum Repertoire aller Parteien. Die heftige Niederlage der französischen Separatisten in Quebec bei den allgemeinen Parlamentswahlen zeigt, dass sie keine Perspektiven für die Zukunft des Einwanderungslandes bieten, meint Vasile V. Poenaru

„Was mich stört ist, dass keiner der hier versammelten Parteichefs Quebec als Nation anerkennt“, klagte Möchtegern-Prime-Minister Gilles Duceppe Ende April 2011 während einer gemeinsam mit seinen politischen Gegnern im Wahlkampf “ausgetragenen” Talk Show; oder sagen wir mal um der Genauigkeit willen: Möchtegern-Prime-Minister einer nicht existierenden Republik, der Traumrepublik Quebec. Zu dem Zeitpunkt genoss seine separatistische Partei (Bloc Québécois) noch den Status einer offiziellen Partei im kanadischen Parlament, und er selber hatte noch einen Sitz bei Parliament Hill in Ottawa – und bekleidete noch das Amt des Parteichefs. Inzwischen ist alles verpufft.

Wahldebakel des Bloc Québécois

Links um! lautete das Kommando der Wähler in Quebec, und zwar ungleich deutlicher als in anderen Teilen Kanadas. Landesweit haben die Konservativen gewonnen, mehr, zum ersten Mal darf Stephen Harper, seit 2006 Prime Minister, eine Mehrheitsregierung bilden. Doch die kanadische Linke (NDP/New Democratic Party) ist – auch auf Kosten der Liberalen, die nun nicht einmal mehr als offizielle Oppositionspartei fungieren dürfen –  so stark wie nie zuvor. Mehr als 100 Abgeordnete konnte die NDP landesweit stellen, davon 58 allein in Quebec (und zwar von insgesamt 75 Quebec-Mandanten). Dass die Neuen Demokraten fast alle Wähler der freilich ebenfalls eher links stehenden Separatisten abgefangen haben: quite the thing.

Und die Separatisten? Mit einem Schlag weg. Im April zählte der Bloc nicht weniger als 47 Abgeordnete, jetzt sind es gerade mal vier. Das kommt fast einem totalen Ruhestand gleich. Und dennoch: „Ich werde erst dann ruhen, wenn Quebec ein Land ist“, sagte der nach den Wahlen prompt abgetretene Bloc-Québécois-Chef noch mit allerletzten Kräften, bevor er sich nach der erschütternden Niederlage seiner Partei und seiner Doktrin zur Ruhe begab. Vor ein paar Monaten hatte er in Washington, D.C., geworben, um für Quebecs „Befreiung“ von Kanada Stimmung zu machen. Die laut ihm unvermeidliche Unabhängigkeit der Provinz Quebec verglich er dabei mit dem Fall der Berliner Mauer –  natürlich ohne den Vergleich hinreichend argumentieren zu können. Dabei wurde Gilles Duceppe vor sieben Jahren sowohl von der französischsprachigen als auch von der englischsprachigen Presse im Land der Großen Seen als bester Redner während des damaligen Wahlkampfs empfunden. Und 1997 hatte er es sogar zum Leader of the Official Opposition gebracht, genauer gesagt, zum Leader of Her Majesty’s Loyal Opposition – so die gerade im Falle eines Separatisten besonders grotesk klingende, offensichtlich veraltete offizielle Bezeichnung.

Allparteienmainstream nationalistischer und separatistischer Rhetorik

Der Bloc Québécois ist tiefer gefallen, als man sich hätte vorstellen können. Freilich dürfte dabei die separatistische Bewegung jedoch in Wirklichkeit an sich gar nicht so arg zugerichtet sein, nur besitzt eben der Bloc schon seit geraumer Zeit nicht mehr das Monopol über den nationalistischen Talk, über separatistisches Gedankengut, über die glitschige Begrifflichkeit großer Worte im großen Einwanderungsland: Volk, Nation, Staat, Identität. Alle Parteichefs haben bereits im Vorfeld des Wahlkampfs ihr Bestes getan, auch bei den Nationalisten und Separatisten vorzüglich anzukommen. Der aufsteigende NDP-Chef Jack Layton (der übrigens auch gut Französisch kann, was ja bei kanadischen Politikern in der Regel nicht gesagt ist) hat Ende April sogar angegeben, man könne sich unter Umständen mal gerne erneut über die 1982 verabschiedete (und von Quebec nie anerkannte) Verfassung unterhalten. Und wenn was nicht passt ...

Staat und Nation: Kanadische Begriffsverwirrungen

Als Dominion entstand Kanada 1867, die Unabhängigkeit kam spät (gesetzgeberisch 1931, staatsrechtlich erst 1982). Doch wie wird im politisch-medialen kanadischen Hokuspokus-Business ein Staat, wie wird eine Nation „gemacht“? Fährt man etwa nach dem schönen Quebec City, so liest man schon von weitem Bienvenue a la capitale nationale –  und fühlt sich unter Umständen trotzdem gar nicht so willkommen, wobei Land und Leute “down the Saint Lawrence River” (der dann flussabwärts Fleuve Saint-Laurent heißt) für Besucher aus der englischsprachigen Welt jedenfalls immer eine Bereicherung ausmachen, das sei vorausgeschickt.

Der Begriff Nation lässt auf ethnische Zugehörigkeit schließen, wird im Englischen heutzutage jedoch meist als Synonym für Staat verwendet (und „Nationality“ steht im Pass für Staatsangehörigkeit). Inwieweit fallen Staat und Nation auseinander? Eine oft unscharf formulierte oder einfach offen gelassene Frage, denn Kanada als Nationalstaat zu definieren, wäre ein starkes Stück, wie es denn überhaupt schwer fällt, Kanada adäquat zu definieren. Und vor ein paar Jahren hat sich Prime Minister Stephen Harper nach langem und stetigem Druck von Seiten der Separatisten zur dubiosen Aussage bringen lassen: „Quebec is a distinct nation within Canada.“ Dass er „within Canada“ gesagt hat, macht vielleicht einen gar nicht so sonderlichen politischen, linguistischen und rechtlichen Trick aus. Inhaltlich beigeben, ohne sich formal eine Blöße zu geben: eine Wischiwaschi-Resolution zum Ablenken, die – wie es sich denn so manchmal auf dem Gebiet der political correctness fügt – seit Jahren als offensichtlich verfehltes, ja missglücktes, doch immerhin weitgehend akzeptiertes geflügeltes Wort ungeniert durch die kanadischen Himmel herumfliegt.

Sprach- und substanzlose Separatisten

Vive le Québec libre! So verstand sich Charles de Gaulle 1967 (also hundert Jahre nach der Gründung des britischen Dominion of Canada) mit nostalgisch-kolonialistisch getrübtem Blick in die Vergangenheit und leider mit nur wenig Sinn für die Zukunft in die kanadische Innenpolitik einzumischen. Quebec soll frei sein, meinen auch heute noch viele: frei von Kanada. Und was es so mit der Monarchie auf sich hat, ist – Traumheirat hin und her – ebenfalls ein offenes Geheimnis. Ein Brite in Quebec? Finger weg! hieß es etwa vor zwei Jahren (2009), als sich Prinz Charles in der Belle Province herumtun wollte. Also doch nicht willkommen? Zugegeben, Charles ist nicht das beste Beispiel. Der Queen ist es in der Belle Province aber auch nicht gut ergangen. Zuwanderer müssen ihr bei der Verleihung der Staatsbürgerschaft übrigens Treue schwören: weit über Quebec hinaus höchst problematisch.

Dass den Separatisten bei aller Energie die Worte ausgehen, dass ihnen die Wähler abhand gehen, dass sie an der Realität vorbei rutschen, hat mit ihrer grimmigen Geschichtsauffassung zu tun – und mit ihrer Neigung, überall und zu jedem Anlass Geschichte machen zu wollen. Alles unbedingt im großen Stil, ob die Szene dazu nun angebracht sei oder nicht. Denn ungleich den Provinzparlamenten ist ja das Bundesparlament (und das sollte für das Ganze wie für alle seine Teile gelten) sowieso schon an sich als Vertretung aller Kanadier gemeint, und nicht etwa nur einer bestimmten Volksgruppe vorbehalten, weswegen es wohl auch vielen Separatisten und/oder Nationalisten widersinnig erscheinen muss, Abgeordnete darin zu haben, die dann eben doch nur das Eine zu sagen: Wir wollen raus! Dabei braucht der Talk rund um die nationale Identität (wie übrigens auch derjenige rund um die soziale Identität, den die Linken ja bieten) auch auf Provinzebene wesentlich neue Impulse, weniger überhitzte Geister und mehr Klarheit.

Hintergrundaktion: französischer Widerstand im Jahre 2009. La Reseau de Resistance. Nein, nicht gegen die Deutschen. Gegen die Briten. Und auch kein eigentlicher Französischer Widerstand, sondern La Reseau de Resistance du Quebecois – eine kleine Splittergruppe radikaler Seperatisten. In der Provinz Quebec haben sich manche nie damit abgefunden, dass General Montcalm 1759 die entscheidende Schlacht auf der Abraham-Ebene vor der Stadt Quebec gewonnen hat. La Reseau de Resistance du Quebecois wird zwar von niemandem wirklich ernst genommen – jedenfalls nicht offiziell, doch schon die reine Tatsache, dass es in unserer Zeit so etwas gibt (und dass diese Gruppe bisweilen Schlagzeilen macht), spricht Bände. Selbst diejenigen, die im Falle eines neuen Referendums gegen Kanada stimmen würden, haben sich mittlerweile von solchen Diskursen abgewandt und nun in einer bemerkenswerten Ablehnung des Alten erstmal mit der linken NDP vorlieb genommen, einer Partei, die es u.a. auf soziale Gerechtigkeit abgesehen hat und mit der man ja offenbar gut kann: the new kid in town .

Fazit: Neue Zukunftsperspektiven in und mit Kanada?

Mit links geschafft? NDP-Kandidatin Ruth Ellen Brosseau etwa konnte sich im östlich von Montreal liegenden Berthier-Maskinongé durchsetzen (oder sich einfach hinsetzen: auf ihren neuen Sitz, für den sie wohlgemerkt gar nicht kämpfen musste), obwohl sie des Französischen nicht mächtig ist, sich in der Gemeinde, die sie nun im kanadischen Parlament vertritt, nie hatte blicken lassen und während des Wahlkampfes aus mangelndem Interesse und zur Abwechslung sogar nach Las Vegas flog, wo es bekanntlich mal Zahl, mal Wappen heißt, je nachdem: ein unwahrscheinlicher Sieg. Und es ist nicht das einzige Geschenk, das die Provinz der NDP „nur so“ bescherte. Welche Gegenleistungen Jack Layton, the new leader of the official Opposition, den Einwohnern von Quebec, denen er seine Stelle verdankt, tatsächlich erbringen wird, ist eine andere Frage.

Links um: Manche Analysten meinen freilich, das sei bloß ein Protest gegen den zunehmend unüberzeugenden Bloc gewesen, der die sublimierten nationalen Emotionen nicht immer kohärent kanalisiert und seine zum Teil ohnehin fragwürdigen Prinzipien nicht immer zeitgemäß formuliert. Mag sein. Mittelfristig ließe sich wohl abschließend sagen: Das Spiel läuft, doch die Wähler in Quebec haben ein klares Zeichen gesetzt. Den Bund lehnen sie nicht ab, wohl aber die derzeit von den Konservativen bzw. von den Liberalen kaum zufriedenstellend erschlossene Perspektive einer Zukunft in Kanada und mit Kanada. Ça veut dire: Treibwind nicht nur für die Neuen Demokraten, sondern möglicherweise für die kanadische Demokratie überhaupt.