06.11.2014

Virgin Galactic: Die Raumfahrt ist es wert

Kommentar von Peter Heller

Ende letzter Woche kam bei der Explosion des Space Ship 2 ein Mensch ums Leben. Kritiker sehen sich in ihren Vorurteilen gegenüber der „unnützen“ Raumfahrt bestätigt. Peter Heller hingegen betont, dass tragische Unfälle uns nicht davon abhalten sollten, den Weg ins Weltall fortzusetzen

Am 27. Januar 1967 starben die drei designierten Apollo-Astronauten Gus Grissom, Edward White und Roger Chaffee. Sie verbrannten in ihrer Kapsel bei einem Routinetest am Boden. Ein Unfall, der die NASA zu grundlegenden organisatorischen und technischen Verbesserungen ihres Raumfahrtprogramms veranlasste. Nur zwei Jahre und 6 Monate später landeten die ersten Menschen auf dem Mond. Aufhören war keine Option.

Am 29. Juni 1971 erstickten die drei Kosmonauten Georgi Dobrowolski, Wiktor Pazajew und Wladislaw Wolkow in ihrer Sojus-Kapsel bei der Rückkehr zur Erde. Trotz allem setzten die Russen ihr Raumstationsprogramm fort, installierten verschiedene Saljut-Stationen und schließlich die Mir im Orbit. Sojus-Raumschiffe fliegen noch immer. Zur ISS. Aufhören war keine Option.

Am 1. Februar 2003 zerbrach die Raumfähre Columbia beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Keiner der sechs Astronauten an Bord überlebte (Michael Anderson, David Brown, Kalpana Chawla, Laurel Clark, Rick Husband, William McCool, Ilan Ramon). Scott Hubbard, damals Direktor des NASA Ames Forschungszentrums und Mitglied der zur Untersuchung des Unglückes eingesetzten Kommission, sprach die folgenden Worte:

„Brave men and women risk their lives in the service of science and exploration. We´ve shed many tears over the loss of the crew of the Columbia. Their best legacy is to continue what we do best to improve and learn from our successes and our mistakes”.

Die ISS wurde fertiggestellt und wird weitere Jahre in Betrieb sein. Derzeit arbeitet die NASA daran, einen Asteroiden einzufangen, in eine Mondumlaufbahn zu bringen und durch Astronauten untersuchen zu lassen. Aufhören? Keine Option.

Am 31.10.2014 explodierte Space Ship 2 bei einem Testflug. Einer der Piloten kam ums Leben, der andere ist schwer verletzt.

Und nun melden sich wieder rund um den Globus die Bedenkenträger, die es schon immer besser zu wissen glaubten. Die bemannte Raumfahrt sei ein unnützes Unterfangen, heißt es. Von Hybris ist die Rede, von Verantwortungslosigkeit gar, weil man zu schnell zu viel erreichen wollte. Virgin Galactic sei nicht mehr als ein Marketinggag eines Mannes, Richard Branson, dessen Visionen in die Nähe der Hochstapelei gerückt werden. Es könne ohnehin nichts Gutes daraus erwachsen, wenn sich gelangweilte Millionäre ein paar Minuten Spaß in der Schwerelosigkeit und den Anblick der Erde vor dem schwarzen Hintergrund des Weltalls gönnen. Argumente zum Klima- und Umweltschutz dürfen da natürlich auch nicht fehlen. Einmal mehr verbinden sich fachliche Inkompetenz, Technophobie und die Sicht auf den Menschen als Zerstörer seiner Welt zu einer rückwärtsgewandten Stimmung.

„Zu denken, was bislang niemand gedacht hat, zu tun, was bislang niemand tun konnte, das ist Fortschritt. Unfälle wie der aktuelle bedeuten nicht sein Ende“

In Wahrheit geht es nicht um Luxus für die, die sich alles andere schon leisten können. Es geht um das Raketenflugzeug. Als neues Mobilitätssystem in Ergänzung zu den vorhandenen, das spezifische Bedürfnisse erfüllt. Es operiert innerhalb und außerhalb der Atmosphäre und erzielt dadurch bei einem suborbitalen Flug sehr hohe Geschwindigkeiten. Von jedem Punkt der Erde jeden anderen in kaum zwei Stunden erreichen zu können, das ist, wovon Richard Branson eigentlich träumt. Virgin Galactic ist kein Selbstzweck, keine Frage. Es ist ein Geschäftsmodell, das die Entwicklung eines solchen Raketenflugzeuges inklusive einer weltweit verteilten Infrastruktur von „Space Ports“ in einem gewissen Umfang refinanziert. Die Idee, den Flug in zwei Phasen aufzuteilen, die mit jeweils optimal gestalteten Systemen zurückgelegt werden, reduziert dabei die mitzuführende Menge an nicht wiederverwertbarer Masse enorm. Effektivität und Effizienz treiben Innovationen. Wer das „unverantwortbar“ findet, wendet sich im Kern gegen jede Art von Fortschritt.

Weltraumtourismus besticht noch in anderer Hinsicht. Es sind gerade nicht abgestumpfte Müßiggänger, die Tickets reserviert haben. Dies lehren die „20 Millionen Dollar“-Touristen, die die ISS besucht haben. Auf ein solches Abenteuer lassen sich vor allem erfolgreiche Geschäftsleute mit Visionen und unternehmerischem Ehrgeiz ein, für die der Flug ins All eine Quelle der Inspiration darstellt. Sie werden merken, wie nahe uns der Weltraum eigentlich ist und sie werden Ideen entwickeln, wie dies zu unserem Vorteil genutzt werden kann.

Dauerhafte Infrastrukturen im niedrigen Erdorbit und darüber hinaus zu errichten, sie zu betreiben, zu warten, zu reparieren und zu modernisieren gelangt mit dem Raketenflugzeug in Reichweite. Der Glaube, das Potential der Raumfahrt sei mit den Möglichkeiten der klassischen Träger ausgeschöpft, ist ein Irrtum. Es mag auch die Furcht vor dieser Perspektive sein, die die spürbare Genugtuung vieler Kommentatoren erklärt.

Zeigt so ein Unfall denn nicht die dem Menschen gesteckten Grenzen auf, die zu überschreiten nur in der Katastrophe enden könne? Ja natürlich, Raumfahrt findet an den Grenzen des technisch machbaren statt. Aber wenn wir den Versuch nicht fortsetzen, diese weiter hinaus zu verschieben, verleugnen wir unser Menschsein. Scott Hubbard drückte es 2003 auf diese Weise aus: „We do things no one else has ever been able to do, maybe even thought of doing“. Zu denken, was bislang niemand gedacht hat, zu tun, was bislang niemand tun konnte, das ist Fortschritt. Unfälle wie der aktuelle bedeuten nicht sein Ende. Aus solchen Fehlern lernt man nur mehr über den richtigen Weg.

Am 31.10.2014 explodierte Space Ship 2 bei einem Testflug. Ist dies das Ende aller Träume? Nein, es ist ihr eigentlicher Beginn.