20.08.2012

Urheberrechtsdebatte: Musik gegen Geld

Von Renate Dienersberger

Die Debatten um das Urheberrecht und die GEMA-Tarifreform verstärken die Sorgen und Nöte vieler Musiker. Die Musikerin Renate Dienersberger erklärt, weshalb nicht zuerst Stars und Musikindustrie betroffen sind. Leitragende sind die kleinen Bars, Musiker und nicht zuletzt die Kunst

Gastgeber zum Musiker:
Oh, wie wunderbar! Sie haben Ihr Hobby zum Beruf gemacht. Was kann es Schöneres geben, als von der Kunst zu leben?
Musiker zum Gastgeber:
Nun ja. Doch, doch. Natürlich, Sie haben recht, die Kunst ist etwas Wunderbares.
Es wäre sehr schön, wenn Sie noch ein bißchen weiterspielen würden!
Aber die vertraglich vereinbarte Spielzeit war doch schon vor einer Stunde vorbei…
Ach, das macht doch nichts, Sie spielen doch so gerne, das sieht man Ihnen einfach an! Und meine Gäste haben soviel Freude dran!


Selten ist soviel über den Wert der Kunstform „Musik“ – heute natürlich im rein wirtschaftlichen Sinne, quasi metaphorisch für die imaginäre gigantische Geldscheinklammer, von der die westliche Welt nunmehr ausschließlich zusammengehalten zu werden scheint – diskutiert worden wie in den letzten Monaten. Das hat zwei Ursachen: Zum einen plant die GEMA eine Gebührenreform, die zum 1. Januar 2013 in Kraft treten soll – und die Musikgastronomie läuft Sturm dagegen. Zum anderen ruft die Piratenpartei lautstark nach einer Urheberrechtsreform, die den Menschen Musik kostengünstiger zugänglich macht und insbesondere „privates Filesharing entkriminalisiert“. Auf den ersten Blick sieht es also so aus, als seien hier zwei Institutionen am Werk, die exakt gegenläufige Ziele verfolgen. Aber unterschiedliche Absichten können mitunter sekundäre Prozesse in Gang setzen, die letztendlich zum identischen Ergebnis führen.

Die in allen Medien verbreitete Nachricht, ab dem kommenden Jahr solle einem Live-Musik-Club im Einzelfall bis zu 2000 Prozent mehr Gebühren für die gewerbliche Nutzung (sprich: Live-Aufführung) kommerzieller Musiktitel abverlangt werden als bisher, entstammt einer Pressemitteilung des DEHOGA vom Dezember 2011 und erregt natürlich die Gemüter. Das allgegenwärtige Zitat dieser Zahl ist allerdings umstritten, da sie nur auf einen sehr kleinen Prozentsatz der Veranstaltungen zutrifft. Näher an der Realität bewegen sich die Veränderungen am Beispiel eines Musiklokals mit 150 Quadratmetern Gastfläche, das Abend für Abend cirka drei Stunden lang live gespielte Hintergrundmusik bietet und von seinen Gästen keinen Eintritt verlangt – davon gibt es (noch) zahllose in der Republik: Waren hierfür jährlich zum Beispiel pauschal 5000 Euro mit der GEMA vereinbart, so sind ab 2013 laut dem Tarifrechner auf deren Internetseite 17.184,20 Euro fällig. Das sind also beileibe keine 2000 Prozent. Aber es ist immerhin mehr als das Dreifache. In Anbetracht der Tatsache, dass die – grundsätzlich zum Idealismus neigenden – Betreiber solcher kleiner Live-Bühnen ohnehin nahe am Existenzminimum hinter ihrem Tresen werkeln, kann eine derartige Steigerung durchaus den finalen Dolchstoß für diese Art von Kleinkunst bedeuten.

Nähern wir uns zunächst der Frage, worin sich das Ansinnen der GEMA begründet, ihre Tarifstruktur zu novellieren: Die GEMA ist bekanntlich eine Verwertungsgesellschaft, sie vertritt die Rechte von Urhebern musikalischer Werke. Ebenso bekannt ist ihre Monopolstellung – es gibt für Musiker in Deutschland keine andere Möglichkeit, ihre Musik anzumelden und Tantiemen für deren öffentliche Aufführung zu erhalten. Sie ist die staatlich anerkannte Treuhänderin Musikschaffender. An der GEMA kommt niemand vorbei, vom Radiosender über den Konzertveranstalter, den Kneipenwirt und den Friseursalon bis hin zur jahrzehntelang überaus bedeutenden Gruppe der Käufer von Tonträgern (landläufig einst Schallplatten und später – etwa seit den Geburtsjahren jener Menschen, die heute für die Piraten Publikationen schreiben – CDs genannt).

Wer übrigens auch nicht an der GEMA vorbeikommt, ist der Musiker selbst. Hat ein Komponist einmal einen Titel bei der GEMA angemeldet, ist es ihm nicht mehr gestattet, dieses Stück zum Beispiel einem Freund als Hintergrundmusik einer Homepage kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Die GEMA kassiert auch dann. Der Musiker tritt also auch sein persönliches Recht an seiner eigenen Musik ab und kann nicht mehr über deren kostenfreie Verwendung bestimmen.

Nun überschwemmt seit Jahren das Internet die ganze Welt und verändert sie in beispiellosem Maße. Die Verbreitung von Musik am Inkasso der GEMA vorbei ist dabei natürlich nur ein winziges Partikelchen. Tatsache ist jedoch, dass die Musikindustrie diese Entwicklung komplett verschlafen hat. Offenbar haben die hohen Damen und Herren an der Spitze der Musikindustrie (allein in diesem Begriff drückt sich sehr schön aus, welche Metamorphose die Kunstform der modernen Musik längst vollzogen hat) jahrelang nicht begriffen, was da Seltsames vor sich geht; jedenfalls sank der Umsatz aus Tonträgern von 1999 bis 2006 weltweit um über 20 Prozent. Und da sagten sich die Plattenlabels – natürlich auf Neudeutsch: Holla! Download? Was um alles in der Welt ist das denn? – Zumindest muss man das vermuten, sonst hätten sich ein paar Techniker in den Diensten der Tonträgergesellschaften vermutlich schon früher etwas einfallen lassen, um dieser Tendenz etwas Hinreichendes entgegenzusetzen.

Ähnlich erging es natürlich der GEMA: Eine der wichtigsten Einnahmequellen brach unaufhaltsam ein. So etwas ist unangenehm, wenn man allein zum Unterhalt des eigenen Verwaltungsapparats 123,2 Millionen Euro (darunter z.B. über 12 Millionen für „Nebenkosten des Inkassogeschäfts“, was immer das auch heißen mag) jährlich benötigt. Diese Zahlen gehen aus dem Geschäftsbericht 2011 der GEMA hervor, wonach 825,5 Millionen Euro erwirtschaftet und davon 702,3 Millionen Euro an die Mitglieder ausgeschüttet wurden. Die Erträge aus dem Tonträgergeschäft sanken dem Bericht nach von 2010 auf 2011 um 27,8 Millionen Euro – und ein Ende dieser Misere ist nicht in Sicht. Ja, was liegt da näher, als andere Einkommensquellen anzuzapfen? Da ist Erfindungsgeist gefragt! Selbst das Internet hat in dieser Hinsicht seine praktischen Seiten…


Gitarrist einer lokalen Rockband an GEMA:
Ich möchte auf der Homepage meiner Band ein paar Cover-Titel einstellen, damit potentielle Kunden Hörbeispiele haben. Bis zu welcher Länge kann ich das machen, ohne dass es mich was kostet?
GEMA an Musiker:
Das geht gar nicht. Egal wie lange das Demo spielt, da sind immer Gebühren fällig.
Ja, aber mit so ein paar Sekunden Musik kann doch kein Mensch kommerziell was anfangen!?
Das spielt keine Rolle, es gibt keine zeitliche Untergrenze.
Aber ich muss doch irgendwie im Internet präsentieren können, was wir so spielen, sonst engagiert uns doch keiner!
Ich verstehe Sie, aber wenn Sie fremde Titel verwenden, dann kostet das eben was.
Wissen Sie, wir sind eine Cover-Band. Wir spielen fast nur fremde Titel. Das ist es nämlich, was die Leute hören wollen. Und da will ein Veranstalter doch wissen, ob man einen von uns gespielten Beatles-Titel auch als solchen erkennt.
Nun, aber das ist ja dann auch eine gewerbliche Nutzung dieses Beatles-Titels.
Öh, nein, nicht direkt. Denn 1. ist der Beruf des Musikers kein Gewerbe, sondern ein sogenannter ‚Beruf höherer Ordnung’, und 2. verdient an diesem Musikschnipsel auf unserer Homepage ja niemand was. Im Gegenteil, wir zahlen den Webspace dafür. Verdienen tun wir erst, wenn der Veranstalter uns engagiert, und dann wird ja die GEMA-Gebühr für die öffentliche Aufführung fällig.
Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen da nicht helfen, so sind nun mal die Bestimmungen.


Kein Musiker stellt prinzipiell in Frage, dass Komponisten Geld für die Nutzung ihrer Werke zusteht. Aber wie obiger Dialog zeigt, treibt das Urheberrecht eben auch sehr seltsame Blüten.

Ginge es hingegen nach der Piratenpartei, könnten die Jungs von der Rockband, die obige Anfrage an die GEMA richtete, ihre Cover sofort bedenkenlos weltweit zum Download zur Verfügung stellen. Für die Newcomer im Polit-Zirkus steht ein völlig anderer Aspekt von Kunst im Vordergrund, und zwar ein zunächst ebenfalls durchaus ehrenwerter: Den Piraten geht es ideell betrachtet darum, Kunst jedermann zugänglich zu machen, je billiger desto besser. Absolut lobenswert, eigentlich. Natürlich sollte das Recht auf Kunstgenuß keine Frage des Geldbeutels sein – derartige Verhältnisse hatten wir schließlich jahrhundertelang. Nachdenklich stimmt es jedoch, wenn man im Internet zum Beispiel auf einen Artikel stößt, der ein Gespräch mit dem Experten der Piratenpartei für Urheberrecht, Herrn Bruno Kramm wiedergibt:

„Die Industrie habe nie beweisen können, dass ein Musikstück gekauft worden wäre, wenn ein Nutzer es nicht aus dem Netz hätte laden können, sagte Kramm. ‘Wir sind nach wie vor Jäger und Sammler als Menschen. Wir wollen Dinge im Regal stehen haben und nicht nur auf einer Festplatte.’ Er warb aber dafür, mündige Nutzer selbst entscheiden zu lassen, was ihnen eine Honorierung wert ist. Um zu selektieren, biete das Internet unglaubliche Möglichkeiten.“ [1]

Da sträuben sich dem Gitarristen der lediglich lokal bekannten Rockband dann doch die Nackenhaare. Denn auch er hat ein paar Songs geschrieben. Die will zwar bisher niemand wirklich hören, aber das kann ja noch kommen. Und dann sollen das bitteschön seine Songs bleiben – seine Musik, die nicht ohne sein Wissen und ohne jegliches Honorar zu tausenderlei Zwecken ge- beziehungsweise missbraucht werden darf. Die Entscheidung, ob seine Musik „eine Honorierung wer“ ist, sähe er also doch lieber bei sich selbst.

Einem Aktivisten der Piratenpartei zu vermitteln, dass der Eigentumsbegriff durchaus auch auf nicht-materielle Werte anwendbar sein könnte, ist ein gutes Stück Arbeit. Der Pirat sieht das Wesen der Kunst einfach in einem anderen Licht. Würde man ihn fragen, was er davon hält, wenn das Haus, das er von seinen Eltern geerbt hat, per Gesetz zehn Jahre nach deren Tod automatisch an die Allgemeinheit fällt, würde er vermutlich ziemlich indigniert reagieren. Für das Eigentumsrecht an Musikstücken findet er eine gleichlautende Forderung jedoch absolut gerechtfertigt. Eine freie Verfügbarkeit jeglicher Musik „für Bildungszwecke“ hält er für selbstverständlich. Dass der Urheber dieses „Bildungsstoffs“ damit eine Einkommensquelle verliert, kommt dem Piraten nicht direkt in den Sinn. Ein „Recht auf Privatkopie“ soll gesetzlich festgeschrieben werden; dass dadurch im Zeitalter der globalen Vernetzung vielleicht auch 90 Prozent der Einnahmen eines Komponisten wegfallen könnten, scheint nicht von Bedeutung, wenn man „die 10 wichtigsten Punkte einer Urheberrechtsreform“ auf der Website der Piraten studiert. Man muss sich fragen, ob die Verfasser dieser Schrift sich schon mal den Kopf darüber zerbrochen haben, wie viele Songs ein Musiker unter diesen Umständen noch komponieren könnte, bevor der Hungertod ihn dahinrafft. Punkt zehn dieses Statements der Piraten lautet – quasi zusammenfassend: „Das Urheberrecht muss den Anforderungen des medienkompetenten Nutzers von heute gerecht werden und darf ihn in seiner kreativen Nutzung nicht beschränken.“

Aha. Nun, da drängt sich doch die Frage auf, inwieweit das Urheberrecht vielleicht auch den Anforderungen des Komponisten gerecht werden muß, um dessen kreative Fähigkeiten nicht zu beschränken…


Pirat an Musiker (via Facebook-Chat):
hey, war gestern bei dir im club, saugeil, deine band :o))!
Musiker an Pirat:
Danke, freut mich.
supi, dass du mich geaddet hast, jetzt kann ich dir mal online schreiben. hast du die gema-pet schon unterschrieben?
Klar, hab ich. Klauen uns ja noch den letzten Job weg sonst.
lol, genau. gibts eigentlich den vorletzten song von gestern, wie heißt der noch mal, als free download irgendwo?
Nöö, bin ja nicht blöd, wir wollen doch unsere CDs vekaufen. Er heißt übrigens ‚Longing’.
toll, das ding. aber das mit der cd kannste eh vergessen *lol*, den song hat bestimmt schon ‘n user eingestellt. außerdem kommt jetzt dann das recht auf remixes und mashups, und dann wird dein titel vielleicht in ner dance version der knaller :p))!
Okay, schau ma mal. Hab jetzt noch was vor, mach’s gut dann.
jou *g*, bis denne.


Aus obigen – rein fiktiven! – Gesprächsentwürfen wird immer klarer, auf welche Gruppe von Musikern dieser Artikel besonders hinweisen möchte: Nicht etwa auf jene, deren Titel aktuell landauf landab von den Radiosendern gespielt werden respektive zum Download für einen Euro im Internet bereitstehen. Denn diese Glücklichen (oder nicht selten auch besonders Unglücklichen, wie die Rock/Pop-Geschichte von Jim Morrison bis Amy Winehouse uns lehrt), deren CDs auch heute noch massenweise ganz altmodisch im Laden oder halbmodern bei Amazon gekauft werden, bilden nur den Bruchteil eines Promilles der gesamten Musikerschar. Es geht vielmehr um die Gattung des Gemeinen Musikers, dessen Natur hier kurz erläutert sei:

Der gemeine Musiker hat sich schon im frühen Jugendalter dazu entschieden, sein Leben mit nichts anderem verbringen zu wollen als mit dem Spielen und Komponieren von Musik, in aller Regel gegen den – zumeist entschieden vorgebrachten – anderslautenden Willen seiner Eltern. Dem gemeinen Gitarristen zum Beispiel wurde nicht selten sein erstes kümmerliches, vom angesparten Taschengeld erworbenes Instrument mit Vehemenz vom eigenen Vater gegen die Wand gedroschen, auf dass aus dem hoffnungsvollen Sprößling doch noch was Anständiges werden möge. Der gemeine Schlagzeuger erfuhr darüber hinaus auch grundsätzlich von sämtlichen im Umkreis von mindestens 250 Metern angesiedelten Nachbarn, was Mobbing ist, noch lange, bevor dieser Begriff ins Leben gerufen wurde. Nur wer sämtliche Unbill jener Jugendjahre ertrug und dennoch nicht von seinem exotischen Berufswunsch abwich, wer mit Freude für drei Drinks und ein Abendessen über vier Stunden sein gesamtes Repertoire auf der Bühne einer Dorfwirtschaft am Rosenmontag bis zu dreimal hintereinander zum Besten gab (weil die Anzahl der Stücke noch nicht für einen ganzen Abend reichte) und es dabei wagte, zu später Stunde unauffällig auch zwei Eigenkompositionen einzuflechten, weil die längst betrunkene Zuhörerschaft mittlerweile auch bereit war, Unbekanntes mitzugrölen – nur der darf sich ein würdiges Mitglied jener Zunft der Gemeinen Musiker nennen. Genau ihnen ist dieser Artikel gewidmet.

Der gemeine Musiker braucht Bühnen – kleine natürlich, denn große würden ihn nicht engagieren, weil sie ihn nicht kennen und er sie nicht. Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ist er es gewöhnt, in Live-Clubs zu spielen, gegen eine geringe Gage, dafür aber mit der Option, dass einer der Gäste ihn vielleicht für eine Firmenfeier, eine Geburtstagsfete oder gar ein größeres Event engagiert, also für eine „Mugge“ (der Begriff wird oft verwendet, aber die Wenigsten wissen, was er bedeutet – es handelt sich um die Abkürzung des für den gemeinen Musiker meist ausschließlich aus wirtschaftlicher Sicht erfreulichen Geschäftsmodells „Musik gegen Geld“). Abgebrühte Insider nennen im Gegenzug die minimal bezahlten Club-Auftritte auch „bezahlte Werbung“ oder „live üben“ – was aber keinerlei Abwertung bezüglich der musikalischen Qualität solcher Gigs beinhaltet. Denn eines ist zumeist garantiert in diesen Clubs: Die Gäste kommen, weil sie genau diese Musik hören wollen. Sie lieben ihre Stammbands und kommen zuverlässig immer wieder. Im Idealfall wird der Gemeine Musiker alt mit seinem Publikum. So war es zumindest jahrzehntelang. Das nennt man also Kleinkunst.

Dabei ist die Kunst, die hier zu Gehör gebracht wird, oftmals keineswegs klein – wahre Juwelen kann man hier finden, auch Musiker, die jenen auf den großen Bühnen der Welt durchaus das Wasser reichen könnten. Viele von ihnen sind, wie schon oben angesprochen, GEMA-Mitglied, weil sie eigene Songs mit einfachen Mitteln auf CD herausgebracht haben, die sie dann bei ihren Auftritten verkaufen, und oftmals auch, weil sie für andere Künstler Musik geschrieben haben. Aus der öffentlichen Aufführung ihrer eigenen Titel stehen ihnen GEMA-Tantiemen zu. Außerdem erhalten sie auch für jeden – legalen und damit kostenpflichtigen – Download eines ihrer Werke eine Vergütung. Die Kreativsten schaffen es sogar, mit den GEMA-Ausschüttungen Jahr für Jahr die Grundkosten ihres (selten aufwendigen) Lebensstils zu decken, und die Engagements in Clubs sorgen für das Zubrot. Das Gros der Berufsmusiker lebt indes vorrangig von den Gagen für die Live-Auftritte.

Live-Musik-Clubs sind jedoch bereits seit geraumer Zeit eine aussterbende Varietät innerhalb des Gastronomiegewerbes. Das hat zahlreiche Ursachen. Zum einen wächst kein adäquates Publikum nach. Der Altersdurchschnitt des Publikums liegt – vorsichtig geschätzt – mittlerweile weit jenseits der 40. Ziemlich weit. Also eher über 50, wenn man ehrlich ist. Junge Leute schätzen eher Clubs mit DJs. Ihre Lieblingsmusik ist live meist nicht reproduzierbar.

Zum anderen klagt die Gastronomie ganz pauschal über Umsatzrückgänge. Das Eintrittsgeld für Live-Musik schreckt Gäste zusätzlich ab. Schon seit Jahren kassiert die GEMA darüber hinaus zunehmend mehr Gebühren für die Aufführung von Live-Musik: Selbst ausgehandelte Pauschalbeträge übersteigen oftmals die Möglichkeiten des engagiertesten Kneipenwirts. Kaum ein Cent dieser Gelder kommt jedoch dem Gemeinen Musiker selbst zugute, denn der spielt ja publikumskonform in allererster Linie Cover-Versionen. Das Gros der GEMA-Einnahmen aus öffentlichen Musikveranstaltungen fließt also (selbstredend nach Abzug der Verwaltungskosten) natürlich den etablierten Bands und Komponisten zu, aus deren Repertoire sich das Abendprogramm des Live-Clubs speist.

In München zum Beispiel scheint es darüber hinaus zum guten Ton zu gehören, gerne mal in die unmittelbare Nachbarschaft einer Musikkneipe zu ziehen und anschließend gegen die Lärmbelästigung zu klagen – fast immer mit Erfolg. Und das Tüpfelchen auf dem „i“ ist dort nunmehr das Rauchverbot in der Gastronomie. Erfahrungsgemäß rekrutiert sich die Rock&Pop-Musik-Fangemeinde nämlich zu einem überdurchschnittlichen Prozentsatz aus Rauchern – vor den Rauchverboten lag ihr Anteil bei etwa 70 bis 80 Prozent der Zuhörerschaft. Das ist heute anders, weil geschätzt gut die Hälfte der rauchenden Gäste nun einfach zu Hause bleibt und die andere Hälfte zusammen mit dem nichtrauchenden Rest des Publikums in den Spielpausen vor der Tür steht, um dort zwangsläufig einen Geräuschpegel zu verursachen, der wiederum den frisch zugezogenen lärmempfindlichen Nachbarn auf den Plan ruft. Bayern mit seinem ausnahmslosen Rauchverbot und dem auf dem Fuße folgenden Kneipensterben liefert für diese Verquickung ungünstiger Umstände das beste Beispiel.


Wirt eines Münchner Musikclubs zum Musiker:
Das war heute ja mal wieder ein Desaster. 15 Gäste. Schade, ihr habt ja toll gespielt, wie immer, aber… (Wirt zieht die vereinbarte Festgage aus der Tasche, die den Umsatz um cirka 150 Prozent übersteigt).
Musiker zum Wirt:
Naja, heute ist halt Dienstag, am Dienstag geht eh keiner mehr weg. Hoffentlich ist es nächsten Dienstag besser.
Wohl nicht. Wir machen nämlich ab jetzt dienstags zu, jedenfalls bis September. Ich kann Eure Gage einfach nicht mehr bezahlen, du siehst ja selbst, die Einnahmen decken das nicht mehr, und die GEMA kriegt den Hals auch nicht mehr voll. Da bleiben wir ehrlich gesagt lieber selbst zuhause.
Hm. Ja. Na gut. Dann melde ich mich halt im August wieder, damit wir einen Dienstag im September vereinbaren.
Gerne. Aber eine feste Gage kann ich Euch nicht mehr zahlen. Ab jetzt lassen wir alle Bands auf Eintritt spielen.
Ja, aber am Dienstag kommt doch immer keiner, da gehen wir ja mit zehn Euro für drei Stunden Spielen heim, wenn wir Pech haben.
Ach, ich hab da ein paar Schülerbands an der Hand, die bringen immer ihre Klassenkameraden mit, die den Eintritt gern zahlen. Ist ja für ihre Freunde auf der Bühne. Und die Jungs freuen sich ja so, wenn sie hier bei uns spielen dürfen, die sind total motiviert, auch an einem Dienstag. Weltmeister im Spielen sind sie nicht gerade, aber wir müssen ja auch von was leben, wir hören da halt einfach auch mal weg.


Kommen wir also zur Kernfrage: Wo und wie entsteht eigentlich Musik und wie findet sie zu den Menschen?

In aller Regel entsteht Musik zunächst mal im Wohnzimmer. Oder im Wald, im Auto, im privaten Mini-Studio. Oft in der Nacht, und fast immer im Herzen. Sie entspringt der Kreativität des Einzelnen, also dem Ich des Künstlers. Ihre Erfüllung findet sie jedoch im Wir. Sie drängt darauf, von anderen Menschen erlebt zu werden. Also nicht nur gehört – das ist nur die sekundäre Form der Antizipation. Ihr primärer Wunsch ist es, im direkten Austausch zu stehen. Es geht nicht nur um Töne auf Tonträgern, seien es materielle oder virtuelle. Es geht darum, sie auch zu sehen, wenn sie sich auf dem Gesicht des Spielenden widerspiegelt. Sie zu erfühlen in jenem Moment, in dem der Künstler sie dem Instrument entlockt. Den unsichtbaren Bogen wahrzunehmen, der sich zwischen einer Band und ihrem Publikum spannt, während die Dynamik anschwillt. Das Lächeln zu sehen, das ein Musiker dem anderen schenkt, wenn eine Passage besonders harmonisch geraten ist – und das Glänzen in ein paar Dutzend Augenpaaren.

All die Mega-Stars, deren Konzerte zu besuchen heutzutage ein kleines Vermögen kostet, all jene seit Jahrzehnten berühmten Rock-und Pop-Größen, die nunmehr unablässig durch die Welt touren, weil sie über den Verkauf ihrer Tonträger aufgrund der unzähligen illegalen Download-Möglichkeiten nur noch einen Bruchteil ihrer einstigen Einnahmen erzielen – sie gehörten einst der Gattung des Gemeinen Musikers an. Kleinkunstbühnen waren und sind die Keimzelle dieser Art von Musik. Wenn die kleinen Live-Clubs aussterben, sterben die Geburtsstätten aller großen Künstler dieses Metiers, stirbt auch die Inspiration, die aus dem direkten Austausch zwischen Musiker und Zuhörer erwächst. Und somit die Chance auf eine neue Generation wirklich guter, „handgeschriebener“, nicht nur hör-, sondern auch live erlebbarer, Jahrzehnte überdauernder Musik.

Die GEMA ist mit ihrer geplanten Tarifreform auf dem besten Wege, dieser Keimzelle – also quasi ihrem Fußvolk und damit auch gleichzeitig ihrer eigenen ferneren Zukunft – das Wasser endgültig abzugraben. Und die Piraten buddeln eifrig von der anderen Seite, indem sie schlichtweg übersehen, daß ihre pseudo-idealistische Vorstellung von der freien Zugänglichkeit jedweder Musik via Internet die Urheber dieses offenbar so begehrenswerten „Allgemeinguts“ um ihren verdienten Lohn bringt.

Ein Teil der Künstler erkennt natürlich auch die Chancen der schönen neuen Internet-Welt: Nie war es so leicht, eigene Songs einem potentiell unendlich großen Publikums ins Wohnzimmer zu liefern. Dazu muß man nur wissen, wie man Facebook und YouTube bedient, wie man Tausende virtuelle „Freunde“ findet und effektiv Werbung macht für sein Produkt. Der eine oder andere wurde bereits als Star in dieses neue Universum hineingeboren, noch bevor er je die Bretter einer realen Bühne betreten hatte – und spielt heute vor ausverkauften Hallen.

Der andere Teil hingegen ist mittlerweile am Verdursten, und dieser Gruppe offenbart sich die düstere Vision einer Musikwelt voller im Studio konstruierter und produzierter, mit allen technischen Finessen zurecht geschliffener und mit großem Werbeaufwand inszenierter Massenware, deren Gratis-Download niemandem mehr schaden wird, weil dieser Aspekt im zugehörigen Budget bereits kalkuliert und zu Gunsten der unendlichen mit Werbung vermengbaren virtuellen Verbreitungsmöglichkeiten für akzeptabel befunden wurde – einer Ware, die mit dem althergebrachten Begriff der „Kunst“ sowieso nichts mehr zu tun hat.

* * *


Haben Sie Kinder? Wenn ja: Heutzutage knallt man natürlich keine Gitarren mehr gegen die Wand – da stünde ja gleich das Jugendamt mit einer Handvoll Psychologen im Schlepptau vor der Tür. Glücklicherweise gibt es erheblich subtilere Methoden, den eigenen Nachwuchs in geordnete Bahnen mit Zukunftsperspektive zu lenken: Schicken Sie Ihr musikbegeistertes Kind noch im Vorschulalter in die Rhythmische Sportgymnastik. Melden Sie sich selbst in einer Trommelgruppe an. Erklären Sie Ihrem Kind, dass Rockmusiker rauchen und trinken, nie genug Geld in der Tasche haben, um mit dem Rest der Welt mithalten zu können, keine vorzeigbaren Freunde finden und sich nur alte Autos leisten können, die furchtbar viel Benzin verbrauchen und das Klima zerstören. Machen Sie ihm darüber hinaus klar, dass E-Gitarren total out sind und dass man mit Computern genausogut Musik machen kann, sogar ohne das Haus verlassen zu müssen. Schenken Sie ihm einen Drum-Computer, einen Synthesizer und ein Sequenzer-Programm mit Facebook-App. Ihr Kind wird es Ihnen danken – und nach reiflicher Überlegung wahrscheinlich doch lieber Betriebswirtschaft studieren.