01.01.2006

Un-Ratgeber oder Sind wir Laien auf ganzer Linie?

Kommentar von Edna Balzer und Eva Balzer

Eva Balzer und Edna Balzer lichten das Ratgeber-Dickicht.

Zum Glück kann man Weihnachtsgeschenke umtauschen. Besonders empfiehlt sich das, wenn Sie einen Ratgeber geschenkt bekommen haben – und die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Sie springen einen förmlich an, in Buchhandlungen, in Büchereien oder im Internet. So führt Amazon eine eigene Kategorie „Ratgeber“, die über 17.000 Bücher, 120 DVDs und 130 Software-Programme enthält. Die Suche nach Neuerscheinungen und Neuausgaben zum Thema „Ratgeber“ im Online-Katalog der Deutschen Bibliothek liefert für das Jahr 2005 mehr als 2800 Titel. Für das Jahr 1970 erzielt man hingegen nur 140 Treffer.


Dass die Publikation von Ratgebern in den letzten drei Jahrzehnten sprunghaft zugenommen hat, belegt auch die Erfolgsgeschichte des Gräfe und Unzer Verlags. In den 70er-Jahren avancierte das 1722 gegründete Verlagshaus zum stärksten Kochbuchverlag Deutschlands. Heute ist es mit rund 800 Titeln Marktführer im deutschen Ratgebermarkt. Die farbenfroh gestalteten Bücher helfen heute nicht nur bei der Zubereitung von Pizza, Pasta und Co., sondern auch beim Streben nach „Erfolg“, „Familienglück“, „Wohlbefinden“ und „Geborgenheit“. Es handelt sich also nicht nur um eine quantitative Ausweitung, sondern auch um eine inhaltliche: Ratgeber beschäftigen sich inzwischen nicht mehr nur mit Küche, Haus und Garten, sondern geben Tipps zu allen erdenklichen Lebenslagen. Sie erklären, wie man sich gesund ernährt, Krankheiten vorbeugt, ein erfülltes Sexualleben hat, Kinder zeugt, gebärt, erzieht, wie man mit sich selbst, mit Partnern, Kollegen, Vorgesetzten und Tieren umgeht und ganz allgemein den Alltag meistert. Die Themenvielfalt der Ratgeber scheint immer größer zu werden. Wie ist dieses Phänomen zu erklären?


Der Duden definiert „Ratgeber“ als ein „Büchlein o.Ä., in dem Anleitungen oder Tipps o.Ä. für die Praxis auf einem bestimmten Gebiet enthalten“ sind. Der Ratgeber ist also durch Kürze und Bestimmtheit gekennzeichnet. Er hilft bei der Bewältigung einer Aufgabe, indem er Arbeitsmittel und -schritte anweist, die zur Erreichung eines bestimmten Ziels eingesetzt bzw. durchgeführt werden müssen. Der Ratgeber als Wissensquelle wendet sich an den unkundigen Leser und hat daher per definitionem einen autoritativen Charakter – wogegen auch zunächst nichts einzuwenden ist. Wer zum ersten Mal einen Kuchen bäckt, tut gut daran, sich genau an ein Rezept zu halten.


Ein Ratgeber, der sich auf Verrichtungen wie die Zubereitung von Speisen oder die Pflege von Haus und Garten oder auch die Erstellung einer Steuererklärung bezieht, ist somit zweifelsfrei ein „nützlich Ding“. Die neue Generation von Ratgebern – und es ist diese, die unaufhaltsam die Regale in den Buchläden füllt – beschränkt sich aber nicht auf derlei Gebiete, sondern dringt in Sphären ein, die bislang individuellen Überzeugungen und Vorlieben vorbehalten und schlichtweg Privat- oder Geschmackssache waren; in Bereiche also, in denen man sich eigentlich nur ungern Vorschriften machen lässt.
 

„Die meisten Ratgeberautoren nehmen offenbar an, dass ihre Leserschaft die alltäglichsten Dinge des Lebens nicht selbständig zu meistern im Stande ist.“



Die Erteilung von Ratschlägen in den privaten Bereichen des menschlichen Zusammenlebens macht das „Neue“ an der modernen Ratgeberkultur aus. Sie ist aus mehreren Gründen kritisch zu betrachten. Zum einen können zwischenmenschliche Verhaltensweisen oder persönliche Vorlieben nicht auf „die richtige“ Formel reduziert werden, wie es die Ratgeberschablone nach dem Motto „Man nehme…“ suggeriert. Die Bündigkeit des Ratgeberformats steht in krassem Gegensatz zur Komplexität des menschlichen Lebens. Anzunehmen, dass man die Erziehung eines Kindes auf die gleiche Art und Weise angehen könne wie die Zubereitung eines Sandkuchens, ist weltfremd. Ein so verfasster Ratgeber kann daher nicht mehr als belanglose Plattitüden enthalten.


Zum anderen aber – und dies ist problematischer als die schematische Abarbeitung von Lebensbereichen – nehmen die meisten Ratgeberautoren offenbar an, dass ihre Leserschaft die alltäglichsten Dinge des Lebens nicht selbständig zu meistern im Stande ist. So enthält beispielsweise der Ratgeber für Ein tolles Wochenende mit Papa zwar durchaus nützliche Anregungen für die familiäre Freizeitgestaltung. Die Autorin Gerlind Schabert hält es aber auch für notwendig, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Gruselgeschichten Kinder ängstigen können; dass Kinder und Eltern beim Weihnachtsbaumschlagen festes Schuhwerk brauchen; dass Brennbeschleuniger beim Grillen zu meiden sind und Scheren nicht in Kinderhände gehören. Diese Ratschläge mögen auf den ersten Blick erheiternd wirken; eher ernüchternd ist jedoch, dass die Autorin scheinbar davon ausgeht, ihrer Leserschaft derlei Ratschläge überhaupt erteilen zu müssen. Man hat den Eindruck, als traue die Autorin den Erwachsenen nicht mehr Verantwortungsbewusstsein, Intelligenz und Instinkt als den von ihnen zu betreuenden Kindern zu. Und es drängt sich die Frage auf, ob man Väter, die solcher Ratschläge bedürfen, überhaupt mit ihren Kindern allein lassen kann.


Aber auch Müttern wird in ähnlicher Manier der gesunde Menschenverstand abgesprochen. So gibt es unzählige Bücher darüber, wie frau sich in der Schwangerschaft zu ernähren, zu bewegen und zu leben hat. Wie konnten Generationen von Schwangeren nur ohne diesen Beraterstab Kinder in die Welt setzen? Noch dazu scheint die Beratungsbedürftigkeit der Mütter – vertraute man im Bereich Ratgeberproduktion auf den Zusammenhang von Angebot und Nachfrage – auch nach der Geburt ihrer Kinder alles andere als nachzulassen. Allein für das Suchwort „Kinder“ erzielt man in der Kategorie „Ratgeber“ bei Amazon über 2200 Treffer für nahezu alle Altersstufen und Lebenslagen. Und auch im Fernsehen greift der Ratgeberkult um sich. Sendungen wie „Super-Nanny“ zerren extreme Familienschicksale (ob gestellt oder nicht, ist im Zeitalter der Doku-Soap so uneindeutig wie unerheblich) in elternerzieherischer Mission in die Öffentlichkeit und reden der Intervention professioneller Erziehungsberater in die Privatsphäre das Wort.


Nicht einmal vor dem intimsten aller Lebensbereiche – der Sexualität – macht die „Ratgeberitis“ halt. Naiv könnte man annehmen, dass dieser Bereich des Lebens instinktiv und ohne viel Nachdenkens zu meistern sein sollte oder zumindest von einer so großen Bevölkerungsmehrheit als nicht öffentlich diskussionswürdig eingestuft wird, dass die übrig bleibende Minderheit keine profitable Zielgruppe mehr konstituiert. Dennoch findet man in Buchläden stapelweise Ratgeber dieses Genres. Sicherlich kann die gemeinsame Lektüre von Büchern wie Lexikon der Sex-Irrtümer, Sex for Winners, Der Knigge fürs Bett, Der kleine Sex-Berater, Erste Hilfe für Verliebte oder Perfekt verführen, vielleicht bei einer guten Flasche Wein, einen vergnüglichen Abend einläuten. Für Erheiterung zu sorgen liegt aber nicht in der Intention der Autoren, denn diese meinen es in der Regel ernst mit ihren Ratschlägen.
Auffällig ist in dieser Literatur schon die sprachliche Omnipräsenz des wohlmeinenden Imperativs. Formulierungen wie „Seien Sie …“, „Zeigen Sie …“ „Vermeiden Sie …“ deutet bereits an, dass hier nicht Vorschläge zur Wahl gestellt, sondern dringend angeraten werden. Auch die Wortwahl „Knigge“, „Lexikon“ und „perfekt“ unterstreicht, dass hier offensichtlich Sachverhalte behandelt werden, bei denen ein „richtig“ und „falsch“ gegeben ist. Untermauert wird dies durch pseudowissenschaftliche Abhandlungen, etwa über den Unterschied zwischen dem „gedrehten“ und dem „geneigten“ Kuss, oder durch scheinbar unverzichtbare Hinweise wie den, dass es beim Geschlechtsakt zu Rötungsflecken kommen könne, die aber nicht bedrohlich seien. Schließlich wird das Ganze flankiert mit schaurig primitiven Tipps wie: „In jedem Fall sollte man mit seinem Partner sprechen“, „Masturbation ist absolut harmlos und natürlich. Man wird dadurch nicht süchtig.“ und „Wenn der Penis Ihres Partners sehr groß, Ihr Mund dagegen sehr klein ist, sollten Sie Ihre Zähne mit den Lippen bedecken“. Der Eindruck, derlei Ratschläge könnten sich an Erwachsene richten, drängt sich nicht unmittelbar auf.


Nun könnte man einwenden, es gäbe durchaus Bereiche des Privatlebens, in denen vieles falsch gemacht werden könne, weshalb derartige Ratgeber ja schließlich auch gekauft würden. Dem ist ohne Einschränkung zuzustimmen, und nur wenige Menschen wären für wirkliche sinnvolle Hinweise nicht dankbar. Aber der in den Ratgebern immer wieder geäußerte Wunsch, die Menschen befähigen zu wollen, das eigene Leben zu verbessern oder Probleme besser zu lösen, sprich, sie zu „empowern“, ist nur oberflächlich betrachtet die Antriebsfeder der ausufernden Ratgeberflut. Die Verkomplizierung des Banalen einerseits und die Banalisierung von komplexen Zusammenhängen andererseits nehmen den Verstand des mündigen Bürgers in die Zange. Während er zum einen in bislang als komplex geltenden Themenbereichen mit immer einfacheren (und unbefriedigenderen) Erklärungen konfrontiert wird, werden plötzlich Lebensbereiche, in denen ihm seit jeher Autonomie und die Entscheidungskompetenz zugebilligt wurden, zum Gegenstand scheinbar wissenschaftlicher Kontroversen. Die Folgen sind wachsende Verunsicherung und Passivität, nicht nur bezogen auf die „großen“ Herausforderungen des öffentlichen Lebens, sondern auch hinsichtlich der „kleinen“ Anforderungen des täglichen Privatlebens. Je größer aber der Grad der Irritation, umso größer der Wunsch nach Belehrung. So wird ein immer weiter wachsender Beratungsbedarf generiert. Das Selbstvertrauen, die eigenen Angelegenheiten selbst regeln zu können – von der Mitgestaltung des öffentlichen Lebens ganz zu schweigen –, wird durch diese Auswüchse der Ratgeberkultur unterwandert: Dies ist ein Schlag ins Gesicht des vernunftbegabten Individuums, der – perfide genug – im Gewand wohlmeinender Ratschläge daher kommt und damit seinen entmündigenden Charakter verschleiert.


Sollten Sie immer noch gewillt sein, einen guten Rat anzunehmen, dann vielleicht diesen: Wenn Sie einen derartigen Ratgeber zu Weihnachten geschenkt bekommen haben, tauschen Sie ihn gegen eine erhellende Lektüre um! Wie wäre es mit Immanuel Kants Was ist Aufklärung? Um die Antwort auf diese nach wie vor drängende Frage vorweg zu nehmen – sie lautet: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“