26.09.2014

Ukraine-Konflikt: Donbass unter Beschuss

Essay von Marc Sagnol

Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Ukraine und prorussischen Kräften im Donezbecken beeinträchtigen das Leben der Zivilbevölkerung gravierend. Marc Sagnol berichtet von seinen Erkenntnissen vor Ort und Gesprächen, die er im vergangenen Monat dort geführt hat.

Dieser Text ist im August 2014 geschrieben worden. Seitdem hat sich die Lage im Donbass (Donezbecken) verändert und einige Textstellen mögen überholt sein. Nach der Gegenoffensive des Donbass-Widerstands von Ende August, auch „militärisch-humanitäre Operation“ genannt, konnte die Artillerie der ukrainischen Armee aus vielen Städten vertrieben werden, so dass die meisten Großstädte, Donezk, Gorlowka und Lugansk, heute viel weniger beschossen werden (dafür aber Makeevka und am 14. September wieder Donezk: Meine dortigen Freunde haben den ganzen Sonntag im Keller verbracht).

Im Zuge dieser Operation ist auch die Stadt Nowoasowsk samt Grenzübergang von den Separatisten eingenommen worden, die auch versucht haben, Mariupol umzuzingeln und zu stürmen, was ihnen bis zu der in Minsk verhandelten Feuerpause am 6. September nicht gelungen ist. Seitdem die ukrainische Armee die Stadt Mariupol im Juni wieder eingenommen hat, ist sie der – provisorische – Sitz der aus Donezk vertriebenen regierungstreuen Regionaladministration und des Gouverneurs Sergej Taruta geworden. Präsident Poroschenko hat Mariupol besucht, um die Bevölkerung und die Armee zu unterstützen.

„Die Flüchtlinge hoffen jetzt in ihre Wohnungen zurückzukehren – soweit sie nicht zerstört wurden“

Seit der Feuerpause ist der Strom der Flüchtlinge an der ukrainisch-russischen Grenze viel geringer geworden, dafür strömen sie nun in die andere Richtung, von Russland in die Ukraine zurück, sie hoffen jetzt, in ihre Wohnungen zurückzukehren – soweit sie nicht zerstört wurden –, ihre Arbeit wieder aufzunehmen und die Kinder in die Schule zu schicken – soweit dies alles möglich ist.


Donezk, 7.-8. August
Wie aus jeder größeren Stadt des ukrainischen Ostens fahren jeden Tag auch von Saporogje aus Busse nach Donezk, Kleinbusse mit weniger als zwanzig Sitzplätzen. Die Busfahrt soll sicherer sein als die Bahn, da der Zugverkehr jederzeit unterbrochen werden kann, wenn z.B. eine Brücke von den Separatisten gesprengt oder der Bahnhof von der ukrainischen Armee beschossen wird. An der Kasse des Busbahnhofs werden aber keine Rückfahrscheine verkauft, die muss man in Donezk kaufen, auf die Gefahr hin, dass es keine mehr gibt. Trotzdem versichert mir die Schaffnerin mündlich, dass es irgendwie eine Rückfahrt geben wird.

Wir fahren in der großen Hitze durch die ukrainische Steppe und brauchen für die 220 Kilometer vier Stunden, was angesichts der Haltestellen und der Checkpoints gar nicht so langsam ist, auf jeden Fall schneller als mit dem Zug. Als wir uns der Donezker Region nähern, sind auf der linken Seite Kohlebergwerke zu erkennen, etwa bei Kuratschowe. Dann passieren wir den Ort Marjinka, der in der letzten Zeit mehrfach von Hand zu Hand gekommen ist. Über dem Ort stehen jetzt auch wieder dicke Rauchwolken, vermutlich von Artilleriebeschuss.

„Über dem Ort stehen jetzt auch wieder dicke Rauchwolken, vermutlich von Artilleriebeschuss.“

Am ukrainischen Kontrollpunkt werden nur die Männer kontrolliert; wir müssen raus und unsere Dokumente zeigen. Die ukrainische Armee will vor allem verhindern, dass junge Männer den Dienst verweigern oder sich gar den Aufständischen des Donbass anschließen. Unvorsichtigerweise filme ich, wenn ich wieder im Bus sitze, den Checkpoint mit den eingegrabenen Panzern und Militärfahrzeugen, ein Soldat bemerkt es – ich muss wieder aussteigen und die soeben gefilmte Sequenz löschen. Es hätte schlimmer kommen können.

Kurz danach erreichen wir den ‚separatistischen‘ Checkpoint, hier grüßt die „Volksrepublik Donezk“ und wirbt auf einem Plakat „Der Donbass gehört uns“. Hier werden alle Fahrgäste kontrolliert. Der Bus kann weiterfahren, nur noch ein paar Kilometer bis zum Stadtzentrum. Im Unterschied zur ukrainischen Seite ist hier kein Militärfahrzeug zu sehen, kein Panzer, keine Kanone. Man fragt sich, wie die Stadt eigentlich verteidigt wird.

Am Busbahnhof von Donezk eine ungewöhnliche Menschenansammlung. Offensichtlich wollen die Leute so schnell wie möglich wegfahren, um den Artillerieangriffen zu entkommen. Vor allem Frauen mit Kindern stehen vor den Schaltern Schlange, es ist jetzt so gut wie unmöglich, eine Rückfahrkarte zu kaufen, ohne mindestens eine Stunde zu warten, ich entscheide mich, erstmal ins Hotel zu gehen und es zu einem späteren Zeitpunkt noch mal zu versuchen.

„Das ist hier das am meisten verbreitete Gefühl: das des Nicht-geschützt-Seins, des Ausgeliefertseins“

In der Artioma-Straße hilft mir eine Frau, den Weg zu finden und wir kommen ins Gespräch. Sie ist Ärztin am Stadtkrankenhaus und unterstützt Russland. „Wir wollen zu Russland gehören, vor allem jetzt, seit diesem Krieg, den Poroschenko gegen uns führt, nachdem so viele Zivilisten umgekommen sind, nie wieder in die Ukraine!“, und sie fügt hinzu: „Wir hatten auf Russland gehofft, aber es hat uns im Stich gelassen.“ Das ist hier das am meisten verbreitete Gefühl: das des Nicht-geschützt-Seins, des Ausgeliefertseins – Bombenangriffen, die jeden treffen können und gegen die man sich nicht wehren kann.

Was in der Stadt sofort auffällt: Sie ist fast leer. Nur wenige Menschen auf den Straßen, wenige Autos, praktisch kein Verkehr, viele Geschäfte sind geschlossen; die, die geöffnet sind, haben nicht viel anzubieten. Die meisten Einwohner scheinen die Stadt verlassen zu haben, sei es, dass sie in Urlaub gefahren sind, sei es, dass sie fliehen konnten – die einen vor den Separatisten in andere Teile der Ukraine, die anderen nach Russland vor den Bombenangriffen der ukrainischen Armee. Ob diese je wiederkommen werden, ist unsicher.

Viele Restaurants und Cafés, aber auch Hotels – wie das Hotel Central auf der Artioma-Straße – sind geschlossen. Auch die meisten Banken sind nicht zugänglich, und da kein Bankautomat Geld ausgibt, bilden sich riesige Schlangen vor den wenigen geöffneten Bankfilialen.

„Losungen sind zu lesen: ‚Kiewer Junta, deine Hände sind schon voll Blut!‘ und ‚Der Donbass erstickt den Faschismus‘.“

Vor der Regionaladministration, heute Regierungsgebäude der DNR (Donezkaja Narodnaja Respublika, oder Volksrepublik Donezk) stehen „Oppoltschentsy“, das heißt Kämpfer oder Partisanen mit Waffen, die einen nur gegen Passierschein oder Akkreditierung durchlassen. Vor dem Gebäude gibt es keine Barrikaden mehr, wie man sie im Frühjahr im Fernsehen gesehen hat, aber es wird eine Mauer aus Pflastersteinen und Sandsäcken am Seitenflügel errichtet. Losungen sind zu lesen: „Kiewer Junta, deine Hände sind schon voll Blut!“ und „Der Donbass erstickt den Faschismus“. Im Innern des Gebäudes stehen die Namen der Opfer, die im „Kampf für die Unabhängigkeit des Donbass“ gefallen sind, übrigens auch die der Opfer des Brandes am 2. Mai im Gewerkschaftshaus in Odessa. Im siebten Stock (der Lift funktioniert jetzt wieder) finde ich die Pressestelle, die mir das entscheidende Dokument ausstellt, eine Presseakkreditierung, die mir erlaubt, in der Stadt zu fotografieren – jedoch nicht, Checkpoints oder gar Kriegsereignisse aufzunehmen.

Für den Abend um 18 Uhr werde ich zu der Pressekonferenz von Premierminister Borodai eingeladen, der an diesem Tag seinen Rücktritt erklären soll. Im großen Pressesaal der Regionaladministration versammeln sich eine Menge Journalisten, vor allem aus dem Donbass und aus Russland. Auch ein Fotograf, der für AFP arbeitet, ist da, allerdings ein Einwohner von Donezk. Borodai kommt herein und erklärt gleich im ersten Satz seinen Rücktritt vom Posten des Premierministers der selbsternannten Republik. Er begründet diesen Schritt damit, dass dieses Amt ein Einwohner des Donbass bekleiden soll. Als Nachfolger schlägt er Alexander Sachartschenko vor, den Kommandanten des Oplod, einer der Organisationen des Widerstands des Donbass. Sachartschenko hat mit seinen Leuten soeben mit Erfolg ein Bataillon der ukrainischen Armee aus Ilowajsk vertrieben. Schon im Juli und Anfang August war er an der Einkesselung der ukrainischen Armee bei Iswarino beteiligt. Beide, Borodai und Sachartschenko, versichern, dass sie trotz des Verlustes von Slawjansk die militärische Lage im Griff haben und die ukrainische Armee aus dem Territorium der DNR, d.h. aus den Grenzen der Region Donezk, vertreiben werden.

Der Vize-Außenminister Boris L. (seinen vollen Familiennamen teilt er mir nicht mit) empfängt mich in seinem Büro in der Schchorsa-Straße. Es ist eigentlich der Sitz des SBU (der Geheimdienste), der schon im April eingenommen wurde. Im Hof des Gebäudes sind mehrere Backsteinmauern mit Öffnungen und Sandsäcken errichtet worden, um sich bei einem Angriff zu wehren. Boris L. stellt die Situation in Donezk und der Region dar: Die ukrainische Armee richtet ihren Artillerie-Beschuss selten auf militärische Ziele, sondern immer nur auf zivile Objekte – Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen – mit dem Ziel, die Zivilbevölkerung zu erschrecken und zum Fliehen zu bringen, indem das Leben hier unmöglich gemacht wird. Sei es dadurch, dass es keine Schule für die Kinder mehr gibt, oder dass die Strom- und Wasserlieferung unterbrochen wird, wie es in Lugansk der Fall ist, oder dass man einfach nicht in der ständigen Gefahr und Angst leben will, Opfer eines Bombenangriffs zu werden. Eine derartige Zerstörung der Infrastruktur und von Zivilobjekten verstößt gegen die Genfer Konvention über die Kriegsführung. Nur so hat übrigens die ukrainische Armee Slawjansk einnehmen können.

„Eine derartige Zerstörung der Infrastruktur und von Zivilobjekten verstößt gegen die Genfer Konvention über die Kriegsführung.“

Witaly Panteleiew ist Direktor eines Kleinunternehmens, das Baumaterialien verkauft, insbesondere für Isolation. Vorläufig hat er keinen Grund wegzugehen, weil sein Betrieb nicht zerbombt wurde und noch gut funktioniert, seine Angestellten sind auch alle geblieben und haben noch Arbeit. Er führt mich durch die Orte, die in letzter Zeit Ziel eines Artilleriebeschusses waren: das Depot eines Betriebs, eine Schule, ein Krankenhaus, mehrere Wohnhäuser, eine orthodoxe Kirche. Witaly kommentiert auch die von der ukrainischen Armee gern verbreitete These, laut der nicht sie schießt, sondern die Separatisten. Sie würden selbst auf ihre Zivilbevölkerung schießen, weil sie einfach Terroristen sind und die Menschen erschrecken und zum Fliehen bringen wollen. Witaly hat auch diese These zunächst als plausibel betrachtet, bis er die Einschusslöcher und die Krater selbst gesehen hat, bei denen man die Richtung sehen kann, aus der die Flugkörper kommen, nämlich aus Positionen, die von der ukrainischen Armee kontrolliert werden. „Also, die Separatisten müssten mit ihrer Artillerie bis zu den Linien der ukrainischen Armee fahren und dann von dort rückwärts schießen, was keinen Sinn ergibt“.

Bis jetzt sind das – zumindest in Donezk – noch relativ harmlose Zerstörungen, auch wenn es jedes Mal mehrere Tote gibt. Es war noch nicht so, dass ein ganzes Haus zerstört worden wäre, wie man es in Lugansk nach einem Flugzeug-Bombenangriff gesehen hat, wo die Opfer unter den Trümmern geborgen werden mussten und viele Tote, darunter eine Mutter mit Kind, gefunden wurden. Aber es ist immerhin viel und kann auch nur der Anfang von Schlimmerem sein, was kommen könnte. Und tatsächlich, am Tage, an dem ich schreibe, gab es einen Artillerieangriff auf Donezk, bei dem 74 Menschen auf einmal getötet worden sind.

„Wie ist es zu diesem Krieg gekommen?“, frage ich Witaly. „In Kiew gab es im letzten Winter den Maidan. O.K., gegen Korruption kämpfen, das ist richtig, und Janukowitsch war ein Dieb, aber zwischen den ersten Idealen des Maidan und dem, was sie gemacht haben, lag eine große Kluft. Vor allem, sie hatten Losungen wie „Die Moskalen aufhängen“ [Moskalen: abwertendes Wort für Moskauer, für Russen überhaupt und zum Teil auch für russischsprachige Ost-Ukrainer], sie haben als erstes Gesetz die russische Sprache abschaffen wollen, gerade dieses Gesetz hat zum Widerstand des Donbass geführt. Und dann gab es auch die Ereignisse in Odessa am 2. Mai. Sie haben das Haus der Gewerkschaften von innen in Brand gesteckt und die pro-russischen Separatisten verbrannt. Es gab keinen Grund, sie zu verbrennen. Und dann die Kommentare der ukrainischen Politiker wie z.B. ‚Man hat sie in die Hölle geschickt, wo sie hingehören‘. Viele Leute im Donbass sind nach den Ereignissen in Odessa in den Widerstand getreten.“

„‚Viele Leute im Donbass sind nach den Ereignissen in Odessa in den Widerstand getreten.‘“

„Kiew hat mit den Vertretern des Donbass nie diskutieren wollen, sie haben uns ignoriert. Poroschenko hätte gleich nach seiner Wahl hierher kommen können, er ist nicht gekommen. Stattdessen haben sie uns Separatisten genannt, sie haben die Armee mit Panzern und Flugzeugen geschickt, sie haben Slawjansk vollständig bombardiert, sie nennen das eine ‚anti-terroristische Operation‘. Sie behaupten, es gibt hier Terroristen, aber Terroristen sind solche, die die Zivilbevölkerung als Geisel nehmen, und diese Bevölkerung fühlt sich in der Regel bei einer Geiselnahme schlecht. Aber ich habe nie von einer Massenbewegung gehört, nie von einem Appell an die Kiewer Regierung, sie solle uns vor Terroristen schützen. Dafür habe ich sehr oft den Aufruf gehört: ‚Rettet die Kinder des Donbass vor der ukrainischen Armee‘.“

In den wenigen geöffneten Cafés sitzen diejenigen, die nicht gefahren sind. Jana Tkatschenko ist Journalistin, sie schrieb früher für die gedruckte Tages- oder Wochenpresse in Donezk, aber solche gibt es heute nicht mehr, es gibt nur noch die offiziellen Propagandablätter der DNR und der Agentur Noworossia, die vor allem Kriegsmeldungen bringen. Nun schreibt Jana nur noch für Internetzeitschriften, insbesondere für die Donezker Ausgabe der gesamtukrainischen Zeitschrift Segodnia („Heute“). Jana gehört zu den wenigen Menschen, die in Donezk geblieben sind, weil sie eine alte Mutter oder Schwiegermutter hat, die sie nicht allein lassen kann, und außerdem interessiert es sie, die Situation hautnah zu verfolgen. Sie war zum Anfang, wie fast alle hier, eine Anhängerin der Unabhängigkeit, man spürt aber jetzt eine gewisse Enttäuschung.

„Im Winter, während des Maidans in Kiew, haben einige hier den Maidan unterstützt, aber es war eine Minderheit. Vor allem die antirussischen Losungen haben den meisten hier nicht gefallen. Ab März haben wir gegen die neue Macht in Kiew demonstriert, es waren immer Tausende auf dem Leninplatz, dann kamen aber die Menschen aus Russland, die die Menge mitanimiert haben. Man hat sie sofort erkannt, weil sie anders sprechen als wir, z.B. sagen sie ‚GiBDD‘ statt ‚GAI’ zur Straßenpolizei. Sie haben immer die Menge dazu aufgerufen, eine sogenannte ‚Exkursion‘ zu machen, wie sie sagten, und das hieß, die administrativen Gebäude einzunehmen, was eins nach dem anderen gemacht wurde, meistens ohne großen Widerstand der Behörden: Regionaladministration, SBU, Polizei, Gericht, Bürgermeisteramt.“

„‚Wir waren nicht für die Abspaltung von der Ukraine, sondern für eine Föderalisierung des Landes‘“

„Wir waren nicht für die Abspaltung von der Ukraine, sondern für eine Föderalisierung des Landes, um von Kiew nicht so stark abzuhängen und weiterhin gute Beziehungen zu Russland zu unterhalten, vielleicht sogar in den Zollverein mit Russland zu treten. Es kam dann die Euphorie des Referendums am 11. Mai, an dem viele teilgenommen haben. Alle dachten, es wird wie auf der Krim passieren, wir werden unabhängig und werden dann ein neues Subjekt der russischen Föderation, aber das wollte Putin nicht, und dann kam auch der Krieg, den keiner hier gewollt hatte. Niemand hätte voraussehen können, dass die ukrainische Armee den Donbass so stark angreift und unsere Städte zerstört. Inzwischen hat sich Donezk geleert, alle sind geflohen, die einen in die Ukraine, die anderen nach Russland, oder einige einfach in Urlaub, in der Hoffnung, es wird besser, aber ihr Urlaubsgeld geht langsam aus und sie werden bald zurückkommen oder ganz fliehen. Inzwischen fängt das prorussische Volk des Donbass an, sich der Ukraine zuzuwenden. Uns ist es jetzt egal, wer siegt, die ukrainische Armee oder die DNR oder Russland, wir wollen in Frieden leben und ab September wieder arbeiten gehen und die Kinder in die Schule schicken.“

In einem Studentenwohnheim, das im Sommer sonst unbewohnt ist, leben Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten. Wassilana kommt aus Schachtjorsk. Dort wurde die Passagiermaschine der Malaysia Airlines abgeschossen. „Wir haben es gesehen, es gab so viel schwarzen Rauch! Dann haben sie angefangen, Schachtjorsk zu bombardieren, sie haben fast alles zerbombt. Ja, zwei Tage nach der Katastrophe haben sie angefangen, wie verrückt.“ Frage: „Wer?“ „Die Nationalgarde. Sie haben den 12. Stadtteil vollkommen zerbombt, und den 20. auch. Das sind Wohnsiedlungen.“

Krustal (Spitzname) stammt aus Gorlowka. Auch dort ist die Zivilbevölkerung von den Bombardements betroffen. „Meine Mutter in Gorlowka habe ich gerade angerufen, sie hat erzählt, gestern ist ihre Nachbarin mit ihrer Enkelin in den Garten gegangen, um Tomaten zu holen. Sie hat einen Splitter bekommen und ist verwundet worden, das Mädchen hat fliehen wollen aber zwei Häuser weiter ist sie auch getroffen worden und ist umgekommen.“
Wassilina : „Die Menschen bekommen keine Rente, keinen Lohn.“
Krustal : „Die haben keinen Strom, kein Wasser. Man muss Wasser holen.“
Wassilina : „Wir haben Flugkörper über unsere Köpfe fliegen gesehen, unsere Arme und Beine zitterten.“
Frage: „Ist Ihr Haus noch ganz?“
Wassilina : „Ja. Soviel ich weiß, ja.“
Frage: „Wollen Sie dann zurück?“
Wassilina : „Ja, wir haben dort unsere Arbeit, was könnten wir hier machen, und auch in Russland, das wollen wir nicht, wir wollen nach Hause.“
Frage: „Was war Ihr Job?“
Wassilina: „Ich bin Verkäuferin in einem Supermarkt. Aber man sagt, sie haben ihn geplündert. Weil die Menschen keine Rente bekommen, haben die Leute von der DNR den Supermarkt geplündert und unter die Einwohner verteilt, bis auf die Alkoholgetränke.“

„Jetzt erhofft der Hotelier sich keinen Sieg der ukrainischen Armee, weil er Angst vor Vergeltung hat.“

Im Hotel, in dem ich wohne, sind einige Vertreter der DNR untergebracht, drei Männer und eine Frau. Ich versuche, ein Interview von ihrem Chef zu bekommen, er heißt Semion Alexandrowitsch und trägt eine Kalaschnikow. Zunächst gibt er mir einen Termin für den folgenden Tag, aber zum gegebenen Zeitpunkt ist er nicht mehr zu erreichen, er hat offensichtlich angesichts der Kriegsoperationen wichtigeres zu tun. Der Hotelier unterstützt halb die DNR, aber er fürchtet sich vor der ukrainischen Armee, wenn sie siegt, eben weil er DNR-Leute untergebracht hat und dadurch als Anhänger der „Terroristen“ gelten wird. Er war für das Referendum, aber nicht unbedingt für Russland, eher für eine autonome Region innerhalb der Ukraine. Jetzt erhofft er sich keinen Sieg der ukrainischen Armee, weil er Angst vor Vergeltung hat.

Am folgenden Tag sind am Busbahnhof einige Fahrscheine nach Saporogie noch zu kaufen und ich kann so auf demselben Wege durch die Checkpoints an der Front vorbei in die Ukraine wieder zurückfahren.


Mariupol, 12. August
Die Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer ist die zweitgrößte Stadt der Region Donezk. Auch dort wurde die Stadtadministration von den ‚Separatisten‘ eingenommen und das Referendum über die Unabhängigkeit organisiert. Es ist auch die erste Stadt, die im Zuge der „antiterroristischen Operation“ von der Nationalgarde und dem Bataillon Asow ‚befreit‘ wurde. Asow ist ein von der rechtsradikalen Partei der Patrioten der Ukraine gegründetes und vom Oligarchen Kolomoiski finanziertes, paramilitärisches Bataillon. Es trägt als Wappen auf der Uniform die Wolfsangel der SS-Divisionen des zweiten Weltkrieges. Mitglieder dieses Bataillons wachen heute am Checkpoint vor der Einfahrt nach Mariupol. Sie kontrollieren die Autos und suchen vor allem mögliche Waffen oder auch Dienstverweigerer.

Am 9. Mai sind Mitglieder dieses Bataillons und der Nationalgarde in die Stadt eingedrungen, als sie noch unter der Kontrolle der DNR war. An diesem Tage war eine friedliche Demonstration, wie jedes Jahr am 9. Mai, für den Jahrestag des Sieges von 1945. Mitglieder der ukrainischen Armee oder vom Bataillon Asow haben in die Menge geschossen und mehrere Menschen getötet. Die Täter werden vermutlich nie zur Verantwortung gezogen werden.

„Viele Einheimische seien nach Russland geflüchtet, um dort eine Arbeit und ein neues Leben zu finden“

Ich nehme im Auto einen jungen Mann mit, Andrei, der mir alles noch mal erzählt, was ich auf Internetseiten gelesen habe. Er zeigt mir den Ort, wo diese Schießerei stattgefunden hat: direkt im Zentrum der Stadt, an der Kreuzung der Lenin- mit der Engels-Straße, zwischen zwei Banken. Andrei zeigt mir auch das rußschwarze Gebäude der Stadtadministration, das im Zuge der harten Kämpfe im Juni in Brand gesteckt wurde. Das ehemalige Lenin-Denkmal auf diesem Platz ist weg, nur noch ein leerer Sockel ist zu sehen. Nach diesen Ereignissen sollen viele Menschen die Stadt verlassen haben, die Stadt sei heute fast leer gegenüber den letzten Jahren, auch wenn man es nicht so stark merkt, weil viele Urlauber aus der Ukraine hier sind, die sonst auf der Krim ihre Ferien verbringen. Viele Einheimische seien nach Russland geflüchtet, um dort eine Arbeit und ein neues Leben zu finden, andere seien zu den Separatisten in die Donbass-Armee gegangen.

Das Hotel Tschaika (Zur Möwe) liegt fast direkt am Strand. Vom Zimmer aus hat man einen Blick auf das Asowsche Meer und etwas weiter auf die großen Industriebetriebe der Stadt.


Nowoasowsk, 14. August
Nowoasowsk ist ein kleiner Grenzkurort am Asowschen Meer, die letzte Stadt der Region Donezk, wenn man nach Russland Richtung Rostow am Don fährt. Auf der ukrainischen Seite der Grenze ist eine unendliche und ununterbrochene Schlange von Autos zu sehen, die nach Russland fahren wollen. Die Autos sind bis oben hin vollgepackt. Ich frage zwei oder drei Menschen, die da vor ihrem Auto stehen. Sie sind aus Donezk gekommen, wollten über diesen Grenzübergang am Asowschen Meer fahren, weil sie meinten, die übrigen Grenzübergänge in Nowoschachtinsk, Mateev Kurgan oder Iswarino wären überfüllt, aber dieser ist auch überfüllt. Am vorigen Tag ist ihr Nachbarhaus bombardiert worden, so haben sie beschlossen, zu ihren Verwandten nach Russland, nämlich in die Stadt Tula, zu fahren. Dort werden sie sehen, ob sie dann zurückkommen werden, „wenn es überhaupt einen Ort gibt, wohin man zurückkommen kann“.

Direkt am Grenzübergang sind auch viele Fußgänger zu sehen, vor allem Frauen, darunter auch ältere Frauen, die wahrscheinlich mit einem Bus hierhergekommen sind und die Grenze zu Fuß überschreiten wollen. Sie tragen sehr große, viel zu schwere Pakete und scheinen von der langen Reise und vom Warten erschöpft zu sein.


Slawjansk, 18. August
Slawjansk ist nach Mariupol die zweite wichtige Stadt, die von der ukrainischen Armee im Donbass eingenommen wurde. Slawjansk musste eine Belagerung von beinahe drei Monaten erleiden und hat sich eigentlich nicht ergeben. Die ukrainische Armee hat die Stadt einfach umzingelt und mit der Artillerie vom Berg Karaul aus beschossen, die Wasser- und Stromversorgung zerstört, bis man in der Stadt nicht mehr weiter leben konnte und bis diese von den Separatisten militärisch nicht mehr zu verteidigen war. Anfang Juli konnten diese einen strategischen Rückzug nach Donezk antreten, ohne dabei ihre Waffen hinter sich zu lassen.

Kurz vor Slawjansk fährt man durch einen Checkpoint der ukrainischen Armee und man wird von einem Plakat begrüßt: „Slawjansk, das ist die Ukraine“, und etwas weiter: „Danke der ukrainischen Armee für die Befreiung Slawjansks“. Was die Einwohner dazu wirklich denken, ist schwer zu erfahren, man müsste länger hier bleiben, um die Herzen der Menschen zu sondieren. In der Nähe des Checkpoints ist der Rest eines zerstörten Militärfahrzeugs zu sehen, dann verbrannte Geschäfte am Rande der Straße, aus denen offensichtlich geschossen wurde. In der Stadt selbst sind noch hier und da Zerstörungen sichtbar.

„Lenin steht noch da in der Mitte des Platzes, wobei humorvolle Leute ihm einen großen Schal in den Farben der ukrainischen Flagge umgehängt haben.“

Ich möchte vor allem das triste Gebäude der Stadtadministration auf dem Leninplatz sehen, das allererste Gebäude im Donbass, das im April 2014 von den Separatisten eingenommen wurde und das alle im Fernsehen gesehen haben. Statt Fahnen der DNR oder Russlands wehen jetzt blaugelbe ukrainische Flaggen vor dem Gebäude. Lenin steht noch da in der Mitte des Platzes, wobei humorvolle Leute ihm einen großen Schal in den Farben der ukrainischen Flagge umgehängt haben. Das Leben in der Stadt ist ruhig, die Menschen schlendern gelassen in der August-Hitze durch die Straßen.

Am Ausgang der Stadt Richtung Charkow befinden sich wieder mehrere Checkpoints, stark bewaffnete, mit Sandsäcken, Militärfahrzeugen und einem Panzer. An einer Kreuzung sieht man noch Spuren von harten Kämpfen, einen verbrannten Bus und Reste von Barrikaden aus Sandsäcken, einen ehemaligen Stützpunkt der Separatisten, heute zum ukrainischen Checkpoint geworden.