01.11.2003

Tut fischen Fischen weh?

Analyse von Stuart Derbyshire

Forscher sind zu dem Schluss gekommen, dass Fische ein Schmerzempfinden besitzen. Stuart Derbyshire bezweifelt, dass ein Fischkopf begreift, was Schmerzen sind.

Wissenschaftler am britischen Roslin Institute und an der Universität von Edinburgh haben einige Süßwasserfische genommen, Elektroden in ihr Gehirn gepflanzt und Aufnahmen gemacht, während sie die Köpfe der Fische zum einen kneteten und zum anderen Hitze und Säure aussetzten. Sie entdeckten, dass die Neuronen der Fische verrückt spielten, und sie beobachteten obendrein, wie die Fische ihre Lippen am Kies ihres Aquariums rieben, nachdem man dort Säure oder Bienengift injiziert hatte.

Lynne Sneddon und ihre Kollegen haben während ihrer Experimente einige wichtige Entdeckungen gemacht, doch haben sie, wie auch die Presseberichte, vielmehr die oben genannten Einzelheiten betont.[1]

Wie jedes Kind, das einmal einen Goldfisch angestupst oder gegen das Glas eines Aquariums geklopft hat, weiß, reagieren Fische auf bedrohliche Aktivität. Es bedarf keiner großen Vorstellungskraft, sich dabei auch entsprechende Abläufe im Fischgehirn vorzustellen. Wildgewordene Neuronen und Änderungen im Verhalten der Fische reichen jedoch nicht aus, um von bewussten Empfindungen und Erfahrungen reden zu können. Eine Pflanze beugt sich gegen das Licht, und Einzeller weichen Hindernissen aus. Sogar ein Computer reagiert auf seine jeweilige Stromzufuhr.

Doch niemand glaubt, dass Pflanzen es genießen, im Licht zu sein, oder dass Amöben es vorziehen, nicht gegen ein Hindernis zu stoßen, oder dass ein Computer hungrig auf Strom ist. Es geht hier um Erfahrungen und Empfindungen, und Erfahrungen sind mehr als bloße physiologische Reaktionen.

Die Wissenschaftler argumentieren, das Verhalten der Fische sollte als Ausdruck einer „Wahrnehmung“ angesehen werden, weil es zum einen koordiniert und zum anderen gegen die Quelle des Schmerzes gerichtet ist. Wenn jemand Schmerzen erleidet, reagiert er in der Tat so, doch eine solche koordinierte Reaktion ist auch in Abwesenheit jeglicher Wahrnehmung von Schmerz denkbar. Eine schier unendliche Zeitspanne evolutionären Drucks hat bewusste und unbewusste Organismen hervorgebracht, die durch ein geordnetes und koordiniertes Verhalten ihr Überleben sichern. Man sollte daraus aber nicht folgern, dahinter stecke immer absichtsvolles Verhalten. Denn um von Bewusstsein reden zu können, braucht es schon mehr als ein koordiniertes und regelkonformes Verhalten.

Wildgewordene Neuronen und Änderungen im Verhalten der Fische reichen nicht aus, um von bewussten Empfindungen und Erfahrungen reden zu können.

Wenn ich ein Dokument schreiben will, rufe ich ein Textverarbeitungsprogramm auf, und der Computer leistet meinen Eingaben Folge: er öffnet mir kein Graphik-Programm, und trotzdem hat er keine Ahnung, was er tut. Der Computer braucht genauso wenig zu verstehen, was mit ihm geschieht wie ein Süßwasserfisch, der sich gegen einen Angriff verteidigt.

Indem die Autoren resümieren, dass Speisefische Schmerzen erleiden, unterstellen sie den Fischen ein Bewusstsein, ohne dies zu beweisen. Das ist ein Handstreich, der die Bereitschaft der Leser ausbeutet, diese Unterstellung zu akzeptieren. Sicher, die Leute haben Mitleid mit den Speisefischen, doch es gibt keinen Grund zu glauben, diese Fische bemitleideten sich selber. Speisefische haben kein Bewusstsein. Wäre dem so, hätten sie sich schon vor langer Zeit mit Piranhas zusammengetan und einen koordinierten Angriff gegen Fischer unternommen. Fische tun dies nicht, weil sie kein Bewusstsein haben.

Die Autoren geben zu, dass das, was ein Tier fühlt, „möglicherweise nicht mit den bewussten Erfahrungen von Menschen zu vergleichen ist“, und doch wenden sie ein, man müsse den tierischen Gefühlen „nach Begriffen der Biologie und der Ethik“ den gleichen Rang einräumen. Diese Ausführungen sind ein immenser Wirrwarr, der ernste Folgen für die Klarheit und Integrität meines Forschungsgebiets haben könnte.

Die Forscher sagen einerseits, „Schmerzen“ von Fischen könnten unterhalb dessen liegen, was menschliche Schmerzen sind; andererseits meinen sie aber, dass wir die Fische gleich behandeln sollten. Millionen von Fischern und Konsumenten könnten berechtigterweise fragen: „Warum?“ Wenn die Erfahrungen von Fischen „nicht mit den bewussten Erfahrungen von Menschen zu vergleichen“ sind, dann sollten die Autoren entweder versuchen, die Wahrnehmungsarten von Fischen zu beschreiben, und/oder ihre Ausführungen mit Begriffen versehen, die ihre Unsicherheit umschreiben.

Es hat mehrere Versuche gegeben, die Wahrnehmungsart von Tieren zu beschreiben, und oft geben die Autoren einfach auf und sagen, es sei unmöglich, diese Frage zu beantworten, oder sie folgern mangels eines gegenteiligen Beweises, dass Tiere kein Bewusstsein haben.[2]

Diejenigen, die sich an vertrauten Begriffen festhalten und auf diese Weise tierisches Bewusstsein beschreiben wollen, fallen in den Wirrwarr zurück, in den sich Sneddon und ihre Kollegen verstrickt haben. Zum Beispiel hat Bark Beckoff geschrieben, dass, „obwohl die Wahrnehmung von Schmerzen nicht die gleiche sein könne bei verschiedenen Arten, Individuen verschiedener Arten immer noch ihre eigene Version von Schmerz erleiden“ können.[3]
Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Es könnte bedeuten, dass Tiere in ihrer eigenen besonderen Art reagieren, was ganz einfach heißt, dass Tierarten anders sind. Oder Beckoff will uns sagen, dass Tiere irgendeinen besonderen Geistesstoff in ihrem Kopf mit sich herumtragen. Vielleicht meinen Beckoff und andere, dass, während Tiere unfähig sind, Dinge zu verstehen (oder sie in einem weiteren Sinne zu erfahren), sie dennoch imstande sind, so etwas wie Schmerzen zu erfahren (oder sich dieser in einem engen Sinne bewusst zu werden). Sie meinen also, dass, während unser Bewusstsein ein allgemeines Phänomen ist, das wir ständig mit uns herumtragen, ob wir uns nun mit einem Hammer schlagen oder einen sonnigen Tag genießen, das „Bewusstsein“ von Tieren demgegenüber Stückwerk sein könnte, das, sagen wir mal, Schmerzen, einige Bilder und Geräusche umfasst, aber nicht viel mehr.

Damit aber jedes dieser „Stücke“ mit unserer Erfahrung vergleichbar sein kann, muss es vollständig sein oder verfügbar in einem fast vollständigen Stadium. Wenn dies nicht der Fall ist, haben wir es logischerweise wenigstens mit einer verringerten Wahrnehmung zu tun, der wir weniger moralischen Wert beimessen können, was Beckoff, Sneddon und andere nicht zu glauben scheinen. Diese vollständigen Wahrnehmungsstücke müssten außerdem einem „Geist“ entspringen, zu dem unsere Subjektivität nicht fähig ist.

Aber wenn solche Vorkommnisse wie Schmerzen im Kopf eines Tieres gefangen sind, wie kann das Tier überhaupt sich dieser besonderen Erfahrung bewusst werden? Menschen benutzen symbolische Etiketten, um „Schmerz“, „Rot“ und so weiter zu unterscheiden, und erst durch diesen Prozess des Externalisierens unserer Gedanken und Gefühle bekommen diese eine Bedeutung für uns.[4] So entsteht unser Bewusstsein. Kein Tier hat ein derartiges soziales Netz, das wir Menschen miteinander teilen, und kein Tier hat bislang den Beweis erbracht, eine solche Art von Verständigungsmöglichkeiten zu haben, die ein Bewusstsein von Schmerz voraussetzt.

Hier bleiben wir mit einer irgendwie erschreckenden Alternative zurück. Entweder haben Tiere keine Erfahrungen und fristen ihr Dasein in geistiger Umnachtung, oder sie erfahren doch etwas, aber ziehen es vor, sich nicht in symbolischen Formen auszudrücken. Dabei würden doch solche Ausdrucksarten einen großen Nutzen für Fische haben, um auf diese Weise ihre Entrüstung uns Menschen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, wenn wir wieder einmal Haken in ihrem Essen versteckt haben.
Der Wirrwarr, in dem sich Sneddon und andere verstricken, hört nicht mit dem seltsamen Verständnis von bewusster Erfahrung auf; sie weichen zudem ihren eigenen Schlüssen aus. In ihrem Bericht weist Sneddon darauf hin, dass die Forscher nur eine kleine Zahl an Speisefischen (nämlich sechs) für den Versuch mit dem Bienengift benutzten: aus „ethischen Gründen“. Sie dachten voraussichtlich, es sei besser, ein „irreführendes“ negatives Resultat zu riskieren, als vier weitere Fische dem Bienengift auszusetzen. Es ist fraglich, ob die sechs ausgesuchten Fische dies wohlwollend bedachten.

Wie auch immer, die Autoren hielten es für angebracht, große Stücke des Gehirns von zehn Fischen mit einer Saugpumpe zu entfernen. Ich habe keine Ahnung, was wohl ein Fisch vorziehen würde, doch ich persönlich würde mich für das Bienengift entscheiden und nicht für den Staubsauger.

Die Autoren gehen weiter und sagen, es wäre interessant, ähnliche Reaktionen „an einer tropischen Fischart“ zu testen, und dass ihre zukünftige Arbeit „die kognitiven Aspekte der Stimulation mit Giften untersuchen sollte“. Bevor die gegenwärtige Studie in Angriff genommen wurde, könnten die Wissenschaftler noch die Annahme gehegt haben, dass eine solche Arbeit in Ordnung sei, da Fische keine Schmerzen erleiden. Doch nach alledem, was die Autoren aus ihrer Arbeit folgern, könnte eine solche Arbeit wohl nicht mehr als ethisch unbedenklich angesehen werden. Entweder haben die Autoren daran nicht mehr gedacht, oder sie glauben ihren eigenen Schlüssen nicht – oder beides.

Hinter der Annahme der Autoren, dass Fische so etwas wie bewusste Erfahrungen haben, liegen nichtsdestotrotz einige interessante Fakten. Sneddon und ihre Kollegen demonstrierten eine Reaktion auf Gifteinflößungen, die bei evolutionär entfernteren Fischarten nicht auftreten. Außerdem zeigten die Experimente die Existenz einer besonderen Schmerzstruktur bei Süßwasserfischen, die ebenso bei Menschen erwiesen ist. Die Palette der Reaktionen bei den Fischen ist umfangreicher als bei Menschen, und die Autoren verschaffen uns einen neuen Blickwinkel zur evolutionären Differenzierung sensorischer Systeme. Das ist interessant und sollte eigentlich im Mittelpunkt des Berichts stehen, und nicht das Geschwafel über Schmerzen.

Indem sie in dem Wirrwarr über das stecken blieben, was Fische bewusst erfahren könnten, lenkten die Autoren von ihren wichtigen Entdeckungen ab und überließen ihre zukünftige Arbeit potenziell einem ethischen Disput. Tatsache ist, dass wir Menschen gewisse körperliche Eigenheiten mit Fischen teilen, deren Studium nützlich ist und interessanten Aufschluss über unsere Evolution geben kann. Doch wie der Philosoph Daniel Dennett bemerkt hat: „Unser Bewusstsein ist nicht das Bewusstsein von Fischen, nur weil Fische unsere Vorfahren sind.“