01.11.2002

Tierische Bedenken

Analyse von Stuart Derbyshire

Gegen Tierversuche wird Front gemacht mit dem Vorwurf, sie brächten nichts und seien zudem grausam. Beides ist falsch.

Der Behauptung, Tierversuche seien sinnlos, widerspricht schon die Faktenlage: Experimente an lebenden Organismen haben die Wissenschaft und insbesondere die Medizin erheblich vorangebracht. An Affen wurden beispielsweise Impfstoffe gegen Röteln entwickelt und Hornhauttransplantationen zur Wiederherstellung des Sehvermögens erprobt. Herz- und Lungen-Transplantationen konnten erst durchgeführt werden, nachdem sie zuvor erfolgreich an Rhesusmakaken getestet worden waren. Das gilt ebenso für Nierentransplantationen, die zuvor an Hunden vorgenommen wurden.

Auch wirkungsvolle Medikamente, die das Abstoßen fremder Organe durch den Körper verhindern und somit Transplantationen überhaupt erst möglich machen, wurden zunächst an Primaten getestet. An Hunden wurden die Techniken für Operationen am offenen Herzen entwickelt und Diabetes erforscht, so dass schließlich die Produktion von künstlichem Insulin aufgenommen werden konnte. Mittel zur Bekämpfung der Diphtherie wurden an Meerschweinchen und Pferden, Mittel gegen Milzbrand an Schafen entwickelt. Und Kuhversuchen verdanken wir die Ausrottung der Pocken.

In der medizinischen Forschung werden zahlreiche Tierarten eingesetzt, so in der Aids- und Krebsforschung und der Erforschung von Herzerkrankungen, Bindegewebsentzündungen und Muskelschwund. Die Herstellung künstlicher Arterien, unser Verständnis des Alterungsprozesses und die Behandlung von Rückenmarksverletzungen gründen alle auf der Arbeit an Tiermodellen. Ohne diese Forschung gäbe es keine Hoffnung, Krankheiten wie Malaria, Parkinson, Alzheimer, Epilepsie, Fettleibigkeit, Unfruchtbarkeit und eine Vielzahl von Geburtsdefekten künftig therapieren oder ganz ausschalten zu können.

Sicher führen nicht alle Tierversuche zur Entwicklung funktionierender Therapieansätze – Wissenschaft ist schließlich kein Kinderspiel. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass Wissenschaftler sinnlose Experimente an Tieren durchführen, ist weltfremd. Gäbe es adäquate Alternativen zu Tierversuchen, mit denen gleichwertige oder sogar bessere Forschungsergebnisse erzielt und die aufwändige Nutzung von Affen verhindert werden könnte – die Wissenschaft wäre froh und gewillt, sie einzusetzen.

Das zweite Argument gegen Tierversuche – ihre Grausamkeit – scheint gewichtiger zu sein. Tatsächlich ist unbestreitbar, dass Tierversuche nicht „im Interesse der Tiere“ durchgeführt werden. Sie mit Aids zu infizieren, experimentelle Operationen an ihnen durchzuführen oder ihnen ungetestete Medikamente zu verabreichen, trägt mit Sicherheit nicht zu ihrem Wohlergehen bei. Aber das Wohl der Tiere ist eben auch nicht der Gegenstand der medizinischen Forschung.

Wären Tiere und Menschen in moralischer Hinsicht gleichzusetzen, müsste man Tierversuche verurteilen. Und genau davon gehen der Philosoph Tom Regan und der Schriftsteller Richard Ryder aus: Ihrer Ansicht nach teilen Tiere unsere Fähigkeiten zu sehen, zu hören, zu glauben, zu erinnern, zu antizipieren und Freude ebenso wie Schmerzen zu empfinden. Diesen Autoren gelten Tiere als „Subjekte des Seins“, die mit einer Art „Bewusstsein“ ausgestattet sind.

Auf einer trivialen Diskussionsebene wäre Regan und Ryder zuzustimmen: In der Tat verfügen Tiere über die biologischen Voraussetzungen, Informationen zu verarbeiten. Trotzdem liegen sie falsch, denn Tiere und Menschen denken nicht gleich, fühlen nicht gleich und erleben die Welt auch nicht gleich. Beide sind Lebewesen, stehen aber nicht auf derselben Stufe.

Menschen besitzen eine einzigartige Fähigkeit: das Reflexionsvermögen, dank dessen wir aus unserer eigenen, persönlichen und verschlossenen Welt ausbrechen können. Wir leben in einer Gemeinschaft denkender, fühlender und sprechender Wesen, in der die Privatheit individueller Erfahrungen aufgebrochen und externalisiert wird. Da wir in der Lage sind, unsere interne Welt zu externalisieren, können wir über diese Welt reflektieren und im wahrsten Sinne des Wortes selbstbewusst werden. Bewusstsein setzt Selbstbewusstsein voraus – ohne Kenntnis des eigenen Selbst kann auch Erkenntnis der Welt nicht entstehen.

” Tiere und Menschen denken nicht gleich, fühlen nicht gleich und erleben die Welt auch nicht gleich. Beide sind Lebewesen, stehen aber nicht auf derselben Stufe.”

Diese Form des Bewusstseins ist Tieren fremd, so dass ein Schimpanse sich heute fast genauso verhält, wie seine Vorfahren es schon immer getan haben. Wenn er nach Futter sucht, fragt er genauso wenig nach dem Warum oder sucht nach besseren Alternativen, wie ein Biber nach besseren Techniken suchen würde, um seinen Damm zu errichten. Wenn eine Schwalbe nach Süden fliegt, fragt sie nicht, warum es in Afrika wärmer ist, was passieren würde, wenn sie noch weiter in Richtung Süden flöge oder wie sie durch Schaffung von Wärme im Norden ihre jährlichen Reisestrapazen reduzieren könnte.

Wir Menschen stellen uns derartige Fragen – und unser Verhalten verändert unsere Lebensumstände. Das Verhalten von Tieren hingegen ist mechanisch, durch das Diktat der Natur gesteuert und immun gegen Erkenntnisprozesse, die für uns selbstverständlich sind. Tiere fristen eine düstere und stille Existenz, ohne sich ihrer selbst und ihres Verhaltens bewusst zu sein. Im Vergleich zur unsrigen ist die mentale Erfahrung von Tieren, soweit überhaupt vorhanden, äußerst beschränkt – und das betrifft alle Sinne, auch das Sehen, Hören und Schmerzempfinden.

Da Tieren Subjektivität fehlt, können sie auch nicht Inhaber von Rechten sein. „Rechte“ machen in der Tierwelt keinen Sinn, weil die Fähigkeit fehlt, solche in einer sinnvollen Art und Weise zu praktizieren. Einer Kuh beispielsweise das Recht auf freie Meinungsäußerung zuzusprechen, ist nicht nur deshalb grober Unfug, weil Kühe nicht sprechen können, sondern auch, weil Kühe nichts Sinnvolles zu kommunizieren haben. Dasselbe gilt für das Recht auf Arbeit, das Recht auf Bewegungsfreiheit, das Recht auf Bildung usw. Es ist daher unsinnig, diese Rechte auf Tiere anwenden zu wollen.

Der beschränkte Umfang animalischen Denkens und Fühlens schließt Tiere davon aus, Rechte auszuüben. Dies bedeutet aber nicht, dass sie kein Recht auf Wohlergehen haben. Schließlich sorgen wir auch für das Wohlergehen von Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, warum also nicht auch von Tieren?

Dem benachteiligten oder behinderten Menschen wird moralische Wertschätzung zuteil, von Seiten der Gesellschaft im Allgemeinen wie auch von Seiten der Familie im Besonderen. Erlischt ein menschliches Leben, erleben wir dies als Verlust. Sein Potenzial, produktiv, verständnisvoll und konstruktiv zu sein, verschwindet mit seinem Tod, und wir betrauern diesen Verlust. Für direkte Angehörige und Freunde ist aufgrund der persönlichen Erfahrung und Berührungspunkte mit der Existenz, den Hoffnungen und Zielen dieser Person das Verlustempfinden besonders stark. Betrachteten wir Menschen selbst im Tod rein instrumentell, so schändeten wir den Wert, den sie darstellten oder hätten darstellen können.

Tiere hingegen haben nicht die Möglichkeit, etwas qualitativ anderes zu tun als ihre Vorfahren oder Zeitgenossen. Ein Tier ist kein Individuum. Es mag zwar bestimmte charakteristische Eigenschaften haben, ist aber trotzdem unfähig, sich selbst zu entwickeln und sein Leben in die Hand zu nehmen. Tiere sind darüber hinaus auch keine gesellschaftlichen Lebewesen – sie mögen in Gruppen leben, dennoch fehlt ihnen die Fähigkeit, das Verhalten der Gruppe zu verändern oder kollektive Beschlüsse zu fassen. Jedes Tier ist mit jedem anderen Tier, das gerade lebt, gelebt hat oder leben wird, gleichzusetzen. Wenn ein Tier stirbt, trauern wir nicht; es gibt auch nichts zu betrauern – es sei denn, wir selbst haben eine bestimmte Bindung zu diesem Tier, etwa als Haustier, aufgebaut. Tiere haben keinen inhärenten Wert, sie erlangen einen Wert erst durch eine menschliche Beziehung, die wir mit ihnen eingehen. Daher haben Haustiere für uns einen größeren Wert als Zootiere, und diese wiederum haben einen anderen Wert als Versuchstiere.

“Tiere haben keinen inhärenten Wert, sie erlangen einen Wert erst durch eine menschliche Beziehung, die wir mit ihnen eingehen.”

Dass Menschen im Vergleich zu Tieren etwas Besonderes sind, ist eine Ansicht, die sich heute keiner großen Popularität erfreut. Dies scheinbar aus guten Gründen: Die Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben unseren Glauben in uns selbst erschüttert. Zwei Weltkriege, Weltwirtschaftskrisen, der Holocaust, der Abwurf zweiter Atombomben auf japanische Städte, der Missbrauch der Wissenschaft für militärische Zwecke und der Fehlschlag fast aller sozialen Experimente, die eine Veränderung der Welt zum Besseren anstrebten – all diese Ereignisse haben dazu geführt, dass die Menschheit heute sich selbst skeptisch gegenübersteht.

Wir schauen in den Spiegel und halten uns selbst für brutaler und animalischer als wir es wirklich sind. Gleichzeitig erscheinen uns Tiere viel menschlicher als sie tatsächlich sind. Kampagnen für Tierrechte gewinnen in dem Maße an Bedeutung, in dem sich Pessimismus und Zynismus gegenüber dem Menschen verbreiten.

Unter Wissenschaftlern ist dieser Pessimismus genauso gängig wie in den anderen Gruppen der Gesellschaft. Gerade die Defensivität von Wissenschaftlern in der Frage der Tierversuche hat zur Stärkung anti-humanistischer Vorstellungen beigetragen. Dies kommt in den Forderungen nach Restriktion, Beendigung und Modifikation von Tierversuchen zum Ausdruck. Ziel dieser Forderungen ist es, Wissenschaftler anzuhalten, möglichst wenige Tiere zu „verbrauchen“, Tierversuche möglichst durch andere Versuchsmodelle zu ersetzen und, wenn das gänzlich unmöglich scheint, die Versuchstechniken so zu verfeinern, dass dem Tier nur minimaler Schaden zugefügt wird.

“Bei Tierversuchen geht es nicht um das Wohl der Tiere, sondern um das Wohl der Menschen.”

Für die Wissenschaft kommt diese Maßregelung einer Katastrophe gleich, denn es ist schlicht unmöglich, das Wohlergehen von Tieren zu schützen und ihnen gleichzeitig ungetestete Medikamente oder Krankheitserreger zuzuführen oder gar chirurgische Eingriffe an ihnen vorzunehmen. Solche Forderungen an die experimentelle medizinische Forschung sind irrational und einfach unaufrichtig.

Bei Tierversuchen geht es nicht um das Wohl der Tiere, sondern um das Wohl der Menschen. Tierversuche kann nur als sinnvoll verteidigen, wem die Besonderheit des Menschen wichtig erscheint.

Ich frage mich gelegentlich, wieso es soweit gekommen ist, dass viele glauben, Tiere dürften nicht dem Wohle der Menschen geopfert werden. Stellte man heute die Tierversuche ein, hätte dies fatale Konsequenzen für die Forschung und die Gesundheit der Menschen: Zur Zeit werden vier verschiedene Malaria-Impfstoffe an Tieren getestet. Jedes Jahr sterben mehr als 2,7 Millionen Menschen an dieser Krankheit – mehr als fünf Menschen pro Minute. Die meisten sind Kinder unter fünf Jahren. Eine Verschiebung dieser Testphase um auch nur einen Monat würde 225.000 Menschen das Leben kosten.Halten wir die Menschheit wirklich für so schlecht, dass wir uns und unsere Kinder opfern würden, um Affen zu retten?