04.02.2009

Technikangst im Staatsauftrag

Von Thomas Deichmann

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat kürzlich ein Schriftwerk herausgebracht, das erneut den Eindruck erweckt, ein zentrales Ziel der Behörde sei die Verunglimpfung der modernen Pflanzenwissenschaften. Das BfN ist seit langem bekannt für seine einseitige Positionierung gegen die Grüne Gentechnik.

Hartmut Vogtmann, im Januar 2000 vom damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin (B‘90/Grüne) zu seinem Präsidenten berufen, hat daraus keinen Hehl gemacht. Hoffnung blühte auf, als er im Oktober 2007 von Beate Jessel abgelöst wurde. Doch offenbar fehlt auch der neuen BfN-Präsidentin der Wille, in den Büroräumen des BfN wieder mehr Wissenschaftlichkeit walten zu lassen.
Das 15-seitige Positionspapier „Welternährung, Biodiversität und Gentechnik“ von Dezember 2008 ist jedenfalls wieder nicht mehr als ein Versatzstück subjektiver Vorurteile und zusammengetragener Angstszenarien, um die im Untertitel formulierte (für das BfN wohl nur rhetorische) Frage „Kann die Agro-Gentechnik zur naturverträglichen und nachhaltigen Sicherung der Welternährung beitragen?“, zu verneinen. (1) „Unter dem Deckmantel der Stellungnahme einer Fachbehörde wird mit der Verbreitung des Positionspapiers des Bundesamtes für Naturschutz Lobbyismus im Sinne von Gentechnikgegnern betrieben“, schlussfolgerte die FDP-Bundestagsabgeordnete Christel Happach-Kasan nach der Lektüre. (2) In ihrer Gegenstellungnahme von Januar 2009 hat sie seitenweise Fehler, Inkonsistenzen und Versäumnisse im BfN-Papier aufgelistet – u.a. das Ignorieren von neuen wissenschaftlichen Untersuchungen, nach denen der Anbau von GV-Baumwolle in Indien erfolgreich verläuft. Das BfN wiederholt stattdessen die spekulative und längst widerlegte Behauptung, indische Landwirte würden wegen der Gentechnik scharenweise in den Selbstmord getrieben.
Von offizieller Stelle ist nun in die gleiche Kritikkerbe gehauen worden. Der Wissenschaftsrat, der Regierungen auf Bundes- und Länderebene Empfehlungen „zur inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hochschulen, der Wissenschaft und der Forschung sowie des Hochschulbaus“ liefert, hält es in einer aktuellen Stellungnahme „für notwendig, dass das Fachgebiet ‚Bewertung gentechnisch veränderter Organismen im BfN enge Kooperation mit einschlägigen Hochschulinstituten bzw. außeruniversitären Forschungseinrichtungen eingeht, um auch über die neuesten Entwicklungen und Ansätze auf diesem Gebiet auf dem Laufenden zu bleiben.“ (3) Darüber hinaus müssten „BMU und BfN sicherstellen, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dauerhaft über das erforderliche Know-how verfügen, um ihre Bewertungsaufgaben auf belastbarer Grundlage wahrnehmen zu können.“ In anderen Worten: Das BfN ist schon lange nicht mehr auf dem neusten Stand der Forschung, und die wenigsten seiner Mitarbeiter verfügen über das intellektuelle Rüstzeug, um die Grüne Gentechnik fachgerecht beurteilen zu können.
Genau dies scheint beim BfN allerdings weniger als Manko denn als Erfolg verheißende Strategie bei der international vernetzten Kampagnenarbeit gegen die Grüne Gentechnik wahrgenommen zu werden. Dafür spricht, dass Trittin in Absprache mit Vogtmann im Jahre 2003 Beatrix Tappeser vom Ökoinstitut Freiburg (einem altlinken Protestverein gegen technologischen Fortschritt) in eine führende BfN-Position brachte. So wundert es auch nicht, dass Tappeser im neuen BfN-Positionspapier an erster Stelle der insgesamt vier Autoren genannt wird. Zuletzt hatte sie ihre Finger im Spiel beim ebenso undifferenziert gegen die Gentechnik wetternden BfN-Gutachten zu „epigenetischen Effekten“ bei transgenen Pflanzen. (4) Diese „Studie“ war im Juli 2005 direkt bei Tappesers Vereinsfreunden in Freiburg teuer bestellt worden und Ende 2006 als amtliches BfN-Skript (Nr.187) erschienen. Es handele sich um ein „wissenschaftlich ziemlich wertloses und eher schlampig erstelltes“ Schriftwerk und „offenbar um ein recyceltes Produkt“, monierte Hans-Jörg Jacobsen, Professor am Institut für Pflanzengenetik der Universität Hannover. Zudem war es in ähnlicher Form offenbar früher schon einmal unter Greenpeace-Autorenschaft auf den Markt gebracht worden.
Auch ein zweites, einst von Trittin angeführtes Bundesamt steht nicht mehr hoch im Kurs der internationalen Forschergemeinde. Im Mai 2006 war in einem Gutachten des Wissenschaftsrates über die Arbeit des auf Anti-Atom-Kurs gebrachten Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) eine Mängelliste vorgelegt worden, die keinen Zweifel daran lassen konnte, dass das BfS seinen eigentlichen Aufgaben wie der Überwachung kerntechnischer Anlagen kaum mehr gewachsen war. (5) Beklagt wurde auch hier der Verlust an wissenschaftlicher Kompetenz.


Fußnoten
(1) Bundesamt für Naturschutz: „Welternährung, Biodiversität und Gentechnik. Kann die Agro-Gentechnik zur naturverträglichen und nachhaltigen Sicherung der Welternährung beitragen?“, Positionspapier, Dezember 2008, www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/themen/agrogentechnik/PositionspapierWelternaehrungGT.pdf.
(2) Dr. Christel Happach-Kasan: „Kritische Stellungnahme zu einzelnen Darstellungen des Positionspapiers des Bundesamtes für Naturschutz“, 16.1.2009, www.happach-kasan.de/?seite=news&katid=1&newsid=1205
(3) Wissenschaftsrat: „Stellungnahme zum Bundesamt für Naturschutz (BfN), Bonn“, Karlsruhe, 6.11.2008, www.wissenschaftsrat.de/texte/8787-08.pdf.
(4) Bundesamt für Naturschutz: Epigenetische Effekte bei transgenen Pflanzen: Auswirkungen auf die Risikobewertung, BfN-Skripten 187, 2006, www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/Skript187_gesamt.pdf.
(5) Wissenschaftsrat: „Stellungnahme zum Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), Salzgitter“, Nürnberg, 19.05.2006, www.wissenschaftsrat.de/texte/7259-06.pdf