01.09.1999

“Stabilisierend auf Osteuropa einzuwirken, erscheint wie ein Alptraum”

Interview mit Adam Burgess

Auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 wollen sich demokratische Strukturen in Osteuropa nicht etablieren. Indes wurde der Balkan zum Krisenherd. Über die Fragen, wie es um die Demokratie dort bestellt ist, wem die Osterweiterung der EU nutzt und welche Motive den Westen leiten, sprach Novo-Redakteur Alexander Ewald mit dem Balkan- und Osteuropaexperten Adam Burgess.

In Anbetracht der aktuellen Entwicklungen im Kosovo stellt sich wieder einmal die Frage, ob der Transformationsprozeß in Osteuopa als erfolgreich eingeschätzt werden kann. Was ist Ihre Ansicht?

Adam Burgess: In gewissem Sinn ist die jugoslawische Tragödie nur ein extremes Beispiel für die falsche Art, mit der die gesamte Region betrachtet und behandelt wurde. Am deutlichsten zeigt sich am Beispiel Jugoslawien, daß der “Osten” zu einem Vehikel geworden ist, mit dem diverse Projekte verfolgt werden, die in ihrem Kern aber auf Problemen des Westens beruhen. Die EU etwa benutzt die Osterweiterung auch als Druckmittel gegen diejenigen, die innerhalb der EU hohe Agrarsubventionen erhalten.
Jugoslawien hat gegenüber Osteuropa jedoch auch eine eigene Bedeutung. Dies zeigt sich daran, daß man bereit war, im Krieg gegen Jugoslawien die gesamte Region wirtschaftlich zu zerstören. Die besondere Schärfe dieses Krieges erinnert an den Umgang mit dem Irak. Im Falle des Irak konnte die Intervention aber lediglich dazu dienen, das Recht des Westens auf militärische Intervention in der fernen Dritten Welt zu regenerieren. Jugoslawien ist Teil Europas, liegt also in unmittelbarer Nachbarschaft und hatte eine weitere, symbolische Bedeutung. Hier ging es auch darum, den Barbarismus während des Zweiten Weltkrieges und den Holocaust zu relativieren.
 

Ist Osteuropa ein Spielball des Westens?

Adam Burgess: Mit dem weithin aufrechterhaltenen Mythos der “Revolution von 1989” wird die Tatsache verdrängt, daß der Ostblock selbst zusammengebrochen ist. Das Staatensystem wurde keineswegs von starken sozialen Bewegungen zerstört. Statt dessen hatte die alte Elite das Vertrauen in das eigene System verloren. Daraus wurde die Lehre gezogen, man solle besser auf soziale Experimente verzichten. Soziale Veränderungen galten fortan als eine gefährliche Sache. Da sich aus dem Zerfall heraus keine sozialen Kräfte formierten und kein gesellschaftliches Verlangen nach Veränderung entstand, wurde das entstandene Vakuum wieder durch die alten Eliten gefüllt.
Sie waren aber kaum in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen, weshalb westliche Institutionen zunehmend einschritten. Doch auch diese Interventionen zeichnen sich nicht gerade durch entschlossenes und selbstbewußtes Handeln aus. Es war vielen bald klar, daß es äußerst schwierig sein würde, den freien Markt einzuführen, weil eigentlich niemand mehr so recht an ihn glaubte. Zudem sollten marktwirtschaftliche Verhältnisse in Regionen hergestellt werden, wo Menschen lebten, denen man gar nicht zutraute, mit den neuen Anforderungen zurechtzukommen.
Tragikomisch ist der Fall Rußland. Wegen dieser Zweifel und der Angst vor Instabilität hat der Westen Milliarden von Dollars hineingepumpt, die dort versickerten. Dies förderte und konsolidierte jedoch eine ziemlich bizarre Oligarchie. In Rußland spielt politische Autorität nur regional begrenzt eine Rolle. Die Wirtschaft funktioniert so irrational und ineffizient wie je zuvor. Nicht alle Länder in Osteuropa sind genauso schlimm dran. Aber selbst bei den einstigen Vorzeigeländern wie der Tschechischen Republik kann man nicht von einer umfassenden Transformation der Gesellschaft reden. Im Westen ist man mit Investitionen sehr vorsichtig und zögerlich.

“Das Augenmerk der westlichen Elite ist sehr stark nach innen gerichtet”

Sind die Probleme in Osteuropa nicht hausgemacht? Was halten Sie von der These, den Menschen in Osteuropa falle es aufgrund ihrer Geschichte und Mentalität schwer, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen – weshalb auch der Übergang zu einer liberalen Demokratie schwierig sei?

Adam Burgess: Ich halte wenig davon. Daß solche Vorstellungen im Vordergrund stehen, hat weniger mit der Mentalität der Völker in Osteuropa zu tun als mit dem geistigen Klima im Westen. Möglicherweise ist das in Deutschland noch nicht so auffällig, aber in den USA und in England hat die enorme Entpolitisierung des gesellschaftlichen Lebens das Phänomen hervorgebracht, daß nunmehr politische und soziale Entwicklungen wie aus der Sicht eines Therapeuten beurteilt und kommentiert werden. Dies findet seine Entsprechung bei der Diskussion über Osteuropa. Am deutlichsten sieht man es, wenn man die Arbeit der zahlreichen Nicht-Regierungsorganisationen in der Region verfolgt, aber auch an Statements von Politikern: die angestrebte Transformation der osteuropäischen Gesellschaften wird als psychosoziales Problem dargestellt. Die Schwierigkeiten bei der Umstellung der Kommandowirtschaft auf die Marktwirtschaft werden als individuelle Probleme interpretiert und erscheinen als Charakterschwäche von Individuen. Diesem Ansatz zufolge brauchen ganze Völker heute erst einmal eine Supervison. Das sogenannte Konfliktmanagement, mit dem sich zahlreiche NROs befassen, ist hierfür ein gutes Beispiel. Die Teilnehmer von Kursen sollen lernen, mit ihrem vermeintlich überlieferten Haß zurechtzukommen. Vor diesem Hintergrund werden dann militärische Konflikte in der Region auch nicht mehr als politisch oder wirtschaftlich bedingt gesehen oder mit externer Einmischung in Verbindung gebracht. Vielmehr erscheint das ganze Debakel in Osteuropa als Produkt verkorkster Leute.
Die Anwendung dieses therapeutischen Ethos schließt aber keineswegs eine starke Hand aus. Da schlägt man Kritiker auch einmal gehörig vor den Kopf – besonders wenn sie die neuen intellektuellen Moden westlicher Intervention nicht mitmachen wollen.

 

Meinen Sie nicht, daß es in Osteuropa ein Demokratiedefizit gibt?

Adam Burgess: Es gibt dort in der Tat ein Demokratiedefizit, allerdings nicht derart, wie es üblicherweise hierzulande verstanden wird. Dieses Defizit kann auch nicht durch die verschiedensten künstlichen Initiativen, die die EU regelmäßig vorschlägt, überwunden werden. Diese behindern und untergraben vielmehr die Ansätze lokaler Initiativen, die es ohnehin nur selten gibt.
Schon die Umwälzungen, die mit dem Fall der Mauer 1989 einen Höhepunkt fanden, drückten in extremer Form die Teilnahmslosigkeit und Ernüchterung der Gesellschaften in Osteuropa aus. Durch die Stagnation seitdem wurde diese Stimmung erheblich verstärkt. Der Verlust jeglicher alternativen Vision ist im Osten sehr stark ausgeprägt. Infolgedessen gibt es auch keine gesellschaftliche Diskussion mehr, aber ohne Wettstreit über Zukunftsvisionen und ohne Perspektiven, für die sich Engagement lohnen würde, kann auch keine Demokratie bestehen. Das ausgeprägte politische Desinteresse der Menschen führt statt dessen zu immer stärkerer Atomisierung und einem ausgeprägten Provinzialismus. Das läßt sich in der gesamten Region beobachten. Früher hätte ich nie geglaubt, daß wir jemals Gesellschaften erleben würden, die auf solch eigentümliche Weise so extrem atomisiert sind wie die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Nicht einmal mehr zu Fußballspielen gehen die Menschen.
Aber im Grunde sind diese Phänomene – also die Entpolitisierung, die Desillusionierung, die Atomisierung – auch im Westen zu beobachten. Nur, die westlichen Politiker haben sich längst an diese Situation angepaßt. Deshalb steht das therapeutische Ethos, von dem ich bereits sprach, dort so sehr im Mittelpunkt der Diskussion. Die osteuropäischen Eliten tun sich da erheblich schwerer, diesen neuen Stil des Regierens nach dem “Ende der Politik” zu erlernen – trotz des enormen Beratungsengagements seitens westlicher Institutionen. Hinsichtlich des viel beschworenen Demokratiedefizits besteht der Unterschied eigentlich nur darin, daß in den westlichen Gesellschaften bereits neue Formen des “politischen” Lebens entstanden sind. Unsere Politiker haben gelernt, damit umzugehen. Das Verhältnis zwischen Volk und Elite ist ein ganz anderes geworden. In Osteuropa haben sie noch einen weiten Weg vor sich.

”Über so große Projekte wie die Transformation Osteuropas will heute niemand mehr reden”

In Ihrem Buch Divided Europe behaupten Sie, in osteuropäischen Ländern spiegelten sich primär die Probleme westlicher Gesellschaften wider.

Adam Burgess: Historisch gesehen repräsentierte Osteuropa immer eine wenig schmeichelhafte Version unserer westlichen, “modernen” Gesellschaften. Deshalb gab es in Westeuropa immer die instinktive Reaktion, die Unterschiede zu Osteuropa zu betonen und die Gemeinsamkeiten in Frage zu stellen, um das eigene System damit aufzuwerten. Aber in Wirklichkeit gibt es starke Parallelen, was die Entwicklung der benachbarten Regionen anbelangt. Heute gleichen sich die Gesellschaften sehr, insbesondere was die ausgeprägte Vereinzelung und Perspektivlosigkeit anbelangt. Osteuropa nahm eine Entwicklung vorweg, die auch im Westen ab Mitte der neunziger Jahre in Erscheinung trat.

 

Haben die Probleme beim Übergang zur Marktwirtschaft in Osteuropa Einfluß auf das Selbstbewußtsein der westlichen Eliten?

Adam Burgess: Ganz offensichtlich ja – vor allem innerhalb der EU. Der Versuch, stabilisierend auf Osteuropa einzuwirken, erscheint vielen Politikern als Alptraum. Es ist deshalb kein Wunder, daß das Thema immer wieder von der Tagesordnung gestrichen wird. Früher gab es ständig Konferenzen und Debatten über die vermeintlichen Erfolge in den Reformstaaten. Heute will man davon nichts mehr hören.
Der kurze Moment einer gehobenen Stimmung während des kapitalistischen Siegeszuges von 1989 war rasch vorbei. Damals gab es im Westen wohl das letzte Mal so etwas wie ein tiefes Selbstvertrauen und eine Vision von der Zukunft. Zunichte gemacht wurde dies auch durch den Beginn des Krieges im ehemaligen Jugoslawien. Dieser Pessimismus wurde in der bizarren These vom “Kampf der Kulturen”, der innerhalb der amerikanischen Elite sehr populär wurde, prägnant zusammengefaßt.
Das Augenmerk der westlichen Elite ist inzwischen sehr stark nach innen gerichtet. Über so große Projekte wie die Transformation Osteuropas will heute niemand mehr reden. Die Region taugt nur insofern, immer wieder zu demonstrieren, wie vergleichsweise schlimm die Situation dort ist. Am Feindbild Serbien wird das ständig vorexerziert. Das bietet Politikern zumindest kurzfristige Erholung von den Schwierigkeiten, die eigene Gesellschaft zu managen.

 

Deutschland spielt heute eine führende Rolle auf dem Balkan und in ganz Osteuropa. Konnte Deutschland von der Entwicklung mehr als andere Staaten profitieren?

Adam Burgess: Was die Ebene der internationalen Diplomatie betrifft, hat die deutsche Politik zusammen mit der US-amerikanischen am meisten profitiert. Beide Länder haben erhebliche Vorteile aus dem Zerfall und der Zerstörung Jugoslawiens gezogen. Die USA haben das “Vietnam-Syndrom” hinter sich gelassen. Das amerikanische Establishment kann heute wieder mit erhobenem Haupt militärische Interventionen anführen. Es scheint mir zudem, daß insbesondere als Folge der Dämonisierung der Serben die faschistische deutsche Vergangenheit stark relativiert wurde. In diesem Sinne gibt es da durchaus Parallelen, und das aktuelle Auftreten beider Länder in der Region zeigt, daß in den letzten Jahren auch in dieser Hinsicht eine Transformation stattgefunden hat.