10.04.2014

Spiralgalaxien im Hunsrück

Essay von Vince Ebert

Der Physiker und Wissenschaftskabarettist Vince Ebert erklärt den Zusammenhang von Kreativität und Freiheit. Schöpferisches Tätigsein lässt sich nicht in VHS-Kursen lernen; es geht darum, neu zu denken, unorthodoxe Wege zu gehen und Grenzen zu überschreiten

Vor kurzem nahm mich meine Lektorin zur Seite und sagte: „Vince, in letzter Zeit wirkst du so uninspiriert. Du brauchst dringend kreativen Input!“ Und dann steckte sie mir einen Gutschein für ein Töpferwochenende auf einem Bauernhof im Hunsrück zu. Abgelegen von der Zivilisation, alles aufs Wesentliche reduziert. „Damit du endlich mal wieder den Kopf freibekommst und dich ganz auf deine kreative innere Stimme konzentrieren kannst.“

Ursprünglich stammt das Wort „Kreativität“ aus der Theologie und beschreibt den Schöpfergott. Ein Creator, der aus dem Nichts etwas Wertvolles erschafft. Inzwischen zeigen viele Casting-Shows, dass es wesentlich lukrativer ist, aus dem Nichts etwas Wertloses zu erschaffen. Schöpfergott Bohlen erzählt „Nichtschwimmern, sie könnten Olympia gewinnen, und schaut ihnen dann beim Ertrinken zu“, wie es der Journalist Stefan Niggemeier einmal treffend beschrieb. Gar nicht mal so unkreativ, der Bohlen!

In der Renaissance wurde zum ersten Mal der Begriff des Schöpferischen auf herausragende Menschen wie da Vinci oder Shakespeare übertragen. In dieser Zeit setzte sich mehr und mehr der Gedanke durch, nicht Gott, sondern der Mensch selbst habe die Macht, etwas zu erschaffen und damit seine Zukunft zu gestalten.

„Viagra wurde entdeckt, weil männliche Versuchspersonen ein Herzmedikament in der Testphase partout nicht mehr absetzen wollten.“

Seitdem wird unter Kreativität die Kunst verstanden, sich von üblichen Denkstrukturen zu befreien, althergebrachte Normen zu brechen und geistige Freiräume zuzulassen. Isaak Newton brachte ein fallender Apfel auf das Gravitationsgesetz, Salvador Dalí kam beim Anblick eines weichen Camemberts auf die Idee für seine zerfließenden Uhren, und Viagra wurde entdeckt, weil männliche Versuchspersonen ein Herzmedikament in der Testphase partout nicht mehr absetzen wollten.

Dies alles schoss mir durch den Kopf, als ich drei Wochen später in der Hunsrücker Einöde zusammen mit zehn Hausfrauen vor meiner Töpferscheibe saß. Die Kursleiterin forderte uns auf, uns gegenseitig die Augen zu verbinden und an etwas zu denken, das uns im Innersten berührt. Spontan dachte ich an NGC 2841! Das ist eine inspirierende Spiralgalaxie im Sternbild des Großen Bären. Urplötzlich spürte ich, wie die Kreativität in meine Hände floss. So also muss sich ein Creator fühlen!

Schöpferische Prozesse

Als wir die Augenbinden abnahmen, machte sich in der Runde Ernüchterung breit. „Was soll’n des sein?“, fragte Ingrid aus Idar-Oberstein. Zugegeben, NGC 2841 sah aus wie nach einer Supernova-Explosion, aber ich hatte meine kreative, innere Stimme gespürt. Offenbar schlummern in mir ganz unbekannte Talente! Das ist ganz typisch für kreative Menschen, sie sind oftmals in unterschiedlichen Disziplinen erfolgreich. Der Physiker Werner Heisenberg war ein virtuoser Pianist, der Philosoph Ludwig Wittgenstein Architekt und Ingenieur. Peter Maffay arbeitete lange Zeit als Urmeter in Paris.

Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi, der sich wahrscheinlich aufgrund seines Namens auf Kreativitätsforschung spezialisierte, erkannte, dass kreative Menschen widersprüchliche Extreme in sich vereinen. Gelassenheit und Ruhe treffen auf unbändige Energie, Disziplin und Verantwortungsgefühl auf kindlichen Spieltrieb, Weltklugheit trifft auf natürliche Naivität. Dadurch können Kreative um die Ecke denken und unorthodoxe Zusammenhänge aufbauen. Kreative Menschen halten kleine, anscheinend unbedeutende Details für wichtig und bringen sie in einen neuen Zusammenhang. Sie sehen etwas, was jeder sieht, denken dabei aber etwas, was noch keiner zuvor gedacht hat.

Oft spielen bei kreativen Prozessen verrückte Zufälle eine große Rolle. Porzellan wurde erfunden, weil Johann Böttger dem Kurfürsten von Sachsen die Herstellung von Gold versprochen hatte. Tesafilm sollte ursprünglich Heftpflaster werden. Ein ehemaliger Mitschüler von mir drehte letztes Jahr seinen ersten Amateurfilm, verwechselte dabei aus Versehen bei der Kamera „Record“ und „Pause „ – und gewann damit den Deutschen Kurzfilmpreis.

„Oft spielen bei kreativen Prozessen verrückte Zufälle eine große Rolle.“

Der Psychologieprofessor Mark Jung-Beeman untersuchte, was im Kopf von Menschen vorgeht, die ein kreatives Aha-Erlebnis haben. Dazu schob er seine Versuchspersonen in einen Computertomographen und forderte sie auf, bestimmte Worträtsel zu lösen. Im Moment des „Heureka-Erlebnisses“ bildete sich bei den Versuchspersonen eine sogenannte Alphawelle im Gehirn aus. Ein Hinweis auf eine starke Aktivität in einem Hirnareal, das auf Verknüpfungen von unterschiedlichen Informationen spezialisiert ist. Gleichzeitig wurden äußere Reize unterdrückt. Kein Wunder also, dass Genies während ihrer Arbeit oft geistesabwesend wirken. Häufig ist bei ihnen die Macht der Kreativität so stark, dass sie ihre Werke unbeirrt von jeder Kritik erschaffen. Heinrich von Kleist, Herman Melville oder Vincent van Gogh starben in bitterer Armut, weil ihre Werke zeitlebens mit verständnislosem Kopfschütteln bedacht wurden. Ich bin mir sicher, auch in meinem Fall wird die Zeit kommen, in der meine getöpferten Galaxien nicht mehr für verunglückte Aschenbecher gehalten werden, sondern die künstlerische Wertschätzung erhalten, die sie verdienen!

Deswegen bin ich auch immer offen, was zeitgenössisches Theater angeht. Neulich erst besuchte ich im Schauspielhaus die Inszenierung eines aufstrebenden Nachwuchsregisseurs. Splitternackte Jungfrauen fuhren mit Motorrädern auf die Bühne und bewarfen eine brennende amerikanische Flagge mit Eingeweiden. Vollkommen abgefahren! In der anschließenden Podiumsdiskussion fragte ich den Regisseur, warum das Stück trotz seiner drei Stunden ohne Pause gespielt werde. – „Mit Pause ist das Haus beim zweiten Teil leer. „ Manchmal ist Kreativität eben Geschmackssache. Als vor einigen Jahren die schwedischen U-Bahn-Stationen von Künstlern gestaltet wurden, fragte sich die Presse: Ist moderne Kunst nicht vielleicht doch schlimmer als Vandalismus?

Kreative Wissenschaftler

Kreativität wird hauptsächlich mit künstlerischen Dingen in Verbindung gebracht. Kreativ sind Schriftsteller, Komponisten, Theaterregisseure oder Töpfer. Dabei stellen Wissenschaftler ebenso unglaublich kreative Fragen: Warum ist der Himmel blau? Weshalb bewegen sich die Planeten um die Sonne? Wieso rollt eine heruntergefallene Münze grundsätzlich unter den geographischen Mittelpunkt des Schrankes? Wenn eine Katze immer mit den Füßen auf dem Boden landet und ein Marmeladenbrot immer mit der beschmierten Seite nach unten – was passiert, wenn man ein Marmeladenbrot auf den Rücken einer Katze bindet?

Kein Wunder also, dass mein alter Physikprofessor es wie folgt kommentierte, als er erfuhr, einer seiner Doktoranden wolle aus der Forschung aussteigen, um sich lieber dem kreativen Prozess des Romanschreibens zu widmen: „Romane? Ich hab’s schon immer gewusst – der Junge hat keine Phantasie!“ Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind hochkreative Prozesse. Kein Mobiltelefon, kein Notebook, kein GPS wäre je erfunden worden, wenn nicht Querdenker wie Einstein, Bohr oder Planck ihre Genialität darauf verwendet hätten, jahrhundertealte Vorstellungen über Raum und Zeit umzustürzen.

Auch heute noch herrscht an kreativer Forschung kein Mangel. 2007 untersuchte der britische Radiologe Brian Witcombe mit Kollegen das bedeutungsvolle Thema „Nebenwirkungen des Schwertschluckens“. Andere Forscher fanden heraus, wie man aus der Urinspur eines Elefanten mit Hilfe eines speziellen mathematischen Verfahrens, der sogenannten Fourieranalyse, die Länge seines Penis errechnen kann. Natürlich nur unter der Bedingung, dass man sein bestes Stück als ein ideales Newton’sches Pendel ansieht. Letzten Monat gelang es einem amerikanischen Forscherteam sogar, die Gene eines Betriebswirts mit denen eines Delfins zu kombinieren. Heraus kam ein Immobilienmakler, der seine Kunden völlig fair und korrekt berät. Leider war die Kreatur außerhalb des Meeres nicht überlebensfähig und verendete qualvoll.

Freiheit, Grenzen zu überschreiten

Wenn man etwas Revolutionäres entdecken will, muss man sich die Freiheit nehmen, Dinge zu wagen, die andere erst mal als sinnlos und absurd abtun. Kein Kunstfan forderte Picasso auf, den Kubismus zu erfinden, und wer wollte vor vierhundert Jahren schon hören, dass die Erde doch nicht der Mittelpunkt des Universums ist? „Man muss kreativ sein „, sagt auch Mittöpferin Ingrid und zeigt mir ihre Sammlung von immer gleichen Obstschalen der letzten zehn Töpferkurse. Heutzutage gilt Kreativität als der Maßstab aller Dinge. Ständig wird man aufgefordert, einfallsreich und originell zu sein. „Seien Sie kreativ und schenken Sie Ihrer Putzfrau eine Reinigungskassette. Ihr Cousin ist Legastheniker? Wie wäre es mit einer Lesebrille? Rufen Sie bei einer Sexhotline an und spielen Sie der Dame glaubhaft einen Orgasmus vor. „ Auch in der Kunst wird jedes Genre, jede Stilrichtung aufs unerträglichste mit einer anderen „kreativ“ kombiniert: Rock meets Classic, Classic meets Jazz, Titanic – Das Musical, Hamleton Ice, Smoke on the water auf Panflöte.

„Kreativ sind immer nur Muttis, die einen Gewürzbindekurs in der VHS absolvieren.“

Über Goethe, Mozart oder den Erfinder des Dübels sagt komischerweise keiner, dass sie kreativ waren. Kreativ sind immer nur Muttis, die einen Gewürzbindekurs in der VHS absolvieren, oder Allianz-Vertreter, die im Strategieworkshop Collagen schnipseln. Mit echter Kreativität hat das nur wenig zu tun. Was ist der Schlüssel zur einzigartigen Karriere des Homo sapiens? Warum baut der Mensch Mondraketen, Brummkreisel und elektrische Korkenzieher, während seine tierischen Vetter im Urwald allenfalls mit Stöcken in Termitenbauten herumstochern? Es ist die Fähigkeit, unterschiedliche Eindrücke und Informationen miteinander zu verbinden und dadurch etwas Neues zu erschaffen: die Relativitätstheorie, der Fosbury-Flop, Fords Model T oder das Album St. Pepper’s. Genau das ist Kreativität. Und sie ist nur mit Freiheit möglich. Freiheit, in alle Richtungen zu denken, unorthodoxe Wege zu gehen und Grenzen zu überschreiten. Das lässt sich weder beim Töpfern noch beim Wildwasserrafting erlernen. Kreativität findet nicht im Hunsrück statt, sondern im Kopf.