01.01.2006

Spiel mal mit den Schmuddelkindern

Analyse von Martin Droschke

Über die Gegenwart der Punkszene in einer deutschen Kleinstadt.

Wenn mittags die Schulen der oberfränkischen Kreisstadt Coburg ihre Zöglinge ausspucken, zeichnen die Bushaltestellen ein repräsentatives Bild der Jugendkulturen, die den Lebensstil der über 13-Jährigen prägen. Es verwundert sofort, wie viele sich optisch als Punks präsentieren. Die wenigen Skinheads, die sich unter die Grüppchen Bunthaariger mischen, lassen sich dank ihrer „Gegen Nazis”-Aufnäher und der fehlenden „Antifa“-Embleme schnell der unpolitischen „Oi!“-Szene zurechnen. Anhänger der Neuen Rechten scheint es trotz einer großen Präsenz entsprechender Organisationsplattformen im näheren Umkreis nicht zu geben. Der Grund ist die bewusst zweigleisige Politik von Stadt und Jugendamt: Sie unterstützen die 2001 entstandene Initiative „Kill Me Baby”, eine Konzertveranstalter-Gruppe der Punks, unter der Bedingung, dass sich die Szene als Gegenleistung kontrollieren und disziplinieren lässt.

Der Schulterschluss von Establishment und Gegenkultur ist das Ergebnis eines langen Prozesses, an dessen Ende beide Seiten über den eigenen Schatten gesprungen und eine vormals undenkbare Kooperation eingegangen sind. Möglich wurde diese erst durch die allgemeine Entpolitisierung der Gesellschaft. Das mit den Ereignissen von 1989 verbundenen Ende einer Relevanzfähigkeit von doktrinunterfütterten linksutopischen Gegenpolitik- und Gegenkulturmodellen setzte in den 90er-Jahren die eingespielten Regeln des Nicht-Miteinanders von Szene und bürgerlichem Staat außer Kraft. Vor dem Hintergrund eines sich stärker vernetzenden, kompromisslos destruktiven neuen Undergrounds, der Fascho-Skin-Szene, wurde auch in Coburg die traditionelle Feindschaft zum Staat nicht mehr als gegenwartstauglicher Habitus angesehen.

Seit der Punk vor 25 Jahren von England aus in die BRD geschwappt ist, gehören Irokesenschnitt und Null-Bock-Codes zum Straßenbild der Stadt nahe der ehemaligen Grenze zur DDR. Damals hatte man in Coburg das architektonische Mahnmal des Wettrüstens, die deutsch-deutsche Grenze, direkt vor den Augen. Zudem bot das bayerische Zonenrandgebiet seinen Jugendlichen keine wirtschaftliche Perspektive, so dass die Parole „No Future” in doppelter Hinsicht auf fruchtbaren Boden fiel. Der Coburger Convent, durch den konservative Burschenschaftler jedes Pfingsten gut zehn Prozent der Bevölkerung stellen, sorgte dafür, dass sich in den 80er-Jahren politische Begleiterscheinungen des ursprünglich antiideologischen Punk wie antifaschistische Konfrontation und illegale Aktion institutionalisierten und ritualisierten. Diese Rituale bestehen weiter. Sie artikulieren sich aber aufgrund des Untergangs der autonomen Szene nicht mehr in aufmerksamkeitsstarken, von Unberechenbarkeit geprägten Inszenierungen, die mit Stadtguerillazitaten gespickt sind, sondern lediglich in der gegenseitigen verbalen Versicherung tiefer Verachtung. Die Nürnberger Antifa ist zu schwach geworden und reist nicht mehr an, um Aktionen gegen den Coburger Convent anzustoßen. Alleine war die Coburger Szene noch nie politisch genug, um vor der eigenen Haustür Riots zu zünden und die Konsequenzen durchzustehen.

Als sich die bundesweite Punkgemeinde gegen Ende der 90er-Jahre in ihren Hochburgen mit den Chaostagen gegen den repressiven Kurs der Kommunen und Länder zur Wehr setzte, stieg auch in der Provinz die Gewaltbereitschaft. In Coburg kam es 1997 vor dem Jugendzentrum Domino, dem damals wie heute einzigen Veranstaltungsort mit einer für überregionale Gigs ausreichenden Größe und Infrastruktur, zu einer schweren Straßenschlacht zwischen Konzertbesuchern, Zuschauern eines Handballspiels und einem herbeigeeilten Sonderkommando der Polizei. Es folgte das Verbot von Deutschpunkkonzerten durch Stadt und Träger und damit die Zerschlagung der organisierten Szene, die mit dem Domino ihr Zentrum, freilich aber nicht ihren Einfluss auf ihre Altersgruppe verlor. Eine Welle der Gründung neuer lokaler Punkbands veranlasste 2001 einen Sozialpädagogen des Domino, über eine Wiederaufnahme des Konzertbetriebs unter der Regie von „Kill Me Baby”, einem Zusammenschluss von Freizeitmusikern der neuen Generation, zu verhandeln. Ihre Sozialisation in der Nach-89-Ära reflektiert in ihrem Denken und Handeln nicht mehr das Muster des Kalten Krieges einer Unversöhnbarkeit von links und bürgerlich. Der explodierte Anpassungsdruck wie auch der Umstand, dass die Punks von damals jetzt der Elterngeneration angehören und sich folglich über buntes Haar kein Pubertäts- und Generationenkonflikt mehr austragen lässt, erklärt die Kompromiss- und Unterordnungsbereitschaft der neuen Generation. Für die Möglichkeit, Konzerte organisieren zu können, zeigten sich die Teenager einverstanden, strenge Auflagen zu akzeptieren: begrenztes Veranstaltungskontingent, starre Regeln bezüglich Ordnung und Sicherheit, Einlass für Jugendliche unter 16 Jahren nur in Begleitung Erwachsener, Null-Toleranz gegen Drogen und Verstöße gegen die Vereinbarungen. Im Gegenzug übernahm der Trägerverein des Domino eine Ausfallbürgschaft für die wirtschaftlich unabhängig agierende Gruppe. Die Konzerte werden professionell gemanagt. Wer sich nicht an die Regeln von “Kill Me Baby” hält, verliert die einzige Heimat, die Coburg einem Jugendlichen zu bieten hat, der von sich sagt, sich nicht mehr an Regeln gebunden zu fühlen. Die Präsenz der Punkszene ist so groß, dass sie ein Monopol auf die öffentliche Artikulation radikalisierter Kritik an der politischen, sozialen und soziopsychologischen Normalität besitzt. Für Aussteiger aus dem Mainstream gibt es keine andere als die von „Kill Me Baby” zusammengehaltene Alternative. Wie automatisch ventilieren die Jugendlichen ihren Unwillen, sich ihrer Gegenwart anzupassen, mit den 25 Jahre alten Gesten des Punk. Wie automatisch übernehmen die Jüngsten das „Gegen Nazis!” der Älteren als kleinsten gemeinsamen – und einzigen – politischen Nenner. Eine Minderheitenfraktion innerhalb von „Kill Me Baby” holt zudem all jene ab, die mit Skinheadästhetik liebäugeln. Vier Mitglieder der Gruppe definieren sich als Oi!, als apolitische Skinheads. Auf etwa jedem zweiten Konzert steht daher auch eine Oi!-Band auf der Bühne. Die auch für die Eltern – die Altpunks – nicht durchschaubaren, bewusst mit rechten Emblemen kokettierenden Codes der Oi!s öffnen den Szenegängern zudem einen für ihre Abnabelung von der Erwachsenengeneration unverzichtbaren, vor Unbefugten hermetisch abgeschlossenen Freiraum. Einziger Wermutstropfen: Wie vor 1989, so rekrutiert sich auch heute die Punkszene aus der gehobenen deutschstämmigen Mittelschicht. Nebenwirkung des Monopols von „Kill Me Baby” ist eine verschärfte Ghettoisierung von auf „anti“ eingestimmten Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus schwächeren sozialen Verhältnissen. Diesen gelingt es traditionell nicht, sich mit Punk und Co. zu identifizieren. Feindschaftserklärungen bleiben nicht aus. Die Alltagsklientel des Dominos – fast ausschließlich Jugendliche mit Migrationshintergrund – reagiert aggressiv auf die gleichaltrigen Konzertbetreiber und -besucher. Sie muss ihren Treffpunkt regelmäßig für eine Gemeinschaft räumen, die nur die eigene Subkultur als wertvoll anerkennt, die zudem außerhalb der Punkveranstaltungen durch eine konsequente Abwesenheit glänzt und trotzdem von den Sozialpädagogen unterstützt und gefördert – in ihren Augen: gehätschelt – wird.

"Das rituelle Stagediving dutzender Gymnasiasten mutet an wie eine Übung zur Förderung der Teamfähigkeit auf einem Managerseminar. Zelebrierte Selbstzerstörung als zentrales Kennzeichen des 80er/90er-Lebensstils Punk? Fehlanzeige!"

Herbst 2004. „Normahl“, dienstälteste deutsche Punkband, kommt auf ihrer Tour, die auffällig wenige große Städte bedient, dafür kreuz und quer durch die hintersten Provinzen der BRD führt, ins Domino. Rund 400 Fans, von denen die meisten in den Vororten zu Hause sind oder aus der zweiten oberfränkischen Punkhochburg Kronach anreisen, vereinen sich zu einer subversiven Gemeinde. „Normahl“ bietet die Kopie eines ihrer Konzerte von vor zehn Jahren - und predigt mit diesem Programm gleichzeitig eine der aktuellen Hymnen der vorwiegend 14- bis 22-jährigen Besucher nach der anderen. „Bei der Demo hau’n sie Dir eins drauf / Ich steige auf die Barrikaden / Ich werf’ einen Stein in den Bullenwagen / Bis aus dem nur blutige Köpfe ragen”, skandiert Sänger Lars Besa. Jedes Lied wird mitgegrölt. Und alle Strophen. Band und Publikum verschmelzen in dröhnender Harmonie. Und doch scheint ein tiefer Graben die Generationen zu trennen. Wenn „Normahl“ die legendäre Parole „Haut die Bullen platt wie Stullen”, schmettert, wird das als Code rezipiert, der Tradition und Zugehörigkeit generiert, aber inhaltlich so wenig zu bedeuten hat wie das allgegenwärtige Konterfei Che Guevaras. Für die 16- bis 25-jährigen Mitglieder von „Kill Me Baby” bedeutet Punk nicht Randale, Provokation und Hass auf Staat und Gesellschaft, sondern einfach nur gute Musik. Politisch sprechen sich die Jungen und Mädchen unisono für die SPD aus, die PDS halten sie für ebenso inakzeptabel wie die CDU/CSU, die Grünen für keine echte Alternative. Der Vorstand des Jugendzentrums Domino bezeichnet seine Punks als die ihm liebste Gruppierung im Haus. Denn sie ist zugleich „die bravste”.

Schlagzeug, Bass und Gitarre peitschen. Lars Besa scheint versunken im Lärmteppich der Vergangenheit. Analog zu den Texten wirken auch seine Zwischenansagen einer Zeit entnommen, in der das Gros der Zuhörer noch gar nicht geboren war. Wie dereinst in der guten alten ersten Hochphase des Punk covert „Normahl” den Titelsong des DEFA-Films „Die Legende von Paul und Paula” und richtet seinen kämpferisch-solidarischen Gruß an alle „verbotenen Bands der DDR”. Das Publikum ist im Kopf ganz woanders. Wo soll es auch sonst sein? Der Ost-West-Konflikt sagt ihm emotional gar nichts. Die Menge pogt – und scheint sich mit dem wilden Tanz fit machen zu wollen für den Konkurrenzkampf um Schulnoten, Ausbildung, Job und Zukunft, der sie am nächsten Tag wieder einholen wird. Das rituelle Stagediving dutzender Gymnasiasten mutet an wie eine Übung zur Förderung der Teamfähigkeit auf einem Managerseminar. Zelebrierte Selbstzerstörung à la „Normahl“, zentrales Kennzeichen des 80er/90er-Lebensstils Punk? Fehlanzeige! Hier trainieren sich junge Leute, die in Schule und Beruf mehr aus sich machen wollen, als es ihnen die bürgerlichen Institutionen und etablierten Karrierewege erlauben, die nötige Kraft zum Durchstarten an. Hier wird ein subkultureller Freiraum belebt, weil es Jugendlichen unter dem Tempolimit der Anpassung zu langsam vorwärts geht. Das Grüppchen der Eltern, die zur Begleitung ihrer unter 16-jährigen Kinder und deren Freunden mitgekommen ist, Punkvetreranen allesamt, versinkt derweilen in der Erinnerung und denkt sich, was das für Luschen sind auf der Tanzfläche. Während sich die Jungen mit aller Gewalt herauspogen aus der Lethargie, in der jene Altersgenossen versinken, die es als ein Naturgesetz akzeptieren, dass die Globalisierung sie in ein paar Jahren zerreiben wird.