13.01.2010

Sind Anarchisten dumm

Von Marco Meng

Autos werden abgefackelt, im Casino der Frankfurter Universität wird randaliert. Was soll das?

Mein Hausarzt, der jedes Jahr während seines Urlaubs für eine Organisation in Afrika kostenlos Menschen versorgt und operiert, hat einen unverzeihlichen Fehler: Er fährt einen Mercedes. Und den hat man nun – allein 2009 waren es um die 300 (!) Autos – in Berlin angezündet. Würde einer dieser „Brandstifter gegen den Kapitalismus“ an Krebs erkranken, müsste man ihm da nicht die Chemotherapie verweigern? Schließlich werden die dazu verwendeten Medikamente und Apparate kommerziell hergestellt. Besonders glücklich scheint das „anarchistische“ oder „autonome“ Leben jedenfalls nicht zu machen, sonst käme man sicher nicht auf die Idee, anderen das Eigentum zu zerstören. Sich anzumaßen, darüber zu entscheiden, welches Auto jemand fahren darf, zeugt nicht gerade von Toleranz und auch nicht davon, dass man a) klar im Kopf ist oder b) wirklich etwas Gutes will.
Mir selbst, wenn ich bspw. von einem Porsche rechts auf der Autobahn überholt werde (falls ich mir ein Auto ausgeliehen habe, da ich seit Jahren – ohne eigentlich „grün“ zu sein – keines besitze), kommt da auch schon mal der Gedanke „Angeber!“ – damit ist das Thema dann aber auch erledigt, und ich käme mir wie ein pubertärer Dummkopf vor, würde ich dem Porschefahrer nun das Auto beschädigen. „Autos sind Statussymbole!“, geifert aber der alternative Öko-Gutmensch. Ja, und?
Die Besetzung des Casinos des „Campus Westend“ der Frankfurter Uni Mitte Dezember hatte gezeigt, dass auch Universitäten wieder zum Spielplatz der Krakeeler werden können. Wichtigtuer sehen eben in jedem berechtigten Protest eine Möglichkeit, mit dem „ganzen System“ (Freud würde vermuten, unbewusst mit dem Elternhaus) abzurechnen und nun endlich auch einmal so etwas erleben zu können, was sie in den Filmen über die 68er-Unruhen gesehen haben. Der eine oder andere möchte vermutlich auch beweisen, dass er mindestens genauso blöd ist wie so manch einer damals: Einer der Protestler erklärte, er komme aus einer „Szene, die ein taktisches Verhältnis zur Gewalt“ habe – „Gut nachgeplappert, Schwätzer!“, möchte man da sagen. Natürlich sollte bei den Protesten „die Kritik am gegenwärtigen Bildungssystem“ auch gleich „mit einer Kapitalismuskritik“ verbunden werden – warum aber nicht auch mit der Kritik an den Taliban und am Kubismus, insbesondere mit dem Hinweis auf die bedrohte Tierart der Schwanzlurche? Oder sind die euch etwa egal, ihr Spießer? Doch mal ganz ohne Scherz – verrät das alles nicht mangelnde Lebenserfahrung? Wie schön, dass ihr keine wirklichen Probleme kennt, ihr „Anarchisten“ des 21. Jahrhunderts, und euch so an euren kleinen bis zur Ekstase aufgeilen könnt.
Die pathologische Neurose des „Anarchisten“, sich in wütender Missgunst äußernd, wettert gegen die Industrie, den Kapitalismus und die Konsumgesellschaft. Trotzdem nutzt er aber Handys, Computer und Internet. Man wettert gegen den „Bonzenstaat“, nimmt aber von diesem Staat jeden Monat die „Stütze“, um davon zu leben. Es sieht so aus, als sei ein solch alternatives Leben nichts anderes als scheinheilig. Wer sich anmaßt, mit Gewalt zu bestimmen, wer wo wohnen oder parken darf, müsste der sich nicht auch gefallen lassen, wenn ich ihm auf dem Bürgersteig eine in die Schnauze haue, weil ich nämlich meinen Bürgersteig, auf dem ich gehe, für mich allein haben will?
Der moderne Anarcho lehnt die Zivilisation ab, genießt aber ihre Vorteile. Das Wichtigste ist ihm jedoch vor allem, dagegen zu sein. Sich konstruktiv (also nicht durch Anketten, Steine werfen oder Wände beschmieren) für etwas einsetzen, das ist eben zu schwer. Durch Autoanzünden schaffe ich indes weder das Zinssystem noch den Shareholder Value ab. Freilich verlangt es weniger Grips, gegen etwas zu sein und gemäß des bekifften Ausrufs „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ zu handeln, statt für etwas zu sein und etwas aufzubauen. Gutmenschen, die meinen, sie müssten anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben, sind wie dicke Priester, die Enthaltsamkeit predigen und sich an den Messdienern vergehen. Man darf nicht lügen – außer, man hat dadurch seine Vorteile. Man darf nicht stehlen – außer, es lohnt sich. So anscheinend das Motto des „Autonomen“. Man will nicht zum Mainstream gehören und kauft deshalb keine Kleider in kommerziellen Geschäften, sondern in sogenannten „Umsonstläden“ – hergestellt wurden sie allerdings dennoch in kommerziellen Fabriken. Die Wohnung, in denen der „Anarchist“ wohnt, wurde von Maurern erbaut, die sich tatsächlich vom Architekten vorschreiben ließen, wie sie zu mauern hatten. Und wenn der „Alternative“ gegen Reichtum wettert, der zum Beispiel auf der Ausbeutung von armen Menschen beruhe, die für unsere Atomkraftwerke Uran abbauten, so zitiert er fleißig, was er mal gehört hat, nutzt selbst aber munter den Strom, der aus der Steckdose kommt. Ein solches Verhalten nennt man verlogen.

Man kann also „Anarchisten“ durchaus als Parasiten bezeichnen, die einerseits etwas ablehnen, ja bekämpfen, wovon sie andererseits aber gerne Nutzen ziehen (der Staat wird bekämpft, für das Hartz-IV-Geld, das dieser Staat auszahlt, aber die Hand aufgehalten). Wäre man als „Anarchist“ konsequent – das heißt: ehrlich –, so würde man seine Kleidung selbst schneidern, in selbst gebauten Häusern leben und auf die Jagd gehen, oder, um politisch korrekter zu sein, als Vegetarier (oder – kotz! – Veganer) von dem leben, was man selbst anpflanzt. Macht das aber jemand aus dem Huch-wie-furchteinflößend-sehn-wir-aus-„schwarzen-Block“? Nein. Und warum nicht? Vielleicht weil sie zu faul, vielleicht, weil sie zu dumm sind. Ein konsequent alternatives Leben ist eben doch sehr anstrengend, hat weniger mit hochtrabenden Reden, sondern mehr mit Arbeit zu tun. Die „alternative Lebensform“, die mancher erzwingen will, ist eben nicht nur eine Utopie, sie ist noch viel weniger: sie ist heuchlerisch. Selbst wenn man Geld abschaffen würde und alles wäre kostenlos, würde es dennoch Menschen geben, die sich im Kaufhaus mehr Bananen nehmen, als sie essen können. Da es immer solche Leute geben wird, die für sich mehr nehmen, als sie brauchen, soll ich diese Leute einsperren oder erschießen? Wegen ein paar Bananen? Und wer hat das Recht, über eine solche „Strafe“ zu entscheiden? Man sieht, wohin das führt: echte Anarchie hat nichts anderes zur Folge als ein Leben in der Steinzeit mit Tyrannei, Bespitzelung, und: der Stärkere würde immer Recht bekommen. Mehr Demokratie, indem man beispielsweise vielleicht die repräsentative mit der direkten ersetzen würde, erreicht man weder durch kriminelle Aktionen noch durch intellektuelle Wichtigtuerei.
Der herrschende Kapitalismus ist alles andere als das A und O der Zivilisation, er ist, wie er derzeit existiert und mehr schlecht als recht funktioniert, kein Naturgesetz – bekämpft wird er aber nicht dadurch, dass man sich an Bahngleise ankettet, Autos anzündet oder Joghurtbecher aus dem Container der Supermärkte mitnimmt, weil man sich „dem Konsum verweigert“ (man verweigert sich ihm ja gar nicht wirklich, sondern bezahlt nur nichts dafür). Und der Anspruch, was man tut, sei gegen „die Herrschenden“ und für „die kleinen Leute“, die „Normalbürger“, ist – in Abwandlung eines Buchtitels – radikal lächerlich. Von den „kleinen Leuten“ ist eine große Zahl einmal Hitler hinterhergerannt, einige haben auch Juden diffamiert oder KZs bewacht – nur, weil jemand finanziell nicht gut gestellt ist, ist er noch lange kein guter Mensch, und umgekehrt genauso.
Nach einem Anschlag auf Bundeswehrfahrzeuge mit einem Schaden von drei Millionen Euro Steuergelder hatte kürzlich auf einer „autonomen“ Webseite ein Sympathisant (oder Täter?) geschrieben, damit wolle man die Bundeswehr zum Abzug aus Afghanistan veranlassen. Na sicher doch! Bevor die Bundeswehr dann aber in Berlin zum Einsatz kommt, sollten die Täter und ihre Sympathisanten vielleicht die Zeit nutzen, um wieder zur Schule zu gehen und den Hauptschulabschluss nachzuholen. Oder wenigstens einen Yogakurs bei der Volkshochschule belegen.
Niemandem ist es verwehrt, wenn er wirklich will, sich dem Konsum zu verweigern und in seiner ländlichen Ökoidylle ganz autark und alternativ zu leben. Warum aber tut ihr es nicht und wollt stattdessen alle anderen dazu zwingen, so zu leben? Nur weil ich selbst zu dumm oder zu faul bin, etwas zu leisten, sei es für mich selbst, meine Familie oder „die Gesellschaft“, habe ich noch lange nicht das Recht, anderen ihren Besitz zu missgönnen. Ich zum Beispiel, der ich im Gegensatz zu vielen selbsternannten „anarchistischen“ Kämpfern kein Handy besitze, käme nie auf die Idee, anderen das Handy zu zerstören, auch wenn es mich manchmal nervt, dass alle mit so einem Ding am Ohr durch die Gegend laufen.
Wer ist also das größere egoistische Arschloch? Der Kinderarzt, der einen Cayenne fährt, oder der faule Anarcho, der ihm nachts feige diesen Wagen anzündet? Die Vorstellung jedenfalls, Reichtum baue notwendigerweise auf der Unterdrückung anderer auf, ist primitiv. Bill Gates hat sicherlich niemanden unterdrückt oder ausgebeutet, er hatte nur gute Ideen, die er in die Tat umsetzte (das Ergebnis wird von „Anarchisten“ oft und gerne genutzt). Und das viele Geld, das er damit verdient hat, nutzt er vor allem dazu, die Regenwälder zu schützen und gegen Aids zu kämpfen. Wie Nietzsche schon über den Anarchismus schrieb: „… es ist ein Vergnügen für alle armen Teufel zu schimpfen — es gibt einen kleinen Rausch von Macht.“
Anarchie heißt „ohne Autorität“ – mithin ein gesellschaftlicher Zustand der Herrschaftslosigkeit und Freiheit; ein Anarchist wäre demnach ein Mensch, der von der Herrschaft anderer frei sein möchte und es gleichzeitig aus freiem Willen darum auch ablehnen muss, über andere Zwang und Gewalt auszuüben. Aber gerade letzteres machen selbsternannte „Anarchisten“ ja nicht, sondern verhalten sich im Gegenteil selbst so, wie sie es anderen vorwerfen und zu bekämpfen vorgeben (sie selbst nennen das dann immer „faschistisch“). Die Idee der „Herrschaftslosigkeit“ ist – seien wir ehrlich – nichts weiter als ein infantiler Traum, der sofort zerplatzt, sobald man wach wird: Selbst in der Natur gibt es allenthalben Herrschaft, angefangen bei den einfachsten physikalischen Naturgesetzen. Und dass es immer in Lagern endet, wenn man Menschen konform erziehen will, sollte eigentlich jede Diskussion darüber, Menschen nach einer Utopie zu formen, erübrigen. Man will das Besitz-, Leistungs- und Konkurrenzdenken abschaffen? Dann bitte auch gleich Gähnen, Lust auf Schokolade und vor allem Dummheit mit abschaffen. Anarchie, so kann man eingedenk des Erörterten definieren, ist wie der Versuch, ein System, das schlecht ist, durch eines, das unrealisierbar ist, ersetzen zu wollen. Oder einfacher: Sie ist die Rache jener an der Welt, die in erbärmlichen Familienverhältnissen aufgewachsen sind.
Gewiss haben die wenigsten Autoanzünder das lebensferne und theoretische Gebrabbel über den „Anarchismus“ aus dem vorigen und vorvorigen Jahrhundert gelesen; im Grunde ist es heute auch nur ein Begriff, den man sich umhängt und den man auch einfach mit Schmarotzertum, Faulenzertum oder krimineller Asozialität ersetzen könnte. Die Frage also „Sind Anarchisten dumm?“ kann beantwortet werden: Ja, sie sind!