01.04.2001

Schräge Töne im Konsensgemauschel

Kommentar von Ingo Schramm

Die Welt ist weder eins, noch eindeutig, noch einfach. Ingo Schramm rüttelt an Fassaden.

Wir leben in der aufgeklärten Welt, alles liegt offen. Die Diskurse sind so frei wie nie zuvor in der Geschichte. Alles darf gesagt werden, alles ist gesagt. Es gibt keine Tabus, nichts Verborgenes, Unbenanntes, keine Schattenseite, die nicht mindestens durch das Flashlight des Journalismus für die Dauer einer Blitzmeldung sichtbar gemacht oder in einer der nachmittäglichen Talkshows fürs Hausfrauenpublikum durchgekaut wurde. So geht das Gerücht.In dem Roman Alles was zählt wird Georg M. Oswalds Held Thomas Schwarz, der in einer Bank als stellvertretender Abteilungsleiter Abwicklung und Verwertung tätig ist, in eine paradoxe, von vornherein ausweglose Situation gebracht. Von seiner Chefin, deren Posten er eigentlich selbst haben wollte, bekommt er einen Fall zur Bearbeitung, der schon seit Jahrzehnten anhängig ist.


Das Paradoxe seiner Situation besteht darin, dass Schwarz durch diesen Auftrag in jedem Fall zum Scheitern verurteilt ist. Welchen Lösungsvorschlag er auch unterbreiten wird, unweigerlich muss er dadurch ins Abseits geraten, seine Unfähigkeit offenbaren. Der Fall ist so verwickelt, dass jeder Glaube an eine Lösung absurd erscheint. Der Banker kann den Auftrag allerdings auch nicht ablehnen. Das würde ihn sofort ins Aus stellen. So macht er gute Miene zum bösen Spiel, schweigt und wird, nachdem er seine Arbeit getan hat, wie erwartet, entlassen.Die Idee, offen auf das paradox Ausweglose seiner Situation hinzuweisen und sie damit aufzulösen, ist Schwarz nicht gekommen. Es war ihm unmöglich. In seiner Welt, einer sich durch Erfolg, Geld, Shoppen und Party definierenden Mittelschicht, kommt die Möglichkeit des Versagens nicht vor. Wer dem anheim fällt, hat von vornherein nie dazugehört.Richard Sennett hat das Scheitern als das große moderne Tabu bezeichnet. Vom Erfolg wird überall geredet, von den Kosten des Erfolgs nicht. Niemand gesteht es sich ein, wie rasch man von der Überschuss- auf die Defizitseite geraten kann. Gerade jene, die das Risiko der Selbständigkeit auf sich nehmen – ohne, wie Arbeitnehmer, im Notfall durch eine Versicherung geschützt zu sein -, wagen es nicht, an dieses Schweigegebot zu rühren. In der Wirklichkeit retten sich die wenigsten wie der Romanheld durchs Weitermachen auf kriminellem Niveau. Jeder kennt sie, die Webdesigner und CAD-Ingenieure, die sich mit ihren Ein-Mann-Unternehmen kaum über Wasser halten können, auf Partys unverdrossen Visitenkarten verteilen, mit leuchtenden Augen über ihre Expansionspläne berichten und auf die Frage, wie es geht, mit einem trotzigen “Super!” antworten.


Über die beachtlichen Erfolge und Innovationen, die Markt und Konkurrenz ermöglichen, wird viel geredet. Darüber, dass kein Gewinn, erst recht nicht der gesellschaftliche, ohne Kosten zu haben ist, spricht niemand. Die Negativseite der Bilanz bleibt aus dem Bewusstsein verbannt. Nur deshalb konnte jüngst der Absturz des Neuen Markts für viele so unerwartet kommen wie eine Naturkatastrophe. Wer die Möglichkeit von Verlusten anspricht, wird leicht als Miesmacher gebrandmarkt. Darüber darf er sich nicht wundern – er rührt an ein Tabu.
Es ist nicht das einzige Tabu unserer Zeit. So wie das Scheitern und die Gescheiterten ausgeblendet werden, so erst recht jene, die von vornherein keine Chance haben, auf die Gewinnerseite zu geraten. Sie gehören zeit ihres Lebens zum Kostenkonto. Entscheidende Ressourcen wie Bildung und Partizipation sind noch immer – und wieder zunehmend – an Geld und Vermögen geknüpft. So bleibt den Ärmeren als einzige Hoffnung das Lotto.
Gegen den Mythos einer Globalgemeinschaft der Konsumenten, durch den die Idee bürgerlicher Egalität zum gleichen Recht beim Shopping verkommen ist, hat Paul Nolte (Die Zeit, 2/2001) kürzlich zu Recht ein Beschreibungsmodell unserer Gesellschaft als einer in Klassen gespaltenen vorgeschlagen.

“Soziale Ungleichheit muss wieder zum Thema werden, gegen den Widerstand der Gut-Wetter-Philister.”

Neu ist das nicht. Im Konsensgemauschel der Bonner Republik war diese Realität allerdings – auch in Abgrenzung gegen die kommunistischen Welterklärungen – unter Tabu geraten. Daran hat sich bis heute wenig geändert, obwohl die Einkommensschere seit Anfang der 90er in allen Industriestaaten mehr und mehr aufklafft. Soziale Ungleichheit muss wieder zum Thema werden, gegen den Widerstand der Gut-Wetter-Philister.An ein drittes Tabu hat auch Paul Nolte nicht gerührt. Chancenungleichheit dieser Art ist nicht gottgegeben. Die Verlierer müssen sich keineswegs mit ihrer Situation abfinden. Die Freiheit, die wir haben, hat ihre Kosten. Allerdings sind die Kosten zu hoch, wenn das untere Drittel der Gesellschaft irgendwann wieder so weit in die Enge getrieben wird, dass ihm nur noch der Aufstand bleibt, um für sich die Freiheit zur Beteiligung am gesellschaftlichen Reichtum einzuklagen. Deshalb wird uns die Beantwortung der Frage auch fürderhin nicht erspart bleiben: Wie viel Freiheit brauchen wir und welchen Preis sind wir bereit, dafür zu zahlen?