04.09.2013

Schleierverbot: Ein Angriff auf die Freiheit

Von Elsa Makouezi

Staatlich vorgeschriebene Kleiderordnungen für Frauen sind keineswegs emanzipatorisch. Daher dürften Schleierverbote wohl eher durch die Angst vor dem Fremden motiviert sein. Wir brauchen hier mehr Toleranz, aber keine unkritische Zustimmung. Ein Kommentar von Elsa Makouezi

Es mag wie ein Klischee anmuten, aber manchmal scheint es doch, als habe der Säkularismus nahezu den Status einer Religion erreicht. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher, als in Frankreich, einer Nation, in der bestimmte religiöse Ausdrücke als geradezu ketzerisch wahrgenommen werden.

Im Jahr 2004 zum Beispiel hat die französische Regierung das Tragen „auffälliger“ religiöser Symbole in den Schulen verboten. Und im April 2011 folgte ein Gesetz, das die Verschleierung des Gesichts im öffentlichen Raum verbietet, mit wenigen Ausnahmen im sportlichen Bereich oder aus kulturellen Gründen. Das bedeutet faktisch ein Verbot von Niqabs, die das Gesicht – die Augen ausgenommen – verhüllen, und von Burkas, die den gesamten Körper verhüllen. Dieses Verbot war kein modisches Statement des französischen Staates, sondern ein politisches.

Wenn man bedenkt, dass Berichten zufolge weniger als 2000 muslimische Frauen in Frankreich einen Schleier tragen, und das bei einer muslimischen Bevölkerung von fünf Millionen Menschen, dann wird klar, weshalb die Antipathie des französischen Staates gegen die Verschleierung immer etwas absurd wirkte. Tatsächlich könnte ich die Gelegenheiten, bei denen ich während der Besuche in meinem Heimatland Frankreich einer Frau mit Burka oder Niqab begegnet bin, an einer Hand abzählen. Rein statistisch gesehen, war das also nie ein Thema; politisch allerdings war und ist es eines. In Frankreich, so scheint es, weiß der Staat mal wieder alles besser.

Bei Gesprächen mit verschiedenen Leuten, die ich während meines letzten Aufenthalts in Lyon führte, kam immer wieder dieselbe Mentalität zum Vorschein: Der Staat kommt zuerst, der Staat hat immer recht. Das muss merkwürdig erscheinen, vor dem historischen Hintergrund, dass weder Staat, noch Gesetze immer rechtens waren. Der Sklavenhandel, die Trennung der Rassen und Ethnien und anderes mehr, waren ebenfalls durch staatliche Gesetze geschützt. Auch im Falle der Anti-Schleier-Gesetzgebung hat der französische Staat seine Fehlbarkeit mal wieder reichlich bewiesen.

Vor ein paar Wochen hatten sich die Spannungen zwischen Staat und Bürgerschaft zugespitzt. Die Verhaftung einer Frau, die in der Pariser Vorstadt Trappes einen Niqab trug, hatte zu Unruhen in den drei darauffolgenden Nächten geführt. Kaum war der Ärger abgeklungen, entbrannte an französischen Universitäten erneut ein Streit um das Tragen von Schleiern.

Wie es aussieht, können Schleier zwar in Universitäten getragen werden, nicht aber in Institutionen, die auf Technologie spezialisiert sind. Laut einer aktuellen Online-Umfrage in Le Figaro sind 78 Prozent der Franzosen gegen ein Tragen von Schleiern oder islamischen Kopftüchern in den Hörsälen der Universitäten. Innenminister Manuel Valls entdeckte eine Möglichkeit, das Schleierverbot auszuweiten: „Es muss mehr Kohärenz in Bezug auf den Schleier geben.“ Er bekannte sich als „Befürworter eines Säkularismus, der die Frauen emanzipiert.“

„Frauen werden nicht dadurch frei, dass ihr Gesicht unverschleiert ist; sie sind nur dann frei, wenn sie selbst darüber entscheiden können, ob ihr Gesicht verschleiert sein soll oder nicht.“

„Ein Säkularismus, der die Frauen emanzipiert“? Das Emanzipationsargument wurde oft benutzt, um das Schleierverbot voranzubringen. „Frauen werden durch die Männer dazu gezwungen, die Schleier zu tragen, sie sind also nicht frei“ – so in etwa lautet das Argument, wenn man sich mit Franzosen über das Schleierverbot unterhält. Es greift jedoch viel zu kurz. Zum einen tragen die meisten Frauen ihre Burka oder den Niqab aus freien Stücken. Aber vor allem ist ein Gesetz, das einem vorgibt, was man nicht tragen darf, eine ebenso große Attacke gegen die Freiheit, wie wenn die Kleidung durch den Bruder oder den Ehepartner bestimmt wird. Frauen werden nicht dadurch frei, dass ihr Gesicht unverschleiert ist; sie sind nur dann frei, wenn sie selbst darüber entscheiden können, ob ihr Gesicht verschleiert sein soll oder nicht.

Wenn man genauer nachfragt, geht es den Leuten auch gar nicht um die Emanzipation der Frauen. Die Aussagen weisen dann in eine ganz andere Richtung: „Wir wissen nicht, ob es ein Mann oder eine Frau ist“; „Wir wissen nicht, worüber sie sprechen“; „Sie können in den Prüfungen schummeln!“ Solche Bedenken schienen den Menschen, mit denen ich sprach, wichtiger zu sein, als die Freiheit der Frau. Daher dürfte die Gesetzgebung hier wohl vor allem durch die Angst vor dem Unbekannten motiviert gewesen sein.

Tatsächlich scheint die Rede von der Frauenemanzipation kaum mehr als ein Vorwand für säkularen Autoritarismus zu sein. Letztlich schränken diese Gesetze die Meinungsfreiheit ein und zersetzen die Religionsfreiheit. Und das betrifft nicht nur diejenigen, die Burkas oder Niqabs tragen, sondern das betrifft auch die Kippa der Juden, das Kreuz der Christen und den Turban der Sikhs. Das Ergebnis dieser Entwicklung könnte ein radikaler Säkularismus sein, eine Religion à la française.

Die Kritik des Schleierverbots und des autoritären Säkularismus ist nicht mit einer unkritischen Beweihräucherung der Entscheidungen anderer Leute zu verwechseln. Toleranz gegenüber einer Frau, die sich für das Tragen einer Burka entschieden hat, bedeutet noch nicht unkritische Zustimmung demgegenüber. Oder, um eine geläufige britische Redensart zu gebrauchen: „Bewahre einen offenen Geist – aber nicht so offen, dass dir dein Gehirn herausfällt.“

Toleranz bedeutet, dass die Menschen mit all ihren Unterschieden nebeneinander existieren, und sich doch das Recht auf eine eigene Meinung vorbehalten. In dem Land, das als die Geburtsstätte der Menschenrechte gefeiert wird, artet der Säkularismus à la française zunehmend zu einer staatlich gelenkten Religion aus.