09.12.2009

Schlechtes Wetter in Kopenhagen

Analyse von Peter Heller

Auf der Klimakonferenz geht es u.a. auch darum, die wirtschaftliche Hegemonie des Westens über den Rest der Welt auf Dauer festzuschreiben.

Es war schon interessant, auf der Klimakonferenz in Berlin (http://iuf-berlin.org/veranstaltungen/2427.php) mit den vor dem Hotel demonstrierenden Greenpeace-Aktivisten zu diskutieren (die zwei Figuren von der ÖDP habe ich, demonstrativ rauchend, ignoriert). Fast eine Stunde lang übrigens – und das in aller Freundschaft. Es hat Spaß gemacht, und wir sind mit der Erkenntnis auseinandergegangen, dass uns allen etwas an der Erde und den sie bewohnenden Menschen liegt. Aber es war auch aus zwei Gründen erschütternd. Da dachten die Aktivisten doch tatsächlich, ich wäre nun ein verbrecherischer Vertreter irgendeiner bösen Macht (wahlweise Kohle, Atom, Öl, Pharma oder Großkapital) und hätte Schlimmes im Sinn. Und zweitens waren die grünen Umweltkämpfer samt und sonders von jeglicher Vorahnung unbelastet. Schon meine Frage, ob sie denn jetzt den Emissionshandel oder die Karbonsteuer als regulierende Mechanismen zur Emissionsminderung bevorzugen, erntete fragende Blicke. Angesprochen auf ihre Heroen, beispielsweise Dennis Meadows und James Hansen, vertiefte sich die Leere in den Augen. Dennis wie? James wer? Falls jemand von Greenpeace das liest: Ladet doch mal mich zu einem Vortrag ein, ich erkläre Euch gerne, wofür Ihr da eigentlich demonstriert und was ich darüber denke.

Für den Anfang kann ja dieser Artikel ein paar Denkanstöße liefern. Denn so spannend es auch sein mag, über natürliche Klimavariabilitäten, über die Güte von Temperaturkurven, über die Höhe der Klimasensitivität und über die korrekte Interpretation von Baumringdaten zu streiten, so wenig interessiert das jemanden in Kopenhagen.
In der dänischen Hauptstadt wird seit Montag nämlich nicht über den Konsens in der Klimaforschung debattiert. Sondern über den Konsens in der Klimapolitik, der nach dem Willen der Industrieländer lauten soll: Es sind in erheblicher Menge Kohlendioxid-Emissionen einzusparen, koste es, was es wolle, und darauf habe man sich verbindlich zu einigen. Und zwar unter dem politischen Regime einer neuen Weltregierung, deren Agenda – was Wunder – durch uns, durch die Industrieländer, festgelegt wird.
Kopenhagen ist ein Ringen um die Deutungshoheit in der Klimapolitik – und damit um die Macht. Durch die Kontrolle der Erzeugung und des Einsatzes von Energie soll die wirtschaftliche Hegemonie des Westens über den Rest der Welt auf Dauer festgeschrieben werden. Klar, uns Normalbürgern und damit auch den bemühten Greenpeace-Aktivisten wird dies natürlich anders verkauft. Es ginge um nichts anderes als um die Rettung der Welt vor dem Untergang, der drohenden Klimakatastrophe.
Das ist eine Beleidigung meiner Intelligenz. Und eigentlich sollte jeder Wahlbürger dies ähnlich empfinden. Denn wenn es um den Weltuntergang ginge, dann müsste man sich auf völlig andere Maßnahmen einigen. Dies kann man leicht erkennen, wenn man sich einmal die einfache und naheliegende Frage stellt, wie denn der Weltuntergang so aussieht, den die Alarmisten herbeikonstruieren. Stürzt die Erde in die Sonne? Landen schleimige Amöben von Beteigeuze, stehlen unsere jungen Frauen und töten den Rest? Ist gar ein Supervirus aus einem hochgeheimen Forschungslabor entkommen und verwandelt uns alle in lallende Mutanten? Oder hat sich Jesus nun doch angekündigt, weil für Novo der Antichrist schreibt und Armageddon nahe ist?

Nö, nichts von alledem. Der Weltuntergang äußert sich darin, dass die globale mittlere Temperaturanomalie um mehr als zwei Grad nach oben von ihrem vorindustriellen Wert abweicht. Der Weltuntergang ist eine statistische Aussage. Man kann eine mittlere globale Temperaturanomalie aber nicht messen. Man kann sie auch nicht spüren, kein Lebewesen auf diesem Planeten hat einen Sensor dafür. Man kann sie nur berechnen. Und für die vorindustrielle Zeit noch nicht einmal das. Sondern für diese nur schätzen. Ob nun alle diese Berechnungen und Schätzungen irgendeinen Sinn ergeben, irgendetwas mit der Realität zu tun haben, das lasse ich für diesen Text mal dahingestellt. (Climategate zeigt, dass man sich in der Öffentlichkeit mit dieser Frage viel zu wenig beschäftigt hat. Durch Climategate wird eben dieser entscheidende Aspekt endlich, endlich den Menschen und auch ein paar Journalisten bewusst.)

Nun, sagen die Alarmisten, es ist ja nicht die Temperaturanomalie, die uns am Ende Sorgen macht, sondern das, was daraus folgt. Nämlich schlechtes Wetter. Da haben wir es: Der Weltuntergang ist eine statistische Aussage über schlechtes Wetter. Nun ja, sagen die Alarmisten, wirklich sehr, sehr schlechtes Wetter. Richtig schlimmes schlechtes Wetter. Dürren, Starkregen, Überschwemmungen, Wirbelstürme und alles, was man sich sonst so ausdenken kann. Davon soll es mehr geben, in Zukunft, wenn die Temperaturanomalie weiter steigt. Aha, die Temperaturanomalie sorgt für schlechtes Wetter. Nehmen wir einmal an, das wäre tatsächlich so, was also sollten wir dann machen?

Schlechtes Wetter hat es schon immer gegeben. In kälteren Zeiten, in wärmeren Zeiten, in Zeiten, die so waren wie heute. Also wird es schlechtes Wetter auch in Zukunft geben, ganz gleich, wie sich die mittlere globale Temperaturanomalie verändert. Es wird nicht so sein, dass wir, wenn wir durch massive Emissionsminderungen tatsächlich eine geringere Erwärmung erreichen, unter Dürren und Überschwemmungen nicht mehr leiden werden. Das ist tatsächlich so einfach und so simpel. Und man kann noch hinzufügen: Selbst, wenn wir den menschlichen Einfluss auf die mittlere globale Temperaturanomalie reduzieren, können immer noch natürliche Einflüsse auch auf kurzen Zeitskalen wirken (kühlend wie erwärmend), die Wetterextreme verstärken.

Das alles wissen auch die Delegierten in Kopenhagen, keine Frage. Das Klima als Ensemble statistischer Mittelwerte, insbesondere wenn diese über die unterschiedlichen Regionen hinweg erhoben werden, ist nun einmal für den Einfamilienhausbesitzer am Elbufer ebenso uninteressant wie für den Landwirt in Kenia. Entscheidend für ersteren ist nur: Wie kann ich mich vor der nächsten Überflutung schützen? Und letzteren interessiert, wie er die nächste Dürre übersteht. Denn beide werden eintreten, ganz sicher, und wir wissen nicht – auch das ist sicher - wann und in welcher Heftigkeit. Globale Mittelwerte geben hierauf keine Antwort.
Selbst unter der von mir nicht geteilten Prämisse, die Alarmisten lägen richtig, kann nach gegenwärtigem Stand des Wissens die Minderung von Emissionen eben nur eines erreichen: den statistischen Mittelwert von Wetterextremen hinsichtlich ihrer Häufigkeit oder ihrer Heftigkeit reduzieren. Diejenigen, die von einem dieser Ereignisse dann tatsächlich betroffen sind, profitieren von dieser Beeinflussung des Mittelwertes nicht. Und ob diejenigen, die nicht betroffen sein werden, dies nun einem Kopenhagener Abkommen zu verdanken haben, das wird kaum nachzuweisen sein.

Was eine verantwortliche, wirklich am Wohl der Menschen orientierte Politik also leisten sollte, ist, Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln und zu etablieren. Deiche, Bewässerungssysteme, robuste Nutzpflanzen, sichere Infrastrukturen für Verkehr, Energie und Kommunikation – all dies und mehr sind Fragestellungen, denen man sich widmen muss. Anpassung ist gefragt, nicht Vermeidung. Und Anpassung ist eine erfolgreiche Strategie, seit Jahrtausenden. Anpassung nutzt den Menschen in jedem Fall, ob die Alarmisten nun richtig liegen oder nicht, ob die natürlichen Prozesse das Klima in eine Richtung drängen oder nicht, ob alles so bleibt wie es ist oder nicht.
Von gezielten Anpassungsstrategien werden wir alle profitieren, denn jeder von uns, gleich wo und wie wir leben, wird in der Zukunft irgendwann einmal von schlechtem Wetter betroffen sein. Von richtig, richtig ganz schlechtem Wetter. Ganz unabhängig von der Entwicklung globaler Mittelwerte. Anpassung wäre gefragt, um den Weltuntergang, wie ihn die Alarmisten definieren, zu verhindern.

Wenn uns also die politische Klasse vermittelt, allein die Emissionsminderung mit allem, was aus ihr folgt, könne unsere Rettung sein, so ist das erkennbar falsch. Und da die politische Kaste keine Anhäufung von Idioten darstellt, muss sie etwas anderes im Sinn haben. Anpassung ist nämlich eine regionale Strategie. Die zu ergreifenden Maßnahmen unterscheiden sich von Land zu Land, von Region zu Region. Auf der Basis von Anpassungsstrategien kann man keine globale Wirtschaftsordnung im Sinne der Regierungen der Industrieländer verhängen. Man kann keine Verhaltensänderung der Menschen erzwingen und kein Kontroll- und/oder Regulationssystem etablieren. Anpassung macht die Menschen unabhängiger. Auch von der statistischen Entwicklung von Wetterextremen, der sogenannten Klimakatastrophe.
Unter einer Strategie der Anpassung gäbe es allerdings deutlich weniger Gestaltungs- und Mobilisierungsmöglichkeiten für Zentralregierungen. Diese haben, zumindest in der westlichen Welt, ihre Machtoptionen in einer fragmentierten und individualisierten Gesellschaft in großem Umfang eingebüßt. Da kommt die Klimadebatte gerade recht, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Das ist nach meiner Meinung der eigentliche Sinn von Kopenhagen. Und es ist beleidigend, dass man glaubt, uns so einfach über seine wahren Motive täuschen zu können.

In meiner Zeit als Schüler und Student haben wir uns das nicht bieten lassen. Da waren wir noch alle im Herzen Anarchisten. Da waren wir grundsätzlich skeptisch gegen alles, was Regierungen uns weismachen wollten. Die Greenpeace-Jugend von heute, tja, bartlos, angepasst, gestylt und ohne Ecken und Kanten. In vollem Umfang den Autoritäten hörig. In vollem Umfang bereit, sich einem Sammelsurium von Vorschriften zu unterwerfen. Ein trauriges Bild.