01.05.2002

Schattenboxen um transgenen Raps

Analyse von Thomas Deichmann

Der kanadische Landwirt Percy Schmeiser tourt als neue Galionsfigur der Gentech-Gegner um den Globus.

Percy Schmeiser (71) ist Landwirt in Bruno in der kanadischen Provinz Saskatchewan. Seit etwa 50 Jahren baut er auf rund 650 Hektar Ackerland (1ha = 10.000m²) durch eigene Auslese verfeinerte Nutzpflanzensorten an. Als er sich 1997 mit dem Saatguthersteller Monsanto angelegte, wurde er zum weltweit bekannten Kritiker der Grünen Gentechnik sowie der Geschäftsmethoden der Agrarkonzerne und alsbald auch zu einem Propheten weltweit vernetzer Anti-Gentech-Organisationen wie Greenpeace, Friends of the Earth und ETC.
Die Geschichte in Kurzform: Der Agrarkonzern Monsanto erhielt 1996 die erste Marktzulassung in Kanada für so genannten RoundupReady-Canola (Raps) mit einer gentechnisch erzeugten Herbizidtoleranz (s. Herbizidtoleranter Raps).
Landwirte, die mit dem Saatgut ihre Äcker bestellen wollten, mussten fortan beim Kauf „Technologie-Verträge“ unterzeichnen. Damit wurde ihnen u.a. untersagt, aus der eigenen RoundupReady-Ernte Saatgut für die nächste Aussaat zurückzuhalten und damit im Folgejahr Kosten einzusparen. Die Lizenzgebühren belaufen sich immerhin auf 15 kanadische Dollar pro acre (1 acre = 4046,8 m²) und machen satte 80 Prozent der Kosten beim Erwerb von RoundupReady-Saatgut aus. Gegen diese neue Praxis protestierten sogleich eine Reihe von Landwirten, befürchteten sie doch die wachsende Abhängigkeit von den Agrarmultis. Monsanto argumentierte dagegen, jedem Bauern sei freigestellt, sich für oder gegen die RoundupReady-Technologie zu entscheiden.

Um die korrekte Markteinführung des neuen Biotech-Produkts zu kontrollieren, beauftragte Monsanto schließlich Detektive von Robinson Investigations Ltd.. Parallel dazu wurden Bauern gegen kleine Belohnungen dazu ermuntert, Nachbarn anzuschwärzen, falls sie Hinweise auf Regelverstöße hätten. Die Detektive überwachten die Einhaltung der Lizenzverträge und nahmen bei Verdachtsmomenten Pflanzenproben. Schließlich wurden auch solche von Schmeisers Feldern entnommen. In den Labors wurden transgene Pflanzen analysiert, für die der Landwirt keine Lizenz vorzeigen konnte. Schmeiser, der zu keinem Zeitpunkt patentiertes Monsanto-Saatgut gekauft hatte, sagte, er sei schockiert angesichts des Vorwurfs, auf seinem Ackerland illegal Monsanto-Raps kultiviert zu haben. Er drehte den Spieß herum und warf fortan dem Agrarmulti vor, die Früchte seiner jahrzehntelangen Arbeit „verseucht“ zu haben. Auskreuzungen von „genmanipulierten“ Pflanzen benachbarter RoundupReady-Felder hätten durch Pollenflug, Bienentransport und Verwehungen von Transportfahrzeugen das Erbgut seiner eigenen Zuchtsorten „zerstört“.

Schmeiser sah sich weiteren Schikanen ausgesetzt. So wurde er eigenen Angaben zufolge eine Zeit lang von den von Monsanto angeheuerten Detektiven beschattet, mit dem Ziel, ihn einzuschüchtern. Von einer außergerichtlichen Einigung mit Monsanto wollte er nichts wissen. Der Kampf David gegen Goliath landete schließlich vor Gericht. Monsanto klagte wegen Patentverletzung und forderte Schadensersatz, Strafe sowie die Übernahme der Verfahrenskosten – summa summarum ein satter Betrag von umgerechnet rund 300.000 Euro, der die Existenz des Landwirts bedrohte. Schmeiser bereitete seinerseits eine Gegenklage wegen Umweltkontamination, Saatgutzerstörung und Rufmord vor.
Im März 2001 fällte das Bundesgericht Ottawa in erster Instanz ein Urteil im von Monsanto eingeleiteten Verfahren gegen Schmeiser. Richter Andrew MacKay betrachtete es nach Anhörung der Zeugen und Gutachter als erwiesen, dass eine Patenrechtsverletzung vorlag. Der anfänglichen Behauptung Schmeisers, einzig durch Wind und Bienen sei transgener Rapspollen auf sein Feld geweht worden, schenkte er keinen Glauben. Schmeiser war im Laufe des Verfahrens von dieser Version zum Teil selbst abgerückt und hatte eingeräumt, mit dem RoundupReady-Saatgut von Monsanto auf seinem Feld „experimentiert“ zu haben. Verschiedene Gutachter wurden vor Gericht geladen. Es stellte sich heraus, dass auf Teilen von Schmeisers Rapsanbaufläche herbizidtolerante Pflanzen mit einem Reinheitsgrad von 95-98 Prozent bezogen auf die patentgeschützte Eigenschaft gefunden worden waren. Unbeabsichtigte Vermischungen durch Pollenflug vom Nachbarfeld als Ursache für die RoundupReady-Funde in diesem Ausmaß schlossen die Experten aus.

 

Herbizidtoleranter Raps

Raps ist eine völlig künstlich herbeigeführte Kreuzung aus der Wildpflanze Rübsen und einem ebenfalls künstlich gezüchteten Gemüsekohl. Neuere Raps- und Rübensorten laufen in Kanada unter der Bezeichnung Canola. Die RoundupReady-Sorten von Monsanto sind unempfindlich gegen das hauseigene Unkrautvernichtungsmittel Roundup. Dadurch wird eine wirkungsvollere Unkrautkontrolle möglich, und chemische Pflanzenschutzmittel können eingespart werden. Eine ähnliche funktionierende Produktreihe ist von Aventis entwickelt worden und nennt sich LibertyLink.
Unkräuter können erhebliche Ertragsverluste verursachen, weil sie mit Nutzpflanzen um Nährstoffe im Boden, Wasser und Sonnenlicht konkurrieren. Chemische Unkrautvernichter (Herbizide) können hingegen auch die Nutzpflanzen in Mitleidenschaft ziehen. Das Aufbringen solcher Substanzen ist deshalb in den meisten Fällen nur bis zur Aussaat möglich. Die herbizidtoleranten Sorten von Monsanto trotzen dem seit Jahrzehnten im Handel befindlichen Roundup. Dieses Mittel bewirkt mit seinem biologisch abbaubaren und für den Menschen ungefährlichen Wirkstoff Glyphosat das Wachstum von Pflanzen. Es hemmt die Produktion eines pflanzlichen Enzyms, weshalb damit behandelte Gewächse eingehen. Den RoundupReady-Sorten macht Glyphosat nichts mehr aus. Der Herbizidauftrag kann daher auch nach der Aussaat und dem Keimen und dadurch besser dosiert erfolgen.
In Kanada belegen RoundupReady-Sorten mittlerweile mehr als die Hälfte der gesamten Canola-Anbaufläche. Der Mehrertrag durch ihren Anbau wurde vom Canola Council of Canada bei steigender Tendenz für 1999 mit rund 200 kg/ha oder 66 Mio. US-$ beziffert. Mehrere tausend Tonnen Pflanzenschutzmittel werden jedes Jahr eingespart. Das reduzierte Aufbringen von Herbiziden erbrachte 2000 zudem Einsparungen an Dieselkraftstoff von rund 30 Mio. Liter.

 

Der vorgefundene Reinheitsgrad der transgenen Canolapflanzen auf Schmeisers Acker legt nahe, dass 1997 das Herbizid Roundup in einem von seinen Rapsbeständen zum Einsatz gekommen war. Denkbar ist, dass sich dieser Bestand aus einem Rapspflanzengemisch aus herbizidtoleranten und konventionellen Pflanzen zusammensetzte und dass die Herbizitoleranzen in der Tat durch Pollenflug oder Verwehungen von Transportfahrzeugenden den Weg auf Schmeisers Acker gefunden hatten. In diesem Stadium kam wahrscheinlich das Pflanzenschutzmittel Roundup zum Einsatz. Es ließ nur solche Rapspflanzen überleben, die über die gentechnisch erzeugte Widerstandsfähigkeit gegen seinen Wirkstoff Glyphosat verfügten. Zu diesem Zeitpunkt hätte Schmeiser eigentlich Monsanto informieren und auffordern sollen, die transgenen Pflanzen von seinem Acker zu entfernen. Stattdessen hatte er von diesen Pflanzen allem Anschein nach Saatgut für die nächste Aussaat zurückgehalten. Demzufolge bestanden Teile der nächsten Ernte nahezu ausschließlich von den ausgelesenen RoundupReady-Pflanzen. So jedenfalls ließe sich der hohe Reinheitsgrad in Pflanzen der 1998er-Ernte erklären, ein anderes Szenario ist schwerlich vorstellbar. Diese Ansicht teilen nicht nur zahlreiche Landwirte und Agrarexperten. Das schlußfolgerte auch der Richter. Bei der Verlesung des Urteils sagte er: „Ich habe befunden, dass er [Schmeiser 1998] Saatgut aufbrachte, das er von Pflanzen des Bestandes 1997 aufgehoben hatte, von denen er wußte oder hätte wissen müssen, dass sie gegen Roundup tolerant sind.“

Beide Parteien legten Berufung gegen das Urteil ein. Schmeiser monierte in seiner Begründung u.a., die bestellten Expertisen seien unzulänglich und die Gutachter parteiisch gewesen. Von ihm bestellte Gutachter hatten geringere Vermischungsgrade analysiert. Zudem kritisierte er Verfahrensfehler bei der gerichtlich verordneten Einsammlung von Pflanzenproben, die er zu verhindern versucht hatte. Am 15. und 16. Mai 2002 sollten die Berufungsanträge vor dem Bundesgericht Ottawa verlesen werden. Das richterliche Urteil darüber lag bei Redaktionsschluß noch nicht vor.
Beobachter vor Ort waren weder vom ersten Urteil gegen den Landwirt überrascht, noch gaben sie im Vorfeld Schmeisers Berufungsverfahren eine reelle Chance. Und Richter Andrew MacKay entschied erst vor wenigen Tagen, Ende April 2002, dass Schmeiser auch die Verfahrenskosten in Höhe von 19.000 kanadischen Dollar von Monsanto bezahlen muss. Schmeiser hatte versucht das abzuwenden, doch die Monsanto-Anwälte zeigten sich unnachgiebig.

Das Urteil von März 2001 rief unterschiedliche Reaktionen hervor. Zahlreiche Landwirte waren empört. Es gab auch andere Stimmen. Dale Adolph, Präsident des Kanadischen Canola-Verbandes (Canola Council of Canada), erklärte gegenüber der Presse, viele Canola-Produzenten hätten Schmeisers Niederlage im März 2001 erwartet: „Viele Leute hatten das Gefühl, dass seine Geschichte zu unglaubwürdig war“ (The Western Producer, 5.4.01). In der kanadischen Zeitung Globe&Mail war sogar zu lesen, dass Landwirte, die die Roundup-Technologie nutzten, Schmeisers Behauptung, die transgenen Pflanzen hätten sich wie ein „Lauffeuer“ über seinen Feldern ausgebreitet, als geradezu „lächerlich“ empfanden.

Die Kontroverse zwischen Landwirt und Saatguthersteller hat brisante Fragen aufgeworfen, z.B. die, wie Lizenzverträge oder Patentanmeldungen bei den modernen Pflanzentechnologien vernünftig geregelt werden können. Der RoundupReady-Raps markierte in der Tat eine Zäsur. Er zählte zu den ersten kommerziell genutzten Erfindungen der Grünen Gentechnik. Monsanto hat Millionen in seine Entwicklung investiert. Über die Lizenzgebühren beansprucht das Unternehmen, die getätigten Investitionen zu amortisieren und darüber hinaus Gewinne einzufahren. Das exklusive Vermarktungsrecht läuft im Februar 2010 aus, dann steht die Technologienutzung auch anderen Unternehmen offen.

“Wie auch immer Fragen zu Patenten und Lizenzen geregelt werden: Unbestreitbar muss ein Rechtsstaat für alle Bürger und Parteien Rechtsgarantien gewähren. Parolen wie „Kein Patent für Leben!“ erweisen sich bei den Diskussionen als wenig hilfreich.”

Schmeiser hingegen warnt vor der wachsenden Abhängigkeit der Landwirte von den Agrarmultis. Viele seiner Kollegen teilen seine Sorge; eine weitaus größere Zahl (zumindest in Kanada) scheint das allerdings weit gelassener zu sehen und steht den neuen Technologien positiv gegenüber. Eine seit 1996 kontinuierlich wachsende Zahl von Bauern schätzt die Vorteile der herbizidtoleranten Gentech-Sorten. Etwa 30.000 kanadische Bauern kultivieren mittlerweile RoundupReady-Canola und zahlen dafür bereitwillig Lizenzgebühren.
Ray Hilderman, selbst Bauer und derzeit Präsident der Canola-Anbauer-Vereinigung in der betreffenden Region (Saskatchewan Canola Growers Association), sagte anlässlich der Verlesung des Urteils im März 2001, viele Landwirte hätten es sogar begrüßt, dass Schmeiser „nicht einfach so damit davonkam, nicht für die Technologie bezahlen zu wollen“ (Saskatoon, 30.3.01).
Wie auch immer Fragen zu Patenten und Lizenzen geregelt werden: Unbestreitbar muss ein Rechtsstaat für alle Bürger und Parteien Rechtsgarantien gewähren. Parolen wie „Kein Patent für Leben!“ erweisen sich bei den Diskussionen jedenfalls als wenig hilfreich. Das gilt auch für zu unpräzise und zu laxe Regelungen, weil sie Rechtsunsicherheit und endlose Gerichtsverfahren heraufbeschwören.[1]
Die sachliche Erörterung solcher Fragestellungen scheint bei der Diskussion um die Monsanto-Schmeiser-Kontroverse in Europa bislang leider nebensächlich. Während Schmeiser in Kanada nach dem Bekanntwerden der Gutachten an Ansehen verlor, gilt er hier einzig als Leidtragender der Politik von Monsanto. Dafür sorgen vor allem oben genannte Organisationen, denen es um die Verhinderung der Gentechnologie geht. Sie lancieren immerfort neue Kampagnen, um die öffentliche Meinung in ihrem Sinne zu beeinflussen.[2]

Seit einigen Monaten lassen sie auch Schmeiser um den Globus reisen. Sie bringen ihn auf Podien und lassen ihn seine Geschichte erzählen. In den letzten Wochen und Monaten besuchte er u.a. Indien, Bangladesh, Thailand, Australien, Südafrika, Brasilien und weitere Länder Südamerikas. Kürzlich weilte er in Österreich.

“Organisationen, denen es um die Verhinderung der Gentechnologie geht, lassen seit einigen Monaten Percy Schmeiser um den Globus reisen und seine Geschichte erzählen.”

Vor seinem Europa-Besuch wurde Schmeiser auch Thema in den deutschen Medien. Das Nachrichtenmagazin Focus nahm im Artikel „Gegenwind für Biopiraten“ (Nr.12/2002) den kanadischen Bauern als Aufhänger, um die Skepsis des Autoren gegenüber Großkonzernen und deren Patentpolitik zum Ausdruck zu bringen. Zuvor setzte der TV-Beitrag „Tote Ernte“ von Kai Krüger und Bertram Verhaag ein eigentümliches Denkmal in Sachen fragwürdiger Kampagnenjournalismus. Der Film wurde erstmals am 26. November 2001 im Regionalprogramm des WDR ausgestrahlt. Im Vormonat war er schon auf dem Umwelt-Film-Festival Ökomedia mit dem „Goldenen Luchs“ ausgezeichnet worden. Danach wurde er auf Tagungen von Umweltgruppen und dergleichen Veranstaltungen vorgeführt – bis Monsanto vor einigen Wochen wegen falscher Tatsachenbehauptungen beim WDR intervenierte. Die Redaktion zog daraufhin den Film vorübergehend aus dem Verkehr, um einige Passagen darin ändern zu lassen. Zuletzt musste im April eine Filmvorführung, organisiert vom Umweltamt Wiesbaden, verschoben werden.

Bei der Produktion von „Tote Ernte“ ging es den Autoren Krüger und Verhaag allem Anschein nach nicht um eine ausgewogene Dokumentation der kontroversen Schmeiser-Geschichte. Angetrieben wurden sie wohl eher vom Bestreben, ihr persönliches Weltbild, in dem moderne Biowissenschaften offenbar sehr negativ besetzt sind, in die deutschen Wohnzimmer zu transportieren. Unaufhörlich prasselt aus der vom WDR3 ausgestrahlten Originalfassung „Tote Ernte“ eine Mischung aus verbrämtem Ökoglauben, Unwahrheiten und haltlosen Spekulationen auf seine Betrachter nieder. RoundupReady-Raps, der sich wegen seiner vorteilhaften Eigenschaften für Landwirte und Umwelt weltweit wachsender Beliebtheit erfreut, wird gleich zu Beginn und unmißverständlich als „richtiger Frankenstein“ verteufelt. Begriffe wie „verseucht“ und „genmanipuliert“ ziehen sich wie ein roter Faden durch den Film und lassen beim unwissenden Zuschauer keinen Zweifel daran aufkommen, dass Monsanto mit „mafiosen“ Methoden „nicht nur die gesamte Welternährung, sondern zugleich auch jeden einzelnen Verbraucher in Geiselhaft“ nehmen will (Begründung zur Preisverleihung Ökomedia 2001).

“Unaufhörlich prasselt aus der vom WDR3 ausgestrahlten Originalfassung „Tote Ernte“ eine Mischung aus verbrämtem Ökoglauben, Unwahrheiten und haltlosen Spekulationen auf seine Betrachter nieder.”

Der vermeintliche „Seuchencharakter“ des RoundupReady-Raps wird in der zweiten Minute des Films mit folgendem Statement untermauert: „Die Farmer werden ihn nicht mehr los.“ So wird der Eindruck erweckt, als breiteten sich die transgenen Pflanzen wie eine Pest auf kanadischen Äckern aus. Das ist unwahr. In Wirklichkeit sind in Kanada derzeit mehr als 20 Herbizide zugelassen, die den RoundupReady-Canola (wie auch seit jeher konventionellen Raps) bei Bedarf eingehen lassen. Die Monsanto-Pflanzen sind lediglich resistent gegen das hauseigene Unkrautgift Roundup. Diese Technologie hat Monsanto dicke Profite beschert. Sie erlaubt auch ein effektiveres und umweltverträglicheres Agrarmanagement. Dem entgegen wird in „Tote Ernte“ suggeriert, dass Landwirte wegen der Gentechnik mehr statt weniger Unkrautgifte zum Einsatz brächten und dass ihre Geldbörsen, ihre eigene Gesundheit und vor allem die Natur darunter zu leiden hätten. Typisch ist in diesem Zusammenhang die Verlautbarung der These, eine schwedische Studie habe den Verdacht „erhärtet“, dass der Wirkstoff Glyphosat im Roundup-Herbizid „Lymphknotenkrebs verursacht“. Der auf dieser Aussage basierenden Studie lag jedoch gar kein Verdacht, bzw. bestenfalls der Verdacht der Filmautoren zugrunde, der hätte „erhärtet“ werden können. Sie wurde wegen ihrer fragwürdigen Methodik außerdem von führenden Wissenschaftlern als unzulänglich kritisiert. Schließlich wurde auch von unabhängigen Forschungsanstalten auf EU-Ebene (darunter die Biologische Bundesanstalt in Braunschweig) die Vermutung der Krebsgefahr durch Glyphosat zurückgewiesen. Von all dem ist in „Tote Ernte“ keine Rede.

Ähnlich verhält es sich in dem Film mit dem beiläufigen Hinweis auf einen Gentech-Skandal in den USA. Im September 2000 wurden Spuren des mit gentechnisch erzeugter Insektenresistenz ausgestatteten Starlink-Maises von Aventis, der nur als Futtermittel zugelassen worden war, in Nahrungsmitteln entdeckt. Etliche Lebensmittelprodukte wurden vorsichtshalber aus dem Verkehr gezogen. In der Ursprungsfassung der „Toten Ernte“ wird behauptet, der „genmanipulierte Mais“ sei zurückgerufen worden, „weil er beim Menschen Allergien auslöst“. Auch das ist nicht richtig. Umfangreiche Untersuchungen der US-Behörden sind zum eindeutigen Ergebnis gekommen, dass der Verdacht, Starlink-Mais könne Allergien auslösen, unberechtigt ist. Keine Menschenseele hätte von einem versehentlichen Verzehr des Maises Schaden tragen können.[3]Aber wissenschaftlich fundierte Aussagen wie diese werden von Krüger und Verhaag pauschal als „gängiges Argument der Industrie“ abgetan. Journalistische Skepsis gegenüber Großkonzernen ist sicher keine schlechte Sache. Die Behauptung in „Tote Ernte“, gesundheitliche Schäden würden von den Konzernen einfach „geleugnet“, scheint allerdings etwas weltfremd. Sie suggeriert nämlich, dass Monsanto und Aventis für ihre Geschäfte auch in Kauf nehmen würden, die Menschheit zu vergiften.In dieser Manier präsentiert der 43-minütige Streifen eine Hammerbotschaft nach der anderen. Beim Betrachter wird dadurch das Interesse an und das Vertrauen in Fortschritt bei den modernen Pflanzenwissenschaften nachhaltig gestört. Über das Gerichtsverfahren Schmeiser gegen Monsanto erfährt er nicht viel mehr, als dass es mit einem „skandalösen Urteil“ beendet worden sei. So wird schließlich auch der Richter unter indirekten Verdacht gestellt, an einem konspirativen Netzwerk des Chemiemultis mitzuwirken.

Bertram Verhaag arbeitet nach eigenen Angaben mit seiner Produktionsfirma DENKmal an einer neuen mehrteiligen Serie zur gleichen Thematik. Das sagte er im persönlichen Gespräch im Rahmen einer Fachtagung zur Grünen Gentechnik im letzten April in Bad Neuenahr. Dabei machte er keinen Hehl aus seiner Sympathie für die (nach Ansicht des Autors dieser Zeilen absurden) Thesen der anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner.[4] Vor diesem Hintergrund sollte DENKmal vielleicht besser die Finger von zeitgemäßen Wissenschaftsthemen lassen oder die Betrachter zukünftiger Streifen zumindest wissen lassen, wo sie sich ideologisch zu Hause fühlen. Aus Sicht der so gerne zitierten Verbraucher, um deren vermeintlichen Schutz es auch in „Tote Ernte“ geht, wäre das mit Sicherheit ein gewaltiger Fortschritt.