01.03.2005

Risiko Ernährungswende

Kommentar von Tamás Nagy

Das Ungesündeste in Sachen Ernährung ist das ökologische Umdenken.

Seit Beginn der Agrarwende gelten Produkte aus ökologischer Landwirtschaft als besonders gesund. Weil es aber eher Panik als Überzeugung war, die den orientierungslosen Kunden während der BSE-Krise in die Bioläden trieb, ließ seine Kaufbereitschaft für Naturkost genauso schnell nach wie seine Angst vor dem Rinderwahn. Verbraucherschutzministerin Renate Künast nahm dies zum Anlass, umso mehr für den Verzehr von Bio zu werben. Treu unterstützt wird sie dabei von einer Handvoll Umweltinstituten, die eine Ernährungswende vorantreiben.
 

„Vage Risiken sind laut Öko-Institut gefährlicher als die tatsächlichen. Unter diesen Voraussetzungen erscheint dann auch Biokost sicherer als konventionell hergestellte Lebensmittel.“



In einer Untersuchung zu Ernährungsrisiken hat das projektleitende Öko-Institut in Freiburg jüngst die Behauptung aufgestellt, dass nur der Ökolandbau sichere Produkte liefern könne. Das Fazit der Experten: „Das Risikopotenzial bei einer Ernährung aus rein ökologischem Anbau nimmt im Gegensatz zum konventionellen Anbau um etwa die Hälfte ab.“ Dieses Ergebnis mag jene Verbraucher bestätigen, die sich durch den Konsum von „natürlichen“ Lebensmitteln in Sicherheit wiegen, ist jedoch mit großer Vorsicht zu genießen – vor allem, weil es schon vorher feststand. Denn die Autoren haben ihre Kreativität in erster Linie darauf verwandt, potenzielle Gefahren wie BSE, hormonell wirksame Substanzen und gentechnisch veränderte Organismen zu Risiken ersten Ranges zu stilisieren, indem sie erklärten, dass die „Wahrscheinlichkeit des Auftretens ungewiss“ sei und daher „unter Vorsorgegesichtspunkten“ angenommen werden müsse, „dass sie hoch sein kann“. Höchst reale Risiken des Lebensmittelkonsums hingegen, wie etwa Vergiftungen durch Bakterien oder Pilzgifte, landeten auf den hinteren Plätzen der Gefahrenskala. Mit anderen Worten: Vage Risiken sind laut Öko-Institut gefährlicher als die tatsächlichen. Unter diesen Voraussetzungen erscheint dann auch Biokost sicherer als konventionell hergestellte Lebensmittel.


Indem die Untersuchung auf BSE, Gentechnik und Hormone abhebt, spielt sie bewusst mit den Ängsten der Verbraucher. Schließlich muss es einen Grund dafür geben, dass die Autoren gerade den BSE-Erreger, der sich am ehesten den mikrobiellen Risiken zuordnen lässt, als völlig einzigartige und herausragende Gefahr ansehen – obwohl sie gleichzeitig einräumen müssen, dass jährlich rund 30 Prozent der Bevölkerung in Industrienationen an Lebensmittelinfektionen erkranken, die durch andere Erreger verursacht werden. Ähnlich verhält es sich mit der Gentechnik: Wäre es den Experten tatsächlich um die Risikoeinschätzung neuer Züchtungstechniken gegangen, hätten sie beispielsweise die Mutationszüchtung wesentlich höher einstufen müssen als gentechnische Verfahren. Immerhin hat die jahrzehntelange radioaktive Bestrahlung von Saatgut inzwischen mindestens 1800 neue Pflanzensorten hervorgebracht, die allerdings – im Gegensatz zu gentechnischen Produkten – noch nie auf ihre Sicherheit untersucht, sondern einfach freigesetzt wurden. Dass das Öko-Institut diesen Klassiker der Pflanzenzüchtung ignoriert, dürfte einen naheliegenden Grund haben: Nicht nur die konventionelle Landwirtschaft greift auf bestrahltes Saatgut zurück, sondern stillschweigend auch der Ökolandbau.


Bei den hormonell wirksamen Substanzen, die im Rahmen der Ernährungswende ebenfalls als besonders gefährlich eingestuft werden, handelt es sich um verschiedene „Industriechemikalien“. Wenn es aber so wichtig ist, die Gefahr dieser so genannten Xenohormone hervorzuheben, warum spielt dann das Risiko, das von den natürlichen Hormonen in unserer Nahrung ausgeht, bloß eine untergeordnete Rolle? Etwa deshalb, weil sie „Naturstoffe“ sind und gerade in jenen „gesunden“ pflanzlichen Lebensmitteln stecken, die im Bioladen als Verkaufsschlager gelten? So enthält beispielsweise die Sojabohne hohe Mengen an Phytoöstrogenen, die im Tierversuch zu unfruchtbaren männlichen Nachkommen führen. Zudem ist längst belegt, dass phytoöstrogenreiche Nahrung in den Hormonstoffwechsel des Menschen eingreift: Sie kann zu Funktionsstörungen der Schilddrüse führen und die Zykluslänge von Frauen verändern. Wie die Autoren vom Öko-Institut selbst eingestehen, wurden „bei Phytohormonen ... einzelne Hinweise auf genotoxikologische Schäden bis hin zu Krebs gefunden“. Unerwähnt bleibt, dass die Aufnahme solcher natürlichen Hormone um mehrere Potenzen höher liegt als die von entsprechenden Chemikalien, etwa Weichmachern in PVC, die uns als größte Gefahr präsentiert werden.


Doch auch andere Naturstoffe bergen Gefahren, die erst nach und nach bekannt werden. Vor wenigen Jahren stellte sich heraus, dass Methyleugenol und Estragol aus Kräuter- und Früchtetees stark krebserregend sind. Hohe Konzentrationen dieser natürlichen Substanzen fand man unter anderem in Baby- und Kinderteeaufgüssen. Nicht minder riskant ist das Schimmelpilzgift Fumonisin, das inzwischen für schwere Missbildungen bei Neugeborenen verantwortlich gemacht wird (siehe hierzu den Artikel von Bruce Chassy und Drew Kershen in diesem Novo). Wie Kontrollen zeigen, sind in einigen Ökoprodukten wie zum Beispiel Maismehl immer wieder unzulässig hohe Mengen enthalten. Dennoch rangieren solche Mykotoxine im vorliegenden Gefahrenranking nur unter ferner liefen.


Das Papier des Öko-Instituts erweckt den Eindruck, dass sich die Ernährungswende weniger am aktuellen Stand der Wissenschaft als am eigenen schwarzweißen Weltbild orientiert. Darin stehen stark giftigen und riskanten Industrieprodukten äußerst saubere, weil natürliche Lebensmittel gegenüber, die generell sicherer und gesünder sind. Diese recht einfache Sicht täuscht darüber hinweg, dass auch die ökologische Landwirtschaft – genauso wie die konventionelle – ihre ganz eigenen Risiken hat. Beispielsweise bringt die Freilandhaltung eine erhöhte hygienische Belastung von Tieren und deren Produkten mit sich: Wenn Hühner und Schweine vermehrt in Kontakt mit ihren Fäkalien und Wildtieren wie Nagern oder Vögeln kommen, infizieren sie sich wesentlich häufiger mit Bakterien und Parasiten, was den Einsatz von Arzneimitteln und das Seuchenrisiko erhöht. Erst kürzlich warnten Mitarbeiter der Bundesforschungsanstalt für Viruserkrankungen der Tiere in Riems vor Geflügelpestausbrüchen in deutschen Freilandhaltungen und vor neuen, auch für den Menschen höchst gefährlichen Erregern.
Nicht minder problematisch ist der biologische Einsatz von Mist und Gülle auf den Feldern, denn mit dem Naturdünger landen nicht nur tierische Fäkalkeime auf dem Gemüse, sondern auch ausgeschiedene Medikamentenrückstände. Mittlerweile ist bekannt, dass der lebensgefährliche EHEC-Erreger von Pflanzen aufgenommen und dort im Gewebe wie etwa im Salatblatt eingelagert wird. Auch andere Krankheitskeime wie Salmonellen, Listerien oder Campylobacter dürften auf diesem Weg vom Tier zum Menschen gelangen. Insbesondere der Verzehr von rohem Biogemüse geht daher viel eher mit einer Gefahr als mit einem Nutzen für die Gesundheit einher.


Ob unsere Lebensmittel nun aus konventioneller oder biologischer Landwirtschaft stammen: um ihre Sicherheit zu garantieren, sind Transparenz und ein gewisses Maß an Kontrollen nötig. Wenn aber schon die Risikobewertung darauf angelegt ist, konventionelle Produkte zu verteufeln und ökologischen einen Freibrief zu erteilen, so stellt sie selbst ein Risiko dar. Die Vertreter der Ernährungswende hätten gut daran getan, sich an Labortests zu orientieren, wie sie von der Bundesanstalt für Milchforschung durchgeführt wurden. Diese fand trotz umfassender Prüfung keine relevanten Sicherheitsunterschiede zwischen konventionell und ökologisch erzeugter Milch. Solch ein Ergebnis aber wäre wohl kaum „nachhaltig“ im Sinne der Ernährungswende gewesen – nicht zuletzt weil es die Existenzberechtigung des Projekts in Frage gestellt hätte.