01.11.1999

Rezeptflichtige Zigaretten und das Aus für den Tabak

Analyse von Lorraine Mooney

Wie Weltbank und WHO versuchen, den Menschen das Rauchen auszutreiben.

Gro Harlem Brundtland, die Chefin der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (World Health Organisation WHO), ist eine kluge und begabte Frau, eine Berufspolitikerin, deren größtes Bedürfnis es ist, Gutes zu tun. Als Premierministerin von Norwegen war sie eine Vorreiterin in Sachen Umweltpolitik. Das Schlagwort der Nachhaltigkeit – oft mit großem Nachdruck gebraucht, meist mit wenig Inhalt befrachtet – geht in seiner heutigen Ausprägung wesentlich auf sie zurück. Internationale Verträge und supranationale Institutionen, die im Namen globaler Probleme wie des Klimawandels oder des Ozonloches immer mehr Aufgaben der Kontrolle einzelner Staaten entziehen, solche Einrichtungen sind uns heute allen, nicht zuletzt aufgrund von Frau Brundtlands Engagement, bestens vertraut. Nach den Umweltproblemen ist nun die Weltgesundheit Frau Brundtlands Priorität. Zwei Themen liegen ihr dabei besonders am Herzen: Kinder vor der Malaria zu schützen und Erwachsene vor den Gefahren des Tabaks.
Was die Malaria angeht, würde etwas mehr Eifer nicht schaden. Was die WHO gegen die Malaria in Afrika bisher unternommen hat, ist wenig genug. Das Rauchen stellt in Afrika hingegen kaum ein Problem dar. Nur wenige Menschen können sich dort einen hohen Tabakkonsum leisten; nur wenige Menschen leben dort lange genug, um Krebs zu bekommen. In den westlichen Industrieländern liegt das durchschnittliche Todesalter von Krebsopfern (in Durchschnitt aller Krebsarten) bei 70 Jahren; die durchschnittliche Lebenserwartung im zentralen Afrika beläuft sich auf 50 Jahre. Dennoch ist die neue Strategie der WHO beschlossene Sache: Dieses Frühjahr schlug Frau Brundtland bereits vor, Zigaretten rezeptpflichtig zu machen.

Doc Marlboro

Am 17. Mai 1999 beschloss die Welt-Gesundheits-Versammlung in Genf, die Aushandlung eines Tabakkontrollabkommens zu betreiben. Dieser Vertrag soll, ähnlich den internationalen Umweltabkommen, die im Westen oft bereits vorhandenen strengen Auflagen zu weltweit verbindlichen Standards machen. Der neue Exportartikel hat Konjunktur. Immer mehr westliche Verhaltensmaßregeln werden heute in den Entwicklungsländern abgesetzt.
Auch die Weltbank unterstützt die Forderung, weltweit die Tabaksteuer um zehn Prozent anzuheben (der Ladenpreis von Zigaretten soll innerhalb des nächstens Jahrzehnts sogar um 100 Prozent angehoben werden). Ein aktueller Bericht der Weltbank mit Titel ”Curbing the Epidemic: Governments and the Economics of Tobacco Control” empfiehlt u.a. ein vollständiges Werbeverbot für Tabakprodukte. Bereits seit 1991 vergibt die Weltbank praktisch keine Entwicklungskredite mehr für Projekte, die mit Tabakanbau zu tun haben. Nun unterstützt sie auch die WHO-Vision einer tabakfreien Welt. So wie es aussieht, wird die Weltbank auch bei der Umsetzung des Tabakkontrollabkommens eine zentrale Rolle spielen. Da sie eine sehr mächtige finanzpolitische Institution ist, wird sie, als Verbündeter der WHO, wesentlich dazu beitragen können, dass eine Erhöhung der Tabaksteuer auch tatsächlich weltweit umgesetzt werden.

“Zusammenfassend kann man sagen, dass der Weltbank in ihrem Bericht über das Rauchen zumindest eines gelungen ist: die Verbindung von unkonventioneller Mathematik mit moralischer Blödheit”

Der Bericht ”Curbing the Epidemic” ist allerdings keine ökonomische Analyse der Tabakindustrie oder der durch das Rauchen eventuell entstehenden Kosten im Gesundheitswesen. Das Papier schert sich erst gar nicht um solche Fakten – es gibt unreflektiert die Parolen wieder, die von Gesundheitsämtern und Nichtraucher-Initiativen verbreitet werden.
Prämisse des Berichts ist, dass vielen Rauchern die Gefahren ihres Tuns nicht bewusst seien. Und werden sie ihnen bewusst, seien sie bereits nikotinsüchtig und könnten das Rauchen kaum mehr aufgeben. Die Weltbank geht dabei so weit zu behaupten, dass die Sucht Raucher daran hindere, sich rational gegen das Rauchen zu entscheiden. Einfacher gesagt: Die süchtige Person handelt unverantwortlich gegen ihren Körper.
Diese Zweiteilung der Persönlichkeit des Rauchers ist wichtig auch für die Kostenrechnung der Weltbank, die ”externe” Kosten den ”internen” gegenübergestellt. Behauptet wird z.B., dass Behandlungskosten (die aus der privaten Krankenversicherung der Betroffenen beglichen werden!) und der Einkommensverlust im Krankheitsfall externe Kosten seien, d.h. solche, die der unverantwortliche Raucher auf die Gesellschaft abwälze. Um diese Kosten aufzufangen, fordert die Weltbank die Erhöhung der Tabaksteuer.
Was die Weltbank unter ”Verantwortung” versteht, ist grotesk. Ihr Ansatz spottet zudem jeder Erfahrung. Seit dreißig Jahren wird in den westlichen Staaten allen Kindern beigebracht, dass Rauchen gefährlich ist. Trotzdem rauchen in jeder Generation viele von ihnen.

Big in Japan

Die Rechnung der Weltbank enthält weitere rätselhafte Variablen. Behauptet wird, dass die Zahlen, die den Projektionen der volkswirtschaftlichen Kosten des Rauchens zugrunde liegen, sehr vorsichtig geschätzt seien. Liest man nach, stellt man erstaunt fest, dass ”Menschen mittleren Alters” im Bericht solche bis 69 Jahre sind. Die Lebenserwartung, die den – weltweiten – Hochrechnungen zugrunde gelegt wurde, ist die Japans. Japan ist das Land mit der höchsten Lebenserwartung. Nimmt man diese Zahlen zur Basis für eine Hochrechnung, dann folgt daraus, dass ein Somali, ein Eritreer oder auch ein Bulgare, der im Alter von 69 Jahren stirbt, ”vorzeitig” gestorben ist. Tatsächlich haben 69-jährige in den drei genannten Ländern jedoch die durchschnittliche Lebenserwartung schon weit überschritten bzw. erreicht.
Mit dieser Methode könnte man auch das Wasser des Bodensees untersuchen und die gefunden Werte zum Standard erklären. Untersuchte man dann das Wasser des Pazifiks, käme man zu dem Schluss, dass es sehr versalzen sei. – Worauf dann wahrscheinlich, führte die Weltbank die Untersuchung, die Vermutung folgen würde, die Pazifikanrainer leiteten zu viel Salz in ihr Meer ein.

Es kommt jedoch noch ärger. Die Methodik des Berichts ließe sich am treffendsten als ”Ökonomie der Wunschbrunnens” beschreiben. Sie funktioniert so: Die Weltbank hat per Umfrage erhoben, wie viele Raucher gewillt wären, dafür zu zahlen, könnten sie ihre lang zurückliegende Entscheidung zu rauchen heute rückgängig machen. Aus den angegebenen Beträgen wird dann eine Statistik gebastelt, in der die Höhe der genannten Beträge als Indikatoren für die vormalige Unwissenheit der Raucher genommen wird. Der Weltbank scheint dabei entgangen zu sein, dass Ökonomie thematisiert, was Menschen tun. Ihre Aussagen darüber, was sie tun würden wenn… gehören bestenfalls in den Bereich der Psychologie.

“Heute ”Lobbyist der Tabakindustrie” genannt zu werden, ist fast gleichbedeutend damit, als Anhänger Slobodan Milosevics oder als Kinderpornograph gebrandmarkt zu werden”

Stellen wir es uns konkret vor: Sie sind Raucher, und Ihr Arzt hat Ihnen gesagt, dass er bei Ihnen – verursacht durch ihr Rauchen – Lungenkrebs festgestellt hat. Nun, wie viel würden Sie dann bezahlen, hätten Sie nie mit dem Rauchen angefangen? Notieren Sie Ihren Betrag auf der nach oben offenen Wunschbrunnen-Skala und schlafen Sie noch einmal darüber. Überweisen Sie den genannten Betrag dann an die Weltbank oder an die WHO. Vielleicht werden Sie so gesund – oder doch wenigstens ein besserer Mensch.

Wenn einem so viel Gutes widerfährt

Der Bericht erhält noch weitere Kuriositäten. Einmal erfährt man, dass alle Studien belegten, Zigarettenwerbung hätte keinen Einfluss auf die Anzahl der Raucher. Gleich darauf ist zu lesen, dass neue, von der Weltbank in Auftrag gegebene Untersuchungen zeigten, Werbung habe doch einen Effekt – allerdings einen so geringen, dass er, rechne man alle Faktoren zusammen, kaum feststellbar sei. Dessen ungeachtet unterstützt die Weltbank die Forderung der WHO, Tabakwerbung weltweit zu verbieten.
Man reibt sich die Augen. Ein Effekt von zweifelhafter Größe, der, falls er überhaupt besteht, jedenfalls zu vernachlässigen ist? – Gleichwohl, verbieten kann ja nicht schaden, oder?
Zusammenfassend kann man sagen, dass der Weltbank in ihrem Bericht über das Rauchen zumindest eines gelungen ist: die Verbindung von unkonventioneller Mathematik mit moralischer Blödheit. Der schizophrene Raucher, dessen kranker Geist seinen nach Gesundheit heischenden Körper ins vorzeitige Grab zerren will, wird dafür bezahlen müssen.
Anlass zur Sorge bereitet die Tatsache, dass die Weltbank sich die Strategie der großen Umweltabkommen zu Eigen gemacht hat. ”Curbing the Epidemic” ist ein Bericht, den, basierend auf Untersuchungen, Angestellte der Weltbank und einige Berater durchgeführt haben. Die zugrunde gelegten wissenschaftlichen Studien sind noch unveröffentlicht – profunde wissenschaftliche Kritik deshalb nicht möglich. Bevor dies aber nicht geschehen kann, sollte es genau so wenig möglich sein, aus einem Bericht, an dessen Fundiertheit Zweifel angebracht sind, bereits Empfehlungen für internationale Verträge abzuleiten.
Wahrscheinlich ist der Weltbank nicht daran gelegen, ihre Untersuchung unabhängiger Kritik auszusetzen. Die WHO kennt dieses Ärgernis. Kürzlich behauptete sie in einer Pressemeldung, neue Untersuchungen hätten gezeigt, dass Passivrauchen die Gefahr, an Lungenkrebs zu erkranken, erhöhe. Tatsächlich ließ sich aus den Studien jedoch nichts dergleichen herleiten. Kritiker aber, die darauf hinwiesen, wurden von der WHO als ”Lobbyisten der Tabakindustrie” abqualifiziert. Eine Debatte fand nicht statt.

Der Geist ist schwach, der Körper billig

Heute ”Lobbyist der Tabakindustrie” genannt zu werden, ist fast gleichbedeutend damit, als Anhänger Slobodan Milosevics oder als Kinderpornograph gebrandmarkt zu werden. Es ist das Ende jeder Debatte – hier fängt der Glaube an. Und der Glaube der Anti-Tabak-Lobby, ein gutes Werk zu tun, für das man über Zahlen, Wissenschaft und Leichen gehen dürfe: Dieser Glaube ist groß.
In ihrem Eifer hat die Weltbank Zahlen manipuliert, Kausalitäten verdreht und allerlei Gedankenspiele eingeführt. Vielleicht erkennen die Finanzminister dies und verzichten auf einen moralisch begründeten Preiskrieg gegen die Raucher.
Ein ”Zigarettenkrieg” wäre nicht nur ein Ärgernis. Sollten durch hohe Steuern Zigaretten zu Schmuggelware werden, würden dadurch auch Millionen von Rauchern kriminalisiert. Der Handel mit Zigaretten würde in die Schattenwirtschaft abgeschoben und an Randgruppen delegiert werden. Wie das funktioniert, hat das Gehabe um die ”vietnamesische Zigaretten-Mafia” bereits gezeigt.