01.03.2005

REACH im Kampf der Akronyme

Analyse von David Harnasch

Über Tierschützer, die aus Angst vor der Chemieindustrie Tiere töten.

„PETA lehnt die Chemikalienverordnung REACH ab und hat dieses wiederholt deutlich gemacht.“ (H. Ullmann, 2. Vorsitzender PETA Deutschland)

Es gibt gute Gründe, die radikalveganen Appetitverderber von PETA für Spinner zu halten, denen Tiere näher stehen als Menschen. Es gibt jedoch ebenso gute Gründe, ihnen in diesem speziellen Fall ausnahmsweise Recht zu geben.
Jeder mag Tiere, nicht nur zum Abendessen. Aber fast niemand mag die chemische Industrie, trotz guter Gründe. Entwickler in Chemieunternehmen arbeiten an Mitteln gegen Krebs, Alzheimer, knitternde Kleidung und gammelnde Lebensmittel – nicht an bösen Methoden, die Menschheit mit neuen Giften zu tyrannisieren. Das gerät oft in Vergessenheit, da Organisationen wie Greenpeace über die effizientere PR und eine regierungsbeteiligte Partei verfügen.

REACH steht für „Registrierung, Evaluierung und Autorisierung von Chemikalien“ und ist eine EU-Verordnung. Wer Chemikalien verkaufen möchte, muss seit 20 Jahren zunächst deren Harmlosigkeit beweisen. Der gesunde Menschenverstand sagt, Chemikalien, die seit noch längerer Zeit in großem Maßstab in Gebrauch sind, werden wohl harmlos sein, wenn trotz einer wachen Presse, jeder Menge Ökolobbyisten und der Aussicht auf gigantische Schadensersatzsummen keine Hinweise auf Risiken vorliegen. REACH schreibt vor, dass die Produzenten dennoch die Ungefährlichkeit dieser Stoffe ab 2006 nachträglich beweisen müssen.

Das ist grotesk teuer, zwischen 2,3 und 5,2 Milliarden Euro wird der Spaß die Industrie kosten, dabei aber praktisch keinem Verbraucher irgendeinen Nutzen bringen, wie Prof. Walter Krämer von der Uni Dortmund nachweist. Wer der Ansicht ist, die chemische Industrie sei ohnehin erstens unmoralisch, zweitens zu reich, und drittens seien die amerikanischen Rentner, deren Altersvorsorge unter anderem aus Chemieaktien besteht, allesamt böse Imperialistenschweine, findet solcherlei Neostalinismen womöglich in Ordnung. Wenn der Staatenbund Europa diesen Wirtschaftszweig allerdings schon aus politischer Dummheit teilenteignet, dann wäre der Erlös unter humanistischen Gesichtspunkten besser angelegt in Antibiotika und Durchfall- und Aids-Medikamenten für die Dritte Welt.

„Wer klaren Verstandes und kein PETA-Mitglied ist, wird wenig dagegen einwenden, 6 bis 20 Millionen Tiere zu nahrhaftem Essen zu verarbeiten. Sie für komplett überflüssige Versuche wenig waidgerecht zu killen, hat einen deutlich schlechteren Beigeschmack.“

Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) ist da anderer Ansicht. Fleißig haben seine Haupt- und Ehrenamtlichen für REACH getrommelt, und dementsprechend enthusiastisch feiern sie die Verordnung. Dem BUND sind Tiere sehr viel weniger wichtig als etwa PETA, dem BUND ist das Feindbild Chemieindustrie wichtig. Er ist quasi gegen alle, die etwas anderes als eine Meinung vermarkten. Konventionelle Landwirte, Stromversorger und Autohersteller bekriegt der BUND ebenso leidenschaftlich wie die Bauern der Dritten Welt, die uns ihre günstigen Produkte gerne ohne Zollschranken für wenig Geld verkaufen würden.

Ein Wirtschaftszweig sollte den BUND allerdings demnächst mit Spenden überschütten: Laborbetreiber. Die bekommen dank REACH viel zu tun, ca. 2,3 bis 5,2 Milliarden Euro beträgt das Auftragsvolumen. Nicht wenig davon wird für Tierversuche verwendet werden. Laut der 3sat-Sendung Nano werden wegen REACH mehr als 20 Millionen Versuchstiere sterben, laut BUND bis zu 6 Millionen.
Wer klaren Verstandes und kein PETA-Mitglied ist, wird wenig dagegen einwenden, 6 bis 20 Millionen Tiere zu nahrhaftem Essen zu verarbeiten. Sie für komplett überflüssige Versuche wenig waidgerecht zu killen, hat einen deutlich schlechteren Beigeschmack.

Dass die hauptamtlichen Gutmenschen vom BUND diese Folge ihrer Politik erstens hinnehmen und zweitens verschweigen, ist skandalös, aber nicht verwunderlich. Schließlich ist das Thema kampagnentauglich, spendengeldversprechend, und die Bahncard und der Bioladenkram für die BUND-Funktionäre sind teuer. Aber dieser kleine Skandal trifft darüber hinaus natürlich auch alle, die den BUND finanziell unterstützen.
Schuld am überflüssigen Versuchstiertod in 6 bis 20 Millionen Fällen ist folglich jeder, der in Deutschland Geld verdient oder ausgegeben hat, denn darauf fallen Steuern an, und auf der Homepage des BUND ist zu lesen: „Ein deutlicher Zuwachs – von 235.000 auf 549.000 Euro – war 2003 bei den projektgebundenen Zuschüssen zu verzeichnen. Zum Beispiel förderte ... das Umweltbundesamt das Engagement des BUND für die Reform der europäischen Chemikalienpolitik.“

Dass das ehrenamtliche beitragszahlende Mitgliederfußvolk des BUND viel guten Willen, aber schockierend wenig Sachverstand hat, ahnten einige bereits. PETAs Vize bestätigte dies schriftlich auf die Frage, ob denn nun konsequenterweise eine Kampagne gegen den BUND geplant sei: „Die Umweltorganisationen liegen eben in dieser Frage ‚quer’ zu Auffassungen von PETA, und dies muss ausdiskutiert werden im kollegialen Miteinander. Ansonsten gibt es nämlich viele Gemeinsamkeiten, z.B. sind PETA-Mitarbeiter teilweise auch Mitglieder des BUND. Mit diesen ansonsten sehr wertvollen Organisationen setzt sich PETA auseinander, bekämpft sie aber nicht und führt erst recht keine Kampagnen gegen diese durch.“

Opfer der Kampagnen, die PETA Mitgliedern anderer ansonsten sehr wertvoller ökologistischer Sekten niemals zumuten mag, werden stattdessen Angehörige anderer Religionen. Den Holocaust mit Hühnerhaltung zu vergleichen war sich PETA nicht zu schäbig, bis eine einstweilige Verfügung den Verein daran hinderte. Dieses Rechtsmittel wurde erwirkt von einer Organisation, die, im Gegensatz zu PETA, dem BUND und nicht zuletzt REACH, tatsächlich unentbehrlich und wichtig ist und außerdem keine dämliche Abkürzung im Briefkopf führt: dem Zentralrat der Juden in Deutschland.