01.11.2007

Prometheus oder Frankenstein?

Analyse von Edgar Dahl

Großbritannien hat seinen Stammzellforschern grünes Licht für die Zeugung von Hybriden gegeben. Anders als hierzulande befürchtet, wird sich dies nicht als Fluch, sondern als Segen erweisen.

In seiner „Ilias“ beschrieb der griechische Dichter Homer ein Feuer speiendes Ungeheuer mit drei Köpfen. Es hatte den Kopf eines Löwen, den einer Ziege und den einer Kobra. Um dieses Ungetüm, das sowohl Jagd auf Menschen als auch auf Tiere machte, zu erlegen, sah sich Poseidon gezwungen, das geflügelte Pferd Pegasus zu erschaffen, das das Ungeheuer mit seinen Pfeilen aus der Luft zur Strecke bringen konnte.
Wenn in diesen Tagen davon gesprochen wird, dass sich britische Wissenschaftler anschicken, „Chimären“ oder „Hybride“ zu zeugen, können sich viele nicht des Gedankens erwehren, dass man dabei Fabelwesen wie die Zentauren im Auge hat, die halb Mensch, halb Pferd gewesen sein sollen. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Als sich am 5. September 2007 die britische Behörde für menschliche Befruchtung und Embryologie (Human Fertilisation and Embryology Authority, HFEA), die über die nationale Lizensierung von IVF-Kliniken, die Qualitätsstandards der reproduktionsmedizinischen Behandlung und die Bewilligung von Experimenten an menschlichen Embryonen entscheidet, klar und deutlich für die Zeugung von „Tier-Mensch-Embryonen“ zu Forschungszwecken aussprach, ging es ihr selbstverständlich nicht um die Produktion irgendwelcher Zyklopen, sondern einzig und allein um die Produktion zusätzlicher embryonaler Stammzelllinien.
Die Stammzellforschung, die große Erfolge bei der Behandlung von Erkrankungen wie Diabetes, Alzheimer, Parkinson oder Leukämie verspricht, ist von einem großen Reservoir an Embryonen abhängig, denen die therapeutisch kostbaren Stammzellen am fünften Tag nach ihrer Entstehung entnommen werden können. Bislang ist man zur Gewinnung der Stammzelllinien nahezu ausschließlich auf diejenigen Embryonen angewiesen, die bei einer IVF-Behandlung zufällig übrig bleiben. Da sich der enorme Bedarf an Embryonen auf diese Weise einfach nicht decken lässt, sind einige Stammzellforschungszentren, wie etwa in Korea oder den USA, dazu übergegangen, junge Frauen durch finanzielle Anreize zum Spenden von Eizellen zu bewegen, die dann im Labor mit Samenzellen befruchtet werden und sich zu Embryonen entwickeln können. Weil die Spende von Eizellen jedoch nicht ohne medizinische Risiken ist und die ernsthafte Gefahr besteht, dass Frauen aus rein pekuniären Gründen ihre Gesundheit aufs Spiel setzen könnten, wird schon seit geraumer Zeit über alternative Quellen zur Gewinnung von Stammzellen nachgedacht.

„Die Zeugung von „Hybriden“ ist nicht nur medizinisch, sondern auch ethisch sinnvoll.“

Eine nicht nur medizinisch, sondern auch ethisch sinnvolle Lösung scheint dabei in der Zeugung von „Hybriden“ zu bestehen: Man überträgt das Genom von Menschen in die Eizellen von Tieren. Da die tierischen Eizellen vor der Übertragung des menschlichen Genoms entkernt und damit ihrer Chromosomen beraubt werden, enthalten die auf diese Weise gezeugten Embryonen letztlich über 99 Prozent menschlicher und weniger als ein Prozent tierischer DNS. Weil lediglich das Zytoplasma oder die Schale der tierischen Eizellen erhalten bleibt, spricht man daher auch von sogenannten „cytoplasmic hybrid embryos“ oder kurz „Cybrids“. Nachdem die HFEA der Zeugung von Cybrids grünes Licht gegeben hat, müssen die Stammzellforscher nun nicht länger auf menschliche Eizellen zurückgreifen, sondern können sich einfach der leicht zu gewinnenden Eizellen von Kühen bedienen.

Ein weiterer Vorzug der Zeugung von Hybriden besteht darin, dass er den umstrittenen Forderungen nach verbessertem Embryonenschutz den Wind aus den Segeln nimmt. Der Haupteinwand gegen die Verwendung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken besteht bekanntlich darin, dass diese das „Potenzial“ hätten, sich zu menschlichen Wesen und damit zu vollwertigen Trägern von Menschenrechten und Menschenwürde zu entwickeln. Sie sind zwar, wie es heißt, keine „aktuellen“, aber „potenzielle“ Personen, deren Leben daher auch bereits vom Zeitpunkt der Befruchtung an rechtlich geschützt werden müsse. Abgesehen davon, dass dieses „Potenzialitätsargument“ philosophisch inakzeptabel ist, ist es im Zusammenhang mit der Zeugung von Mensch-Tier-Embryonen auch vollkommen irrelevant. Da Cybrids gar nicht überlebensfähig sind und bereits nach etwa zwei Wochen einfach absterben, haben sie ohnehin nicht das Potenzial, sich jemals zu einer aktuellen Person mit moralischen und juridischen Rechten zu entwickeln. Mit anderen Worten: Bei der Gewinnung von Stammzellen aus hybriden Embryonen können ethische Gegenargumente weit weniger Gewicht haben als bei der Gewinnung von Stammzellen aus rein menschlichen Embryonen.

Für die Zeugung von Hybriden sprechen also mindestens drei gute Argumente: Vor allem fördert sie die Entwicklung von Stammzelltherapien. Das ist der wesentliche Grund, warum man der neuen Technologie aufgeschlossen gegenüberstehen sollte. Zweitens nimmt sie den Anreiz, dass Frauen ermutigt werden, ihre Eizellen zu Markte zu tragen. Und was die ethischen Bedenken gegen den Verbrauch menschlicher Embryonen in der Forschung angeht, bietet sich ein weiterer Vorteil – wobei hier die besondere Bedeutung der Forschung an menschlichen Embryonen nicht infrage gestellt werden soll. Zumindest der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, Prof. Hans-Rudolf Tinneberg, begrüßt die Entscheidung der HFEA: „Dass Großbritannien auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin weltweit eine führende Rolle einnimmt und beispielsweise nicht nur die In-vitro-Fertilisation, sondern auch die Präimplantationsdiagnostik entwickelt hat, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, dass sie mit der HFEA eine kompetente Instanz geschaffen hat, die genug Weitblick besitzt, um zukünftige Entwicklungen der Medizin nicht durch voreilige Verbote zu behindern.“