01.01.2009

Der Aufstieg von „Anti-Design“

Essay von Martyn Perks

Designer, die nur noch nachhaltige Bescheidenheit produzieren wollen, verneinen die eigene Kreativität.

Philippe Starck zählt zu den größten Designern der Welt. Er hat Wohnungen, Büros und öffentliche Räume mit dem für ihn typischen französischen Flair eingerichtet und das Leben der Menschen so stil- und freudvoller gemacht. Er hat einfach alles gestaltet – von der Zitronenpresse bis hin zur Flughafenlounge –, und damit hat er ein Vermögen gemacht. Aber Starck sagt, es reicht. Im März 2008 sagte er der Wochenzeitung Die Zeit, alles, was er bisher gemacht habe, sei „überflüssig“. Für Starck gilt: „Design ist tot.“1 Starker Tobak. Ist das nur wieder ein Ausbruch eines unbeherrschten prominenten Exzentrikers? Vielleicht. Klar ist jedenfalls: Starck ist zum grünen Design konvertiert und hat seinen früheren „unnötigen“ Verirrungen den Rücken gekehrt. Scheinbar ist aber noch nicht alles verloren. Das Jahr 2009 bringt die Markteinführung der ersten neuen Schöpfung von Starck: eine Windkraftturbine für Eigenheime zum Preis von nur ca. 600 Euro, die nach seiner Aussage 60 Prozent des Energiebedarfs für Heizung und Licht produziert. Er will grün „sexy“ machen. Er plant auch die Herstellung verschiedener anderer Produkte, etwa elektrische Autos, solar- und wasserstoffbetriebene Boote und eine Solarkollektorbeschichtung für Fenster.2

Nun hat sich also auch der prominente Designer Starck dem wachsenden Trend zum grünen Design angeschlossen. Teilweise mag das auch eine Reaktion auf den Druck der Kritiker sein, die das Design für die Flut von Hausmüll verantwortlich machen, das, wie sie meinen, Raubbau an den weltweiten Ressourcen betreibt und die Müllkippen unnötig überfüllt. Diejenigen, die es sich leisten können, sind auf die Produkte von Starck paradoxerweise so wild wie eh und je. Das liegt daran, dass Starck – noch mehr als andere Designer – das Talent hat, scheinbar unbedeutende Alltagsobjekte in hoch begehrte und schöne Dinge zu verwandeln, an denen wir Freude haben und die wir haben wollen. Und es ist eine gute Sache, wenn Starck das Alltägliche in die Sphäre des Schönen erhebt. So ist natürlich auch zunächst nichts dabei, wenn Starck dafür sorgt, dass Windkraftturbinen sexy sind (auch wenn deren behaupteter Output sicher übertrieben ist), und wenn er in dem wachsenden „grünen“ Markt Fuß fassen will. Künftig werden Designer gemeinsam mit Ingenieuren und Wissenschaftlern Hybrid-Autos sowie energie- und ressourcensparende Anwendungen und Produkte produzieren. Das ist generell eine gute Sache.

Dem Trend zum grünen Design liegen jedoch bei Designern verbreitete Schuldgefühle und Selbstzweifel des Inhalts zugrunde, sie würden die Welt mit ihrem Zeug letztlich nur zu maßloser Eitelkeit aufstacheln. Die ihnen geltende Heilsidee – der Umweltschutz – führt paradoxerweise dazu, dass die Designer nicht mehr versuchen, mit den bestmöglichen Verfahren, Ideen und Ressourcen neue Problemlösungen zu entwickeln, sondern uns stattdessen predigen, unsere Erwartungen zurückzuschrauben. In der Design-Community sind entsprechende Rufe nach „Beschränkung“ offenbar besonders laut. Ein Beispiel ist das letztes Jahr auf der populären Design-Website America Core77 erschienene „Manifesto for Sustainability“.3 Der Autor Allan Chochinov schont den Berufsstand der Designer nicht. Sein Manifest geht vom hippokratischen Eid der Ärzte aus und fordert auch für die Designer, dass sie sich „davon fernhalten, Verordnungen zu treffen zu verderblichem Schaden und Unrecht“. Dann stellt das Manifest das Design als eine Geißel des modernen Menschen hin. Unter dem Titel „Stop making Crap“ erklärt das Manifest, „mit dem von uns produzierten Zeug ersticken, überschwemmen und vergiften wir uns selbst“, und alles nur wegen der Designer. Wohlgemerkt ist das Manifest von Chochinov lediglich die Spitze des Eisbergs der Designfeindlichkeit.

Auch der britische Design Council schwenkt auf grünes Design um. Er hat zwar kein Manifest, dafür aber eine Dreijahresstrategie für Design bekannt gegeben, die natürlich auf nachhaltiges Design setzt, und kommt zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Chochinov. So betont der Design Council: „Gutes Design ist gleichbedeutend mit nachhaltigem Design. Es produziert ästhetische, funktionale oder kommerzielle Objekte, Systeme oder Dienstleistungen, die das Leben der Menschen verbessern und deren Auswirkungen auf den Planeten möglichst gering sind.“4 Aber Moment mal. Liegt es nicht im Wesen des Designs, sich auszuwirken? Nicht für die grünen Designer, beziehungsweise die „Design-Verneiner“, die nach Beschränkungen menschlichen Einfallsreichtums und menschlicher Kreativität rufen. Sie wollen weniger, nicht mehr. Der Klimawandel darf natürlich nicht ignoriert werden. Aber während die ursächlichen Zusammenhänge wissenschaftlich noch keineswegs erwiesen sind (wie in Novo hinlänglich thematisiert), so ist jedoch sicher, dass wir uns durch Beschränkungen des Einfallsreichtums von fantasievollen und reifen Lösungen abschneiden. Wenn grünes Design heißt, dass wir uns bezüglich der besten Mittel zur Bewältigung der globalen Erwärmung abkoppeln, dann wird grünes Design die Klimapanik letztlich nur weiter schüren.

Der von Starck und anderen verkörperte wachsende Trend des grünen Designs predigt uns eine neue Lebensweise. Praktisch sollen wir also nachhaltige oder ethisch akzeptable Designpraktiken vorziehen gegenüber solchen, die auf Grundlage der besten, neuesten und innovativsten Materialien und Ressourcen deutlich wirkmächtiger wären. Manchmal werden durchaus Sachen produziert, die nicht nur innovativ, sondern auch grün sind, auch wenn es zunächst nicht danach aussah. Meistens werden Ideen jedoch aufgegeben, wenn sie sich nicht von Anfang an in die durch den Umweltschutz geprägte Weltanschauung fügen. Aber im Zuge dieser Debatte gerät noch etwas unter Beschuss: Die Objektivität wird degradiert. Diese sollte der Designer nämlich stets höher bewerten als all seine Stifte, Computer und seine sonstigen Fähigkeiten. Der Designer sollte auch dort möglichst unbeirrt und vorurteilslos an die Probleme herangehen, wo der Kunde oder Endverbraucher keinen Ausweg sieht, weil ihm die Distanz zum Problem fehlt. Durch seine unerschütterliche Objektivität kann der Designer die richtigen Antworten liefern, die hoffentlich neu, überraschend und überzeugend sind. Diese Gelegenheit hat der Designer natürlich nicht immer. Häufig lehnen die Kunden es ab, wenn man neue Wege beschreiten oder anders vorgehen will, als sie es gewohnt sind. Aber es gibt immer wieder Gelegenheiten, in denen sich die Grenzen ein wenig – oder mit Glück auch etwas weiter – verschieben lassen. Das ist Innovation. Wenn sich diese Möglichkeit bietet, muss man sie ergreifen. Aber das „Denken“ des grünen Designs will das genaue Gegenteil: Es will die Freiheit des Denkens vorsätzlich beschränken. So macht der Designer Kleindenkerei zu seiner Tugend. Das ist „Anti-Design“. Hält man Ideen zurück, dann führt das unweigerlich zu schlechten Lösungen. Und das betrifft uns alle.

Betrachten wir die neue Bewegung namens American Designers Accord. Ihren 15.000 Mitgliedern geht es in erster Linie darum, die Kunden so umzuerziehen, dass sie beim Design den Ansatz nachhaltiger Harmlosigkeit annehmen und einer alternativen, grünen Design-Praxis den Vorzug geben. Auf der Webseite heißt es: „Überarbeitet die Kundenverträge so, dass sie umweltmäßig verantwortliches Design und Arbeitsprozesse bevorzugen. Bietet strategische und materialmäßige Alternativen für nachhaltiges Design.“5 In Großbritannien sieht es nicht anders aus. Grünes Design war ein wichtiges Thema beim London Design Festival im September letzten Jahres. Eine mit dem Label „Greengaged“ etikettierte Serie von Events, Masterclasses und Ideen stellte das grüne Design vor und brachte führende Denker, Praktiker, Kunden und Strategen zusammen, „um die Designbranche auf das dringende Problem des Klimawandels einzuschwören und diesbezüglich für eine umfassende Diskussion zu sorgen“.6 Und man hört, der Design Council hat ein eigenes „grünes Manifest“ ins Auge gefasst.

Das Umsichgreifen des grünen Designs scheint so gut wie unvermeidlich, denn die von Schuldgefühlen getriebenen Designer sehen hier ihre Möglichkeit, etwas von ihrer Glaubwürdigkeit zurückzuerlangen. Aber auch wenn es beim grünen Design scheinbar darum geht, für die globalen Probleme Abhilfe zu schaffen, so kann es uns letztlich auch von vernünftigen und ausgereiften Antworten auf die Probleme abschneiden. Und als Alternative bekämen wir die leere grüne Pose. Weil die Windkraftturbinen von Starck zwar an allen politisch korrekten Kästchen ihr Kreuz machen, werden sie vielleicht ein Bestseller – aber sie liefern keine echte Antwort auf die Fragen der Energieproduktion. Vielmehr schüren sie die Illusion, die Ursache des Energieproblems sei im Verbrauch und nicht in der Produktion zu suchen. Wir brauchen größere, bessere und verlässlichere Kraftwerke (einschließlich atomarer) und keine kleinen Heimgeneratoren. Das Grün-Getue von Starck vernebelt nur das Problem und bringt nichts. Die Konsequenzen des Designs sollten die Regierung, die Politiker und sonstigen Strategen tragen. Dem Designer aber sollten wir seine eigentliche Aufgabe überlassen: die Welt um uns herum neu zu gestalten. Auch wenn der Designer in der realen Welt lebt, sollte er sich durch sie nicht beschränken lassen, denn sein Job ist es, sie zu verbessern.