01.01.2009

Warum wir eine neue Elternbefreiungsbewegung brauchen

Essay von Jennie Bristow

Heute ist nicht mehr die Unterdrückung der Frauen, sondern die Bevormundung von Müttern und Vätern ein zentrales Problem. Paradoxerweise hat hierzu insbesondere der sich auf Identitätspolitik konzentrierende Feminismus entscheidend beigetragen. Indem Frauen Männer als Ursache ihrer Probleme in den Mittelpunkt rückten, wurde der Staat ermuntert, sich in die Privatsphäre einzumischen und sie zu regulieren.

Es gibt einen Zeitpunkt im Leben einer jungen Frau, an dem sie plötzlich den Feminismus entdeckt: Dieser Zeitpunkt korreliert normalerweise mit der Geburt ihres ersten Kindes. Vom frühen Mädchenalter an ist sie auf einer Welle der Gleichstellung ihren Zielen entgegengetragen worden. Nichts benachteiligt sie gegenüber ihrem zukünftigen Partner – in Sachen Bildung, Karrierefragen, sexuellen Freiheiten und beruflicher Entwicklungschancen ist sie ihm vollkommen gleichgestellt. Plötzlich jedoch kommt das Baby! Von nun an sinkt ihr Einkommen, auch wenn es eine Zeit lang wenigstens zum Teil durch das Elterngeld ersetzt wird. Plötzlich geht es nur noch darum, wenigstens nicht „ganz rauszukommen“ aus dem beruflichen Alltag. Jede Tätigkeit muss fortan mit dem Kindergarten- und Schulalltag abgestimmt werden, und die häuslichen Pflichten erscheinen plötzlich wie eine Bürde, die vor allem auf ihren Schultern lastet.1

Diese junge Frau hat wahrscheinlich nie Betty Friedan gelesen, deren scharfzüngige Beschreibung des Hausfrauendaseins in den 50er-Jahren als Ausgangspunkt der modernen feministischen Bewegung in den USA gilt. Friedans Buch Der Weiblichkeitswahn würde bei ihr bestenfalls ein historisches Interesse wecken. Für sie wäre es ein ernüchternder Beleg dafür, wie schwer es unsere Großmütter noch hatten. Dennoch bleibt der Feminismus für diese junge Frau Teil der Geschichte. In manchem von dem, was Betty Friedan beschreibt, erkennt sie sich wieder: die Plackerei der Hausarbeit, die auch dann nicht erfüllender wird, wenn das Haus noch so schön oder das Einkommen noch so hoch ist, oder die Identitätskrise, die eine Frau erfährt, wenn sie keiner sinnvollen (d.h. bezahlten) Beschäftigung nachgehen kann. Trotz allem: Dieses Gefühl der Frustration bedeutet nicht, dass sie ihr Leben gegen das ihres Partners eintauschen möchte.

Betty Friedan schrieb zu einer Zeit, in der die untergeordnete Rolle der Frau Männern den Weg zu einem erfüllten gesellschaftlichen Leben oder Berufsleben ebnete. Die feministische Bewegung verlangte, dass auch Frauen den ihnen zustehenden Anteil dieses Lebens abbekommen sollten. Heute haben junge Mütter aber Zugang zur Berufswelt und dem öffentlichen Leben. Väter sind stärker in die häuslichen Pflichten eingebunden als der Mann der 50er-Jahre. Eine moderne Mutter hat vielleicht auch eine Putz- und Bügelhilfe und die Möglichkeit, ihr Kind in einer Krippe unterzubringen. All das befreit sie nicht ganz von häuslichen Pflichten, erleichtert diese aber erheblich. Mehr als je zuvor besteht bei der Frage, ob man zu Hause bleiben soll oder woanders tätig wird, ein gewisses Maß an Wahlfreiheit. Hinzu kommt, dass die Entscheidung, daheim zu bleiben, in einer Zeit, in der jeder darum kämpft, eine wirklich erfüllende Arbeit zu finden, richtig attraktiv erscheinen kann.

Das Problem der Unterdrückung der Frau steht nicht wieder auf der Tagesordnung. Vielmehr hat sich das Problem verlagert und schließt auch die Männer mit ein. Insbesondere zu einer Zeit, in der kinderlose Frauen ihren männlichen Altersgenossen in jeder Hinsicht, praktisch und politisch, gleichgestellt sind, werden Eltern in zunehmendem Maße als eine eigene Gruppe ausgesondert. Ihr „Recht“, ein eigenständiges Leben zu führen, wird gegen ihre „Pflicht“ als Eltern aufgewogen.2 Galten sie einst als die tragenden Säulen einer Gesellschaft – die Norm, anhand derer abweichendes Verhalten definiert wurde – werden Eltern in zunehmendem Maße heute selbst wie Abweichler behandelt, die besonderer Unterstützung bedürfen, damit sie ihren Verpflichtungen auch wirklich nachkommen. Wir brauchen keine Frauenbefreiungsbewegung. Die hatten wir bereits. Wir haben etwas verändert und gemerkt, dass Männer trotz allem nicht das Problem sind. Was wir im 21. Jahrhundert brauchen, ist eine Elternbefreiungsbewegung, die sich gegen die Infantilisierung und Unterdrückung von Müttern und Vätern wendet. Diese Infantilisierung untergräbt sowohl unser Familienleben als auch unser Selbstverständnis. Um zu verstehen, warum wir diese Bewegung brauchen, müssen wir uns zunächst anschauen, wie sich die Familienpolitik in den vergangenen Jahren verändert hat – zum Besseren und zum Schlechteren.

Der Ursprung der Frauenfrage

Der intellektuelle und praktische Kampf gegen die Unterdrückung der Frau wurde über 200 Jahre lang geführt – seit sich die Gesellschaft den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen auf die Fahnen schrieb. Die Forderung nach Frauengleichheit war nicht im Feminismus begründet, sondern in der harten Kritik am Widerspruch zwischen den Idealen des Kapitalismus und dem, was er tatsächlich bieten konnte. Damit zumindest alle Männer „gleich“ wurden, musste die Gesellschaft so organisiert sein, dass sie Frauen unterdrückte. Ihnen stand es nicht zu, ihre Arbeitskraft auf dem Markt frei zu verkaufen und am öffentlichen Leben teilzuhaben. Eng damit verbunden war auch, dass ihnen das Wahlrecht abgesprochen wurde. Dies war ein deutlicher Ausdruck ihres Status als Menschen zweiter Klasse. Es war kein historischer Zufall, dass es, nachdem infolge der Suffragettenbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Frauen zögerlich das Recht zu wählen zugestanden wurde, auch andere Fortschritte gab.

Wie Jennifer Somerville in ihrem erhellenden Beitrag Feminism and the Family erläutert, waren es diejenigen, die die Unzulänglichkeiten des Kapitalismus insgesamt anprangerten (sich also nicht auf die Rolle der Frau beschränkten), die die Unterdrückung von Frauen zum Thema machten.3 Gemeinsam mit seiner Frau Harriet kritisierte John Stuart Mill die untergeordnete Rolle der Frau in einer Gesellschaft, die sich dem Prinzip der gleichen Rechte für alle verpflichtet hatte. „Die eigentliche Frage ist“, so Mill, „ob es richtig und angemessen ist, dass die eine Hälfte der Menschheit ihr Leben in einem Zustand der aufgezwungenen Unterordnung gegenüber der anderen Hälfte verbringen muss.“4 Der Text von Friedrich Engels von 1884, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, ist die wohl wichtigste und bekannteste Kritik an der Rolle der Familie im Kapitalismus. Engels bezog sich auf die Geschichte und die Anthropologie, um zu zeigen, dass die moderne Kleinfamilie keine natürliche, zeitlose und gottgegebene Institution ist, sondern aus den spezifisch historischen Konditionen entstanden ist, die der Kapitalismus benötigte.5 Die untergeordnete Rolle der Frau innerhalb der Familie war ebenfalls kein natürliches Phänomen, sondern entstand durch den Übergang von einer Jäger- und Sammlergesellschaft, in der der Kampf ums Überleben die gesamte Existenz bestimmte, hin zu einer Gesellschaft, in der die männliche Produktivität durch die Erfindung von Werkzeugen gesteigert werden konnte. Im Zuge dieses komplexen geschichtlichen Übergangs gewann die Etablierung einer männlich dominierten Vererbungslinie gegenüber dem Mutterrecht an Bedeutung. In primitiven Gesellschaften, in denen es keine Monogamie gab, war das „Familiengeschlecht“ nur durch die Mutterlinie zu bestimmen. Mit dem Aufkommen des Privateigentums wurde dieses Mutterrecht zerstört und die Basis für die Unterdrückung der Frau gelegt.

Engels Behauptung, dass „der Umsturz des Mutterrechts die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts war“, wurde häufig falsch interpretiert. Kritiker warfen Engels vor, den primitiven Kommunismus romantisch zu verklären. Auch die Analyse der Rolle der modernen Familie im Kapitalismus wurde häufig falsch wiedergegeben. Engels erklärte, dass die Familie nicht einfach das natürliche Verhältnis zwischen Menschen darstelle, sondern eine soziale und ökonomische Institution sei, die für den Erhalt und die Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft eine Schlüsselrolle spiele. Sie stelle die Basis für die Reproduktion der Arbeiterklasse dar und biete einen Raum, in dem der Arbeiter sich ernähren und sich von den physischen Strapazen und der emotionalen Leere des Arbeitslebens erholen könne. In der Analyse von Engels bietet die Existenz einer Privatsphäre dem Lohnabhängigen ein notwendiges Gefühl der Autonomie und der Kontrolle – zusammen mit einer Fülle von Verantwortlichkeiten und emotionalen Anliegen, die seine Bereitschaft zu arbeiten fördern und ihm den Wunsch nach Stabilität geben. Wie Mill wehrte sich Engels gegen das bürgerliche Familienidyll. Für ihn war die Familie nicht nur deshalb problematisch, weil sie die Basis für die Unterdrückung der Frau legte und damit der Hälfte der Bevölkerung grundlegende Rechte verwehrte, sondern auch, weil so die Fähigkeit von Männern und Frauen, ihr eigenes Potenzial zu entfalten, gleichermaßen gebremst werde. Die Schinderei der Hausarbeit im Privaten und die individuelle Verantwortung des Mannes, der mehrere Münder zu füttern hatte, bedeute die Entfremdung der Arbeiter bei Tage und ein unerfülltes Leben bei Nacht. Die logische Schlussfolgerung aus dieser Analyse war, dass die Menschen, um wirklich frei zu sein, gemeinsam mit dem Kapitalismus auch die Familie als soziale und wirtschaftliche Institution zu verwerfen hatten.

Kritiker führen diese Analyse der Familie als Beweis für die familienfeindliche Haltung des Marxismus an. Zum Glück haben klügere Köpfe darauf hingewiesen, dass sich die ablehnende Haltung von Engels gegen die Rolle der Familie als Institution richtete und nicht gegen die in ihr enthaltenen menschlichen Beziehungen. Es ging niemals darum, die Familienverhältnisse als solche aufzulösen, sondern darum, die kapitalistische Familie als Institution abzuschaffen. Nur so können die Menschen ihr Zusammenleben und ihre intimen Beziehungen genießen, ohne den wirtschaftlichen und politischen Druck, der auf ihrem Alltag lastet. Wenn wir Engels heute lesen, so erscheint diese Analyse genauso zutreffend zu sein wie damals.

Feminismus: Männer als Problem

Die frühe Kritik an der Unterdrückung der Frau entstand aus einer breiteren Kritik an und aus dem Kampf gegen die Ungleichheiten in der Gesellschaft. Mill, Engels und ihre Zeitgenossen sahen in der Ungleichheit der Frau ein Menschheitsproblem, das von Frauen und Männern gleichermaßen zu lösen war. Hieraus lässt sich ableiten, was beim späteren Feminismus schiefgelaufen ist: Schon die Identifikation des Problems und die sich daraus ableitenden Lösungen waren von Anfang an falsch. Wenn heute über den Feminismus gesprochen wird, assoziiert man damit meistens die Bewegung aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Friedans Werk Der Weiblichkeitswahn erschien 1963, Germaine Greers Werk Der weibliche Eunuch erschien 1970. Es gibt interessante und wichtige Unterschiede zwischen den verschiedenen Strängen des feministischen Gedankenguts in dieser Zeit. Jeder dieser Stränge teilte jedoch einen Grundgedanken: die Vorstellung, Männer seien das Problem.

Anders als die historische Kritik der sozialen Gesetze und Institutionen von Engels war der Feminismus in erster Linie eine politische Kritik. Ausgangspunkt war die Feststellung, dass Frauen Männern untergeordnet waren. Es wurde daher angenommen, dass diese Unterordnung den Männern nütze. Der Schlachtruf des Feminismus der 60er-Jahre war die Forderung nach einer formellen Gleichstellung von Frauen und Männern. Sofern dies erreicht wurde, hatte die Bewegung ihre Berechtigung verloren. Besonders für Friedan lag die Ursache für die Malaise der amerikanischen Hausfrau der 50er-Jahre darin, dass sie im eigenen Haus gefangen war und ihr der Zugang zu einer bezahlten Beschäftigung verwehrt wurde. Die „National Organization of Women“, die Friedan mitbegründete, konzentrierte sich insbesondere auf soziale und gesetzliche Fragen, um Frauen den Zugang zur Arbeitswelt zu ermöglichen und deren Gleichbehandlung am Arbeitsplatz zu verbessern.

Der Gleichheitsfeminismus hatte zweifellos positive Konsequenzen für Frauen: Das Abtreibungsgesetz von 1967, das Gesetz zur Lohngleichheit von 1979 und das Diskriminierungsgesetz von 1975 stärkten das Recht von amerikanischen Frauen, in der öffentlichen Sphäre aufzutreten und nicht länger wie Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden. Die Konzentration auf Gleichheit in der öffentlichen Sphäre führte dazu, dass das Problem der Familie implizit erkannt wurde. Dies löste progressive Diskussionen über die Sozialisierung der häuslichen Arbeit, inklusive der Kinderbetreuung, aus. Es ist jedoch wichtig festzustellen, dass der progressive Impuls, der den Feminismus begleitete, kein „Erfolg“ des Feminismus an sich war: Für die Parlamentarier und Kampagnenführer, die das Abtreibungsgesetz von 1967 verabschiedeten, ging es weniger um Frauenrechte, als vielmehr um die öffentliche Gesundheit. Auch das Gesetz der Gleichstellung der Geschlechter war nur ein Beispiel für die liberale Gesetzgebung, die diese Zeit ohnehin mit sich brachte. Madeleine Sims, die Mitautorin von Abortion Law Reformed, schrieb über das Abtreibungsgesetz von 1967: „Ich glaube, dass es bis zu einem gewissen Grad den Geist der Zeit ausdrückte. Reform lag in der Luft. Wir waren dabei, den letzten Rest der viktorianischen Last abzuwerfen, die unseren Bedürfnissen im Wege stand.“6 Hinzu kam, dass der Ruf der Feministinnen nach Gleichheit durch ihren eigenen essenziell spaltenden Charakter untergraben wurde. Dieser spaltende Charakter der Bewegung ergab sich aus der Ausrichtung auf „Männer als das Problem“. Dies machte es möglich, dass die Frauenfrage durch eine kulturelle Umdeutung des Begriffs Gleichheit – ein Prozess, der in den 70er-Jahren begann – schnell absorbiert und verändert wurde. Hiermit wurde die Grundlage für eine orthodoxe Haltung gelegt, die ebenso repressiv war wie die, die Frauen zuvor ans Heim gefesselt hatte.

Angriff auf „männliche“ Werte

Während die Gleichheitsfeministinnen noch wie Männer behandelt werden wollten, so änderte sich dies im Laufe der 70er-Jahre. Eine neue Generation von Feministinnen begann zu fragen, warum Frauen davon ausgehen sollten, dass die Arbeiten, die Männer verrichteten, die Politik, die sie machten, oder die Kunst, die sie produzierten, besser sein sollte als das, was Frauen in ihrem unterdrückten Zustand zustande gebracht hatten. Warum sollte man nicht zurück zum Grundlegenden gehen und neu beginnen, mit einem weiblich ausgerichteten Blick auf die Welt – einem, der das gängige Wissen, die Gesetzgebung und die allgemeine Praxis als nicht gewollt ablehnte? Mit dem kulturellen Feminismus wurde das Verständnis von Frauenunterdrückung grundlegend neu bewertet. Nicht die historisch entstandene wirtschaftliche, politische und soziale Gesellschaftsstruktur galt forthin als das Problem, sondern die Macht der Männer.

Der kulturelle Feminismus stellte die Befreiung der Frau nicht als eine Befreiung von der täglichen Routine der privaten Sphäre dar, sondern als eine Befreiung von Männern und von allem, für das die männliche Gesellschaft stand. Der Schwerpunkt lag nicht darauf, die Situation der Frau zu verändern, sondern die essenzielle Überlegenheit der Frau wiederzuentdecken. Statt die Gleichstellung der Frau zu fordern, suchte man nach der eigenen, weiblichen Identität. Frauen sollten von den Normen und Werten, die eine patriarchale Gesellschaft vertrat, befreit werden – zum Zweck der Selbstfindung, Selbsterkennung und um zu lernen, ihre Bedürfnisse auszudrücken. Dieses Denken beeinflusste die öffentliche Sphäre signifikant. Der Angriff auf das akzeptierte Wertesystem, auf das Verständnis von „Wissen“, „Wahrheit“, „Gerechtigkeit“, „Demokratie“ und „Gleichheit“ ließ sich mit der Desillusion und den Auflösungstendenzen anderer postmoderner Trends gut vereinbaren. In Kunst und Kultur wurde das Problem der Ausgrenzung der Frau aus der Geschichte nicht als eine logische Konsequenz ihrer Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben gesehen, sondern einfach nur als konsequente Missachtung ihrer Leistungen. Es war der „tote, weiße, europäische Mann“ („Dead White European Male“ – ein Schlagwort der amerikanischen Kulturwissenschaft), der den traditionellen Bildungskanon dominierte. Um dem entgegenzuwirken, kramte man bisher unbekannte Werke von Frauen hervor, die man bekannt machte und mit Beifall versah. Am Arbeitsplatz galten nicht die strukturellen Barrieren für Frauen als das eigentliche Problem, sondern das Verhalten männlicher Kollegen. Angeprangert wurden eine sexistische Sprache und ein männliches Überheblichkeitsgehabe. Gelöst wurden diese Probleme durch eine entsprechende Gesetzgebung, Sprachregeln und den Versuch, das Bewusstsein für potenziell beleidigende Äußerungen zu schärfen.7

Der kulturelle Feminismus griff die vorherrschende Sexualmoral an, indem er der Prüderie und der sexuellen Doppelmoral den Kampf ansagte. Die Stärkung einer weiblichen Identität durch mehr sexuelle Offenheit und Gratifikation waren die vielleicht offensichtlichsten Ergebnisse der Frauenbewegung der 70er- und 80er-Jahre. Sie stellten aber auch den widersprüchlichsten Strang des kulturellen Feminismus dar: Während radikale Frauen wie Erica Jong die Vorteile der freien Liebe predigten, sagten Alice Schwarzer und andere der Pornografie den Kampf an mit der Begründung, es handele sich um einen Ausdruck männlicher Macht und Frauenfeindlichkeit. Der kulturelle Feminismus, der sich auf der einen Seite sehr selbstbewusst, offen und radikal gab, übte auf der anderen Seite eine starke Zensur aus. Waren diese gerade erst befreiten Frauen wirklich Herrscherinnen über ihr eigenes Schicksal, oder waren sie eigentlich noch Opfer der Männermacht, die des Schutzes einer höheren Autorität (unter der Schirmherrschaft von Alice Schwarzer) bedurften?

Opferfeminismus

Dank des kulturellen Feminismus und der freizügigeren Momente der 60er- und 70er-Jahre haben junge Frauen heute das „Recht“, sich leicht zu bekleiden und sich dem Gelegenheitssex hinzugeben. Doch wenn man es genau betrachtet, hatten die zensorische Haltung und die neue Prüderie der Anti-Porno-Brigaden einen sehr viel stärkeren Einfluss auf die Sexualmoral. Der kulturelle Feminismus führte zu dem, was Katie Roiphe und andere als den „Opferfeminismus“ bezeichnen. Die Obsession mit sexueller Misshandlung durch Männer – in der Form von Pornografie, sexueller Anmache und häuslicher Gewalt – wurde zum wichtigsten Bestandteil der feministischen Bewegung der 90er-Jahre.8 Der kulturelle Feminismus beeinflusste vor allem den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen. Indem die Idee eines sozialen Kampfes für Gleichberechtigung durch einen individuellen Kampf gegen männliche Macht und für die Stärkung weiblicher Identität ersetzt wurde, übertrug der Feminismus das Konzept der Befreiung der Frau direkt auf die intimsten Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Die berühmte Parole „Das Private ist politisch“ fasste diesen Trend gut zusammen. In der Weltsicht des Opferfeminismus war die Familie problematisch – nicht, weil sie eine repressive Institution war, sondern aufgrund der menschlichen Beziehungen, die sie enthielt.

Der therapeutische Staat

Die Intervention des Staates in das Familienleben ist kein neues Phänomen. Sorgen über die Gesundheit von Kleinkindern, Bildung, Kriminalität und soziale Unordnung haben in den vergangenen 100 Jahren zu unterschiedlichen Formen staatlicher Einmischung geführt. Solange wir uns erinnern können, hat man es daher Eltern nie ganz allein überlassen, ihre Kinder großzuziehen. Das Sozialstaatssystem, das in den Nachkriegsjahren eingeführt wurde, ist ein gutes Beispiel dafür, wie weit die staatliche Intervention ging – man erhielt wirtschaftliche Unterstützung und sozialen Schutz im Austausch gegen einen Teil des Privatlebens und der Familienautonomie. Verändert hat sich aber in den letzten 25 Jahren der Charakter der staatlichen Intervention ins Familienleben. Die traditionelle Sozialgesetzgebung verfolgte das Ziel, die Familie zusammenzuhalten. Familien und Kinder sollten vor den schlimmsten Auswirkungen der Armut geschützt werden. Diese Form der Familienunterstützung bestand immer darauf, dass es sich dabei um eine Art „Belohnung“ handele. Sie war eng verknüpft mit der Erwartung, dass sich die Empfänger im Gegenzug bemühten, als funktionierende Familie zu leben. Eltern sollten ihre Pflicht, die Kinder großzuziehen, ernst nehmen. Staatlich interveniert wurde nur mit Zurückhaltung, da man vorsichtig sein musste, die Privatsphäre und die Autonomie nicht so zu untergraben, dass die Familien ihre Aufgaben und Pflichten nicht mehr wirklich selber realisieren konnten.

Dies hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Staatlich geförderte Familienratgeber appellieren heute an Eltern, sich lediglich als „Partner“ in der Erziehung ihrer Kinder zu verstehen und sich dem guten Rat externer „Experten“ zu öffnen. Beginnend bei der Ernährung, Fragen der Disziplinierung bis hin zu Jugendkriminalität – überall wird eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern und den stets wachsenden Schichten professioneller Erziehungsfachleute, Mentoren, Lehrer, Mitarbeiter von Gesundheitsdiensten usw. empfohlen und angestrebt. Auch wenn dies oft nicht wahrgenommen wird: Wir sind einen weiten Weg gegangen, von sozialstaatlicher Unterstützung hin zu einer regelrechten Bevormundung und Einmischung durch offizielle Stellen. Angefangen bei der Geburt bis hin zur Schule: Es gibt kein Gefühl mehr dafür, dass Eltern Respekt verdienen. Im Gegenteil: Eltern kann heute alles vorgeschrieben werden, sofern dies dem „Wohl der Kinder“ dient. Staatliche Intervention ist nicht mehr daran ausgerichtet, die Familie zusammenzuhalten. Sie strebt vielmehr eine direkte Beziehung zwischen dem Staat und jedem einzelnen Familienmitglied an: Mutter, Vater und Kind. Die Autonomie der Familie, die einst als so wichtig galt, damit die Familie auch wirklich funktionieren konnte, gilt heute im Rahmen der therapeutischen Dynamik als hinderlich.

Eltern belehren ist modern

Wie konnte es geschehen, dass wir so schnell und ohne jegliche Opposition an diesen Punkt gelangt sind? In seinem 2004 veröffentlichten Buch Therapy Culture untersuchte Frank Furedi den Prozess, durch den sich diese therapeutische Dynamik in der heutigen Gesellschaft so stark verbreiten konnte.9 Ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung von Laschs Zeitalter des Narzißmus hat sich die Kultur der Therapie zum entscheidenden Mechanismus entwickelt, durch den Individuen ihren Lebenssinn suchen und die politische Klasse ihren Einfluss ausübt. Während der Einzelne auf seine „innere Leere“ schaut und den Sinn des Lebens in seinem eigenen „Ich“ sucht, entzieht er sich den spontanen, emotionalen Beziehungen zu anderen und bleibt verletzlich und isoliert zurück. Die politische Klasse, die ihre traditionelle Fähigkeit, Menschen durch Politik oder durch ein Gefühl gemeinsamer Werte einzubinden verloren hat, nutzt diese Angst für ihre eigenen Zwecke. Furedi schreibt, dass frühere Moralkodizes versucht hätten, sexuelle Aktivität zu kontrollieren, um Überschreitungen der moralischen Ordnung zu verhindern. Die heutige therapeutische Weltsicht ziele hingegen darauf ab, die Regulierung aller Formen der informellen Beziehungen zu rechtfertigen. Wie Christopher Lasch seinerzeit bemerkte, zeichne sich die therapeutische Kultur durch eine grundlegende Verdrossenheit mit persönlichen Beziehungen aus. Sie nähre sich von den vorhandenen Ängsten vor persönlichen Beziehungen.10

Weil die öffentlichen Sphären der Arbeit und der Politik nicht mehr ein Gefühl des tieferen Sinns vermitteln, suchen Menschen Sinn und Anerkennung verstärkt in ihrem persönlichen Leben und in den informellen Beziehungen, die sie eingehen. Die intensiven Beziehungen innerhalb der Familie – zwischen Müttern und Vätern, Eltern und Kindern – sind die tiefsten aller informellen Beziehungen. Durch die unterschwellige Einmischung in diese Beziehungen schafft der therapeutische Staat eine Nachfrage für dubiose Expertisen. Heute zielt die staatliche Intervention ins Familienleben nicht darauf ab, praktische Unterstützung zu geben, um die Familie als Institution zu erhalten, sondern auf eine therapeutische Einmischung in die emotionalen Beziehungen innerhalb der Familie. Zur Zeit Betty Friedans wollten Frauen die öffentliche Welt erleben. Die heutige Generation der Eltern hat die Möglichkeit, dies zu tun – und ist zum Schluss gekommen, dass dies doch nicht der Weg zur Vervollkommnung sei. Wir stecken also irgendwie fest. Es gilt nicht mehr, die Frauen von der Hausarbeit zu befreien – denn was sollten sie dann machen? Einer Arbeit nachgehen, die noch weniger Erfüllung verspricht?

Konkurrierende Rechte

Eine der jüngsten Entwicklungen in der neuen Familienpolitik ist die Spaltung, die sich zwischen Eltern und Nicht-Eltern im modernen Rechtsverständnis aufgetan hat. Zur gleichen Zeit, in der Männer und Frauen formell gleiche Rechte erlangt haben – arbeiten und wählen zu können –, hat sich die Bedeutung und die Attraktivität der öffentlichen Sphäre verringert. Wenn Menschen heute noch auf ihre „Rechte“ pochen, geschieht dies zumeist im therapeutischen Sinne, also in Bezug auf das Ausleben der eigenen persönlichen Identität. Da Menschen immer weniger Möglichkeiten und Anreize sehen, als politische Subjekte in der öffentlichen Sphäre aufzutreten (z.B.: in Gewerkschaften oder Parteien), liegt die einzige Handlungsmöglichkeit im eigenen „Ich“. Indem aber intime Bereiche des persönlichen Lebens immer stärker reguliert werden, untergräbt der therapeutische Staat jedes Gefühl von Autonomie und Eigenständigkeit. Dieser Trend ist an sich schon repressiv und schädlich genug. Wenn er jedoch auf Eltern gerichtet ist, erhält er eine zusätzliche Schärfe. Dies hat nichts mit den praktischen Zwängen der Elternschaft zu tun, die schon immer zum Kindergroßziehen dazugehörten. Dies beruht vielmehr darauf, dass Eltern heute in unzweideutiger Weise mitgeteilt wird, dass ihre eigenen Interessen mit den Interessen des Kindes kollidieren. In dieser zwanghaften Perspektive übertrumpfen „Kinderrechte“ die Rechte der Erwachsenen. Eltern sind nicht länger Bürger, sondern Dienstmädchen ihrer Kinder.

Das Kinderrechtskonzept ist ein relative neues – und eines, das viel mehr auf den Vormarsch der Identitätspolitik zurückzuführen ist als auf die etablierten Vorstellungen formeller Gleichheit. Kinder sind per definitionem abhängige Menschen. Ihnen Rechte einzuräumen, ist daher im klassischen Sinne bedeutungslos, da ihnen die Kapazität fehlt, diese Rechte auszuüben. Doch dieses moderne, auf Identität basierende Konzept bezieht sich darauf, Kinder als von ihren Eltern unabhängige Menschen anzuerkennen. Der Umgang mit Kinderrechten, der die heutige Familienpolitik dominiert, stellt somit eine deutliche Verschiebung in der Wahrnehmung der Familienautonomie und der elterlichen Autorität dar. Kinder unterliegen nicht länger der Verantwortung ihrer Eltern, deren Job es ist, sie zu sozialisieren und für sie zu sorgen. Kinder, so die gängige Meinung, haben eigene persönliche Bedürfnisse und Wünsche, die erfüllt werden müssen. Als Aufgabe der Eltern gilt es daher, kindliche Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen, auch wenn sie damit ihre eigenen Wünsche opfern müssen.

In der Realität ist eine solche Trennung zwischen Kinderinteressen und den Interessen der Eltern Unsinn. Familien stellen ein Beziehungsgeflecht dar. Sie sind keine Ansammlung voll entwickelter Individuen mit sich gegenseitig widersprechenden Interessen. Historisch gesehen hat man Eltern immer zugetraut, dieses Beziehungsgeflecht so zu gestalten, dass es dem Wohl der ganzen Familie dient. Heute ist die Vorstellung von sich widersprechenden Interessen zum Rückgrat der Familienpolitik geworden. Die Annahme, das Elternrecht stehe im Konflikt mit dem Kinderrecht, führt zu einer politischen Perspektive, die von der Prämisse ausgeht, dass Eltern ihr Streben nach einer eigenen Identität zurückstellen und sich dem Diktat des Staates beugen müssen, um das Recht der Kinder auf ein gesundes, erfülltes und aktives Leben zu sichern. Dies ist ein höchst repressiver und spaltender Vorgang: Indem Eltern von Nicht-Eltern als eigene Gruppe abgesondert werden (als eine Gruppe, die ihrem Streben nach Selbsterfüllung nicht nachgehen darf), lässt sich eine ganz neue Version der früheren Frauenunterdrückung ausmachen. Indem der therapeutische Staat versucht, die Beziehungen des Familienlebens zu verwalten, spielt er Eltern gegeneinander aus und befördert deren Groll auf die eigenen Kinder. Gleichzeitig werden Kinder ermuntert, die Autorität der eigenen Eltern zu hinterfragen und sich Anerkennung außerhalb der Familie zu suchen – beim therapeutischen Staat.

Elternbefreiung tut not

Trotz der überzeugenden Kritik an der Institution Familie, die in den vergangenen 200 Jahren entwickelt wurde, ist sie als ökonomische Institution so unentbehrlich wie eh und je.11 In vieler Hinsicht trifft die Kritik an der Familie als Institution, wie sie von Mill, Engels und Friedan formuliert wurde, noch zu. Die Plackerei der Hausarbeit, die isolierte, ans eigene Heim gebundene Existenz, die Langeweile des täglichen Lebens, die aus dem Umgang mit der stets gleichen Gruppe von Menschen herrührt: All das stellt keine ideale Organisation des sozialen Lebens dar. Doch die Familie ist auch eine intensive, intime, wertvolle Beziehung in einer Welt, in der sich Menschen zunehmend von dem Kontakt miteinander zurückziehen. Sie ist eine Lebenssituation, in der die Beziehungen weiterhin spontan sind, nicht auf Verträgen basieren und langfristig angelegt sind. Ohne diese Beziehungen wäre die Familie nur noch eine wirtschaftliche Institution – und zudem noch eine einengende und unglückliche. Unser modernes Recht auf eine „eigene Identität“ hat nur wenig Wert, wenn es sich um Nichtigkeiten dreht wie beispielsweise darum, dass Teenager sich überall piercen dürfen, oder darum, dass wir jede noch so dahergeplapperte Meinung respektieren sollen. Wenn es aber darum geht, unser Familienleben nach den politischen Vorgaben ordnen zu müssen, sollten wir am Prinzip festhalten, unser eigenes Leben selber gestalten zu wollen. Wir sollten darauf bestehen, das zu tun, was wir für richtig halten. Die Familie ist ein Lebensbereich, in dem Konzepte wie Autonomie und das Private wirklich bedeutend sind. Wenn diese Prinzipien bedroht werden, stellt dies eine große Gefahr für uns und unsere Fähigkeit dar, unser Leben selbst zu kontrollieren. Dass wir nach wie vor ein Gefühl für die uns zustehende Autorität als Erwachsene haben, ist von ebenso entscheidender Bedeutung für uns wie für unsere Kinder.