01.11.2008

Globalisierungsrhabarber

Rezension von Neil Davenport

Naomi Kleins Schock-Strategie ist alles andere als ein mutiges und großes Buch. Es ist in der Bewertung des Kapitalismus naiv und unklar im Bezug auf die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung.

Als Reaktion auf die Veröffentlichung von Naomi Kleins Die Schock-Strategie zeigte sich die liberale Presse geradezu überwältigt. „Es gibt sehr wenige Bücher, die uns wirklich helfen, die Gegenwart zu verstehen. Die Schock-Strategie ist eines dieser Bücher“, erklärte die linksliberale britische Tageszeitung The Guardian. Klein begeisterte auf ihrer Lesetour viele Zuhörer, die von ihrer Prominenz ergriffen waren. So wurde sie auch bei einem ausverkauften Gespräch in der Queen-Elisabeth-Hall in Londons South Bank als „Guru des Antikapitalismus“ gefeiert. Sie gehört zu den „Top Ten“ der einflussreichsten derzeit lebenden Intellektuellen, wobei ihr Buch allerdings verdeutlicht, dass das nicht gleichzeitig bedeutet, sich als Vordenker zu qualifizieren oder brillant zu sein.

Wenn man sich durch diesen voluminösen Band wühlt, wird einem deutlich, dass die 33-jährige Kanadierin Klein gelegentlich Quantität für Qualität und Interviews für Ideen hält und meistens grundlegendes journalistisches Handwerk mit intellektueller Inspiration verwechselt. Eine sensationssüchtige (wenn auch kaum sensationelle) Autorin wie Klein ist für die heutige Zeit wie geschaffen. Schließlich begeistert unsere heutigen Intellektuellen nichts mehr als vereinfachendes Wehklagen über „Kapitalismus“, „Korruption“ und „Konsum“. Nun ist es eine Sache, wenn Klein es in schier atemloser Aufregung als großartige Neuentdeckung ausgibt, dass Kapitalisten „selbstsüchtige Gewinnstreber“ seien oder kapitalistische Staatsapparate unsere Rechte „niedertrampeln“. Etwas anderes ist es, wenn Intellektuelle dieses Gemisch aus keynesianischer Nostalgie, Abscheu gegenüber starken politischen Überzeugungen und Angst vor sozialen Veränderungen als mutig und radikal anpreisen. Kleins angeblich wegweisende Forschung (so jedenfalls der Klappentext des Buches) zeigt, dass die Verfechter des freien Marktes in zynischer Weise Katastrophen – Kriege, terroristische Angriffe und natürliche Unglücke – nutzen, um Privatisierungsprogramme durchzudrücken. Der desorientierende Einfluss von Katastrophen macht die Masse vermeintlich gefügig im Hinblick auf Entlassungen, Lohnkürzungen und die Ausbreitung privater statt öffentlicher Dienstleistungen. Klein führt die turbulente politische Landschaft im Irak, die Nachwehen des Hurrikans Kathrina in New Orleans und den Tsunami in Asien im Jahr 2004 an, um diese hinterhältige Verschwörung aufzuzeigen. Darüber hinaus argumentiert sie, dass die Fahnenschwenker des freien Marktes, wie General Pinochet, Ronald Reagan und Margret Thatcher, psychologischen „Schock und Angst“ bei den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern herbeigeführt hätten, um Maßnahmen gegen die Arbeiterklasse durchzudrücken.

Ausgehend von den vom CIA genutzten Elektroschocktherapien der 50er-Jahre – bei denen das Gedächtnis des Patienten praktisch „gelöscht“ und dieser gefügig und machtlos gemacht wurde –, zielt die von Klein beschriebene Schock-Strategie auf den absichtlichen Einsatz von Angst und Desorientierung, um Widerstand gegen den freien Markt zu zerschlagen. Wie das soziale Experiment in Chile auf bittere Weise gezeigt hat, besteht kein Zweifel daran, dass Markt und Demokratie nicht ganz miteinander konform gehen, worauf klassische Liberale einst bestanden. Kapitalistische Staaten haben ein pragmatisches Verhältnis zur Demokratie. In stabilen Zeiten trägt die Demokratie dazu bei, die Quellen von originärer Macht und gesellschaftlichen Entscheidungen zu verschleiern, während in Gesellschaften, in denen die Opposition eine Massenbewegung ist, die Demokratie schnell über Bord gehen kann, sofern sie die Akkumulation des Kapitals gefährdet. Es gibt daher keinen Zweifel, dass der Coup in Chile, bei dem die demokratisch gewählte Arbeiterpartei durch General Pinochets Militärgewalt entmachtet wurde, eine Tragödie der jüngeren Geschichte darstellt. Klein jedoch tut so, als ob ihre faktische Darlegung der Geschehnisse von 1973 irgendwie eine schockierende neue Erkenntnis sei und als ob ihre Darstellung besondere Erkenntnisse liefert. Was als Nächstes? Wird sie außer sich sein, sobald sie begreift, dass Hitler die Gewerkschaftsführer 1933 in einer ähnlichen Schock-Strategie weggeschafft hat? Eine weitere gravierende Schwäche der Schock-Strategie ist Kleins Neigung, Ereignisse so hinzuzwängen, dass sich diese wunderbar in ihre These einfügen. In ihrem Kapitel über Chile werden die Massen als psychologisch zu verwirrt beschrieben, um sich gegen das Privatisierungsprogramm zu wenden. Klein zitiert den späten Milton Friedman, nach dessen Glauben Chile einen „Systemschock“ benötigte, um Wachstum zu stimulieren und/oder die Opposition zu befrieden. Es war jedoch nicht so, dass die Masse der Chilenen psychologisch traumatisiert war. Vielmehr war es die Liquidation ihrer politischen Organisationen und ihrer Führung, was den Widerstand gegen Lohnkürzungen und Entlassungen schwieriger machte. Übrigens war es nicht der Fall, dass die Chilenen einfach mit ihren kollektiven Schultern zuckten und weitermachten. Tiefe Feindseligkeit gegenüber dem Regime, die sich immer wieder in offener Konfrontation entlud, war ein Dauerzustand in der politischen Landschaft Chiles.

Eine ähnlich einäugige Interpretation der jüngeren Geschichte findet sich im Kapitel über die Thatcher-Ära in Großbritannien. Thatcher, die 1979 gewählt wurde, war eine berühmte Anhängerin des Ökonomen Friedman und sogar eine diplomatische Verbündete des verachteten Pinochet. Klein klebt diese Fakten zusammen, um einen weiteren Beleg ihrer Idee einer Schock-Strategie zu liefern. Insbesondere glaubt Klein, dass Thatcher den Falklandkrieg 1982 dazu benutzt habe, um die erste Massenprivatisierungsaktion in der westlichen Demokratie zu starten. Dementsprechend führte Thatcher – nach Kleins Interpretation – eine beschränkte Version der Schock-Strategie durch und nutzte diese, um dem Gegner im eigenen Land den (Klassen-)Kampf anzusagen: den Bergarbeitern und der Arbeiterbewegung. Das Buch besteht in weiten Teilen aus oberflächlichen Gemeinplätzen. Es ist sicher wahr, dass Thatcher den Sieg gegen Argentinien im Falklandkrieg erfolgreich nutzte, um ihre nachlassende Popularität zu Hause zu stärken und die Linke und die Arbeiterbewegung als unpatriotische Bedrohung des „nationalen Interesses“ zu brandmarken. Dies ist aber wohl kaum eine Schock- und Einschüchterungsstrategie zur Verwirrung der Gewerkschaften. Vielmehr verhielten sich die Führer der Labour Party und die Gewerkschaften so, als ob sie sich noch immer in der Ära des Nachkriegskonsens bewegten, in der Arbeitskämpfe bei Bier und belegten Brötchen am Regierungssitz in der Downing Street geregelt wurden. Die Thatcher-Regierung jedoch zog die Samthandschuhe aus und startete eine umfassende Offensive gegen die Macht der Gewerkschaften, was die Labour Party völlig unfähig machte, die Arbeiter und sogar sich selbst zu verteidigen.

Wäre die Linke ebenso zielgerichtet darauf konzentriert gewesen, den Lebensstandard und die Rechte der Arbeiter zu verteidigen, wie Thatcher bereit war, diese zu untergraben, hätte das Ergebnis ganz anders ausfallen können. Der Erfolg der neuen Rechten beim Zurückfahren öffentlicher Leistungen und in der Einschränkung der kollektiven Verhandlungsmacht war zu keiner Zeit unausweichlich, wie dies Klein darlegt. Klein scheint die Angewohnheit der alten Linken, Thatchers Unbezwingbarkeit und ihre rohe, autoritäre Art mystisch populär erscheinen zu lassen, wieder aufzuwärmen und nachzubeten. Dabei war es gerade die Rückgratlosigkeit der Labour Party und nicht etwa eine ausgearbeitete Schock-Strategie, die erklärt, wie und warum der „Falkland-Faktor“ Thatcher zum Wahlsieg im Jahr 1983 trug. Klein hat sicherlich Nachforschungen betrieben, aber sie ist zu besessen von ihrer eigenen These, um nüchtern zu beurteilen, was wirklich in den frühen 80er-Jahren passiert ist. Das lässt die Frage nach der Glaubwürdigkeit ihrer gesamten These aufkommen. Tatsächlich macht ihre Reise von der Elektroschocktherapie bis zu Schock und Einschüchterung solche beträchtlichen konzeptionellen und historischen Sprünge, dass ihre Argumentationslinie unausweichlich zusammenbricht. Kleins „Solange-das-Etikett-passt“-Ansatz, mit dem sie die Trümmer und das Blutbad im Irak untersucht, arbeitet nicht wirklich heraus, was neu und spezifisch an der dortigen Krise ist. Zu oft übernimmt sie einfach Argumente der linken Kriegsgegner, wonach Bushs Kriegstreiberei im Irak eine Rückkehr zur kolonialen Ausplünderung der Rohstoffe anderer Länder darstellt, nur mit dem Unterschied, dass dieses Mal Bush Gewalt genutzt hat, um den Irak für ausländische Investitionen und Unternehmen zu öffnen, die der republikanischen Partei freundlich gegenüberstehen. Klein nennt Dienstleistungsunternehmen wie Halliburton und Blackwater als Beweis dafür, dass sogar die Sicherheitskräfte – sogar die Armee selbst – gegenüber der neokonservativen Besessenheit, alles zu privatisieren, nicht immun sind.

Und doch hat das US-Finanzministerium bis heute etwa 212 Milliarden US-Dollar für den Irakkrieg ausgegeben. Es ist schwer zu verstehen, wie die USA durch irakisches Öl reicher werden sollen. In Wahrheit war der Versuch, der Bush-Regierung eine politische Mission zu verschaffen, die wesentliche Motivation für den im Jahr 2003 begonnenen Irakkrieg. Dieses Projekt ist inzwischen zutiefst diskreditiert. Die US-Streitkräfte haben nicht einmal mehr die Autorität, in Bagdad zu patrouillieren. Die Ankunft von Söldnern im Irak ist nicht etwa Folge der Besessenheit mit dem unregulierten und freien Markt, sondern eine Konsequenz dessen, dass es dem Staat in den westlichen Ländern an Mut, Autorität und dem Willen mangelt, für schwierige Handlungen und Entscheidungen die Verantwortung zu übernehmen. Es ist die Schwäche des US-Staates und nicht irgendeine kampfeslustige Kraft, die für die zerstörerische Herrschaft in Irak verantwortlich ist. Im Kapitel, das sich mit dem Wiederaufbau von New Orleans nach dem Hurrikan Kathrina und den Aufräumarbeiten nach dem Tsunami vom Dezember 2004 befasst, wird deutlich, dass private Unternehmen einschreiten, da es den staatlichen Behörden an der notwendigen Entschlossenheit und dem nötigen Kleingeld mangelt, die verwüsteten Gemeinschaften wieder aufzubauen. Das ist sogar nur die Hälfte der Geschichte. Weit davon entfernt, dass dies eine Ära des halsabschneiderischen Kapitalismus darstellt. Investoren sind noch wesentlich zögerlicher und risikobesessener, als Klein zugibt. Am Ground Zero in New York ist diese Lähmung besonders deutlich: Wenn der Kapitalismus im Moment so ungezügelt sein soll, wie kommt es dann, dass ein Ersatz für die Zwillingstürme noch immer nicht gebaut wurde? Tatsächlich hätte Klein es aber als skandalös und unmoralisch angesehen, wenn Unternehmen einen Ersatz gebaut hätten.

In Wirklichkeit ist die Schock-Strategie keine Kritik am Markt per se, dieser ist eher ein Vehikel für die Warnung vor der habgierigen und zerstörerischen Natur des Menschen im Allgemeinen. Klein steuert ein Floß tief reaktionärer und zutiefst konservativer Argumente, die sich eher anhören wie die Abscheu der alten Aristokratie gegenüber der Französischen Revolution als wie ein Manifest für menschlichen Fortschritt. Sie argumentiert, dass das Problem mit schneller kapitalistischer Entwicklung nach einem Unglück darin liege, dass diese die Menschen aus ihren Gemeinschaften reiße und von ihrer Vergangenheit trenne, was genau dem Mumpitz entspricht, mit dem Konservative traditionell den Markt kritisiert haben. Hier nutzt Klein eine unattraktive Mischung aus therapeutischem Psychogeschwätz und schmalziger Sentimentalität und versucht uns davon zu überzeugen, dass es besser sei, das zu reparieren, was wir haben, als es vollständig neu aufzubauen. Sicherlich sind natürliche oder von Menschen verursachte Katastrophen immer tragisch, sie können aber auch eine Chance zum Neubeginn bieten – und im Zuge dessen vielleicht sogar etwas Besseres aufbauen. Klein benutzt die erschütternden Bilder der Elektroschocktherapie, um zu implizieren, dass im vollkommenen Neuaufbau von lokalen Gemeinschaften etwas Schlechtes liege. In periodischen Abständen ermöglicht es die Zerstörung von Maschinen, Gebäuden und Infrastruktur dem Kapitalismus, eine neue Phase profitabler Expansion zu beginnen. Ohne diese Zerstörungs- und Erneuerungsprozesse wäre der Kapitalismus schon längst zusammengebrochen. Klein interessiert sich jedoch nicht für diese strukturelle Schwäche des Kapitalismus. Ihr hauptsächliches Angriffsziel ist das mit freiem Willen ausgestattete Subjekt und wie sich dieses artikuliert – anders gesagt: politische Überzeugung. Klein zufolge beklagen die Fundamentalisten des Kapitalismus und des Kommunismus die Vielfalt und verlangen eine absolut freie Hand, um ihr perfektes System umzusetzen. Die Welt, so wie sie heute ist, müsse ausgelöscht werden, um den Weg für deren puristische Eingriffe frei zu machen. Verankert in biblischen Fantasien großer Flutkatastrophen und Feuer sei dies eine Logik, die unvermeidlich zur Gewalt führe. All das fußt nach Kleins Auffassung im Eigeninteresse des menschlichen Subjekts, das um jeden Preis gefesselt werden müsse. Kleins Argumente wiederholen hier den bereits vor Langem von Adorno und Horkheimer im 1944 veröffentlichten Buch Dialektik der Aufklärung abgesteckten Rahmen. Diese Ideen fanden ihren deutlichsten Ausdruck in der Gegenkultur der 60er-Jahre und wirken bis heute nach.

Fairerweise sollte gesagt sein, dass Klein nicht mit den Globalisierungsgegnern und den Umweltschützern auf gleicher Linie liegt. Im Kern bezieht sie sich gerne auf Keynes und Friedman und sehnt sich nach einer Rückkehr der Ära des Konsens mit gemischter Wirtschaft und umfassenden öffentlichen Leistungen. Abschnittsweise ist das Lesen der Schock-Strategie todlangweilig, etwa so, wie in den späten 80er-Jahren in Kneipen von alten Linken gelangweilt zu werden, die noch immer verzweifelt an der Konsenspolitik, dem Klassenfrieden und ein paar staatlichen Schulen und Krankenhäusern hingen und sich nicht trauten, mehr zu erwarten. Das war vor zwanzig Jahren. Die Tatsche, dass Klein glaubt, dass dieses verstaubte Relikt der Vergangenheit, angereichert mit einigen menschenfeindlichen Vorurteilen, die das Maß voll machen, eine Blaupause für die Zukunft sei, offenbart vielleicht nur eines: dass Kleins Doktrin wirklich schockierend ist – schockierend entsetzlich.