01.11.2008

Ist Emigration Heimatverrat?

Kommentar von Osei Asante Gyapong

Die Abwanderung von qualifizierten Fachkräften ist nicht verantwortlich für die Unterentwicklung Afrikas, sondern kann zu ihrer Überwindung beitragen. Afrikaner werdet zu Weltbürger.

„Goodbye Deutschland! – Die Auswanderer“, „Mein neues Leben XXL“ – so und ähnlich heißen beliebte Reality-Shows in Deutschland und Europa, die ein Phänomen beschreiben, das so alt ist wie die Menschheit: der Wunsch, nicht nur das eigene Leben, sondern auch seinen Wohnort zu verändern. Dieser Wunsch ist keine bloße Aussteiger-Fantasie, sondern Bestandteil und Triebfeder der Menschheitsgeschichte. Sei es die Besiedlung der verschiedenen Kontinente durch den Menschen; sei es die Renaissance, die vielleicht nie stattgefunden hätte, wären griechische Künstler und Intellektuelle nach dem Fall von Byzanz nicht nach Westen gewandert; sei es die Entdeckung Amerikas und die massive Auswanderung nach Amerika im 16. und 17. Jahrhundert; die Emigration der Juden aus Angst vor Verfolgung während der Naziherrschaft – all diese Ereignisse folgen einem gemeinsamen Motiv: dem starken Verlangen nach einem besseren Leben. Wenn dieser Drang also ein normales menschliches Bedürfnis ist, wenn er allen Menschen innewohnt und für ihr Überleben wichtig ist, warum werden dann Afrikaner, die ihre Länder verlassen, um ein besseres Leben zu suchen, zurückgewiesen? Warum tut man so, als seien diese Leute Verräter und die Ursache für die Unterentwicklung in ihrer Heimat, wie man es in der Debatte um den sogenannten „Brain Drain“ so oft hört?

Unter Brain Drain wird die Auswanderung gebildeter und begabter Menschen („Humankapital“) aufgrund von Konflikten, Mangel an Entwicklungsmöglichkeiten und Gesundheitsgefährdungen in den Herkunftsländern verstanden. Während aber betont wird, dass Indiens IT-Sektor von den Kontakten seiner in die USA ausgewanderten Experten enorm profitiert und somit deren Auswanderung keinen Verlust, sondern einen Gewinn für das Land darstellt, wird die Abwanderung von Afrikanern mit dem „Ausbluten“ des Kontinents gleichgesetzt und gilt als negative Kraft, die afrikanische Länder ihrer Entwicklungschancen beraubt und sie noch tiefer im Morast ökonomischer, industrieller und politischer Schwäche versinken lässt. „Die Emigration von afrikanischen Fachkräften in den Westen ist eines der größten Hindernisse für die Entwicklung Afrikas,“ formuliert zum Beispiel die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Afrika (UN/ECA).

Diese Sichtweise suggeriert, es gäbe einen beständigen Strom talentierter und gut ausgebildeter Afrikaner, die – von Egoismus und Gier getrieben – ihrer Heimat den Rücken kehren, um im Westen ein besseres Leben zu genießen. Zurück blieben die Minderbemittelten, schlecht Ausgebildeten, Unfähigen, die nicht in der Lage seien, zur Entwicklung des Kontinents beizutragen. Als beispielhaft hierfür gilt der Gesundheitssektor. Allein in New York arbeiten rund 600 ghanaische Ärzte. Seit dem Jahr 1980 hat Ghana 60 Prozent seiner Ärzte verloren. Kenia verlassen durchschnittlich 20 Ärzte pro Monat. Und im Afrika südlich der Sahara sind gerade einmal 600.000 Menschen im Gesundheitssystem beschäftigt, das so kaum in der Lage ist, 682 Millionen Menschen zu versorgen. Obwohl diese Zahlen zutreffen, ist die Vorstellung, die auswandernden Ärtze seien verantwortlich für die schlechte Gesundheitsversorgung in Ghana, nicht nur irreführend, sondern ignoriert sowohl die tatsächlichen Ursachen für die dortige Unterentwicklung als auch die Chancen, die sich durch die Auswanderung Einzelner in den Westen ergeben. Tatsächlich ist es der Fall, dass die große Mehrheit der emigrierten Afrikaner die positiven Aspekte des Einwanderungslandes aufgreift und sich aktiv dafür einsetzt, die Entwicklung in ihren Heimatländern zu befördern.

Die Frage ist, warum die Menschen auswandern. Letztlich sind es sozusagen ziehende und schiebende Kräfte, die nicht nur in Afrika, sondern auch in vielen Ländern der Welt auf die Menschen einwirken. Die Entscheidung, das eigene Land zu verlassen, wird durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst. Hierzu zählen niedrige und sinkende Löhne, schlechte Wohnbedingungen, der Mangel an Transportmitteln und qualifizierter Arbeit, unbefriedigende Arbeitsbedingungen, geringe Aufstiegschancen, soziale Unruhen, politische Konflikte, Kriege, schlechte Bildungssysteme sowie fehlende Infrastruktur. Demgegenüber entfalten Einwanderungsländer ihre Anziehungskraft durch bessere wirtschaftliche Chancen, höhere Einkommen, höhere Lebensstandards, besser ausgestattete Forschungseinrichtungen, moderne Bildungssysteme und größere Chancen auf eine höhere Bildung, intellektuelle Freiheit, bessere Arbeitsbedingungen und Beschäftigungschancen sowie relative politische Stabilität.

Doch geht es in der Debatte wirklich um den Brain Drain, also um die negativen Konsequenzen, die sich aus der Abwanderung für die Staaten Afrikas ergeben, oder eher darum, dass die Afrikaner da bleiben sollen, wo sie hingehören, also in Afrika? Vielen scheint es eine logische und gute Sache zu sein, sich dafür einzusetzen, dass Afrikaner in Afrika bleiben und sich für die Entwicklung ihres jeweiligen Landes verwenden. Doch betrachtet man die Problematik in einem weiteren Zeithorizont, so läuft diese Argumentation darauf hinaus, die Isolation Afrikas zu forcieren und den Kontinent vom Nutzen der Globalisierung und der Beteiligung am globalen Zusammenwachsen abzukoppeln. Auf lange Sicht würde das für den Kontinent Stagnation und anhaltende Unterentwicklung bedeuten – mithin genau das, was mit dem Einsatz gegen den Brain Drain vorgeblich bekämpft werden soll. Des Weiteren stellt sich die Frage, warum nur über die Auswanderung von Fachkräften gesprochen wird und nicht über ungelernte Arbeiter. Was hilft es, die Qualifizierten im Land zu halten, wenn niemand mehr da ist, der die Arbeiten ausführt, die zur Verwirklichung der Ideen, Visionen und Entwicklungsziele erforderlich sind?

Den Brain Drain für die Misere Afrikas verantwortlich zu machen, stellt die Realität auf den Kopf. Die Hegemonie des Westens über Afrika, die Marginalisierung Afrikas in der Weltwirtschaft, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die Unzulänglichkeit einiger afrikanischer Regierungen, der Mangel an Demokratie und geeigneter Politik sind nur einige der Probleme, mit denen die Menschen in Afrika zu kämpfen haben. Sie sind mitnichten Konsequenzen eines Brain Drains. Statt über die möglichen Schäden zu lamentieren, sollte man lieber die Chancen und Vorteile erkennen, die entstehen, wenn sich aus dem „Brain Drain“ ein „Brain Gain“ ergibt. Ein Beispiel dafür sind die Geldtransfers: Geld, das die Emigranten nach Hause schicken, steigert den Wohlstand und stützt die Zahlungsbilanz. Schätzungen zufolge überweisen Afrikaner, die im Ausland leben, rund 45 Milliarden Dollar jährlich in ihre Heimatländer.

Ein weiterer Vorteil ist der Wissenstransfer. Viele Spezialisten, die aus Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen emigrieren, engagieren sich in internationalen Organisationen und helfen dabei, im globalen Maßstab die richtigen Prioritäten für Gesundheit und Ernährung zu setzen. In der Gesundheitsforschung können Emigranten aus Entwicklungsländern sich dafür einsetzen, dass auf Gebieten geforscht wird, die für ihr Land von Nutzen sind. Sie sorgen so dafür, dass mehr Mittel in diese Forschung fließen. Man kann davon ausgehen, dass ihre Arbeit Auswirkungen auf viele Schwellen- und Entwicklungsländer hat. Die enge Sichtweise des „Brain Drains“ als Einbahnstraße macht es schwer, die positiven Effekte wahrzunehmen. Der Umzug einer Person von einem Land in ein anderes kann nicht einfach als Verlust von Wissen gewertet werden. In der heutigen Zeit, die alle Voraussetzungen für einen schnellen und preiswerten Informationsfluss bietet, kann damit durchaus ein Gewinn für das „entsendende“ Land entstehen, wenn nämlich die Person den Kontakt in die Heimat hält und von ihren Möglichkeiten am neuen Wohnort Gebrauch macht, um auch Know-how ins eigene Land zu transferieren. So sollte man heute eher von „Brain Gain“ sprechen, oder noch passender: von „Brain Circulation“. Man kann auch in Land A wohnen und mit seiner Arbeit Land B von Nutzen sein.

Die nicht zu leugnende Emigration von Fachkräften aus Afrika wird sich so lange fortsetzen, wie das Streben nach einem besseren Leben im eigenen Land nicht ausreichend verwirklicht werden kann. Doch sich nur auf diesen Brain Drain zu konzentrieren oder ihn gar zu dämonisieren und Menschen zu kritisieren, die sich auf die Suche nach einem besseren Leben machen, schadet dem Ziel, die negativen Auswirkungen des Brain Drains zu verhindern. Sinnvoller ist es, die Chancen ins Auge zu fassen und dafür zu sorgen, dass von der Übersiedlung in den Westen auch die Menschen in Afrika profitieren.