01.11.2008

Editorial

Von Thomas Deichmann

Zu Tode „entwickelt“ - Einige klassische Entwicklungsländer haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu Schwellenländern hoch gearbeitet. Nun sind sie drauf und dran, im Schatten der Finanzkrise ihre Weltmarktpositionen gegenüber den alten Platzhaltern auszubauen. Eine Verschiebung des internationalen Kräftegleichgewichts ist eine unabdingbare Folge des aktuellen Geschehens an den Finanzmärkten. Für diejenigen, für die es bislang schon schlecht aussah, bleibt es indes prekär.

Laut einem aktuellen Weltbankbericht haben 2005 mehr als drei Milliarden Menschen ihren Lebensunterhalt mit höchstens zweieinhalb US-Dollar pro Tag bestreiten müssen. Mehr als 30.000 Menschen sterben Tag für Tag an Unterernährung und heilbaren Krankheiten. Am dramatischsten ist und bleibt die Situation in Afrika südlich der Sahara. Durch die Verwerfungen auf den internationalen Agrarmärkten, hervorgerufen u. a. durch westliche Klima- und Bioenergiefantasien und die aktuelle Bankenkrise, droht sich die Lage weiter zu verschärfen. Allein in Togo haben sich die Lebensmittelpreise von Januar bis Juni 2008 annähernd verdreifacht. Auf unser Preisniveau umgerechnet, muss eine Krankenschwester dort nun fast vier Tage arbeiten, um 20 Euro für einen Liter Milch berappen zu können, rechnet die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe vor.
Etliche Hilfsprojekte stehen zurzeit vor dem Aus. Es wird auch kaum mehr bestritten, dass Entwicklungshilfekonzepte ganz allgemein, zumindest für Afrika, gescheitert sind. Aber wie wird dies gemeinhin begründet, und welche Konsequenzen zieht man? Es dominieren Schuldzuweisungen und die auch uns sattsam bekannte grüne Sparbrötchenagenda: Schwarze Eliten seien korrupt, ihre Bevölkerungen demokratieuntauglich und Afrikaner ganz generell am besten an der kurzen Leine zu halten und zu belehren, wie man ein bescheidenes Leben mit minimalem „ökologischem Fußabdruck“ führt, heißt es allerorts. Unsere Redakteurin Barbara Off und die weiteren Autoren unseres Themenschwerpunkts sehen das etwas anders.
Mit der aktuellen Finanzkrise befassen sich Sabine Reul und Alexander Horn. Offenbar fördert das Börsendebakel alle möglichen Probleme zutage, die sich in den letzten Jahrzehnten aufgetürmt haben und in Novo schon lange das zentrale Thema waren. Der eklatante Vertrauensverlust in die Zukunftsfähigkeit der Menschheit gepaart mit misanthropischen Risikoobsessionen und der Orientierungslosigkeit der politischen Klassen haben die Turbulenzen auf den Finanzmärkten ohne Frage mitverursacht. Weniger der „Neoliberalismus“ hat die aktuelle Krise mit heraufbeschworen als vielmehr bürokratische Regulation auf der einen und gedankenleere Kurzsichtigkeit im Handeln auf der anderen Seite. In der kommenden Ausgabe werden wir die Thematik vertiefen.

Mitte November erfolgt der Relaunch unserer Website unter der neuen Adresse www.novo-argumente.com. Dort können Sie unseren Infoletter per E-Mail oder Feeds abonnieren. Außerdem bieten wir ab sofort exklusive Utensilien im Novo-Layout: Blöcke, Stifte und Ordnerrückenschilder. Denken Sie daran (wie auch an Geschenkabonnements), wenn Sie Ihre Weihnachtseinkäufe planen.

Mit den besten Wünschen für die Feiertage, den Jahreswechsel und für eine anregende Lektüre, Ihr

Thomas Deichmann
Chefredakteur