01.09.2008

Das Individuum ist’s

Essay von Alexander Hans Gusovius

Das Ende der Moderne naht. Und was kommt danach? Von Alexander Hans Gusovius

Niemand schaut gern die Werke von Beuys an, niemand liest gern die Romane von Grass, niemand hört gern Zwölftonmusik. Viele tun es trotzdem. Warum? Weil man es eben tut. Hochkultur hat Orte und Namen, und daran orientiert man sich, wenn man über den Tellerrand schauen will. Die Gesichter der Leser, Hörer und Schauenden verraten jedoch, wie wenig Freude ihnen der hohe kulturelle Konsum macht. Verbissener Ernst, verdrängte Langeweile, Ratlosigkeit sind in den Gesichtern zu lesen, ein einziger Gang ins zeitgenössische Theater beweist es. Man muss kein Prophet sein, um einer Kunst und Kultur, die ihr Publikum derart malträtiert, das Ende vorherzusagen. Irgendwann sieht auch der genügsamste Zuschauer, dass der Kaiser keine Kleider anhat, und begehrt auf.

Das Schicksal der untergegangenen DDR lehrt, wie rasch so ein Ende kommen kann. Es reicht einfach nicht, politisch-moralische oder sinnhafte künstlerische Zusammenhänge zu behaupten und die Freudlosigkeit und Qual der gelebten Gegenwart zu ignorieren bzw. definitorisch ins Gegenteil zu verkehren. Im Reich der Kunst und Kultur wird das Aufbegehren denn auch genau den Verlauf nehmen wie einst die DDR – die Leute gehen woanders hin, und dann wird entweder geschossen, oder es brechen sämtliche Dämme. Noch vermag die moderne Kunst ihre staatstragende Stellung leicht zu behaupten; sie hat in den zurückliegenden 40 Jahren nicht nur absolute Deutungshoheit erlangt, sondern auch die gesamte staatliche Finanzförderung erobert. In zahllosen Gremien, Ministerien und Instituten sitzen ihre von öffentlichen Geldern bezahlten Agenten, steuern über mediale Hebel den kulturellen Diskurs und binden ein längst schon überdrüssiges Publikum einstweilen noch an sich.

Es bedarf also eines Umsturzes von unten. Aber dazu braucht es andere künstlerische Angebote, woran sich zwei Fragen knüpfen: Welche Angebote könnten das sein, und wie hat die moderne Kunst es überhaupt geschafft, so mächtig zu werden und ihr Nacktsein wie goldenen Brokat zu verkaufen? Letzteres erklärt sich so, dass durch die umstürzenden Lebensverhältnisse der Industrialisierung ausgangs des 19. Jahrhunderts und ihre entsetzlichen Kriegsfolgen im 20. Jahrhundert ein großes Misstrauen einsetzte gegenüber allem, was nach bürgerlichen Werten aussah, da man das Bürgertum als herrschende Schicht für all die Grausamkeiten verantwortlich machte. Damit lag man im Grundsatz nicht ganz falsch, doch man übersah, wie schnell sich im Gefolge der Industrialisierung ein statthaftes Kleinbürgertum entwickelt hatte, hervorgegangen aus dem Arbeiter- und Bauernmilieu. Und genau dieses Kleinbürgertum, frei von bürgerlichen, aber auch von proletarischen Ehrbegriffen, dazu ausgestattet mit einem gewaltigen Hunger nach Macht, prägte von nun an die gesellschaftliche Entwicklung. Der Nationalsozialismus stützte sich ganz wesentlich auf diese Klientel, nicht anders als der Kommunismus. Wie zielgerichtet dieser seiner angeblichen Arbeiter- und Bauernverliebtheit entgegen handelte, zeigt der millionenfache Kulakenmord Stalins – freie und selbstständig denkende Bauern waren das Letzte, was der Kommunismus brauchen konnte.

Das Kleinbürgertum ging in der Folge als einzige gesellschaftliche Kraft unbeschadet aus dem Zweiten Weltkrieg hervor und herrscht bis in unsere Tage. Seine Stärke liegt darin, dass es sich vom Bürgertum den ins Scheinindividuelle gewendeten Begriff vom handelnden Ich ausgeliehen hat und vom Proletariat den Begriff von Solidarität, den es umgedeutet hat in die Tarnung des Einzelnen in der Gruppe, was in der Summe dazu führt, dass es für sein Handeln und Begehren jedwede persönliche Verantwortung wirkungsvoll ablegen kann. Das Kleinbürgertum ist ein Zwitter aus Kollektiv und Individuum, sein höchster Wert der Relationismus.

Schaut man sich daraufhin die künstlerischen Werke an, die seit 1945 entstanden sind, erkennt man, dass sie in der überwältigenden Mehrheit genau jenen Prinzipien entsprechen, die das Kleinbürgertum etabliert hat: Die legendäre Gruppe 47, deren Epigonen uns immer noch drangsalieren, ist das beste Beispiel dafür. Ihre durchschlagende Kraft aber bezog sie aus dem geradezu ungeheuerlichen wirtschaftlichen Aufschwung, den das Kleinbürgertum nahm, was diesem so viel Macht bescherte, dass sich, was vom Bürgertum übrig geblieben war, ihm andiente; fast alle Arbeiter und Bauern wurden über die Jahre ebenfalls zu Kleinbürgern. Die Gruppenbildung in Kunst und Kultur traf also in Gestus und Tonfall auf eine parallel gestimmte Kleinbürgergesellschaft, die von althergebrachter, bürgerlicher Kunst so wenig wissen wollte wie sie etwas davon verstand. Die Kunstwerke waren danach: nicht zu gehaltvoll, aber unverstehbar genug, dass es nach Intellekt und Kultur schmeckte, die eigentliche Biederkeit verbergend, Gruppenidentitäten stiftend, zunehmend formelhaft und kalt. Der revolutionäre Tonfall, der Kunst und Kultur bis heute dominiert, ist dabei nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas – er erfüllte nur die antibürgerlichen Reflexe des Kleinbürgertums und bediente gleichzeitig seinen Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg. Wirkliche, echte Revolution war keines Kleinbürgers Ziel, alles Trachten ging in Richtung Toskana, der Überhöhung des kleinbürgerlich-italienischen Reisetraums der Nachkriegszeit.

Was kommt danach? Wie kann Kunst anders sein? Die Antwort ergibt sich aus dem Gesagten, unsere Kleinbürgerwelt ist am natürlichen Ende angekommen. Vom enormen Wohlstand verwöhnt, zugleich in begründeter Angst, ihn zu verlieren, sucht sie nach neuen Inhalten, die das Bekannte nicht länger nur bestätigen. Die kleinbürgerliche Gegenwart beginnt sich zu transzendieren, sie hat Hunger nach einem wirklichen Ich, weil in der Gruppe niemand mehr wirkungsvollen Schutz erfährt und man sich, auch infolge weitläufiger Reisen und eines gewissen Bildungsaufstiegs, in der Welt umzuschauen beginnt. Die Globalisierung trägt nicht wenig dazu bei und erweist sich als äußerst heilsame Entwicklung. Die Menschen der Gegenwart wollen darum herausgefordert sein. Es genügt nicht mehr, am Rande eines simulierten Ichs zu lavieren, sie wollen anpacken und angepackt werden, um dieses eine große, ihnen unbekannte Gelände endlich kennenzulernen: Das eigene Ich – und das gegenwärtige Romantisieren mit der Rückkehr in bürgerliche Wertewelten ist ein beredter Ausdruck dafür. Für die Kunst aber kann romantisches Liebäugeln nicht der Weg sein. Sondern nur solche Kunstwerke werden demnächst und auf längere Sicht noch Erfolg haben, die jenes Ich, nach dem unsere Welt so sehr verlangt, in sich tragen und inhaltlich und formal repräsentieren.

Das hat bei Gemälden zur Folge, dass sie erkennbare Motive in höchst persönlicher Weise so ausdeuten werden, dass sie dem Betrachter zu eigenem, realem Blick verhelfen. Romane werden nicht länger gesellschaftskritisch sich selbst bespiegeln, sondern das komplizierte Geflecht von Außen- und Innenwelt, von Schicksalhaftigkeit und gesellschaftlicher Umgebung in Handlung überführen, um Antwort zu geben auf die drängende Frage nach selbst zu gestaltender Zukunft. Theaterstücke werden, wie die Romane auch, ihre Thematik sprachlich zentrieren und den Ausweg aus dem kommunikativen Gestammel der künstlerischen Gegenwart weisen. Musik wird hörbar, anspruchsvoll und zugleich unterhaltsam sein müssen – wie alle Kunst, die Publikum finden will. Daraus wird parallel eine Wertediskussion erwachsen, die weder bürgerliche noch kleinbürgerliche noch revolutionäre Schablonen bedient, sondern allein von der Frage gesteuert ist, wie der Mensch sein Leben und sein Schicksal im 21. Jahrhundert in die Hand nehmen kann. Es wird zu klären sein, wo und wie sich sein Ich in einer völlig neuen Zeit platziert. Eines aber ist sicher: Ein neues Individuum ist dabei, in die Welt zu treten. Die neue Kunst wird das zum Gegenstand haben, und die moderne Kunst wird abtreten.