01.09.2008

Eine Auseinandersetzung mit dem Nichts

Essay von Beda M. Stadler

Weder das totalitäre noch das religiöse Denken verträgt sich mit der Wissenschaft.

War am Anfang das Wort?

Am Anfang soll das Wort gewesen sein, also fast nichts. Das Nichts ist aber anscheinend etwas, mit dem man sich auseinandersetzen kann. So geschehen vor Jahren in Japan: Der Garten des Nichts in Kioto hat mich dabei beinahe ins Nichts gestürzt. Während sich meine Wissenschaftlerkollegen in dunklen Kongressräumen tummelten, wo (damals noch üblich) vor allem blau-weiße Diapositive gezeigt wurden, saß ich alleine im Garten des Nichts. Ein Glücksfall, in dieser Touristenattraktion alleine sein zu können. Bis dahin galt das Nichts für mich nichts. Hier starrte ich nun aber auf einen sorgsam gerechelten Kies mit drei Felsblöcken, die sich von einer Insel zu Walfischen wandelten. Das Nichts war in diesem Garten plötzlich weit weg von nichts.

Es war damals auch die Zeit, als ich langsam mit der Bibel in Clinch geriet. In diesem Buch wird ja behauptet, am Anfang sei ein Wort gewesen. Das ist auch nicht nichts, sondern ein Wort. Meine Furcht vor Gott und der Welt war aber noch so dominant, dass diese „Erklärung“ als Grundlage ausreichen musste, um die Welt zu verstehen. Angst ist schließlich die Mutter aller Religionen. Jetzt, als alternder Immunologe,  macht es allerdings Spaß zurückzublicken, wie sich ein Nichts wandeln kann. Die Angst ist weg. Mein Leben wird von einem Heidenspaß geprägt und erlaubt mir nun, als Heide Spaß zu haben. Es scheint mir, der Glaube an das Nichts begründet bei manchen Mitmenschen ihren Hang zum Irrglauben.

Die Angst vor der Wissenschaft

Heute fürchten sich Menschen vor vielen Dingen. Neben der Gottesfurcht scheint vor allem die Furcht vor der Gentechnik zu grassieren. Also will eigentlich gar niemand hören, dass unser Körper eine Million Genmanipulationen pro Sekunde durchführt, wo doch Greenpeace und andere wegen bloß einer Genmanipulation in der sogenannten Natur auf die Barrikaden gehen. Die Evolution hat sozusagen die Menschheit gespalten: in jene, die die Natur als mystischen, gottgegebenen Ort empfinden, und in jene, für die keine Natur existiert, aber dafür eine umso schönere Evolution. Jeder Wissenschaftler, der das realisiert und einen genügend breiten Rücken hat, beginnt sich zu diesem Zeitpunkt womöglich in die öffentliche Diskussion einzumischen. Das ist wichtig, schließlich gibt es bei uns noch Menschen, die glauben, die Erde sei flach. Dabei ist die Evolution nämlich drauf und dran, klammheimlich, so scheint es, einen geistigen Sprung zu tun. Möglicherweise gibt es gar in der Zwischenzeit Belege für eine geistige Evolution. Doch davon später mehr.

Die Evolution prägt bald hoffentlich nicht nur den Wissenschaftler, sie könnte unser Zusammenleben hilfreich beeinflussen. Wer glaubt, der Mensch sei geschöpft worden, wird früher oder später ein Problem mit den Hautfarben kriegen. Die Evolution lehrt uns allerdings, dass womöglich die ersten Menschen eine dunkle Haut hatten. Wir sind also möglicherweise bleiche Mutanten, nicht das Original. Das muss nicht wahr sein, spielt jedoch keine Rolle, weil genau dies der Vorteil der Wissenschaft ist. Wissenschaft kann und wird sich irren. Die Wissenschaft kann indessen aus Fehlern lernen. Jedes andere totalitäre oder Glaubensmodell basiert letztlich auf dem Unfehlbaren, und dieser Gedanke verträgt sich nicht mit der Evolution.

Obecalp

Für den Biologen liefert die Evolution somit ein Grundmodell für viele Entscheide und Denkmodelle. Wie für alle anderen Wissenschaftler, so steht auch für ihn ein solches Denkmodell auf mehreren Säulen. Diese Säulen haben aber einen gemeinsamen Nenner: die Rationalität. Man kann also eine wissenschaftliche Hypothese nicht von anderen wissenschaftlichen Prinzipien trennen, wie etwa der Reproduzierbarkeit, weil dahinter wiederum die Rationalität lauert. Die Irrationalität produziert eine Art von Schizophrenie. Ich habe Kollegen, die gläubig sind. Für sie gibt es zwei Welten: die Rationalität auf der einen und die Irrationalität auf der anderen Seite. Unter Biologen scheint sich die Mehrheit für die Rationalität entschieden zu haben, bei medizinischen Kollegen wahrscheinlich auch, aber mir scheint der Prozentsatz von Medizinern, die an das Irrationale glauben, etwas größer als bei den Biologen. Zurzeit sitzt bei meinen Studenten immer eine kleine Phalanx von gläubigen Christen im Hörsaal. Meist junge Damen, die für keinen Sex vor der Ehe werben oder für ähnliche Abstinenzen, die letztlich auf einem absurden Glaubensmodell basieren. Bei jungen Medizinern ist man also oft nicht so sicher, ob sie nun Arzt oder Heiler werden wollen. Jene, die Arzt werden wollen, sind ganz eindeutig der Naturwissenschaft verpflichtet, der Rationalität. Die Heiler haben keine niederen Beweggründe. Sie wollen Gutes tun, nur scheint ihnen eben auch das Mittel der Irrationalität recht dazu.

Nur so kann man es erklären, dass es Ärzte gibt, die an das Nichts glauben. Einige davon betiteln sich öffentlich als Homöopathen. Für diese Heiler existiert das Nichts effektiv. Sie verdünnen ihre Urtinkturen manchmal so weit, dass sämtliches Wasser des Universums nicht ausreichen würde, falls man den Verdünnungsschritt in einem Male tun würde. Die übliche homöopathische Verdünnung C30 hat mehr als 1030-mal weniger als nichts drin. Hier findet also eine eigenartige Auseinandersetzung mit dem Nichts statt. Was für ein Kontakt hat hier stattgefunden, das weniger als nichts zu „etwas“ wird? Dieses Etwas hat dem ungeachtet einen saftigen Preis. In Amerika gibt es in der Zwischenzeit eine neue Pillenpackung mit dem Namen „Obecalp“. Obecalp schmeckt nach Kirschen, hat als Träger Dextrose, so wie viele andere Pillen, enthält aber keinerlei Wirkstoff. Lesen Sie „Obecalp“ rückwärts und sie begreifen: Hier ist das erste Placebo, das sich über die Alternativmedizin lustig macht, ohne etwas drin zu haben. Das Nichts wird hier zum Markenprodukt. Es gibt bereits Mütter, die Obecalp einsetzen. Kinder lernen deshalb sehr früh, dass es für jedes Problem eine Pille gibt. Dies ist eine eindeutige Vergiftung des kindlichen Gehirns. Es gibt nicht für jedes Problem eine Pille, und ein Kind, das so aufwächst, riskiert, später an das Nichts zu glauben. Der mütterliche Betrug wird auffliegen und dem verabreichten Nichts eine allenfalls ungewohnte Bedeutung zumessen.

Drei Dinge braucht der Mensch

Das Wort, das am Anfang stand, ist also das Nichts, und das Nichts unseres alltäglichen Lebens gehört zum Irrationalen. Außer man gesteht sich ein, dass nichts Nichts ist. Die Wissenschaft könnte aber Trost spenden. Es ist einfach. Drei Dinge braucht der Mensch: Philosophie, Kunst und Wissenschaft. Das ist der Ersatz für das Nichts, weil diese drei Dinge alles sind. Auf diesen drei Säulen wurde der Humanismus gebaut. Neuerdings wird er deswegen auch als evolutionärer Humanismus bezeichnet, um deutlich zu machen, die Wissenschaft dürfe nicht mehr aus der Kunst und aus der Philosophie gedrängt werden. Der Humanismus ist also womöglich das erste handfeste Zeichen für eine um sich greifende geistige Evolution. Niemand kann bestreiten, dass diese geistige Evolution bereits sehr erfolgreich ist. Man kann den Erfolg daran messen, dass die Anzahl der Hexenverbrennungen drastisch abgenommen hat. Es wurde auch noch nie ein Humanist mit einer Bombe am Bauch erwischt.

Man sollte die Tatsache, dass die Erfolge des Humanismus jeweils den Religionen abgetrotzt werden mussten, nicht aus den Augen verlieren. Dabei geht es nicht einmal besonders um religiöse Inhalte, sondern um Rationalität. Die demokratischen Prinzipien, die Gleichstellung von Mann und Frau, die Meinungs- und Redefreiheit sind solche Errungenschaften. Freuen wir uns also darauf, dass die Wissenschaft jetzt auch in Bereiche vordringt wie etwa die Spiritualität. Freuen wir uns darauf, dass das Nichts je länger je mehr zurückgedrängt wird und ersetzt wird mit etwas. Auch wenn wir noch nicht wissen, was es ist. Aber alleine die wissenschaftliche Gewissheit zu haben, dass Moral ein evolutionäres Programm ist, ist doch bereits Trost.

Wir Menschen sind Tiere, und wir verhalten uns eben wie die Moleküle innerhalb des Immunsystems, wie das Immunsystem selber und wie jedes andere Tier. Vielleicht ermöglicht uns aber die geistige Evolution einen neuen Kontakt mit den Mitmenschen und mit Fremden, also mit fremd und eigen, so wie dies das Immunsystem jeden Tag tut. Wer sein Immunsystem „stärken“ will, sollte daher vermehrt Kontakt suchen. Am besten mit Andersdenkenden, damit man etwas lernt. Wichtig dabei ist alleine, dass man dies ohne Respekt tut. Respekt hat nämlich niemand verdient, der an das Irrationale glaubt. Leute, die Respekt einfordern, wollen schließlich nur Macht. Dafür schenken wir unseren neuen Kontakten Toleranz, allerdings nur so lange, wie sie sich nicht an den Prinzipien der Evolution vergehen.