01.07.2008

Futter, Lebensmittel und Sprit – reichen die globalen Ressourcen?

Analyse von Gerhard Flachowsky

Analyse über sich ändernde Rahmenbedingungen der Landwirtschaft.

Die Nutzung von Pflanzen als Lebens- oder Futtermittel steht vermutlich vor einer der größten Herausforderungen in der Menschheitsgeschichte. Die Ursachen dafür sind die wachsende Erdbevölkerung und die Begrenztheit wichtiger Ressourcen. Dieser Einschätzung kann erwidert werden, dass Thomas Robert Malthus, der „Club of Rome“ oder andere Warner schon häufig Untergangsszenarien postulierten, hingegen Personen wie Albrecht Daniel Thaer, Justus von Liebig oder Norman Ernest Borlaug zu großartigen Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft beitrugen.

Die Frage der Nahrungssicherheit stellt sich heute allerdings mit größerem Nachdruck als früher, denn die Dimensionen haben sich drastisch verändert. Zu Malthus’ Zeiten (ca. 1800) lebte etwa eine Milliarde Menschen auf der Erde, als die Berichte des „Club of Rome“ für Aufsehen sorgten (1972) waren es rund vier Milliarden. Gegenwärtig wird unser Planet von etwa 6,5 Milliarden Menschen bevölkert. Und bei Berücksichtigung eines mittleren Bevölkerungswachstums-Szenarios werden im Jahr 2050 ungefähr neun Milliarden Menschen auf der Erde leben, die dann aber, im Vergleich zu heute, nahezu die doppelte Menge an Milch und Fleisch verzehren werden (siehe Tabelle).


Herausforderungen für die globale Tierproduktion
 

  aktuell 2050 Anstieg [%]
aktuell = 100
Erdbevölkerung [Mrd.] 6,5 9,0 138
Fleischproduktion [Mio. t]* 229 465 203
Milchproduktion [Mio. t] 580 1043 180



Quelle: FAO 2006
* Schlachtkörpermasse


Der überproportionale Anstieg des Nahrungskonsums resultiert nur teilweise aus dem Bevölkerungswachstum. Vor allem schlagen steigende Einkommen (z.B. in China, Indien, Brasilien) und die wachsende Nachfrage nach Fleisch, Milch und Eiern als „Wohlstandsindikatoren“ zu Buche. So erreichte schon 2005 der Milch- bzw. Fleischverbrauch in China das 3- bzw. 2,4-Fache der Werte von 1990.1

Für Lebensmittel pflanzlicher Herkunft gibt es auch in Zukunft ausreichend Anbauflächen (etwa 1,5 Mrd. ha Acker- und 3,3 Mrd. ha Grasland). Eng wird es für von Tieren stammende Lebensmittel – also Milch, Fleisch oder Eier. Zur Erzeugung von 1 kg Milch benötigt man aktuell durchschnittlich 0,6 m2 Ackerland für den Anbau von Futtermitteln, für 1 kg Schweinefleisch sind etwa 6 m2 erforderlich. In den semiariden Regionen, wenn also die Verdunstung den Niederschlag sechs bis neun Monate im Jahr übersteigt, kann dieser Flächenbedarf sogar mehr als das Zehnfache betragen. Rechnet man diese Faktoren hoch, so gelangt man zur Einschätzung, dass im Jahre 2050 eigentlich nicht 9, sondern nahezu 13 Milliarden Menschen auf dem Niveau der gegenwärtigen Lebensmittelbereitstellung zu versorgen sein werden.

Schon hieraus ergeben sich erhebliche Herausforderungen für die Agrar- und Pflanzenwissenschaften. Hinzu kommt der steigende Bedarf an Flächen für nachwachsende Rohstoffe sowie für Siedlungen und Verkehr. Schützens- bzw. erhaltenswerte Areale und Biotope müssen ebenfalls bedacht werden. Neu hinzugekommen ist in den letzten Jahren die starke Ausweitung der Nutzung von Biomasse als Energiequelle – sei es in Form von Biosprit oder Biogas. In diesem Spannungsfeld von Bevölkerungsentwicklung und Ressourcenverbrauch dürfen schließlich auch sozioökonomische und ethische Aspekte einschließlich der Armutsbekämpfung und der Umwelteinfluss nicht vernachlässigt werden. Beispielsweise werden bei der Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft erhebliche Nährstoffmengen in die Umwelt abgegeben: pro Liter Milch ca. 15 g Stickstoff, 2 g Phosphor und 20 g Methan und pro Kilogramm Schweinefleisch etwa 100 g Stickstoff, 15 g Phosphor (aber nur Spuren von Methan).2 Das Niveau bzw. die Intensität der Lebensmittelerzeugung hat demnach erheblichen Einfluss auf die Höhe des Ressourceneinsatzes und der Emissionen je Tier bzw. je erzeugtem Tierprodukt.

Bis zum Jahr 2050 bleibt noch Zeit genug, um auf Grundlage des wissenschaftlichen Fortschritts Anpassungen vorzunehmen. In der aktuellen Diskussion werden aber auch kategorischere Optionen ins Feld geführt:
• Bevölkerungswachstum reduzieren oder stoppen
• Verbrauch an Lebensmitteln tierischer Herkunft, fossilen Energien u.a. vermindern oder einfrieren
• Erzeugung „simulierter“ Lebensmittel tierischer Herkunft (z.B. Aufbereitung pflanzlicher Proteine.3

Solche Ansätze sind weitgehend unbrauchbar, denn mit welchem Recht (und wie) sollte der Fleischverbrauch in China auf 20 kg pro Einwohner und Jahr begrenzt werden, während in Westeuropa und in den USA 70 bis 100 kg normal sind? Eine Reduzierung „westlicher“ Verzehrmengen wäre aus ernährungsphysiologischer Sicht zweifelsohne wünschenswert. Doch wer gibt schon freiwillig lieb gewonnene Gewohnheiten auf?

Zukunftsweisend erscheint die Erhöhung der Effektivität entlang der Wertschöpfungsketten. Damit würden alle begrenzt verfügbaren Ressourcen effektiver genutzt. Beispielsweise müsste 1 kg Getreide mit weniger Wasser (aktuell ca. 1 m3/kg) auf weniger Anbaufläche (durch Ertragssteigerung) und mit weniger sonstigem Ressourceneinsatz (sogenannte Low-Input-Sorten: weniger Dünger oder Pflanzenschutzmittel, geringerer Transportaufwand; Stickstoff-Fixierung durch Pflanzen usw.) erzeugt werden. Bei der Verfütterung an lebensmittelliefernde Tiere müsste verstärkt darauf geachtet werden, dass Getreide und andere Futtermittel so effektiv wie möglich in Milch, Fleisch oder Eier umgewandelt werden. Effektiverer Ressourceneinsatz bedeutet für die Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft auch geringere Ausscheidungen, die zu Umweltbelastungen führen können. Je mehr Milch, Fleisch oder Eier pro Futtermittelmenge erzeugt werden, desto geringer sind die Ausscheidungen je Produkteinheit. Eine effektivere Ressourcennutzung ist also auch aus ökologischen Gründen erforderlich.

Global betrachtet bestehen gegenwärtig erhebliche Unterschiede bei der Verbesserung der Ressourceneffizienz. Je niedriger das Ertrags- bzw. Leistungsniveau von Pflanzen oder Tieren ist, umso einfacher erscheinen Effizienzsteigerungen, und umso nachhaltiger können sie sein. Dabei darf aber auch nicht übersehen werden, dass Nutztiere in vielen Regionen der Erde neben der Lebensmittellieferung noch weitere Funktionen haben. Sie dienen als Arbeitstiere, Düngerlieferant und Heizmaterial. Hinzu kommt ihre kulturelle Bedeutung. Bei hohem bzw. sehr hohem Leistungsniveau hingegen fällt eine Effizienzsteigerung zumeist weit geringer aus.

Die sich ändernden Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft werden auf jeden Fall globale wie lokal begrenzte Anpassungen nach sich ziehen. Beispielsweise leben gegenwärtig noch über eine Milliarde Menschen (ca. 15 Prozent der Erdbevölkerung) von Subsistenzwirtschaft zur reinen Eigenversorgung auf sehr niedrigem Produktionsniveau. Diese Landwirte wird man für ein umfassenderes Agrarmanagement gewinnen müssen. Agrarwissenschaftler sind gefordert, in Zusammenarbeit mit Ökonomen und anderen Wissenschaftsdisziplinen Lösungen vorzuschlagen. Berücksichtigt werden sollten folgende Faktoren:
• Umsetzung von gesichertem Wissen in Regionen mit geringer Ressourceneffizienz
• Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen Futtererzeugungsvermögen eines Standortes und dem Umfang der gehaltenen Tierbestände zur Vermeidung von irreversiblen Standortschäden (z.B. Vermeidung von Überweidung)
• Schaffung von Anreizen in viehreichen Regionen zur Erzeugung der erforderlichen Lebensmittel mit weniger Tieren (z.B. Verbesserung von Tiergesundheit und Futterbasis, Entwicklung einer Futtervorratswirtschaft, Vermeidung von Lagerungsverlusten)
• Intensivierung der Forschung zur weiteren Verbesserung der Ressourceneffizienz wie z.B.
- klassische wie biotechnologische Züchtung von Pflanzen mit geringen Ansprüchen (Low-Input-Sorten)
- Verbesserung des Pflanzenbaus und der Pflanzengesundheit
- effektivere Umwandlung von Futtermitteln in Lebensmittel tierischer Herkunft durch bedarfsgerechte Tierernährung mit gesunden Tieren
- Berücksichtigung von Ökobilanzen entlang der Nahrungs- und Wertschöpfungsketten (Life-Cycle-Studien, Erfassung aller Rohstoff-/Ressourceneinträge sowie der umweltrelevanten Austräge.4

Lösungsansätze sind vorhanden. Jetzt kommt es darauf an, alle Beteiligten für die Thematik zu sensibilisieren und zügig mit der Umsetzung zu beginnen.