01.05.2008

Editorial

Von Thomas Deichmann

Der Kult ums Kind - Die Kampagne „Du bist Deutschland“, mit der seit 2005 für „mehr Kinderfreundlichkeit“ geworben wird, ist nett gemacht und mitunter rührend. Doch langsam wird sie ermüdend, zumal sie sich bei näherer Betrachtung nur als weiteres Beispiel für den Kult erweist, den wohlsituierte Mittelschichtvertreter um Kinder treiben. So als würde unser Nachwuchs nicht schon genug betüddelt, gehen die Initiatoren offenbar davon aus, dass Kinder vor allem hilflose und unterdrückte Opfer sind. Deshalb bemüht man sich um „eine positivere Einstellung gegenüber Kindern in Deutschland“. Ziel ist es zudem, Menschen zu motivieren, „sich verstärkt für Kinder zu engagieren“.

Das klingt freundlich, ist aber an den Haaren herbeigezogen, denn den allermeisten Kindern geht es blendend. Zudem wirkt der implizierte Gedanke, dass zu kleinen Engeln stilisierte (und deshalb oft unerzogene) Sprösslinge zukünftig noch öfter das Geschehen schon beim einfachen Gesprächsversuch zwischen Erwachsenen bestimmen, schon fast als Drohung. Doch so ist es natürlich nicht gemeint. Sorge bereiten den Kinderkampagnenreitern nicht die eigenen Zwerge, sondern die anderer Schichten, für die man Partei ergreifen will. Fernab der Wirklichkeit gelten sie heute als potenziell missbraucht oder vernachlässigt. Derlei wird durch das Kolportieren vereinzelter Kinderschicksale regelmäßig rezitiert. Daraus wiederum speist sich der flankierende Kampagnenwille, die Privatsphäre der Familien auszuhöhlen und per staatlichem Dekret zumindest in einige massiv hineinzuregieren. Die Kampagne „Du bist Deutschland“ befördert eine solche obrigkeitliche Umerziehung und ist typisch für die Scheinheiligkeit der populären Kindermeierei: Siebenjährige warten auf der Webseite mit verquasten Sprüchen auf, die nur von den Eltern oder Initiatoren selbst stammen können („Kinderlärm ist Zukunftsmusik!“). Altersgenossen malen dazu Bilder „Für mehr Windräder“ und „Umweltschutz“.

Der Überdruss ob solcher Initiativen rührt daher, dass heute ständig mit dem Kinderargument hantiert wird. Dazu passt als Leitgedanke die „Nachhaltigkeit“, die an jeder Ecke sicherstellen soll, dass „kommende Generationen“ vorsorgend protegiert werden. Doch Kinder brauchen am allerwenigsten weichgespülte Missionare, die ihre eigene Unsicherheit ob der Fortschrittsfähigkeit der Menschheit zelebrieren und sogar auf die Idee kommen, sich als erwachsene und vernunftbefähigte Menschen moralisch und intellektuell unter ihnen anzusiedeln („Du kannst nicht sprechen und erklärst uns die ganze Welt“). Kinder brauchen erwachsene Vorbilder, die im Alltag ausstrahlen und immer wieder zeigen, dass sie in der Lage sind, mit neuen Herausforderungen umzugehen und Grenzen zu überwinden. Durch Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ wird die Erwachsenenwelt infantilisiert, und der Begriff „Verantwortung“ verliert an Bedeutung, weil die Grenzen zwischen Kindheit und Erwachsensein verschwimmen. Gleichzeitig wird unser Nachwuchs mit der Orientierungslosigkeit der Gesellschaft überfrachtet. Kindheit und Erziehung verändern ihren Charakter. Um diese und andere Themen dreht sich das neue Novo.

Wir wünschen Ihnen eine schöne Sommerzeit – mit oder ohne Kinder – und eine anregende Lektüre, Ihr

Thomas Deichmann*
Chefredakteur

* verheiratet, eine Tochter (7 Jahre)