01.05.2008

Mission: Alltagsbewältigung: das Fernsehen, dein Freund und Helfer?

Kommentar von Lena Wilde

Hat das Fernsehen seine neue Berufung als Lebenshelfer entdeckt? Immer häufiger sieht man auf dem Bildschirm erwachsene Menschen, die unter Anleitung eines Coachs umerzogen werden. Doch bei genauerer Betrachtung bleibt von dem Hilfsversprechen nichts übrig.

Für gewöhnlich schaltet man den Fernseher an, um hinaus in die weite Welt zu blicken. Doch seit einiger Zeit kann es passieren, dass man im Wohnzimmer sitzend auf den Bildschirm schaut – nur um in das Wohnzimmer eines anderen Menschen zu blicken. Dort werden im Laufe einer Sendung entweder Kinder erzogen, Partner gesucht, Bewerbungen geschrieben, Essgewohnheiten umgestellt oder Schulden abgebaut – je nachdem, um welches Format der neuen Lebenshilfesendungen es sich handelt. So unterschiedlich die Themen auch sind, der Ablauf ist meistens der gleiche: Ein Coach wird zu Betroffenen geschickt und hat dort einige Tage Zeit, für Verbesserung zu sorgen bzw. sendefähiges Material herzustellen.
Um dem Ganzen einen neudeutschen Namen zu geben, spricht man auch von Helptainment-Sendungen. Dem einen wird geholfen, der andere wird unterhalten und darf mitlernen, so wird es von den Sendern verkauft. Doch wie so oft, wenn es ums Verkaufen geht, liegen Behauptung und Wahrheit weit auseinander. Denn zum einen wird mit diesen Sendungen niemandem geholfen, und zum anderen verbergen sich unter der oberflächlich entstehenden Unterhaltung noch andere Wirkungen für die Zuschauer und die Gesellschaft, über die es sich nachzudenken lohnt.
Es geht in diesen Sendungen um deutlich mehr als um normale Alltagsprobleme. Gezeigt wird vielmehr die grundsätzliche Unfähigkeit der dargestellten Personen, sich selbstständig und selbstbewusst den Anforderungen des Lebens zu stellen. Bei vielen vermeintlichen Problemen würde schon ein Blick in ein Buch, eine Zeitschrift oder ins Internet weiterhelfen. Im Zweifelsfall ließe sich auch eine entsprechende öffentliche Beratungsstelle aufsuchen. Doch immer wieder wird dem Zuschauer vor Augen geführt, dass die gezeigten Menschen zwar theoretisch genug Informationen zur Verfügung haben könnten, um sich selber zu helfen, aber praktisch handlungsunfähig sind.
Damit bilden die Helptainment-Formate eine verbreitete Stimmung in der Gesellschaft ab: die große Verunsicherung und die damit verbundene Sehnsucht nach Orientierung. Sie reflektieren die Gefühlslage vieler Menschen und treffen damit den Geschmack des Publikums, was sich in zum Teil enormen Quoten niederschlägt.

Der ferngesteuerte Mensch

Doch warum liegt in den Helptainment-Sendungen kein Hilfspotenzial? Immerhin wird am Ende jeder Folge auf einen guten Ausgang verwiesen: Die Kinder benehmen sich gut vor der Kamera, die ganze Familie hat ein paar Kilo abgenommen, und die Schulden sind auch abgebaut. Auf dem Bildschirm mag zwar eine kurzfristige Verbesserung eintreten, die auch beim Zuschauer das wohlige Gefühl eines glücklichen Ausgangs nach einem Alltagsdrama auslöst. Doch das ist eine Illusion. Und Illusionen zu erzeugen ist eines der zweischneidigen Talente des Fernsehens. Dieses Talent darf geschätzt werden, wenn es der reinen Unterhaltung dient. Aber es darf nicht missbraucht werden, wenn es um die Lebenswirklichkeit anderer Menschen geht.
Die Ergebnisse der vermeintlichen Lebenshilfe sind keine Eigenleistungen der Betroffenen. Sie sind nur zustande gekommen, weil ein Coach fortwährend in das Geschehen eingegriffen hat, die Menschen gelenkt und gesteuert hat, ohne sich wirklich auf einen Dialog mit ihnen einzulassen. Hilfe zur Selbsthilfe wurde ihnen nicht zuteil, was die Frage aufwirft, wie das Leben dieser Personen weitergeht, wenn Coach und Kamera nicht mehr dabei sind.

Selbst ernannte Häuptlinge

Der Coach dieser Sendungen ist meistens Vertreter einer bestimmten Profession: Erzieherin, wie bei der „Supernanny“ (RTL), die regelmäßig tobende Kleinkinder oder rebellierende Jugendliche bändigt und meistens auch gleich noch die Eltern umerzieht, oder Schuldnerberater wie bei „Raus aus den Schulden“ (RTL), der einer hoch verschuldeten Familie den Umgang mit Geld beibringt und manchmal seine Klientel noch während der Sendung von weiteren Ratenkäufen abhalten muss, oder Ernährungsberater wie bei „Der große Gesundheitscheck“ (WDR), der einer übergewichtigen Familie das kleine Einmaleins der gesunden Ernährung beibringt.
Das Publikum wird auf diese Weise daran gewöhnt, dass es für jedes Problem ein geistiges Oberhaupt gibt, einen Experten, einen Coach. So werden in diesen Sendungen die Hierarchien deutlich, die auch auf gesellschaftlicher Ebene verstärkt auftauchen und sich dort in überwachenden und lenkenden Strukturen bemerkbar machen: auf der einen Seite diejenigen, die über Wissen verfügen und einen Überblick über jede Lebenslage haben, auf der anderen Seite die Abgehängten, die abhängig Gewordenen. Das öffentliche Zur-Schau-Stellen von Abweichung und Ausgeschlossensein der Betroffenen verstärkt diese Hierarchien zusätzlich.
Offensichtlich will man mit derlei Inszenierungen die Vorstellung legitimieren, dass es massenweise Menschen gibt, denen nur noch geholfen werden kann, indem man sie marionettenhaft am Riemen reißt. Aus einer überheblichen Perspektive der Coaches werden sie wie Mündel behandelt, beurteilt – und aus Sicht des Publikums nicht selten auch verurteilt. Denn wer sich als Zuschauer selbst auf der sicheren Seite der Normalen wähnt, mag es für durchaus gerechtfertigt halten, dass für Menschen jenseits der Norm Kontrolle und Therapie angesagt sind.
Die häufig so umschriebenen „bildungsfernen Schichten“ erhalten hier ihren großen Auftritt – nur leider trotz Hilfsversprechen zu ihrem eigenen Nachteil. Als lernresistente Idioten dargestellt, dienen sie dem Coach als Projektionsfläche seines Könnens und dem Publikum zur schadenfrohen Unterhaltung. Doch was das Auge oft genug sieht, an das gewöhnt es sich schnell. Für viele Menschen ist das Fernsehen einer der Hauptzugänge zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Da lohnt es sich genauer hinzuschauen, was uns geboten wird, wenn wir in das Wohnzimmer fremder Leute blicken.

Grenzenlos intim

Es wirkt beinahe wie eine Realsatire, wenn ein Teil der Gesellschaft um den Schutz der Privatsphäre bemüht ist und der andere sein Privatleben millionenfach auf Sendung schickt bzw. diese Sendungen konsumiert. Was früher unter der Verlässlichkeit der Schweigepflicht mit einem Psychologen, Arzt oder Anwalt besprochen wurde, wird nun direkt in die Kamera erzählt. Die Grenze, die private Angelegenheiten von öffentlichen trennt, verschiebt sich immer mehr zu Ungunsten der Privatsphäre. Deren Wert wird durch die andauernde Missachtung schrittweise abgebaut, bis nichts Skandalöses mehr dabei empfunden wird, dass man anderen Menschen in Lebensbereiche (manchmal auch in Körperbereiche) blicken kann, die man selber anderen Menschen niemals zu Gesicht führen wollte.
War das Fernsehen also wieder auf der Suche nach einem Tabu, das es wirkungsvoll brechen kann? Nachdem große Teile des Publikums mit körperlicher Intimität im Fernsehen vertraut sind, werden nun also die sozialen Intimitäten entblößt?
Durch den Fokus auf das Privatleben der Betroffenen ist die Fernsehdarstellung nicht nur persönlich, sie ist auch hochemotional, denn sie soll schließlich unterhalten. Die Fernsehmacher haben den Alltag als Quelle für ihre Geschichten entdeckt, und wo er noch nicht spannend genug ist, wird er noch ein bisschen dramaturgisch bearbeitet. Selbst bei Helptainment-Formaten, die sich den Anstrich einer „Doku“ geben, wird tatsächlich kein authentisches Geschehen aufgenommen, sondern nach Drehbuch gefilmt. Das wird durch die zahlreichen gestellten oder provozierten Szenen deutlich, denn für die Aufnahmen bleiben dem Fernsehteam nur wenige Tage.
Dabei stellt sich die drängende Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der gezeigten Problemfälle. Die fernsehgerechte Auswahl der Themen und die gewählte Darstellungsform verraten nichts über die tatsächliche Wirklichkeit eines Problems. Wie relevant sind Erziehungsschwierigkeiten, Übergewicht, Eheprobleme oder Geldsorgen in der Gesellschaft wirklich? Handelt es sich um Einzelfälle oder Massenphänomene? Durch die fehlende Klärung bleibt es dem Zuschauer überlassen, dies einzuschätzen. Bei einer hochemotionalen und zum Teil besorgniserregenden Darstellung kann von einer realistischen Einschätzung nicht ausgegangen werden.

Problemfall Mensch

Die Wahl der Betroffenen ist kein Zufall. Es müssen Menschen sein, die zu emotional extremem Verhalten neigen, wenn man sie nur in die entsprechenden Situationen bringt. Und das tun sie besonders dann zufriedenstellend, wenn sie nicht in der Lage sind, ihr eigenes Verhalten zu durchschauen und ihre Situation zu reflektieren. Aus diesem Anlass werden immer wieder die gleichen Stereotypen vor die Kamera geholt.
So entsteht der Eindruck, dass beispielsweise eine alleinerziehende Mutter grundsätzlich ein hyperaktives Kind hat oder ein Arbeitsloser grundsätzlich einen hohen Schuldenberg und wenig Antrieb, an seiner Situation etwas zu ändern. Durch diese einseitige Auswahl wird die gesellschaftliche Realität verzerrt und Vorurteile gegenüber bestimmten Personengruppen werden aufgebaut oder bestätigt.
Es ist nicht neu, dass Menschen hin und wieder Probleme im Leben haben. Was aber neu ist, ist die Benennung von konkreten Problemgruppen, wenn nicht gar von Problemmenschen. Hat man ein Problem oder ist man das Problem? Ein gewaltiger Unterschied, der sich insbesondere im Selbstwertgefühl der problembehafteten Personen niederschlägt.
Ein thematischer Bezug zwischen den Helptainment-Sendungen und aktuellen politischen Diskussionen ist dabei nicht zu übersehen. Stehen nämlich Themen wie Kindererziehung, Bildung, Gesundheit oder Übergewicht im Zentrum der politischen Debatte, wird dies gerne vom Fernsehen aufgegriffen. Das politisch geschaffene Problembewusstsein garantiert eine hohe Einschaltquote.
Dort, wo Menschen auf eine potenzielle Bedrohung aufmerksam gemacht werden, da schauen sie hin. Das bringt Quoten und Wählerstimmen – auch wenn die zum reinen Mittel degradierte TV-Hilfe nur zu einem Effekt führt, nicht aber zum Erfolg. Auf diese Weise wird die Gesellschaft von mehreren Richtungen therapiert, und anstelle einer Diskussion über gesamtgesellschaftliche Lösungen wird an Einzelfällen herumgedoktert.

Weltuntergang im Wohnzimmer

Zwei Trends werden damit offensichtlich: Es geht zum einen weniger darum, die Menschen vor anderen Menschen oder fremden Einflüssen zu schützen, sondern vor sich selber. Zum anderen geht es nicht um die großen globalen Bedrohungsszenarien, die man vielleicht noch mit einer gewissen Unwahrscheinlichkeit für das eigene Leben versehen könnte. Es geht vielmehr um Situationen, die dem einzelnen Zuschauer immer näher auf den Leib rücken. Die dargestellten Probleme sind so alltäglich, dass die Wahrscheinlichkeit, selber Betroffener des einen oder anderen Problems zu sein, immer höher wird. Es ist wie mit der Gesundheit: Wer nur oft genug zum Arzt geht, der findet auch eine Krankheit. Völlig gesund ist man niemals, und völlig unproblematisch ist das Leben auch nie. Die Haltung dazu ist der entscheidende Unterschied. Anhand sehr oberflächlicher und subjektiver Kriterien der im Fernsehen dargestellten Betroffenen lässt sich schnell überprüfen, ob man nicht selber vom gleichen Problem betroffen ist.
Mit jedem neuen Thema werden neue, potenzielle Risiken in die Welt gesetzt, vor denen man sich nicht schützen kann, indem man einfach die Tür zusperrt. Nein, gerade in diesem privaten, häuslichen Bereich fangen die Dinge auf einmal an, hochproblematisch zu werden.1 Es ist diese Angst, die ins Private dringt und die zur Beschäftigung zwingt. Daraus kann sich eine gefühlte Notwendigkeit ergeben, die eigene Lebensführung nach den Kriterien anderer Regelmacher abzuklopfen, um ausschließen zu können, dass man selber ein Problemmensch ist.
Für diese grundsätzliche Gefühlslage sind viele Akteure verantwortlich. Neben den Medien sind Politiker, Berater und anderen Experten auf Wähler- und Kundschaftssuche. Sie machen sich angstmachende Stimmungen und lebensregulierende Maßnahmen zunutze, um kontrolliert und konstant arbeiten zu können. Als kontrolliert und konstant erleben indes immer weniger Menschen ihr eigenes Leben. Viele haben das Gefühl, nicht mehr ganz Herr ihrer Lage zu sein, nur noch bedingt zugehörig zu einer Gegenwart, die sich schneller ändert als sie selber.
Und trotz allgegenwärtig wahrgenommener Verunsicherung lautet zugleich die ungeschrieben Forderung, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen. Wolfgang Müller beschreibt in seinem Buch Inseln der Zukunft: „Es ist geistesgeschichtlich bemerkenswert, dass ausgerechnet das ‚Zeitalter des Individuums‘ so gering vom Menschen denkt, ihm zwar alle möglichen äußeren Leistungen zutraut, aber persönlich nicht über den Weg traut.“2 Wenn schon nicht das gesamte Zeitalter, so sollte sich doch jeder Einzelne über und auf den Weg trauen. Und die einzige Hilfe in einem solchen Fall kann nur die Aktivierung der Menschen sein – das Mutmachen, das Antreiben, das Hinausschicken.
Doch in den Helptainment-Sendungen sieht man keine Menschen, die entscheidungsfähig wären, und auch keinen Prozess, der dies zum Ziel hätte. Das Letzte, wofür sich die Betroffenen entschieden haben, ist, einen Menschen anzuheuern, der ihnen im weiteren Verlauf der Sendung ihre Entscheidungen abnimmt.

Gelebt wird im Leben

Das Fernsehen neigt dazu, seine eigene Wirklichkeit zu konstruieren, die mit der Lebenswirklichkeit oft herzlich wenig zu tun hat. Im Falle der Helptainment-Sendungen wird dadurch die Verunsicherung der Menschen weiter gesteigert und die gesellschaftlichen Gräben werden tiefer gezogen. Diese Sendungen helfen den Betroffenen nicht, und die Unterhaltung des Zuschauers beruht nur auf rücksichtsloser Bloßstellung.
Das Fernsehen sollte sich also besser darauf beschränken, die Wirklichkeit authentisch darzustellen und auf Handlungsmöglichkeiten in der Lebenswelt hinzuweisen. Alle weiteren Entscheidungen sollten den Menschen selber überlassen werden. Voraussetzung für eigenständiges Handeln ist schließlich, dass Probleme realistisch eingeschätzt werden können. Ängste zu erzeugen ist hingegen keine treibende Kraft, um zu handeln. Angst treibt in die Arme von Angstbewältigern.