01.05.2008

Die verborgene Wahrheit über Embryonen und Stammzellen

Kommentar von Lee M. Silver

Im April entschied der deutsche Bundestag, dass der im Jahre 2002 festgelegte Stichtag für die menschlichen embryonalen Stammzelllinien, die nach Deutschland eingeführt werden dürfen, verschoben wird. Lee M. Silver über die Sinnlosigkeit mancher philosophischer Standpunkte in der Debatte über die Nutzung embryonaler Stammzellen.

„Die Wahrheit, bekanntermaßen das erste Opfer des Krieges, geht nun beim letzten Scharmützel der Biotech-Kriege zu Boden. Euphemismen und Scheinheiligkeit sind das Gebot der Stunde … Wenn wir eine saubere öffentliche Erörterung dieser schwerwiegenden Fragen wollen, schulden uns Universitäten und Wissenschaftler unmissverständliche Auskunft darüber, was sie tun.“ 1

Mit diesen Worten griffen der neokonservative Publizist William Kristol und sein Kollege Eric Cohen in der Zeitung Weekly Standard Professor Irving Weissmann von der Stanford Universität dafür an, dass er einen geklonten Embryo nicht als geklonten Embryo bezeichnet hatte. Da Kristol und Cohen selbst versuchen, die eigenen religiösen Motive für ihre politische Agenda zu verbergen, verstößt ihre Kritik natürlich gegen das alte Gebot, wer im Glashaus sitze, solle nicht mit Steinen werfen. Dennoch haben sie mehr recht, als ihnen vielleicht bewusst ist. Es ist wahr, dass klassische Befruchtung und moderne Klontechnik (wenn sie funktioniert) zum gleichen biologischen Objekt führen, das Wissenschaftler seit jeher als Embryo bezeichnen. Und es ist wahr, dass biomedizinische Wissenschaftler die Wörter „Embryo“ und „Klon“ gerne aus dem populärwissenschaftlichen Wortbestand eliminieren würden, sodass sie unbehelligt mit ihrer Forschung weitermachen könnten. Die gleiche Strategie funktionierte wunderbar, als in den 80er-Jahren der Begriff „Kernspintomographie“ (NMR) bei der Einführung des Verfahrens für die medizinische Diagnostik durch den Begriff „Magnetresonanztomographie“ (MRI) ersetzt wurde. Indem sie sich des ominös klingenden Wortteils „Kern“ entledigten, vermieden die Mediziner mögliche unbegründete Ängste vor einer Technologie, die zu einem wichtigen Bestandteil der modernen Medizin wurde.

Lebensschützer sind nicht gegen die Forschung an embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) per se, sondern sie wenden sich gegen das „Töten“ von Embryonen, das erforderlich ist, um die Zellen zu gewinnen. Die entsprechende Haltung würde etwa bei der Herzforschung so aussehen, dass man sie ablehnt, wenn ein Mensch getötet würde, um das Herz zu Forschungszwecken zu entnehmen, während sie akzeptabel wäre, wenn die Herzzellen auf andere Art und Weise gewonnen würden. Am 9. August 2001 bediente sich George W. Bush der allgemein anerkannten Unterscheidung zwischen ES-Zellen und Embryonen, um zu jenem Kompromiss zwischen Gegnern und Befürwortern einer staatlichen Forschungsförderung auf diesem Gebiet zu gelangen, der besagt, dass nur Forschung an solchen ES-Zellen staatlich gefördert werden dürfe, die zu diesem Tag bereits existierten, nicht aber an solchen, die durch die zukünftige Zerstörung von Embryonen noch gewonnen werden würden. Doch es gibt eine unbequeme wissenschaftliche Wahrheit, die jeden Kompromiss, der auf einer solchen Unterscheidung fußt, zerstören könnte: Aus wissenschaftlicher Sicht sind im Labor erzeugte embryonale Stammzellen grundsätzlich das Gleiche wie im Labor erzeugten Embryonen.

Um die biologische Natur von ES-Zellen zu verstehen, müssen wir zuerst die biologische Natur von Embryonen verstehen, in denen sie natürlicherweise existieren. Ob durch Befruchten oder Klonen erzeugt, ist der Embryo zunächst eine einzelne sphärische Zelle, die sich mehrmals teilen kann. Nach fünf bis sieben Tagen besteht der Embryo aus etwa 150 Zellen, die denselben Raum einnehmen wie zuvor die noch nicht befruchtete Eizelle. In dieser Phase beginnen die Zellen im Innern und die Zellen an der Oberfläche der Keimblase, sich unterschiedlich zu verhalten. Der „Mantel“ der äußeren Zellen (Trophoblast genannt) entwickelt sich zur Plazenta und anderen Geweben, die für die Ernährung und den Abtransport von Abfallstoffen zuständig sein werden, wenn der Embryo sich in der Gebärmutter einnistet und normal entwickelt. Nur etwa zwei Dutzend Zellen in der Mitte – die noch immer alle identisch sind – haben das Potenzial, sich in sämtliche Organe und Gewebe zu entwickeln, die den menschlichen Körper bilden. Diese Zellen sind, per definitionem, embryonale Stammzellen. Sie – und nur sie – werden sich in den gesamten Fötus und schließlich in ein Kind verwandeln. Und sie sind exakt die Zellen, die entnommen und in einer Petrischale kultiviert werden können.2 Hier scheint das Problem auf. Wenn Sie und ich, und alle anderen menschlichen Wesen, direkt aus einer Gruppe von Zellen im menschlichen Embryo entstanden sind und ES-Zellen in einer Petrischale und ES-Zellen im Embryo biologisch gleich sind, dann müssen wir uns fragen: Warum begegnen wir nicht allen ES-Zellen mit der gleichen Ehrfurcht, unabhängig davon, wo sie sich befinden?

Laut der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Vereinigten Staaten ist ein Embryo „eine Gruppe von Zellen, die sich aus einem Ei entwickeln, das das Potenzial hat, sich in einen kompletten Organismus zu entwickeln“. Ebenfalls sind für die Akademie „embryonale Stammzellen keine Embryonen, da sie nicht von selbst die notwendigen Zelltypen, etwa die Zellen des Trophektoderms, in organisierter Weise produzieren können, um einen kompletten Organismus entstehen zu lassen“.3 Was bedeutet diese Aussage wirklich? Die meisten Nicht-Wissenschaftler haben keine Ahnung – was nicht überrascht, bedenkt man die Zweideutigkeit des entscheidenden Begriffs „von selbst“. Ist ein Embryo ein Embryo, weil er den Prozess der Entstehung eines Menschen selbst vollziehen kann? Oder ist ein Embryo ein Embryo, weil das Produkt am Ende – der Mensch – komplett allein aus den Zellen dieses Embryos entsteht? Trotz ihrer Zweideutigkeit wird diese Formulierung (zumindest in öffentlichen Darstellungen) von vielen Wissenschaftlern und Wissenschaftsorganisationen (die mit der Forschung an embryonalen Stammzellen zu tun haben) unterstützt, um auf dieser Basis eine scharfe moralische Abgrenzung vorzunehmen, die von Befürwortern wie Gegnern akzeptiert wird.

Schon 1993 zeigten die kanadischen Embryologen Andras Nagy und Janet Rossant, wie unscharf diese moralische Grenze in Wirklichkeit ist. In ihrem Labor brachte eine Maus ein Mäusekind zur Welt, das lebensfähig und fruchtbar war und komplett aus ES-Zellen entstanden war.4 Es war ihnen nicht gelungen, die im Labor vermehrten ES-Zellen dazu zu bringen, eine Plazenta zu bilden, doch sie fanden eine schlaue Methode, dieses technische Problem zu umgehen. Zuerst wandten sie einen experimentellen Trick an, um einen genetischen Defekt in einem natürlich befruchteten Embryo zu erzeugen, sodass dieser nur eine Plazenta bilden konnte, aber kein fötales Gewebe. Dann vermischten sie die im Labor kultivierten ES-Zellen mit dem mutierten Embryo und pflanzten die Kombination in die Gebärmutter einer Maus ein. Die genetisch veränderten Zellen entwickelten sich in Plazentagewebe, die ES-Zellen entwickelten sich – „von selbst“ – in ein komplettes Tier. Nagy und Rossant veröffentlichten die Ergebnisse in der eigenen Fachzeitschrift der Nationalen Akademie. Was bedeutet das für den Menschen? „Ich glaube nicht, dass es theoretisch oder praktisch unmöglich ist, einen komplett aus Stammzellen sich entwickelnden Menschen zu schaffen, wenn man das tun wollte“, sagte Dr. Nagy.5 Wenn also die Formulierung „von selbst“ sich auf das Produkt bezieht, dann ist eine Gruppe von embryonalen Stammzellen ein Embryo.

Professor John Gearhart, ein führender Stammzellforscher an der medizinischen Fakultät der Johns Hopkins-Universität, kritisiert die gerade von mir angeführte Auslegung und interpretiert die Formulierung „von selbst“ im Sinne eines Prozesses, auch wenn er das nicht explizit sagt. „Die Basis unserer Überlegungen muss sein, dass diese Zellen von selbst und aus sich heraus nicht in der Lage sind“, zu einem menschlichen Wesen heranzuwachsen.6 Doch dasselbe könnte man auch über einen menschlichen Embryo sagen, der im Reagenzglas erzeugt wurde. Er kann auch nicht von selbst zu einem Fötus werden. Er muss von einem Arzt in Kontakt mit Zellen einer menschlichen Gebärmutter gebracht werden. Der einzige Unterschied zwischen einem natürlich befruchteten Embryo und einem mit dem Verfahren von Nagy erzeugten ist der Ursprung der Plazenta. Und egal, woher sie stammt, eine menschliche Plazenta erfährt keinen Respekt. Sie wird nach der Geburt als medizinischer Müll entsorgt oder an Kosmetikhersteller verkauft, die sie zu einem Inhaltsstoff für teure Shampoos verarbeiten.

Doch noch immer, so Gearhart und andere, wird eine zweite Sorte menschlicher Zellen benötigt, um eine Schwangerschaft zu initiieren. Allerdings ist auch diese Einschränkung fast sicher zu überwinden. Obwohl es Nagy und Rossant nicht gelang herauszufinden, wie sich embryonale Stammzellen der Maus in Plazentazellen verwandeln lassen, fand James Thomson heraus, wie dies bei menschlichen ES-Zellen geht.7 Er entdeckte das spezielle Molekül, das diese Verwandlung bewirkt.8 Auch wenn die meisten Wissenschaftler uns das Gegenteil glauben machen wollen: Menschliche ES-Zellen haben von selbst – in beiden Bedeutungen des Begriffs – wahrscheinlich das gleiche generelle Potenzial, zu menschlichen Wesen zu werden, wie menschliche Embryonen in einer Petrischale. Es ist tatsächlich vorstellbar, dass aus einer einzigen Petrischale mit ES-Zellen Hunderttausende von Menschen entstehen könnten, wenn genügend Gebärmütter verfügbar wären. Stellt man die Schale einen weiteren Tag in einen Inkubator, verdoppelt sich die Zahl der potenziellen Menschen. Der einzige Grund, ES-Zellen anders als Embryonen zu behandeln, hat nichts mit Biologie zu tun, sondern ausschließlich mit Religion und Politik.

ES-Zellen haben die Fähigkeit, eine Funktion zu übernehmen, von der man lange dachte, dass sie nur erwachsenen Menschen möglich ist. Hans Schöler und Karin Hübner waren die Ersten, die beschrieben, wie man ES-Zellen dazu bringen kann, in der Petrischale normale Eizellen zu bilden.9 Interessanterweise spielte dabei das Geschlecht der ursprünglichen ES-Zellen keine Rolle. Sowohl weibliche als auch männliche ES-Zellen konnten Eizellen hervorbringen. Wenige Monate später, im Jahr 2003, gab Toshiaki Noce vom Mitsubishi Kasei Institute of Life Sciences in Tokio bekannt, dass er Maus-ES-Zellen benutzt hatte, um Spermien zu erzeugen. Und wenige Monate danach konnten George Daly und seine Gruppe vom MIT und der Harvard Universität zeigen, dass Spermien, die aus ES-Zellen gewonnen wurden, (in genetischer Hinsicht) richtig programmiert waren und so, mit einer Eizelle vereint, Embryonen bilden konnten.10 Es ist daraus zu folgern, dass menschliche ES-Zellen sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in der Petrischale sexuell vermehren, also menschliche Embryonen mit einem einzigartigen Genom bilden können. Ein Kind, das sich aus einem solchen Embryo entwickeln würde, hätte keine Eltern, die selbst je das Licht der Welt erblickt hätten.

Mehr noch, der Prozess der sexuellen Reproduktion könnte – unsichtbar für bloße Augen – Generation für Generation in der Petrischale fortgeführt werden. Ein neuer Embryo, der aus der Verbindung zweier ES-Zelllinien hervorginge, würde selbst wieder zu ES-Zellen, die Spermien oder Eizellen hervorbrächten, die man einander zuführen könnte, auf dass sie in sexueller Reproduktion die nächste Runde Embryonen hervorbringen, usw. Jeder Embryo würde über ein einzigartiges Genom verfügen, das durch die zufällige Kombination des Erbguts seiner beiden Elternembryonen entstünde, und es bedürfte nur weniger Wochen, um von einer Generation zur nächsten zu gelangen. Die ursprünglichen Vorfahren dieser multigenerationalen „menschlichen Familie“ (die Menschen, deren Zellen geklont wurden, um die ersten ES-Zelllinien zu erzeugen) könnten entweder Männer und Frauen oder nur Männer sein.11 Nach einigen Jahren kontinuierlicher Reproduktion könnten Embryonen in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt werden, um sich zu Kindern zu entwickeln, die die genetischen Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-urenkel von Menschen wären, die selbst noch lebten. Ich denke nicht, dass das gerade von mir beschriebene bizarre Verfahren tatsächlich angewandt werden sollte. Ich beschreibe es hier einfach als Gedankenexperiment, um dem Leser die unhaltbaren philosophischen Positionen zu verdeutlichen, die aus der Gleichbehandlung von Embryonen und Menschen resultieren.