01.05.2008

Der Öko-Skeptiker ist zurück

Rezension von Tony Gilland

In seinem neuen Buch Cool it! Warum wir trotz Klimawandels einen kühlen Kopf bewahren sollten zeigt Bjørn Lomborg, wie die Klimawissenschaft – gleich ob es ums Aussterben der Eisbären oder das Abschmelzen des Grönlandeises geht – verzerrt und politisiert worden ist.

2007 hat das Thema „Klima“ die Politik beherrscht. Im Vergleich dazu nehmen sich frühere Debatten wie ein Sturm im Wasserglas aus. Zur Veröffentlichung des vierten Berichts des Weltklimarats (IPCC) im Februar 2007 erklärte die britische Financial Times, die „führenden Forscher der Welt [hätten] die letzten Zweifel in Sachen Klimawandel ausgeräumt.“1 Im Laufe des Jahres erschienen weitere Berichte des IPCC, und alle lösten düstere Prognosen aus. Beworben wurden die Berichte als einhelliges Ergebnis der Forschungen von 2500 Wissenschaftlern, und das, obwohl die meisten beteiligten Wissenschaftler nur kleinste Teile eines jeden Berichts gelesen hatten.2 Im November, als der IPCC eine Zusammenfassung seiner Berichte herausgab, war ihm zusammen mit Al Gore bereits der Friedensnobelpreis zugesprochen worden. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, eben von einer Reise aus der Antarktis zurückgekehrt, richtete folgende Worte an die IPCC: „Die Botschaft [meiner Reise] ist so erschütternd wie schlicht: Die Gletscher des Kontinents schmelzen ab. Ich habe die herzergreifende Schönheit von Schelfeis gesehen, das mehr und mehr abbröckelt ... Diese Bilder sind Angst erregend, wie ein Science-Fiction-Film – jedoch schlimmer: Sie sind Realität.“3

Bei vielen Diskussionen und Berichten zur Klimapolitik im vergangenen Jahr ging es vor allem darum, Politikern ihre Versäumnisse unter die Nase zu reiben und der Öffentlichkeit ein für alle Mal klar zu machen, dass sofort gehandelt werden müsse und die Menschheit die alleinige Schuld an der drohenden Katastrophe trage. Bösewicht Nummer eins waren die USA, die angeblich eine vernünftige Klimapolitik blockierten. Höhepunkt war die UN-Klimakonferenz Ende 2007 auf Bali. Dort wurden die US-amerikanischen Unterhändler ausgebuht, weil sie sich weigerten, bestimmten Beschränkungen bei den CO2-Emissionen zuzustimmen. Verblüffender als das aber: Auf der Konferenz schien man weitgehend der Meinung zu sein, dass, stünden die USA dem nicht im Weg, ein Vertrag auf „wissenschaftlicher“ Grundlage hätte abgeschlossen werden können. Ban Ki-moon nannte den Klimawandel „die moralische Herausforderung unserer Generation“ und warnte: „Wir dürfen unsere Kinder nicht ihrer Zukunft berauben.“4

Bei all dieser Aufgeregtheit ist es erfreulich, dass sich der „skeptische Ökologe“ Bjørn Lomborg mit seinem neuen Buch Cool it wieder zu Wort gemeldet hat. Lomborg bestreitet nicht, dass eine weltweite Erwärmung stattfindet und dass der Mensch bei diesem Prozess eine Rolle spielt. Trotz der Probleme und Fragen sieht er jedoch keinen Grund für Panik. Alle Versuche, die CO2-Emissionen jetzt zu senken, hält er für Geld- und Zeitverschwendung. Stattdessen plädiert er dafür, sich mittelfristig an die Entwicklung des Klimas anzupassen und langfristig in Forschung und Entwicklung zu investieren. Lomborg sichtet die Fachliteratur nach Belegen für oft zu lesende Geschichten, sei es das Verschwinden der Eisbären, die Zunahme von Hitzetoten, der Anstieg des Meeresspiegels, die Zunahme von Stürmen und Krankheiten. In vielen Fällen kann er belegen, dass hinter solchen von Aktivisten, Politikern und Medien kolportierten Storys wenig steckt.

Lomborg beginnt mit dem angeblichen Verschwinden der Eisbären, da es „in typischer Art und Weise das Problem zahlreicher Horrorgeschichten abbildet. Schaut man sich die Fakten genauer an, fällt die Story auseinander.“ Al Gore, der World Wildlife Fund (WWF) und andere behaupten, Eisbären seien vom Aussterben bedroht, da ihr Lebensraum verschwinde. Lomborg nimmt sich die Studien vor, auf denen diese Behauptung beruht, darunter die der World Conservation Union (WCU) von 2001. Der Tenor hört sich anders an: Von 20 Eisbär-Populationen „nehmen eine, möglicherweise zwei, ab“, während „über die Hälfte stabil ist und zwei Unterpopulationen Zuwachs verzeichnen“. Weiter erfahren wir, dass die Zahl der Eisbären von 5000 Individuen in den 60er-Jahren auf aktuell 25.000 zugenommen hat, da die Jagd auf die Tiere stark eingeschränkt wurde. Diese Angaben Lomborgs wurden mittlerweile mit dem Hinweis kritisiert, eine Untersuchung derselben Forschungsgruppe von 2006 zeige, dass von 19 Populationen fünf abnehmen, fünf stabil sind und zwei zunehmen; für die verbleibenden fehlten die Daten, um eine Aussage treffen zu können. Lomborg entgegnete, diese Untersuchung widerlege nicht sein Hauptargument: Am besten schützt man Eisbären nicht, indem man CO2-Emissionen reduziert, sondern, indem man die Jagd beschränkt.5

Lomborgs zweite Fallstudie beschäftigt sich mit den 35.000 Opfern, die die Hitzewelle in Europa im Sommer 2003 kostete. Lomborg räumt ein, dass es in einer wärmeren Welt auch häufiger zu Hitzeextremen kommen, folglich die Zahl der Hitzetoten zunehmen wird. Hierbei, so Lomborg, sei es jedoch wichtig zu bedenken, dass „Kältephasen in dem Maße abnehmen, in dem Hitzephasen zunehmen“ – wichtig deshalb, da mehr Menschen an Kälte sterben als an Hitze. Lomborg zufolge finden „in Europa jedes Jahr über 200.000 Menschen durch die Folgen starker Hitze“ den Tod, hingegen 1,5 Mio. durch die Folgen großer Kälte. Die Daten legen nahe, dass eine Zunahme der Sterblichkeit durch einen Temperaturanstieg mehr als ausgeglichen würde durch den Rückgang der Kältetoten.

Als Nächstes geht Lomborg auf den Anstieg des Meeresspiegels ein. Im Bericht des IPCC von 2007 wird geschätzt, bis Ende des 21. Jahrhunderts werde er um die 20 Zentimeter ansteigen. Lomborg dazu: „Das ist zwar keine Kleinigkeit, aber es ist wichtig zu bedenken, dass ein solcher Anstieg kein historischer Einzelfall ist. Seit 1860 ist der Meeresspiegel um etwa 29 Zentimeter gestiegen – ohne dass dies zu erheblichen Problemen geführt hätte.“ Zudem fielen die neusten Zahlen des IPCC niedriger aus als frühere Schätzungen. Für den bekannten australischen Wissenschaftler und Umweltschützer Tim Flannery zeigt dies, wie wenig Lomborg vom Klima versteht. Flannerys Einwand: „Er betont, dass den Zahlen des IPCC von 2007 zufolge der Meeresspiegel nur um etwa ‚einen Fuß‘ ansteigen werde – und merkt irreführend an, diese Schätzung fiele niedriger aus als frühere. Was er uns verheimlicht, ist, dass in den Zahlen des IPCC der Zusammenbruch der Eisschilde, der zu einem viel stärkeren Anstieg führen könnte, nicht berücksichtigt ist, da es sehr schwierig ist vorherzusagen, wie Gletschereis auf den Klimawandel reagieren wird.“ Es lohnt sich, die Debatte über den Anstieg des Meeresspiegels und den Kollaps der Eisschilde genauer zu betrachten, denn sie zeigt, wie über Klimawandel diskutiert wird – und dass Lomborg wissenschaftliche Erkenntnisse wesentlich weniger einseitig interpretiert als viele seiner Kritiker.

In gewissem Sinne hat Flannery mit seiner Kritik an Lomborg recht. Im IPCC-Bericht von 2007 wird für die kommenden 100 Jahre mit einem Anstieg des Meeresspiegels zwischen 18 und 59 Zentimeter gerechnet; im Bericht von 2001 waren es 9 bis 88 Zentimeter. Zwar ist der Maximalwert im neueren Bericht niedriger, allerdings lassen sich die Zahlen nicht direkt miteinander vergleichen. Im Bericht von 2001 wurden die Eisschilde als unsicherer Faktor mit eingerechnet, während dieser Aspekt im neueren Bericht in einem separaten Abschnitt diskutiert wird. Das Verhalten der Eisschilde lässt sich derzeit nicht vorhersagen. Die Prozesse im Eis sind noch nicht ausreichend erforscht. Aus diesem Grund verzichtete der IPCC 2007 darauf, diesen Faktor zu berücksichtigen – und auf diesen Unterschied bei der Berechnungsgrundlage hätte Lomborg hinweisen sollen. Flannerys Kritik allerdings, Lomborg verweise bloß „vage auf Eisschmelze und -kollaps“ um dann zu sagen, „das alles ist kein Problem“, zeigt, dass Flannery sehr leichtfertig mit Fakten umspringt – einen Großteil von Lomborgs Argumentation ignoriert er einfach.

Lomborg geht ausführlich auf die Eisschilde ein – und zeigt, dass der von Al Gore behauptete Anstieg des Meeresspiegels um sechs Meter abwegig ist und komplett von dem abweicht, was Experten berechnen. Nach „Schätzungen des IPCC [wird] der höchste zusätzliche Anstieg durch Schmelze in Grönland bis Ende des Jahrhunderts 20 Zentimeter betragen“. Um einen Anstieg, wie Gore ihn beschreibt, zu erhalten, müssten die Zahlen „40-mal höher ausfallen als in der höchsten Modellrechnung und 174-mal höher als in den durchschnittlichen Berechnungen“.

Weiter merkt Lomborg an, der IPCC gehe davon aus, die Erwärmung könne um bis zu 3,1 Grad steigen. Ein solcher Anstieg jedoch würde nicht vor 2100 erreicht, und er müsste dann für viele Jahrhunderte anhalten, damit das Eis in Grönland auch tatsächlich schmelze. Für Lomborg ist dieses Szenario unrealistisch, da bis zum 22. Jahrhundert Alternativen zum CO2-Ausstoß vorhanden sein würden. Angesichts der Flut von Schlagzeilen, in denen große Städte von Katastrophen biblischen Ausmaßes verschlungen werden, ohne dass dabei erwähnt würde, in welchem Zeitrahmen und unter welchen Umständen sich das auch nur möglicherweise abspielen könnte, ist für mich klar, wer hier fairer mit den wissenschaftlichen Fakten umgeht.

Lomborgs Hauptargument lautet: Soweit wir derzeit das Klima der Erde verstehen und die Rolle, die das CO2 dabei spielt, werden wir irgendwann den Ausstoß von CO2 zurückfahren müssen. Momentan jedoch ist es dafür zu früh, denn die mittelfristigen Folgen des Klimawandels lassen sich beherrschen – und das für viel geringere Summen, als die, die notwendig wären, um schon heute die Emission von CO2 erheblich zu reduzieren. Wir könnten, so Lomborg, den derzeitigen Energiebedarf der Welt mit Solarzellen produzieren. Die dafür notwendige Fläche: 2,6 Prozent der Sahara. Wir tun das nicht – und aus gutem Grund: Es wäre extrem teuer. In der Vergangenheit ist der Preis von Sonnenenergie pro Jahrzehnt um ungefähr die Hälfte gesunken. Lomborg schätzt, dass, selbst wenn dieser Preisverfall langsamer voranschreitet, Sonnenenergie vor Mitte des Jahrhunderts für viele Anwendungen wettbewerbsfähig sein wird, vor Ende des Jahrhunderts für die meisten Anwendungen. Außerdem, so Lomborg, sei Solarenergie nur einer von vielen Wegen. Konkret schlägt er vor, alle Staaten sollten 0,05 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in die Forschung und Entwicklung von kohlenstofffreien Energien stecken, um so den Klimawandel langfristig zu bekämpfen.

In „Die Politik des Klimawandels“, dem vorletzten Kapitel von Cool it, untersucht Lomborg, wie Klimaforschung politisiert wird. Wenn sich der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri, für eine dramatische Reduzierung des CO2-Ausstoßes einsetze, würden die Wissenschaftler zu Vertretern politischer Interessen, ihr Ansehen für politische Ziele missbraucht. Einigen Wissenschaftlern geht dies zu weit. Lomborg verweist auf Mike Hulme, Gründungsdirektor des Tyndall Centre for Climate Change Research in Großbritannien, der sich gegen die ständige Verwendung von Horrorszenarien wandte. In einem Beitrag für die BBC fragte Hulme 2006: „Warum vermischen nicht nur Umweltaktivisten, sondern auch Politiker und Wissenschaftler unterschiedslos die Sprache der Angst, des Terrors und der Katastrophen mit der zu beobachtenden physikalischen Tatsache des Klimawandels – wobei sie die sehr sorgfältigen, vorsichtig formulierten Prognosen der Wissenschaftler ignorieren?“6

2007 wurde massiv versucht, durch einseitige Darstellungen und durch die Verwendung der Sprache der Angst der Weltöffentlichkeit eine konforme Haltung in Sachen Klimapolitik einzuimpfen. Dieser Druck hat nicht nur dazu geführt, dass in Medien und Politik über das Thema kaum mehr diskutiert wird – es hat auch die Wissenschaftler eingeschüchtert.

Chris Rapley, der ehemalige Direktor des British Antarctic Survey, sagte auf der Konferenz Battle of Ideas im Oktober 2007 in London: „Es gibt sehr viele Wissenschaftler, denen es bei dieser Debatte unwohl ist ... das ganze Getöse, mit dem heute über das Thema diskutiert wird, führt dazu, dass viele Wissenschaftler, viele aktive Wissenschaftler sagen: ‚Damit will ich nichts zu tun haben, das ist zu gefährlich, zu schwierig. Ich zieh mich in mein Kämmerchen zurück.‘ Und in der Folge werden Aspekte der Wissenschaft, Aspekte, über die noch keine Klarheit herrscht, in der Öffentlichkeit nicht so diskutiert, wie man darüber diskutieren müsste.“7 Glücklicherweise gibt es Menschen wie Bjørn Lomborg und Mike Hulme, die sich trauen, Kritik zu üben, und versuchen, das politische Gedöns rund um den Klimawandel in eine sachliche Debatte zu verwandeln – in eine Debatte, die sich darum dreht, was Stand der Forschung ist, und die zu klären versucht, wie wir diese Erkenntnisse heute und in Zukunft am besten nutzen können. Gleich, ob man Lomborgs Kosten-Nutzen-Ansatz in Sachen Klimawandel teilt oder nicht, eines ist gewiss: Der Preis, den wir dafür zahlen, wenn in dieser Diskussion kritische Stimmen mundtot gemacht werden, ist viel zu hoch, als dass irgendeine zivilisierte Gesellschaft es in Erwägung ziehen sollte, ihn zu zahlen.